02. September 1939

390902–2-1

O., am 2. Sep­tem­ber 1939.

Am Mon­tag.

(2. Sep­tem­ber 1939.)

Mein lie­ber [Roland]!

Der ers­te Tag wie­der daheim, er ver­ging im Ver­gleich mit dem ver­gan­ge­nen recht lang­sam und er war aus­ge­füllt mit stram­mer Arbeit. Es war mir nicht leicht heu­te, ich füh­le recht deut­lich, wie Ihr Lie­ben mich ver­wöhnt habt in die­sen 14 Tagen. Ich bin so von Dank­bar­keit erfüllt, daß ich die­se schö­ne Zeit erle­ben durf­te.

Liebs­ter! Du hast mich so beglückt mit Dei­ner Lie­be.

Ger­trud Stauf­fa­cher und Wil­helm Tell, Tell­spiel- und Thea­ter­ge­sell­scahft Alt­dorf, Insze­nie­rung von Gus­tav Thiess, Public Domain, 08.2014

Wenn aus rei­nem Her­zen ein Freund dich liebt

Denk immer, daß er so gro­ßes dir gibt.

Wie du und kein Mensch es ist wert.

Nimm hin, was er dir köst­lich beschert,

Dan­ken kannst du ja nie genug,

Wenn ein Freund sein Herz zu dei­nem trug. [Unbe­kannt]

Manch­mal erscheint mir das Leben jetzt wie ein köst­li­cher Traum; kaum faß­bar, daß alles Erle­ben mit Dir, Liebs­ter Wahr­heit ist. Manch­mal ist mir so bang um[‘]s Herz. Du!

Ich glau­be, ich habe Angst vor dem Glück.

Mein [Roland], wie wirst Du heu­te Dei­nen Tag beschlie­ßen? Ach, könn­te ich bei Dir sein! Gott behü­te Dich!

Ich lie­be Dich!

Dei­ne [Hil­de].

Am Diens­tag.

Mein lie­ber [Roland]!

Es ist so schön, von Dir geliebt zu wer­den,

Ich füh­le nicht mehr mei­nes Lebens Last,

Zum Dank­ge­bet ward jeder Tag auf Erden,

Den Du aus Lie­be mir berei­tet hast. [unbe­kannt]

Wie kann ich nur aus­drü­cken, was mein Inne­res bewegt? Ande­re Men­schen, denen die Gabe wur­de Herz und See­le spre­chen zu las­sen in Wor­ten, ver­mö­gen das, was in uns ver­an­kert liegt, zu lösen. Wenn wir die Wor­te lesen, die die Lie­be ihnen gab, dann schei­nen sie uns wie der Wie­der­schein eines gro­ßen Feu­ers, das in uns brennt — sie schei­nen uns oft wie aus der See­le gespro­chen.

Ist es unrecht, wenn ich das gro­ße, wun­der­ba­re Gesche­hen unse­rer Lie­be so in Wor­te zer­le­ge?

Zer­rei­ße ich so den fei­nen, unsicht­ba­ren Schlei­er, der sich zau­ber­haft über alles legt, als ob er der Welt ver­ber­gen will, was nur unser bei­der Eigen­tum ist?

Wenn Du bei mir bist, habe ich nicht das Ver­lan­gen, mein Emp­fin­den in Wor­te zu klei­den; allein Dei­ne Nähe macht mich schon froh und zufrie­den. Und Liebs­ter, hast Du nicht auch gefühlt, daß sich im Schwei­gen gera­de unse­re See­len so recht nahe sind?

Ein man­ches Wort schon hat das Wei­he­vol­le eines Augen­bli­ckes zer­stört.

