25. September 1939

Bundesarchiv Bild 183-S56603, Warschau, Luftaufnahme von Bränden.jpg
War­schau, Luft­auf­nah­me von Brän­den, DBA Bild 183-S56603, Lizen­ziert unter CC-BY-SA‑3.0‑de über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

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S. am 25. Sept. 1939.

Herz­al­ler­liebs­te!

So bunt und far­ben­froh wie der Herbst­tag heu­te, so wech­sel­voll und reich an Erleb­nis­sen steht in mei­ner Erin­ne­rung der gest­ri­ge Tag und der Abend zuvor. Die Erleb­nis­se stürm­ten auf uns ein, sie waren nicht geplant, sie kamen gezo­gen wie das Wet­ter, wie der Elb­strom vor mei­nen Augen, und wir muß­ten dar­in schwim­men. Und ich wun­de­re mich heu­te, daß ich, aus einem Gleich­maß der Tage kom­mend, Kraft hat­te, dies alles zu erle­ben. Der Kirch­gang, Liebs­te, wie eigen­ar­tig! Ein viel­ge­wohn­ter Gang, den ich zu Anfang wohl mit Herz­klop­fen tat, aber spä­ter nur noch an Fest­ta­gen — Du, ges­tern hat­te ich wie­der Herz­klop­fen dabei, es war ein Wag­nis, vor einem hal­ben Jah­re scheu­te ich davor zurück. Daß ich Dora P. die Hand drü­cken konn­te, zwei­mal, — und ich habe gegen mei­ne Gewohn­heit etwas fes­ter gedrückt — das macht mich froh, und das war mir bei­nah das Wich­tigs­te.

Bundesarchiv Bild 183-S55701, Polen, deutsche Soldaten in Ortschaft.jpg
Deut­sche Sol­da­ten in Ort­schaft, DBa Bild 183-S55701, Lizen­ziert unter CC-BY-SA‑3.0‑de über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Unser Spa­zier­gang, Liebs­te! Wenn ein Erleb­nis mich über­wäl­ti­gen (will) oder erschüt­tern will, oder wenn ich sonst den Boden unter den Füßen ver­lie­ren will, beim Gang über Land, im Gleich­maß der Schrit­te, in der Kame­rad­schaft mit den bei­den alten Getreu­en, den Füßen, fin­de ich ihn wie­der. Gebe Gott, das wir noch recht oft mit­ein­an­der und neben­ein­an­der als Treue Kame­ra­den in Freud und Leid mar­schie­ren dür­fen und auf die­sen Wegen jeder­zeit die Marsch­rich­tung uns[e]res Lebens wie­der­fin­den mögen. Er war auch so eigen­ar­tig ges­tern. Die schar­fe, durch­sich­ti­ge Nord­luft, die Beleuch­tung, die­ses ver­klär­te Licht, die geruh­sa­men Wol­ken­schif­fe. Am Stadt­park sag­te ich noch: „die­se herbst­li­che Son­ne, zu schwach und außer­stan­de, ein Wet­ter zu brau­en“. Und nun kamen wir doch noch in[‘]s Wet­ter!

Und nun die selt­sa­me Stun­de der Aus­ge­las­sen­heit; Liebs­te, Engel­chen und Teu­fel­chen! Fast möch­te ich heu­te sagen: Ich weiß nicht, wie ich dazu kam, es war wie eine Ein­ge­bung, und ich ahne nur, daß sie ihren Aus­gang nahm vom Gewis­sen: War denn etwas, wor­über ich mir hät­te ein Gewis­sen machen müs­sen? Du! Du!

Die selt­sa­me Heim­kehr, Liebs­te! […] waren wir in Dres­den. Ich habe mich durch­ge­fragt zum Christ­li­chen Hos­piz. Hier habe ich für 3 Mark wohl 3 Stun­den geschla­fen. ½ 6 Auf­ste­hen. Plan­mä­ßig bin ich in S. gewe­sen.

Das fünf­te Erleb­nis, Du, Du! Engel­chen und Teu­fel­chen, Du? Das taugt nicht für Zun­ge und Feder. Aber ich glau­be, es war ein Zau­ber­trank, von dem wir nipp­ten: Wer aus mir trinkt, will immer mehr! [vgl. Johan­nes 6:35 und Jesus Sirach24:21]

Ach Liebs­te, weil er so sel­ten war, der Tag, so sel­ten reich, nun den­ke ich weh­mü­tig an ihn zurück. Wenn ich in O. zu Hau­se wäre, müß­te ich heu­te unse­ren Weg noch ein­mal gehen. Will[‘]s Gott, sehen wir uns bald wie­der. Und nun wol­len wir die­se Woche Kraft sam­meln zu neu­em Erle­ben. Du! Sicher bist Du bis dahin kei­ne Nacht vor mir! Ich habe einen Schlüs­sel von Euch, ein Pfand. Bit­te sage Dei­nen lie­ben Eltern noch vie­len herz­li­chen Dank und pas­se zukünf­tig gut auf, daß sie sich mei­net­we­gen kei­ne, aber auch gar kei­ne beson­de­ren Umstän­de machen. Du weißt doch, daß ich das nicht brau­che, und daß ich nicht kom­me, um mich zu mäs­ten, son­dern um bei Euch zu sein, um bei Dir zu sein.

Bei Dir sein: Die Hoff­nung und heim­li­che Freu­de dar­auf wird mei­ne Schrit­te beflü­geln. Ich habe kei­ne grö­ße­re Freu­de und kei­nen hei­ße­ren Wunsch mehr als die­sen.

T&SavatarsmGott behü­te Dich mir, er hel­fe uns zu einem Leben in sei­nem Namen. Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Engel­chen und Teu­fel­chen, ich küs­se Dich, ich lie­be Dich!

Dein [Roland].

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