20. September 1939

Bundesarchiv Bild 183-E10718, Danzig, Westerplatte, Wald.jpg
Dan­zig, Wes­ter­plat­te, Wald, Foto: Hai­ne. DBa Bild 183-E10718, Lizen­ziert unter CC-BY-SA‑3.0‑de über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

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S. am 20. Sept. 1939.

Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Zwei graue, fins­te­re Regen­ta­ge waren der Hin­ter­grund zu unse­rem Wie­der­se­hen am Sonn­tag; aber für mein Herz waren es zwei sel­ten war­me, son­ni­ge Tage, Du Liebs­te, Herz­al­ler­liebs­te!, Du Zau­be­rer, Du Her­zen­bre­cher! Und nun denk nur, der Platz den Du heu­te ein­nimmst, er war leer bis­her. Ganz leer nicht, ein Traum­ge­bil­de, oder eine von fer­ne Ange­be­te­te nahm ihn ein, aber nun ein leib­haf­ti­ges Mäd­chen, und eines, das ich nicht mehr her­ge­ben möch­te, Du Herz­al­ler­liebs­te, Du mei­ne lie­be Braut!

Albrecht Dürer - The Betrothal of Maximilian with Mary of Burgundy (NGA 1978.106.1).jpg
Albrecht Dürer, “Die Ver­lo­bung von Maxi­mi­li­an und Maria von Bur­gund,” 1515, Holz­schnitt, Ail­sa Mel­lon Bruce Fund, Natio­nal Gal­le­ry of Art, Washing­ton, DC, USA, 1978.106.1. Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons. 09.2014

Bist Du denn gut nach Hau­se gekom­men. Mein Zug war so kurz und voll­ge­stopft. Ich bin in einen schwar­zen Stall gekro­chen, der von Men­schen wie von Scha­fen voll­ge­pfercht war. Die Fens­ter dür­fen nicht geöff­net wer­den. Die Luft wur­de sti­ckig und knapp. Als es gefähr­lich wur­de, war ich am Ziel. Ich war die gan­ze Nacht so halb­wach und habe seit­her noch kei­nen tie­fen Schlaf wie­der gehabt. Mor­gen ist schon wie­der Don­ners­tag. Über einer gere­gel­ten Arbeit ver­geht die Woche schnell. Dein Brief wird sich viel­leicht ein wenig ver­spä­ten. Ich tue, was ich kann, um ihn Dir pünkt­lich zuzu­stel­len. Es ist jetzt 8 Uhr. Ich brin­ge ihn nach­her zum Zuge, der hier […] Uhr abfährt. Zu dem Por­to kom­men als 20 Pfen­nig Fähr­ge­büh­ren. Der Bür­ger­meis­ter hat mir eine ‚klei­ne‘ Neben­be­schäf­ti­gung auf­ge­halst: Volks­kar­tei. Heu­te Mitt­woch muß­te ich unbe­dingt nach L. fah­ren, um noch ver­schie­de­nen Nach­laß zu regeln. Ich bin auch bei Hoff­manns ein Stünd­chen ein­ge­kehrt. Sie hat­ten mich schon frü­her ein­mal erwar­tet und bren­nen dar­auf, uns bei­de in ihrem Glücks­häus­chen zu emp­fan­gen. Beim Schul­lei­ter Korek habe ich auch nach den Feri­en gefragt. Wenn kei­ne ande­re Rege­lung kommt, lie­gen sie vom 1. — 14. Okto­ber. Und nun den­ke ich über die Plä­ne unse­res Wie­der­se­hens so: Wenn ihr am Sonn­abend fei­ert, dann bit­te, Liebs­te, besu­che mich! Lege es Dei­nen Eltern klar: So güns­ti­ge Gele­gen­heit bie­tet sich nicht gleich wie­der. 1. Du kannst in den Mor­gen­stun­den fah­ren (frei­lich kei­ne Sonn­tag­kar­te. Die Rück­fahrt bezah­le ich Dir, Liebs­te). 2. Wir haben uns 1 ½ Tag. 3. Jetzt ist noch was dran am Tage.

Soll­test Du nicht recht­zei­tig erfah­ren, ob ihr am Sonn­abend fei­ert, so kom­me nur getrost unge­mel­det, ich hal­te mich für den Emp­fang bereit.

Bundesarchiv Bild 101I-121-0008-25, Polen, Treffen deutscher und sowjetischer Soldaten.jpg
“Tref­fen deut­scher und sowje­ti­scher Sol­da­ten, Polen”, Foto: Max Ehlert, DBa Bild 101I-121‑0008-25, Lizen­ziert unter CC-BY-SA‑3.0‑de über Wiki­me­dia Com­mons. 09.2014

In Anbe­tracht der nahen Feri­en wür­de ich am nächs­ten Sonn­abend nicht kom­men, dafür dann lie­ber in 8 Tagen län­ger. Ich muß die Rück­fahrt zu zei­tig antre­ten!

Betest Du denn auch für den Frie­den? Du, ver­giß es nicht. Ach Liebs­te, die Son­ne und Wär­me vom Sonn­tag ist noch heu­te mit mir, Du, ich bin so froh und dank­bar.

Bit­te, grü­ße Dei­ne lie­ben Eltern!

Gott behü­te Dich!

T&SavatarsmBist Du es, die mich nicht schla­fen läßt? Du! Das will ich wis­sen! Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich! Du, mei­ne lie­be [Hil­de]!

Dein [Roland].

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