Bundesarchiv Bild 183-1987-1210-502, Polen, Stukas.jpg
Polen, Stu­kas, Pho­to: Hein­rich Hoff­mann, BA Bild 183‑1987-1210–502, Lizen­ziert unter CC-BY-SA-3.0-de über Wiki­me­dia Com­mons, 08.2014

Wie fest haben sich nun in den Tagen unse­re Her­zen mit­ein­an­der ver­bun­den — vie­le Kilo­me­ter lie­gen jetzt wie­der zwi­schen uns, jedes steht nun wie­der allein an sei­nem Plat­ze, inmit­ten von Auf­re­gung und Sor­ge um das Welt­ge­sche­hen. Uns bei­de soll nichts wan­kend machen, uns kann nichts tren­nen; denn über allem leuch­tet uns strah­lend, rein und tröst­lich das Licht unse­rer Lie­be. Möge sie immer tie­fer und inni­ger wer­den, möge unser Herr­gott schüt­zend und seg­nend dar­über wachen.

Gute Nacht, Liebs­ter! Du! Behü­te Dich Gott!

In Lie­be

Dei­ne [Hil­de].

 

Am Mitt­woch

Mein lie­ber [Roland]!

Mat­thä­us 6, Vers 21.:

Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.‘

Erst heu­te kam ich dar­auf, in der Schrift nach­zu­schla­gen und das, was Herr Kai­ser auf sei­ner Kar­te an uns andeu­te­te, zu lesen. Frei­lich ver­birgt sich in die­sem Kapi­tel, in dem der Schatz mit vor­kommt, ein and[e]rer Sinn; doch er hat sicher mit gro­ßer Berech­nung gewählt und wenn ich den Vers lese, den­ke ich dabei natür­lich nur an den Schatz, der in die­sem Fal­le in Fra­ge kommt.  Liebs­ter! Was wird nur wer­den? Die Unru­he unter den Leu­ten wächst täg­lich mehr. Geht es Dir gut? Bist Du wohl­auf?  Mei­ne Gedan­ken sind immer nur bei Dir und manch­mal will es mir gar­nicht recht gelin­gen, Dich zu fin­den — ich weiß ja nicht, wo Du jetzt bist, Du! Heu­te noch will ich Dei­nen lie­ben Eltern schrei­ben. Nun behü­te Dich Gott! Mein [Roland]!

Ich küs­se Dich,

Dei­ne [Hil­de].

 

Am Don­ners­tag.

Mein lie­ber [Roland]!

Heu­te ist kei­ne Sing­stun­de. Sie sag­ten, Herr Grün­der sei wie­der unser Diri­gent bis zum Ablauf sei­ner Kün­di­gung. Seit vori­gen [sic] Sonn­abend ist er wie­der ein­be­ru­fen zum Mili­tär. Stünd­lich war­tet er mit vie­len ande­ren uns Bekann­ten auf den Abtrans­port nach der Gren­ze. Vie­le, vie­le sind schon fort. Uns[e]rer Män­ner wer­den es immer weni­ger — das ist so bedrü­ckend, kei­ner weiß, wohin er gestellt wird.

Mobilizacja 30.jpg
Minis­terst­wo Spraw Wojs­ko­wych, „Mobi­li­za­c­ja 30“, Mobi­li­sie­rungs­be­fehl der pol­ni­schen Armee, 30. August 1939, Lizenz­frei im Public Domain über Wiki­pe­dia Com­mons, 08.2014

Ich gehe gar­nicht mehr ger­ne in’s Geschäft, jeden Tag gib[t] es neue Auf­re­gun­gen — wenn man noch so stand­haft sein will, man wird doch unwill­kür­lich mit ange­steckt. Man­che Frau­en und Mäd­chen sind so halt­los in ihrem Schmerz um ihre Ange­hö­ri­gen — es ist mir manch­mal schier unheim­lich zumu­te. Die­se uner­träg­li­che Span­nung wirkt zer­mür­bend auf alle Gemü­ter. Es muß doch irgend etwas gesche­hen. Mein lie­ber, lie­ber [Roland]! Mein Herz ist mir heu­te so schwer. Ich habe so gro­ße Angst um Dich! Du!

