19. September 1939

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MHV MB O2600 1940, Foto: Mar­tin­HansV, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

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O., am 19. Sep­tem­ber 1939.

Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Am Sonn­tag bin ich […] glatt in O. gelan­det. Im Zuge ab Chem­nitz war es stock­fins­ter, fast ein bis­sel grus­lig; ich wuß­te nun über­haupt nicht, mit wem ich das Abteil inne hat­te und habe mei­ne Sie­ben­sa­chen nicht aus den Hän­den gelas­sen bis O.. Da Vater die­se Woche Tages­dienst ver­sieht, konn­te er mich abho­len, er wuß­te aber nicht, ob ich mit dem Zug oder Omni­bus ankom­me und so war­te­te er an der Ecke Kaf­fee Brumm mit der Zuver­sicht, daß ich von einer Sei­te erschei­nen müß­te.Ich sah wohl einen Mann an der Stra­ße ste­hen, bin aber prompt in einem Bogen vor­bei­ge­stie­felt, denn was küm­mern mich frem­de Män­ner, gar noch bei Nacht. Als er dann nach einer Wei­le heim­kam staun­te er natür­lich und wir haben ihn noch aus­ge­lacht. Ich erzähl­te den Eltern noch, wie schön es wie­der war bei Dei­nen lie­ben Eltern. Eine Kost­pro­be vom guten Geburts­tags­ku­chen wur­de abge­legt, das war eine unver­hoff­te, will­kom­me­ne Über­ra­schung bei Nacht — dann aber schnell in’s Körb­chen! Mein lie­ber [Roland]! Ges­tern, eben als ich mich hin­ge­setzt hat­te Dei­nen Brief zu schrei­ben, klin­gel­te drau­ßen Herr Uhle, daß ich die Füh­rer­re­de mit anhö­ren soll. Alle aus dem Haus waren bei ihm ver­sam­melt, weil er als ein­zi­ger einen Appa­rat besitzt. Obwohl mir die­se gut­ge­mein­te Auf­for­de­rung so ganz gegen mei­ne Plä­ne ging, konn­te ich mich ihr doch nicht ent­zie­hen (Du wirst ver­ste­hen), aber hin­ter­her hab[e] ich auch gar­nicht bereut, daß ich die Rede uns[e]res Füh­rers anhör­te. Du hast sicher auch zuge­hört bei Dei­ner Wir­tin. Am Mon­tag um 4 als ich heim­kam, habe ich auf eige­ne Faust mit dem Wasch­fest begon­nen. Es klapp­te alles ganz famos und die Mut­ter staun­te, daß ich mich so ganz allein ran­ge­traut hat­te. Es ist ja gar­nicht schwer und ich hab[e] mir ja schon unzäh­li­ge Male den Her­gang eines Wasch­fes­tes in Gedan­ken aus­ge­malt. Weißt, zu Dir gesagt, ich habe den Unter­schied zwi­schen Theo­rie und Pra­xis recht gut gespürt — aber ich muß mich doch spä­ter auch ein­mal bewäh­ren kön­nen! Mon­tag dau­er­ten die Vor­ar­bei­ten bis gegen 8 Uhr. Ges­tern nach der Rede begann dann die Haupt­sa­che, wir waren ½ 12 nachts fer­tig mit Waschen. H[eu]te wur­de die Wäsche gespült und auf den Boden gehängt, dabei ver­gin­gen wie­der 2 Stun­den; dann müs­sen Wege besorgt wer­den, wäh­rend das Was­ser zum Auf­wi­schen heiß wird, essen wir Abend­brot, bei der Wirt­schaft in Ord­nung brin­gen grei­fen alle zu. Zehn Pfund Prei­ßel­bee­ren haben wir zube­rei­tet, Mut­ter steht noch am gro­ßen Topf und rührt, ein Eimer Pflau­men harrt sei­ner Bestim­mung. Vor­hin habe ich mein Haar gewa­schen und nun kann ich end­lich mal still sit­zen, da macht sich aber auch bald die Müdig­keit bemerk­bar, die Uhr geht auf 11.

Ja, Liebs­ter Du: Nun wirst Du fra­gen, war­um das alles auf ein­mal? Am Sonn­tag, als ich heim­kam bestä­tig­ten mir die Eltern, daß kom­men­den [sic] Sonn­tag schon Kir­mes ist, im Kir­chen­blatt steht es. Und nun muß­te ja als ers­tes die geplan­te Wäsche für Sonn­abend vor­ver­legt wer­den. Dann das Rei­ne­ma­chen, Backen und das gan­ze Drum und Dran einer Kir­mes. Das Dümms­te ist, daß Mut­ter bis ½ 6 abends im Geschäft ist und ich aus­ge­rech­net am Sonn­abend auch Dienst habe. Na es muß eben auch so gehen, wie heut­zu­ta­ge so vie­les gehen muß, wir werden’s schon schaf­fen.

