10. September 1939

Bundesarchiv Bild 101I-012-0018-06A, Polen, Gefallene polnische Soldaten.jpg
Gefal­le­ne pol­ni­sche Sol­da­ten, Polen, 09.1939, Foto: Kliem, DBa Bild 101I-012‑0018-06A, Lizen­ziert unter CC-BY-SA‑3.0‑de über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

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O., am 10. Sep­tem­ber 1939.

Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Du weißt ja nicht wie froh ich bin, daß ich end­lich Gewiß­heit habe. Bis zum letz­ten Augen­blick habe ich gehofft, daß Du mir schrei­ben wirst. Ges­tern, am Sonn­abend, muß­te doch der end­gül­ti­ge Bescheid kom­men — einen Kar­ten­gruß erhielt ich wohl, für den ich herz­lich dan­ke — doch nichts, was mir Auf­schluß geben könn­te, in mei­ner Rat­lo­sig­keit. Am Frei­tag war schon Geschäfts­schluß ein gan­zer frei­er Sonn­abend lag vor mir. Ich hat­te alles vor­be­rei­tet, zurecht­ge­macht: ent­we­der zur Abrei­se, oder zu Dei­nem Emp­fang. Ich war­te­te nur auf Dei­ne Anwei­sun­gen. ½ 3 kam das Post­au­to, ich bin an den Schal­ter gegan­gen, habe gefragt, nichts dabei. Nun war­te­te ich bis zum Abend mit den Eltern auf Dein Kom­men — ver­ge­bens. Angst hat­te ich nicht um Dich, ich weiß Dich ja zu Hau­se. Ich war nur in Unru­he um den Inhalt Dei­nes Schrei­bens, das Du mir ver­spro­chen hat­test; daß es sich ver­spä­ten könn­te und natür­lich somit die dar­in ent­hal­te­nen etwai­gen Plä­ne ver­ei­teln wür­de. Zu die­ser Annah­me kam ich, weil ich Euren Kar­ten­gruß vom 7. Sep­tem­ber erst ges­tern erhielt. Daß ich nun den Tag ges­tern so mit nutz­lo­sem Hof­fen und War­ten aus­fül­len muß­te, stimm­te mich abends doch recht trau­rig. Ich nahm Dein Buch zur Hand, ich konn­te mich nicht sam­meln, die Gedan­ken schweif­ten immer wie­der ab. Mit dem Schlag 8 abends mußt Du ein­mal fest mei­ner gedacht haben — oder Dei­ne Eltern, ich habe es ganz deut­lich gespürt.

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Brief von MacKen­zie King, Prime Minis­ter von Cana­da, an König Georg VI, um Cana­das Kriegs­er­klä­rung gegen Deutschand zu bestä­ti­gen, 10.09.1939, Quel­le: Natio­nal Archi­ves of Cana­da, C‑140955, über Wiki­pe­dia, 09.2014

Mit der fes­ten Hoff­nung bin ich schla­fen gegan­gen, daß der Mor­gen Klä­rung brin­gen muß. Die Nacht war so lang. Und heu­te am Sonn­tag, wo die Son­ne noch ein­mal mit aller Wär­me und Herr­lich­keit uns beschenkt, ehe sie den Weg geht, der sie mehr und mehr von uns[e]rer Erde weg­führt — wie es uns dem Herbst und Win­ter zu scheint —, heu­te kann ich nicht, wie ich es so heiß mir wünsch­te in allen Stun­den vor­her, bei Dir sein. War­um kommt heu­te kein Gewit­ter, war­um kei­ne dun­keln Wol­ken die den strah­len­den Him­mel bede­cken?

Ich bin schlecht und eigen­nüt­zig. Sol­len alle ander[e]n die Freu­de ver­die­nen mit dar­un­ter lei­den, weil einem dum­men Mädel mal die Wün­sche nicht voll aus­gin­gen? Euer lie­ber Sieg­fried. Wie vie­le ande­re wer­den sein Los tei­len. Um wie vie­les schmerz­vol­ler manch einer? Sie wer­den sich heu­te am glei­chen Son­nen­schein erfreu­en, auf ihrem Schmer­zens­la­ger — auf dem Weg zur Gene­sung. Sie opfern sich für Deutsch­land, für uns — selbst­los. Wie vie­len wird das Liebs­te genom­men? Und ich will schon kla­gen jetzt, wo Du mir ja noch bleibst? Wie stark ist Dei­ne lie­be Mut­ter. Kein Wort der Kla­ge, kein Wort ver­rät ihre Sor­ge, sie ist noch Halt und Stüt­ze ande­ren. Ach­tung und Ehr­furcht emp­fin­de ich für sie. Nur eine Frau, eine Mut­ter kann ermes­sen, welch inne­re Stär­ke es kos­tet das Liebs­te drau­ßen zu wis­sen; täg­lich bereit, die schreck­lichs­te Gewiß­heit zu erhal­ten. Möge Got­tes Schutz und Segen mit all den Tap­fe­ren sein, die bereit sind, ihr Leben dem Vater­lan­de zu opfern; möge ihre Ein­satz­be­reit­schaft auch wei­ter­hin so segens­reich belohnt wer­den, daß wir alle bald an den Frie­den glau­ben kön­nen. Und wir hier drin­nen im Reich wol­len alles freu­di­gen Her­zens tun, um den unse­ren drau­ßen an den Gren­zen zu zei­gen: Wir ste­hen als ein Gan­zes hin­ter euch, das mit euch denkt und fühlt und hofft, das auch bereit ist, das größ­te Opfer zu brin­gen wenn es gilt, den Frie­den zu errin­gen.