Ich bin recht schwach und klein­gläu­big. Ich will Dir ja kei­ne Sor­gen machen — jetzt nicht und nie­mals — nur Freu­de. Viel­leicht habe ich mor­gen ein Zei­chen von Dir in Hän­den. Ich seh­ne mich so nach einem lie­ben, guten Wort von Dir! Mor­gen wer­de ich sicher ruhi­ger sein und fro­her, Du, o Du! Ich bete für Dich — für uns[e]re Lie­be. Gott behü­te Dich!

Behal­te recht lieb

Dei­ne [Hil­de].

 

Mein lie­ber, lie­ber, [Roland]!

Heu­te, end­lich habe ich mei­nen Gang nach Hau­se nicht umsonst getan! Seit Mitt­woch gehe ich jedes­mal zum Früh­stück heim und sehe nach, ob etwas für mich da ist. Eigent­lich ist das Unsinn — ich wür­de mit­tags auch noch zur Zeit kom­men — aber täg­lich, wenn die Zeit her­an ist, zieht es mich direkt heim. Nun heu­te, als ich sah — ach Liebs­ter! Alles in mir war zit­tern­de Freu­de und Erwar­tung.

Ich dan­ke Dir recht sehr für Dei­nen lie­ben Brief.

Nun bin ich wenigs­tens ruhi­ger gewor­den.

Es hat sich also doch so ent­schie­den, wie wir den Inhalt des Brie­fes von allem Anfang an auf­nah­men. Ich sage mir immer wie­der: Es geschieht nichts auf die­ser Welt ohne Sinn und ohne Bestim­mung. Die Herr­schaf­ten haben nun ihren Wil­len und Du, hof­fent­lich Dei­ne Ruhe.

Du weißt, lie­ber [Roland], daß ich die­ses ver­ach­tens­wer­te Han­deln von sei­ten die­ser ‚Her­ren‘ in Dei­ner Ange­le­gen­heit eben­so ver­ur­tei­le wie jeder ande­re, der dar­um weiß. Es lohnt sich ja auch gar­nicht, daß man sich über sol­che Art erei­fert. Du wirst, was Du anfangs selbst­ver­ständ­lich als schmerz­lich emp­fin­den mußt, sicher bald über­win­den und ich möch­te Dir dabei hel­fen, wo ich nur kann, Liebs­ter.

Den­ke auch immer dar­an: ‚Dem Muti­gen hilft Gott‘ [Fried­rich Schil­ler, Wil­helm Tell, 1. Auf­zug, 2. Sze­ne, Ger­trud]

Germans at Polish Border (1939-09-01).jpg
Hans Sönn­ke — Jer­zy Pior­kow­ski, „Ger­mans at Polish Bor­der (1939–09-01)“, von (1957) Mias­to Nieu­jarz­mio­ne, War­schau: Iskry, S. 8 no ISBN, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 08.2014

Wir haben uns ja auch schon münd­lich dar­über unter­hal­ten, und ich kann nicht mehr ver­zagt und trau­rig sein, wenn ich dar­an den­ke, wie gefaßt Du die­se Nach­richt auf­nahmst und wie Du Dei­ne Fas­sung bei­be­hiel­test in allen Din­gen, bei allen Vor­be­rei­tun­gen, die die­sen Wen­de­punkt betra­fen. Nun hat die auf­ge­reg­te, unru­hi­ge, ers­te Wochen­hälf­te einer gleich­mä­ßi­ge­ren Zeit Platz gemacht. Du tust mir wahr­haf­tig leid, sol­che Men­ge Lau­fe­rein und dazu ganz allein. Ich bin ja so sehr froh mit Dir, daß Du Glück hat­test bei der Woh­nungs­su­che! Denn weißt Du, die Behag­lich­keit daheim trägt bestimmt schon zur Hälf­te dazu bei, alle Uneben­hei­ten des All­ta­ges zu ver­ges­sen. Die Frau hilft dann die übri­ge Hälf­te ver­ges­sen — wenn man eine hat — dazu ist aber auch ein Men­schen­kind imstan­de, daß viel Lie­be ver­schen­ken kann.