Und nun? Herz­al­ler­liebs­ter Du!

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Land­li­che Ker­mes­se, von Fran­cis­zek Kostrzew­ski, 1866, Öl auf Lein­wand, Natio­nal­mu­se­um in War­schau, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014. Kostrzew­ski hat auch das pol­nisch natio­na­lis­ti­sches epi­sches Gedicht Pan Tade­usz von Adam Mickie­wicz illus­triert.

Jetzt will ich Dich recht herz­lich für Sonn­abend, Sonn­tag, (viel­leicht bis Mon­tag?) ein­la­den zur O.er Kir­mes. Weil Du ja viel mehr zu mir kom­men mußt, lade ich Dich zuerst ein, Du!

Nun las­sen Dich die Eltern herz­lichst grü­ßen und laden Dich durch mich ein. Mut­ter sollst Du nicht böse sein, daß sie nicht sel­ber ein paar Zei­len schreibt, ers­tens schon als Dank für Dei­nen lie­ben Sonn­tags­brief, mit dem Du die Eltern so sehr erfreut hast und für wel­chen sie Dir recht schön dan­ken. (Ich hab[e] ihn natür­lich auch schon aus­s­ti­bitzt und gele­sen!) Sie hat aber noch so viel Arbeit bis zum Sonn­abend, daß sie sich kei­ne ½ Stun­de Zeit gön­nen möch­te. Sie will ja alles wie­der in Ord­nung haben bis Du kommst — ja Du — sie freu­en sich bei­de sehr auf Dei­nen Besuch.

Ich freue mich am meis­ten, Du! Welch herr­li­che Zeit — jede Woche dür­fen wir bei­sam­men sein — wenn es gut geht, drei­mal hin­ter­ein­an­der! Am nächs­ten Sonn­tag ist doch Reichs­ern­te­dank­fest, die­sen Sonn­tag und den Sonn­abend dazu behal­te ich mir vor für mei­ne Rei­se nach S. — mei­ne Gedan­ken gehen noch wei­ter — dann ist 1. Okto­ber, Beginn der Herbst­fe­ri­en, viel­leicht kön­nen wir da gar zusam­men zurück­fah­ren nach O.? Es wird sich wei­sen.

Ach mein Liebs­ter! Ich bin so glück­lich und froh, seit ich bei Dir und bei den Dei­nen war. Kurz waren die Stun­den, doch sie haben alles War­ten und Seh­nen vor­her belohnt.

Daß mir Dei­ne Eltern, Elfrie­de und sogar die Ver­wand­ten ihr Ver­trau­en schen­ken macht mich froh und alles, alles was uns der ver­gan­ge­ne Sonn­tag schenk­te, daß wir so ger­ne an ihn zurück­den­ken und daß er so lan­ge in uns nach­klingt.

Es bewegt noch man­ches mei­nen Sinn, doch ich bin heu­te wahr­haf­tig nicht imstan­de noch sehr lan­ge zu schrei­ben.

Ich kann mir ein Leben ohne Dich nicht den­ken.

Ich bin so dank­bar, daß wir uns fan­den, Du mein lie­ber [Roland], daß es so sich füg­te.

Und wir wol­len unser[e]n Herr­gott immer auf’s Neue bit­ten um sei­nen Schutz und Segen für unse­ren Bund.

Wer­den die­se Zei­len mor­gen noch in Dei­nen Hän­den sein? Wirst Du mir noch ein­mal kurz die Zeit ange­ben kön­nen, zu der Du in O. ankommst, damit ich Dich abho­len kann?

Bleib recht gesund! Rei­se glück­lich! Behü­te Dich Gott! Ich freue mich auf Dich!

Ich küs­se Dich! Du mein lie­ber, lie­ber [Roland]! Ich lie­be Dich!

Dei­ne [Hil­de].

T&SavatarsmN.B.: Ich erzähl­te Mut­ter vom güns­ti­gen Eier­han­del in Böh­men, sie bit­tet Dich, wenn es irgend mög­lich ist, für sie zu kau­fen gleich wie vie­le und wenn es 30 Stück wären!

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