04. September 1939

390904–2‑1

(3. Sep­tem­ber 1939.)

O., am 4. Sep­tem­ber 1939.

Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Nimm mei­nen herz­lichs­ten Dank für Dei­nen lie­ben Sonn­tags­gruß, der mich so uner­war­tet über­rasch­te und erfreu­te. Zugleich schrie­ben mir auch Dei­ne lie­ben Eltern. Als ers­tes kom­me ich gleich zu Dei­nem Vor­schla­ge, den ich voll und ganz bil­li­ge. Ich den­ke, daß ich Mon­tags und Don­ners­tags schrei­be und Du Diens­tags und Frei­tags — oder an einem Tage der Dir lie­ber ist.

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Para­de vor Adolf Hit­ler, Polen, BA Bild 183-S55480, CC-BY-SA‑3.0‑de, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2104

Ges­tern habe ich am Vor­mit­tag mit Mut­ter ein­ge­kocht und eini­ges gewa­schen; nach­mit­tags saßen wir unten im Hofe, um den Son­nen­schein noch aus­zu­nut­zen, ich habe gestickt, wir waren wie­der mal allein im Hau­se. Gegen 4 kam Besuch. Mut­ters Schwes­ter mit Mann und Kin­dern, aus Glauchau. Onkel Albert woll­te uns noch­mal sehen, nächs­te Woche muß er zum Mili­tär. Ach, man kann doch jetzt gar­nicht mehr so recht froh sein, die­ser Zustand bedrückt alle. Liebs­ter! Du willst Dich frei­wil­lig zum Wach­kom­man­do mel­den. Ja, ich kann Dich recht gut ver­ste­hen, daß Du so untä­tig das Leben nicht erträgst. Und wo kann man sich bes­ser nütz­lich machen, mehr geben, als wenn man sich in den Dienst des Vater­lan­des stellt — gleich­wo an wel­chem Ort.

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Luft­an­griff auf Wie­luń am 1. Sep­tem­ber 1939, Post­kar­te aus den 1970er Jah­ren, Post­kar­te, Czesław Mada­jc­zyk, Fas­zyzm i oku­pac­je 1938–1945: wyko­ny­wa­nie oku­pac­ji przez państ­wa Osi w Euro­pie. ISBN 8321003354, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons. 09.2014

Auch ich kom­me mir so unnütz vor an mei­nem Arbeits­platz. Bei uns hier hat man schon eini­ge Män­ner Dei­nes Jahr­gan­ges ein­ge­zo­gen. Du! — Wenn sie Dich auch — ach, das ist der Haupt­grund, wes­halb ich unbe­dingt heu­te noch an Dich schrei­ben muß. Ich bin seit­dem so in Sor­ge und Unru­he — die Befeh­le kom­men ja alle ganz plötz­lich. Wenn ich Dich nicht noch ein­mal sehen könn­te, bevor Du fort müß­test!

Du! Ich ertrü­ge das nicht!

Den gan­zen Tag habe ich heu­te wie­der dar­über nach­ge­grü­belt. Und ich bin zu dem fes­ten Ent­schluß gekom­men: Ich kom­me zu Dir. Am Sonn­abend, bis Sonn­tag.

Ich muß Dich sehen, muß bei Dir sein.

Fra­ge nicht wie, fra­ge nicht, ob ich darf. Ich will.

Und ich wer­de alles dar­an­set­zen.

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Ver­ord­nung über außer­or­dent­li­che Rund­funk­maß­nah­men”, RGBl I 1939 S. 1683, von Reichs­mi­nis­te­ri­um des Innern, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons.
Daß Du mich bei Dir ger­ne auf­nimmst, Liebs­ter, dar­an zweif­le ich nicht. Schrei­be mir nur bit­te umge­hend, ob Du Dich nicht schon ver­pflich­tet hast u. somit viel­leicht gebun­den bist am Wochen­en­de. Der 17. war als Wie­der­se­hens­tag in Aus­sicht genomm[en,] kann man jetzt noch so weit vor­aus­rech­nen, wer weiß, was dann ist? Wenn ich nun am Sonn­abend fah­re und über acht Tage dafür nicht darf? Das ist mir jetzt einer­lei, ich will’s dann Dei­nen Eltern erklä­ren. Jetzt will ich nichts, als zu Dir! Ich habe mir nach Arbeits­schluß auf der Bahn Aus­kunft geholt: ab Chem­nitz … D, an Dres­den …, ab Dres­den …, kannst Dir aus­rech­nen, wann Du mich in S. abho­len müß­test? Ich fah­re Sonn­tags­kar­te auch mit dem Bus nach Chem­nitz, dann kom­me ich zu jeder Zeit wie­der heim. Wenn uns auch wenig Zeit bleibt — ich war wenigs­tens bei Dir. Ich will mich noch nicht freu­en! Die­ser Brief muß um 8 mit fort. Glück zu! Liebs­ter! Behü­te Dich Gott!

T&SavatarsmIch küs­se Dich! Ich lie­be Dich!

Dei­ne [Hil­de].

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