Ich kann Dir nach­füh­len, daß Du über die Preis­fra­ge nicht wenig erschro­cken bist, wie ich ja auch! Na, Dei­ner Beschrei­bung nach muß es ja wie­der ein Klein­od sein, was Du fan­dest. Bist wohl nun ver­se­hen mit allem Kom­fort, der zu einer zünf­ti­gen Som­mer­fri­sche gehört? Die Lage Dei­ner Woh­nung stel­le ich mir so ein­zig schön vor, Du. Fein, daß Du gleich die bei­den schö­nen Kar­ten bei­leg­test. Ja, Du hast eine glück­li­che Hand in Bezug auf Woh­nungs­su­che — ich über­le­ge eben: Wenn ich mal Bedarf habe, dann.….…!

Hast Du Dir auch schon mal über­legt, wie das nun wer­den soll mit uns bei­den? Monat­lich hast Du jetzt sound­so­viel RM mehr Geld­aus­ga­ben — wir müs­sen nun unse­ren Abstand mit dem Wie­der­se­hen wie­der ver­grö­ßern, sonst kön­nen wir doch nicht spa­ren!

Wenn es doch erst soweit wäre, daß Du nicht mehr allein bei Frem­den woh­nen müß­test. Wir müs­sen halt die Zeit noch durch­hal­ten und dann, so Gott will — Du!

Die umge­kehr­te 13 ist also wie­der Dei­ne Haus­num­mer und son­der­bar, das stimmt mich zufrie­den; ohne bestimm­ten Grund — die 13 gehört eben dazu.  [Stras­sen­ad­dres­se ange­ge­ben]

Wit­we Schei­be. Sie gefällt Dir. Hm.….….….….….….

Ist sie jung, hübsch? Hat sie eine Toch­ter oder einen Hund? Ich freue mich dar­auf, wenn ich Dich in Dei­ner neu­en Woh­nung viel­leicht recht bald ein­mal besu­chen kann. Ich freue mich wirk­lich nur dar­auf. Du!

Bechstein07.JPG
Bech­stein Pia­no, seri­al no. 4301, 1870. Clau­dio­ver­fu­erth, CC BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 08.2014

Viel­leicht kannst Du nun gar Dein Kla­vier mit­neh­men? Dein Nach­fol­ger ist bereits schon in L. ein­ge­zo­gen, dar­über will ich nur den Kopf schüt­teln.

Ich kann es Hoff­manns so gut nach­füh­len, daß sie Dich nur ungern schei­den sehen, ihr hat­tet euch so gut zusam­men gelebt; hal­te nur auch wei­ter mit ihnen zusam­men[,] sobald es geht, wol­len wir sie besu­chen. So über­stürzt muß­test Du Abschied neh­men von unse­rer lie­ben Blei­be. Wie glück­lich waren wir oft mit­ein­an­der dort und den­ke nur ein­mal dar­über nach Liebs­ter, die bei­den Alten an der Wand, haben sie nicht fast alle Sta­di­en unse­rer Lie­be mit­er­lebt? Wer­den wir die­se lie­ben Räu­me jemals wie­der zusam­men betre­ten kön­nen? Wird der ande­re auch glück­lich wer­den dar­in­nen?

Eben habe ich mit Mut­ter wie­der die Ver­dun­ke­lungs­vor­rich­tung ange­bracht, sie wird schon jetzt ärger­lich über den all­abend­li­chen Kram und wer weiß, wie lang das so fort­geht. Mor­gen wird es nun eine Woche, daß wir die schö­ne Zeit in K. bei Dei­nen lie­ben Eltern beschlie­ßen und von­ein­an­der Abschied neh­men muß­ten. Wie gut es uns ging, wie lieb Ihr mich auf­nahmt in Eure Mit­te, wie wohl ich mich dar­in­nen fühl­te und wie glück­lich ich die gan­ze Zeit war an Dei­ner Sei­te, das hast Du, Liebs­ter ja alles mit­er­lebt und mit mir emp­fun­den. Die Stadt, ihre Stra­ßen, der Wald, unser H. mit sei­nen uns lieb gewor­de­nen, ver­trau­ten Plätz­chen und Wegen, die gan­ze Umge­bung; alles, alles fehlt mir, ver­mis­se ich hier bei uns so schmerz­lich. Ich hat­te mich in den 14 Tagen so schnell ein­ge­wöhnt. Alles, was Du mir erschließt, muß ich lieb­ge­win­nen.