Dem Führer - die Jugend, Propagandapostkarte, Deutschland, 1939, Lithographie, 15 x 10,5 cm, DHM, Berlin, Do 53/34.9, über Die NS-Frauenpolitik, 09.2014
Dem Füh­rer — die Jugend, Pro­pa­gan­da­post­kar­te, Deutsch­land, 1939, Litho­gra­phie, 15 x 10,5 cm, DHM, Ber­lin, Do 53/34.9, über Die NS-Frau­en­po­li­tik, 09.2014

Es ist jetzt 3 Uhr. Viel­leicht bist Du schon auf dem Wege nach S.? Glaub mir, mit dem Schul­be­ginn sehe ich nun gar­nicht mehr ganz so schwarz. Es tritt damit wie­der eine gewis­se Beru­hi­gung und Ord­nung ein. Ich glau­be gern, daß man Dich in K. gleich in Beschlag nahm; auch vie­le uns[e]rer Leh­rer waren im Rat­hau­se beschäf­tigt, da gibt es doch nun so viel Schrei­be­rei­en. Denk nur, sogar für das Geburts­tags­ge­schenk Dei­ner Mut­ter muß­te ein Bezugs­schein her. Ich fin­de aber im gro­ßen und gan­zen die Maß­nah­men die getrof­fen wer­den rich­tig, es geht einem wie dem ander[e]n. Die­se Vor­keh­run­gen wer­den getrof­fen, wenn noch Bestand an Lebens­mit­teln und irgend­wel­cher Ware (noch) da ist. Zustän­de wie 1914 wer­den also dem­nach ver­mie­den, damals hät­te man Lebens­mit­tel- und Bezugs­schei­ne aus­ge­ge­ben, nach­dem der Nah­rungs­be­stand schon zur Nei­ge gegan­gen wäre. Eine Mög­lich­keit zum Hams­tern ist bei uns völ­lig aus­ge­schlos­sen. Über acht Tage, so Gott will, sind wir in K. bei­sam­men. Es wird eine Angst sein für Dei­ne Mut­ter, wenn sie an 2 Tagen 4 ‚Fres­ser‘ mehr im Hau­se hat. Ich wer­de die mir zuste­hen­de Rati­on von zu Hau­se mit­brin­gen. Wann wir uns in Dres­den tref­fen wür­den, teilst Du mir bit­te in der Zeit mit; viel­leicht arbei­ten wir Sonn­abend wie­der nicht, dann könn­te es sein, daß ich schon früh zei­tig weg­fah­re und erst zu Dir käme. In uns[e]rer Tex­til­bran­che sieht es jetzt bös aus: Garn­man­gel, dadurch kommt der gan­ze Betrieb in’s Sto­cken. Auf­trä­ge sind da in Mas­sen. Um 4 erwar­ten wir die N.er Groß­mutter, bis dahin will ich fer­tig sein mit Schrei­ben. Wir wer­den uns, solan­ge die Son­ne scheint run­ter set­zen und ich will noch flei­ßig an Dei­nem Geschenk arbei­ten. Vater schläft. Der Arme hat täg­lich Nacht­wa­che im Betrieb, vom Werkluft­schutz aus, auch Sonn­tags. Bei uns soll es nun auch ein­ge­rich­tet wer­den. Eigent­lich habe ich das Ver­dun­keln jeden Tag bald satt. —

Bundesarchiv Bild 183-R00012, Anstehen nach Brot in Deutschland.jpg
Anste­hen nach Brot in Deutsch­land, Ers­ter Welt­krieg, DBa Bild 183-R00012, Lizen­ziert unter CC-BY-SA‑3.0‑de über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Wie es nun kam, mit unser[e]m für heu­te bestimm­ten Wie­der­se­hen, ich will es tra­gen ohne zu kla­gen. Ich will’s Dir nicht schwer machen Liebs­ter! Ich dan­ke Gott, daß Du mir bleibst. Und die Lie­be zu Dir, mein [Roland], sie bleibt ja immer gleich groß — ob ich bei Dir bin oder nicht.

Ich will ganz gedul­dig sein — will war­ten —auf Dich — Du! Gott schüt­ze und behü­te Dich!

Ich lie­be Dich!

Dei­ne [Hil­de].

Die Eltern grü­ßen Dich recht herz­lich mit den bes­ten Wün­schen für Dich und Dei­nen Anfang mor­gen.

T&Savatarsm(Dei­nen lie­ben Eltern habe ich noch paar Zei­len geschrie­ben.)

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