02. September 1939

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S. am 2. Sep­tem­ber 1939.

Herz­lie­bes!

Einen Sonn­tags­gruß will ich Dir noch schrei­ben.

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Polen, Stra­ßen­kampf, Infan­te­rie, BA Bild 101I-012‑0037-23A, via Wiki­pe­dia Com­mons, 08.2014

Wo sind uns[e]re Feri­en­ta­ge geblie­ben, die sorg­lo­sen, glück­be­sonn­ten Tage? Hart und jäh wur­den sie abge­bro­chen von den wild­be­weg­ten Tagen die­ser Woche, und es gibt kein Aus­schwin­gen und Nach­kos­ten. Der dun­kels­te Gedan­ke aber, kaum faß­bar: Wäh­rend ich am Fens­ter sit­ze, umge­ben von die­ser so reich aus­ge­stat­te­ten, fried­li­chen Land­schaft, da steht die Welt in Brand, nicht an irgend­ei­nem Ende, son­dern an einem Ende, das uns gehört und berührt.

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Fer­di­nand August Gli­en­ke, Brems­dor­fer Müh­le, Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 08.2014

Seit Frei­tag hat der Unter­richt wie­der auf­ge­hört, und ich sit­ze hier zunächst ohne jede Arbeit, untä­tig, und kom­me mir dabei so unnütz vor. Ich habe dem Bür­ger­meis­ter mei­ne Hil­fe ange­bo­ten, er braucht mich nicht. Wenn der Schul­be­trieb wei­ter­hin stil­liegt, will ich mich frei­wil­lig zu dem Wach­kom­man­do auf dem W. mel­den. Es ist da wei­ter nichts zu tun, als nach Flug­zeu­gen Aus­schau zu hal­ten. Dann mache ich mich doch wenigs­tens ein wenig nütz­lich, so untä­tig hal­te ich es nicht län­ger aus. S. ist eine bekann­te, viel­be­such­te Som­mer­fri­sche. Etli­che Som­mer­frisch­ler sind noch da, auch eine Ber­li­ner Dame in mei­nem Hau­se. Sie sind mir zusam­men mit mei­ner Wir­tin zu lus­tig. Ich mag jetzt gar nicht lus­tig sein und könn­te mich jetzt auch fro­hen Her­zens nicht ver­gnü­gen.

Ich den­ke, daß das Leben bei Euch, von allen Klei­nig­kei­ten abge­se­hen, sei­nen gewohn­ten Gang nimmt, daß Ihr gesund und wohl­auf seid. Ich schla­ge vor, daß wir uns jetzt statt des einen lan­gen Brie­fes zwei kur­ze Brie­fe in der Woche schrei­ben, damit wir des öfte­ren Gewiß­heit von­ein­an­der haben.

Ver­za­gen gilt nicht trotz allem!

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Schul­heft, 1929, Pho­to: Andre­as Pra­ef­cke, Public Domain über Wiki­pe­dia Com­mons, 08.2014

Ich den­ke immer an Dich, Liebs­te. Nach­her will ich noch einen Stoß Hef­te, Auf­sät­ze, kor­ri­gie­ren. Sie sind von vor den Feri­en lie­gen geblie­ben. Mor­gen geden­ke ich sie nach L. zu tra­gen. Vor vier­zehn Tagen emp­fin­gen wir Dei­ne Eltern in K., es ist schon so lan­ge her! Bit­te grü­ße Sie [sic] recht herz­lich von mir. Von Hau­se habe ich noch kei­ne Nach­richt. Ich erwar­te sie für mor­gen.

Uns[e]re süßes­ten Stun­den, Liebs­te —, ich wage kaum dar­an zu den­ken. Aber die Gewiß­heit, daß Du mein bist, gibt mir Mut und Halt.

Behü­te Dich Gott!

T&SavatarsmIch küs­se Dich! Ich lie­be Dich! Du, mei­ne lie­be [Hil­de].

Dein [Roland].

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