Ich bin recht dank­bar und von Her­zen froh, daß alles so gut sich füg­te. Möch­te doch Got­tes Segen und das Glück immer mit uns sein.

Mein Lie­ber! Laß doch die Vor­wür­fe um den Abschied bei­sei­te. Kann sich über­haupt ein Abschied immer gleich wie­der­ho­len? War es am letz­ten Male eigent­lich ein rich­ti­ger Abschied? Die gan­ze Zeit war es so: Wir küß­ten uns, wir drück­ten uns die Hän­de und am ande­ren Tag fan­den wir uns froh wie­der. Am Sonn­tag aber um uns Has­ten und Trei­ben; beden­ke, was alles in der Luft lag und uns beweg­te. Das alles mach­te, daß mir gar­nicht so recht zum Bewußt­sein kam, dies ist ein Abschied für unbe­stimm­te Zeit. Wie­der zu Hau­se, in besinn­li­chen Stun­den, dach­te ich wohl auch schon dar­an zurück; aber sieh, auch ich trös­te­te mich mit dem, was wir gewan­nen, Liebs­ter. Ist es doch nicht viel köst­li­cher und wert­vol­ler? Kön­nen wir denn nicht alles nach­ho­len ein andern­mal? Ich bin so froh, daß wir unser Glück im Innern tra­gen, daß es uns nur aus den Augen leuch­tet, sicht­bar viel­leicht nur unse­ren Bli­cken.

Einen klei­nen Beweis kann ich Dir schon brin­gen.

Dres­den Haupt­bahn­hof: Mein Zug start­be­reit, Du unter mei­nem geöff­ne­ten Fens­ter, links von mir ste­hend ein Herr. Dei­ne Zeit ist um, ein paar kur­ze Wor­te, ein Hän­de­druck — Du gehst, noch ein­mal wen­dest Du Dich, in jeder Hand einen Kof­fer, nickst lächelnd noch ein­mal zurück ich kann nicht sagen, ob ich die Hand hob zum Win­ken — Du tauchst unter im Men­schen­ge­wühl. Immer­zu schaue ich nach oben wo Dein Zug ste­hen muß, da fährt ein and[e]rer ein und macht mir die Sicht unmög­lich. Plötz­lich neben mir: „Ver­zei­hung, aber das war doch gewiß ihr Herr Bru­der?“ Ich stut­ze, und blitz­schnell krei­sen mei­ne Gedan­ken und kom­men zu dem Ent­schluß: Ja, du wirst die selt­sa­me, unver­hofft auf­ge­tra­ge­ne Rol­le spie­len. Ich beja­he, den Herrn dabei ruhig anbli­ckend. „Die­se Ähn­lich­keit war ja auch unver­kenn­bar, ich nahm das auf den ers­ten Blick an“, und nach einer Pau­se: „Man fin­det heut­zu­ta­ge unter Geschwis­tern recht sel­ten ein so herz­li­ches Ver­hält­nis zuein­an­der, wie das bei Ihnen der Fall war.“ Dar­auf bedeu­te­te ich ihm, daß wir uns lan­ge nicht mehr gese­hen hät­ten. Er hat­te anschei­nend Lust noch mehr zu erfah­ren, aber mir wur­de es unge­müt­lich, weil ich mich nicht gut auf’s Lügen ver­ste­he. Ich sage ihm, daß ich müde sei und suche mei­nen Platz auf — er hat sei­nen Platz wei­ter hin­ten. Der Zug fährt ½ Stun­de ver­spä­tet ab, der Herr geht weg vom Fens­ter, ein Blick her­ein — aus ist das Spiel.

