12. September 1939

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

390912–1‑1

S. am 12. Sept. 1939.

Wie einer sei­ne Mut­ter trös­tet Jes. 66:13

Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Nun habe ich Dich doch so bit­ter ent­täuscht, ich sehe und lese es aus Dei­nem Brie­fe und kann es Dir nun erst recht nach­füh­len, und bin selbst ärger­lich, zumal Du den gan­zen Sonn­abend frei hat­test. Ach Liebs­te! Zum einen war es wirk­lich gut gemeint, wenn ich dach­te, Du sollst in die­ser unsi­che­ren Zeit nicht auf der Bahn sein. Zum ander[e]n war ich am Sonn­abend so schwan­kend und unent­schlos­sen. Ach, lie­be [Hil­de], ich fuhr ja so schwer­mü­tig und kopf­hän­ge­risch nach Hau­se. War­um?

Julien Bryan - Life - 50893.jpg
Die zehn­jäh­ri­ge Polin Kazi­mie­ra Mika trau­ert um ihre älte­re Schwes­ter, die auf einem Feld nahe der Jana-Ost­roro­ga-Stra­ße in War­schau bei einem Angriff der deut­schen Luft­waf­fe ums Leben kam. Nach dem Foto­graf Juli­en Bryan: “Sie­ben Frau­en woll­ten Kar­tof­feln aus­gra­ben. Es gab kein Mehl in ihrem Bezirk und sie such­ten ver­zwei­felt nach Nah­rung. Plötz­lich erschie­nen zwei deut­sche Flug­zeu­ge aus dem Nichts und war­fen zwei Bom­ben auf ein nur zwei­hun­dert Meter ent­fern­tes Haus. Zwei Frau­en im Haus fan­den den Tod. Die Kar­tof­fel­ern­te­rin­nen war­fen sich flach auf den Boden in der Hoff­nung, unent­deckt zu blei­ben. Als die Flug­zeu­ge fort waren, setz­ten sie ihre Arbeit fort. Sie brauch­ten das Essen. Aber die Nazi-Flie­ger waren noch nicht zufrie­den mit ihrem Werk. Nach ein paar Minu­ten kamen sie zurück und fie­len auf 200 Meter Höhe ab, wobei sie das Feld mit Maschi­nen­ge­wehr­feu­er durch­pflüg­ten. Zwei der sie­ben Frau­en star­ben […] Wäh­rend ich die Lei­chen foto­gra­fier­te, kam ein klei­nes zehn­jäh­ri­ges Mäd­chen und starr­te wie gebannt auf eine der Toten. Sie war ihre älte­re Schwes­ter. Das Kind hat­te nie zuvor eine Tote gese­hen und konn­te nicht ver­ste­hen, war­um ihre Schwes­ter nicht mit ihr sprach […].” Quel­le: Bryan, Juli­en: War­saw: 1939 Sie­ge; 1959 War­saw Revi­si­ted, War­schau: Polo­nia Publi­shing House, S. 120. Foto: Juli­en Bryan, “Docu­men­ta­ry Record of the Last Days of Once Proud War­saw”. Life maga­zi­ne (23.10.1939): S. 73–77. Quel­le: USHMM #50893, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014
Aus Sor­ge um Dich, um uns bei­de, um unser Glück. Und wie ein Kran­ker sei­ne Lieb­lings­spei­sen, so wies ich die Aus­sicht und Mög­lich­keit zurück, Dich, Liebs­te, bald in die Arme zu schlie­ßen und zu küs­sen, weil es mich nur trau­ri­ger und unglück­li­cher gemacht hät­te. Ach Du, am Sonn­abend­mor­gen hat mir mei­ne Mut­ter den Kopf zurecht­ge­rückt. „Hat Gott Dei­nen Lebens­weg bis­her nicht sicht­bar geseg­net, hat er Dich nicht erst jetzt ein lie­bes, tap­fe­res Mädch fin­den las­sen, war­um willst Du, undank­bar an sei­nem Bei­stand zwei­feln?“ Zwei Stun­den nach­her schrieb ich den Brief an Dich, und seit­dem bin ich ruhi­ger und gefaß­ter. Ich woll­te zu Dir fah­ren, aber ich war nicht ent­schlos­sen genug, Mut­ters Ein­wand, es sei eine Hatz, die mir nicht gut sei, zu ent­kräf­ten. Und merk­wür­dig, ich dach­te den gan­zen Tag, Du wür­dest unge­ru­fen kom­men und noch am Abend ¾ 10 habe ich zum Fens­ter hin­aus­ge­se­hen, weil ich dach­te und hoff­te, Du wür­dest kom­men.

