05. September 1939

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

390905–1‑1

S. am 5. Sep­tem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Sei recht sehr bedankt für Dei­nen lan­gen, schö­nen Brief.

Glau­bet ihr nicht, so blei­bet ihr nicht.“ [Jesa­ja 7:9]

Was betrübst Du Dich, mei­ne See­le

und bist so unru­hig in mir?

Har­re auf Gott!“ [Psalm 42:6]

Die­se bei­den Wor­te ste­hen ange­schla­gen an der Kir­chen­tür zu B.. Sie rie­fen mich an in einer fins­te­ren Stun­de. Ach Liebs­te, wärest Du jetzt bei mir, ich müß­te mei­nen gan­zen Schmerz laut aus­wei­nen in Dei­nen Schoß. Und das ich es nicht kann, das macht es mir so schwer.  Wahr­schein­lich fah­re ich mor­gen nach Hau­se. Dann habe ich doch jeman­den, mit dem ich mich aus­spre­chen kann. Ich sit­ze noch immer müßig. Bei dem Wach­kom­man­do auf dem W. bin ich nicht ange­kom­men. Die Leu­te da oben haben alle einen Kur­sus hin­ter sich und sind der Mili­tär­be­hör­de unter­stellt. Even­tu­ell kann ich ^ein­mal als Reser­vist für einen Abbe­ru­fe­nen ein­rü­cken, ich bin mit vor­ge­merkt wor­den. Am Vor­mit­tag war ich auf dem Bezirks­schul­amt. Es ist völ­lig unbe­stimmt, wann die Schu­le wie­der­be­ginnt. Eine Anord­nung, am Dienst­ort zu blei­ben besteht nicht. Des­halb bin ich ent­schlos­sen, mor­gen nach Hau­se zu fah­ren. Viel­leicht kann ich Vater zur Hand gehen. Und wenn nicht, so kann ich mich doch ein­mal mit ver­trau­ten Men­schen aus­spre­chen. Ach Liebs­te, so bin ich, gar kein rich­ti­ger Mann, es geht mir so nahe, die­ses Unglück, die­ses unfaß­ba­re Unglück, das gro­ße Leid, das nun wie­der umgeht.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Und dabei in der Frem­de, kei­nen Men­schen, an dem man sich anhal­ten kann. Seit wann bin ich so weich, so a[n]lehnungsbedürftig? Ach Liebs­te! Magst Du mich so? Bei Dir kann ich mich anleh­nen, Dir kann ich ganz ver­trau­en, Wär­me und Son­nen­schein fin­de ich bei Dir, Du mei­ne lie­be Schwes­ter, ich Dein gro­ßer Bru­der. Nun wol­len wir ein­an­der nur noch fes­ter bei der Hand neh­men, uns[e]re Hoff­nung noch fes­ter hal­ten und Gott inni­ger bit­ten, er möge die­ses Leid wen­den. Ich schrei­be Dir sofort, wie ich es zu Hau­se traf.

Gott ste­he Dir bei, Liebs­te! Ich hal­te mich an Dich! Ich lie­be Dich! Behal­te auch Du mich lieb!

Dein [Roland].

 

Bit­te, grü­ße Dei­ne lie­ben Eltern.

Von Mut­ter bekam ich eine Kar­te: Hell­muth und Elfrie­de sind am Mitt­woch nach uns[e]rer Abrei­se in K. gewe­sen. Sie haben unser Aus­blei­ben (auf Mut­ters leb­haf­te Vor­stel­lun­gen hin, Du weißt) sehr übel genom­men. Mut­ter hat den Besuch erwi­dert und alle Über­re­dungs­küns­te auf­ge­bo­ten, alles in[‘]s Rei­ne zu brin­gen.

Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Bundesarchiv Bild 183-B27833, Polen, Blick aus Bugkanzel einer He 111
Feld­zug in Polen. Jagd auf pol­ni­sche Kolon­nen. Blick aus der Bug­kan­zel eines Kampf­flug­zeu­ges über den Beob­ach­ter am MG hin­weg auf die mit Kolon­nen voll­ge­stopf­te Stra­ße. PK-Auf­nah­me: Kriegs­be­rich­ter Stemp­ka 11576–39 “Fr” OKW Sept. 39, BA Bild 183-B27833 / Stemp­ka / CC-BY-SA‑3.0‑de, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014
Eben erhielt ich Dei­nen lie­ben Brief, in dem Du Dich anmel­dest. So herz­lich Du mir will­kom­men bist, Gegen [sic] Dei­nen Ent­schluß steht zunächst mein Ent­schluß, nach Hau­se zu fah­ren. So wie ich ges­tern, hast auch Du schwarz gese­hen. Liebs­te, heu­te habe ich wie­der Hoff­nung, Hoff­nung dar­auf, daß die Fackel eines gro­ßen Kriegs­bran­des noch erst im Glim­men ist, und viel­leicht noch aus­ge­löscht wer­den kann.

Wenn ich ein­be­ru­fen wer­de, — wie das geschieht, weiß ich nicht, doch anders als bei denen, die schon ein­mal gedient haben, — dann besu­che ich Dich vor­her, wenn ich nur irgend kann. Das ver­spre­che ich Dir. Und könn­te ich nicht, dann ist doch wohl ziem­lich bestimmt Gele­gen­heit, daß Du mich besuchst.

Falls ich in (B.) ^K. blei­ben soll­te, wäre es nicht aus­ge­schlos­sen, daß ich Dich (Euch) über Sonn­abend und Sonn­tag besu­chen wür­de. Falls ich nach S. zurück­keh­re, ist es mög­lich, daß ich Dich zu Dei­nem geplan­ten Besu­che auf­for­de­re. Also bit­te, war­te mei­ne Wei­sun­gen ab.

Ich habe wie Du den Wunsch, bei Dir zu sein. Aber behal­te mit mir den Kopf oben, hof­fe mit mir!

Ich bit­te Gott, daß er unser Hof­fen stär­ke und uns[e]re schwa­che Kraft. Er behü­te Dich und die Dei­nen!

Ich lie­be Dich!

Dein [Roland].

T&SavatarsmEs bleibt uns die Aus­sicht auf ein Wie­der­se­hen am Sonn­tag.

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