Was mich dazu bewog, daß ich mich in ein Gespräch ein­ließ? Sei­ne Annah­me berei­te­te mir heim­li­ches Ver­gnü­gen, es reiz­te mich noch mehr zu hören. Es war viel­leicht ein gefähr­li­ches Spiel; ich sah die Gefahr zei­tig genug, um ihr zu ent­ge­hen. Du wirst des­halb nicht unzu­frie­den mit mir sein? Du kennst mich doch und ver­traust mir.

Die Fahrt nach Chem­nitz ver­ging rasch, eine Fami­lie aus Preß­burg, ein Herr aus Bay­ern und einer aus Roch­litz waren mei­ne Rei­se­ge­fähr­ten. Sie alle hat­ten den Urlaub unter­bre­chen müs­sen. Mei­ne Wei­ter­fahrt ver­lief ganz plan­mä­ßig. In O. gab ich mei­ne Kof­fer auf, Vater hol­te sie dann heim. Was glaubst Du denn, wie die Eltern staun­ten, als ich so uner­war­tet her­ein­platz­te. Ja sieh, seit ich den Fuß über die Schwel­le setz­te, ging es los mit Neu­ig­kei­ten und Auf­re­gun­gen, bis heu­te.

The deserving soldiers of the Slovakian Army being decorated by Slovakian General Catlos.jpeg
“The deser­ving sol­di­ers of the Slo­va­ki­an Army being deco­ra­ted by Slo­va­ki­an Gene­ral Cat­los,” Sept. 1939, foto von Hein­rich Hoff­mann, New York Digi­tal Libra­ry Image ID: 3946320. Licen­sed under Public domain via Wiki­me­dia Com­mons, 08.2014

Kurz nach mei­ner Ankunft wur­den die Lebens­mit­tel­kar­ten ver­teilt. Tag und Nacht holen sie Män­ner, Pfer­de, Wagen, Autos. Bei uns im Haus klin­gel­ten sie nachts ½ 3 Herrn Rut­schnei­der raus zum Ein­tref­fen. Die lie­ben O.er sind wie­der mal so recht in ihrem Fahr­was­ser.  600 Polen­flücht­lin­ge haben wir im Lager, vie­le Frau­en ste­hen schon in Arbeit in den Fabri­ken; doch da sieht es jetzt auch ernst aus, der Ver­sand stockt, Lager­räu­me feh­len, Roh­stof­fe man­geln, wir wer­den bald zur Kurz­ar­beit bestimmt wer­den. Mein lie­ber [Roland]! Was wirst Du nun machen müs­sen, seit die Schu­len geschlos­sen sind? Wie wird das gan­ze nur enden? Die gest­ri­ge Reichs­über­tra­gung hör­ten wir auch gemein­sam, ich war tief beein­druckt davon. Der Chef ist ver­pflich­tet uns jede Son­der­mel­dung mit­zu­tei­len und wir ver­fol­gen mit bren­nen­dem Inter­es­se die Leis­tun­gen unse­rer u. den Ver­lauf der übri­gen Din­ge. Die Mobil­ma­chun­gen der ande­ren machen mich unru­hig, ich traue denen nicht. Bei uns und in der Umge­bung sind schon Gefal­le­ne zu ver­zeich­nen. Gebe Gott einen gnä­di­gen Ablauf der Ange­le­gen­heit. Wir müs­sen alle tap­fer sein, ob Mann oder Frau. Ich sehe uns noch nicht der Hoff­nung beraubt, im Hin­blick auf unser Wie­der­se­hen am 17. Wäre es mög­lich, daß Du eher ein­be­ru­fen wirst? Nun will ich für heu­te schlie­ßen. Mei­ne Gedan­ken sind immer bei Dir, Du mein Gelieb­ter! Gott mit Dir! Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich!

Dei­ne [Hil­de].

T&SavatarsmHerz­lichs­te Grü­ße, alle guten Wün­sche von mei­nen Eltern! Vater hat jetzt täg­lich Nacht­wa­che im Betrieb. Wenn etwas geschieht, bit­te schrei­be mir dann sofort, Du!

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