Es ver­keh­ren zwi­schen Dres­den und K. täg­lich nur 2 Züge, und man tut gut, von Dres­den den Auto­bus zu benut­zen. Wir haben ja am Sonn­abend so oft Dei­ner Gedacht und von Dir gespro­chen. Liebs­te, sei mir nicht mehr bös dar­um, am Sonn­abend, so Gott will, will ich Dich umso lie­ber und fro­her in mei­ne Arme schlie­ßen, Du! Wie Du fährst? Ich kann frü­hes­tens […] in Dres­den sein. Hast Du am Sonn­abend frei, dann kannst Du mich in Dres­den in Emp­fang neh­men (mit wel­chem Zug Du da fah­ren mußt, danach mußt Du Dich dies­mal selbst erkun­di­gen. Viel­leicht kannst Du es mir noch mit­tei­len. Ob es sich lohnt, bis S. zu kom­men? Du müß­test gera­de Frei­tag­nach­mit­tag weg­fah­ren. Ich kann von hier aus frei­lich nicht fest­stel­len, ob Du den letz­ten Zug zu uns, Dres­den ab […], noch errei­chen wür­dest.). Arbei­tet ihr am Sonn­abend, dann rich­te es bit­te so ein, daß Du mit dem nächst­bes­ten Zug kom­men kannst, dann muß ich Dich in Emp­fang neh­men. Also wie­der ein­mal zunächst meh­re­re offe­ne Mög­lich­kei­ten, aber eine Hoff­nung und eine Sehn­sucht, Liebs­te, Dich zu sehen und Dich zu umfan­gen. Von Sieg­fried kam am Sonn­tag eine wei­te­re Nach­richt, daß man ihn nach Gott­leu­ba bei Pir­na gebracht hat. Er ist also wie­der ganz in der Nähe. Sei­ne Anschrift besit­zen wir noch nicht. ¼ 3 Uhr bin ich am Sonn­tag zum zwei­ten­mal in S. gelan­det.

Dei­nen lie­ben Eltern sage bit­te herz­li­chen Dank für ihre Wün­sche und herz­li­che Grü­ße.

Und Dir, Liebs­te? Behüt Dich Gott!

Soldat Francès al Saar.jpg
In einem deut­schen Dorf wäh­rend des Saar-Offen­sivs blick­te ein fran­zö­si­scher Sol­dat aus dem 151. R.I. 42. Divi­si­on der Infan­trie auf einen Schild des Reichs­ko­lo­ni­al­bun­des Deutsch­lands aus Lau­ter­bach, wohl 09.09.1939, über WWII in Color, Licen­sed under CC BY-SA 3.0 via Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014.

Die­se Tage sind wie­der eine Pro­be für unse­re Lie­be. Daß wir um unser Glück bang­ten, ist es nicht ein gutes Zei­chen? Aber sie sind auch eine Leh­re: Es stand bei Gott, daß wir uns fan­den, bei ihm steht auch, ob wir uns behal­ten, und wie es kommt, so ist es sein Spruch und Wil­le.

Und so wol­len wir ihm uns[e]re Lie­be anbe­feh­len, und dür­fen mit fro­her Zuver­sicht auf sei­nen Bei­stand hof­fen.

T&SavatarsmIch küs­se Dich! Ich lie­be Dich!

Dein [Roland].

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2 Antworten auf „12. September 1939“

  1. Wir kom­men aus Öster­reich und konn­ten im Rah­men eines Pro­jekts mit den Brie­fen arbei­ten.

    Wir bezie­hen uns mit unse­rer Mei­nung auf den Teil als Roland sich fur Hit­ler aus­spricht.

    Wir den­ken dass er Hit­ler moch­te and die­se Mei­nung teilt.

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