31. August 1939

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S. am 31. August 1939.

Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Heu­te ist Diens­tag. Die­se Zei­len lege ich mir auf dem Dampf­schiff zurecht. Ich habe jetzt einen eigen­ar­ti­gen Schul­weg: Zu Fuß zum Was­ser­fall, mit der Stra­ßen­bahn bis B., mit dem Schiff bis S..

Hautkoenigsbourg4
Fers à che­val à l’entrée de la for­ge du Châ­teau du Haut-Koenigs­bourg (Alsace), 8. August 2009, von Mon­s­ol­eiiil, CC-BY-SA-3.0–2.5–2.0–1.0, via Wiki­me­dia Com­mons, ein­ge­bet­tet 07.2014
Gegen Abend keh­re ich dann nach L. zurück und brin­ge dort alles in[‘]s Rei­ne. Heu­te abend aber wer­de ich dann wie im Mär­chen sagen: Nun komm ich noch ein­mal und dann nim­mer­mehr. Du kannst Dir den­ken, daß mich auf mei­nen Wegen so man­cher­lei bewegt. Es ist wie­der ein­mal ein Wen­de­punkt erreicht. Der Abschied von Schu­le und Ort wird mir nicht schwer. Die Schul­ver­hält­nis­se waren trüb und man­gel­haft. Lieb gewor­den ist mir die Blei­be, das Haus mit den 5 Huf­ei­sen, das für Dich und mich ein Ort kost­ba­rer Erin­ne­rung gewor­den ist.

Aber nun erst was mich am meis­ten bewegt:

Soviet tanks cross Khalkhin Gol river 1939.jpg
Sowie­ti­scher Pan­zer über­que­ren die Khalk­hyn Gol Flus­se im Sowiet-Japa­ni­schen Grenz­kon­flikt, August 1939, Quel­le: http://victory.rusarchives.ru/index.php?p=31&photo_id=1297, durch Wiki­pe­dia Com­mons, von Виктор Антонович Тёмин, ein­ge­bet­tet 07.2014

Es war so scha­de, daß sich der Schat­ten des Kriegs­ge­spens­tes so auf unse­re letz­ten Feri­en­ta­ge leg­te. Wenn ich auch sonst mei­ne Ruhe bewah­re, es legt sich mir schwer auf[‘]s Gemüt und lähmt jede Freu­de. Und unser Abschied, Liebs­te, er war so ein­sil­big, nüch­tern — ich möch­te mir Vor­wür­fe dar­um machen — es war gar kein rech­ter Abschied. Und das ist doch wie­der ein gutes Zei­chen: Im Ver­trau­en auf Gott dür­fen wir froh dar­an den­ken, daß wir ein­an­der gewiß gewor­den sind, daß wir uns gar nicht mehr tren­nen wol­len. Dan­ke, Liebs­te, die Pro­be­zeit ist vor­bei! Was wir uns wünsch­ten, wor­um wir sorg­ten, es ist uns nun geschenkt. Es macht mich glück­lich, daß Du Dir so rasch das Ver­trau­en und die Wert­schät­zung mei­ner Eltern erwor­ben hast. Ach Liebs­te, wie leicht ist alles gewe­sen. Und Du darfst froh und stolz sagen, daß Du Dir mei­ne Lie­be erobert hast.

Gott seg­ne unser[e]n Bund und wache über uns[e]rer Zukunft!

Am Don­ners­tag.

Herz­al­ler­liebs­te!

Heu­te gewin­ne ich zum ers­ten­mal [sic] Zeit zum Schrei­ben. Ich habe eine neue Blei­be. Aus dem gro­ßen Fens­ter mei­nes freund­li­chen Wohn­zim­mers im Erd­ge­schoß bli­cke ich über den Vor­gar­ten, die Stra­ße und eine Wie­se auf die Elbe. Von drü­ben dringt lie­bes, ver­trau­tes Geräusch: die Bahn, heu­te öfter als in den ver­gan­ge­nen Tagen. Doch nun will ich ein wenig der Rei­he nach schrei­ben.

Bundesarchiv Bild 183-B24528, Ausbildung, Grenadier bei Übung mit dem Bajonett
Wehr­macht Aus­bil­dung, Gre­na­dier bei Übung mit dem Bajo­nett, BA Bild 183-B24528 / CC-BY-SA, Wiki­pe­dia Com­mons, ein­ge­bet­tet 07.2014
Mein Zug ver­ließ den Haupt­bahn­hof etwa eine Vier­tel­stun­de spä­ter. Ich hät­te Dich so ger­ne abfah­ren sehen. Aus dem Laut­spre­cher dröhn­te es noch wie­der­holt her­auf: Ach­tung, Bahn­steig 10…! Aber nun bist Du wohl wie­der wohl­be­hal­ten zu Hau­se. Gegen 4 war ich in S.. Ich ließ mich über­set­zen mit mei­nen bei­den Kof­fern und ver­schnauf­te erst ein­mal in einem Kaf­fee. Bei­läu­fig frag­te ich nach der Schu­le, mei­ne Kof­fer befahl ich der Obhut eines jun­gen Man­nes, der mir den Ein­druck mach­te, als wol­le er noch län­ger dasit­zen, und dann mach­te ich mich auf den Weg zur Schu­le. Unter­wegs frag­te ich einen Jun­gen nach dem Schul­lei­ter. „Der ist bei den Sol­da­ten“. Nun zum Bür­ger­meis­ter. Der war eben unter­wegs und ver­teil­te Lebens­mit­tel­be­zugs­schei­ne. Aus dem Gespräch mit ihm ergab sich fol­gen­de Lage: Ich bin doch rich­tig ver­setzt. Der Schul­rat hat mich gegen einen dienst­jün­ge­ren Aus­hilfs­leh­rer (!) aus­ge­tauscht, also rich­tig straf­ver­setzt. Ich bin hier vor­läu­fig der ein­zi­ge Leh­rer, mein eige­ner Schul­lei­ter und brau­che jetzt auch nicht zu pen­deln. — Mit die­sem Bescheid mach­te ich mich auf den Weg nach L., mit dem Dampf­schiff nach B., mit der Stra­ßen­bahn zum Was­ser­fall und dann hin­auf. Ich habe dabei dar­an gedacht, daß ich die­se Wege mit ande­ren Gedan­ken und Gefüh­len schon gegan­gen bin. Nun fühl­te ich mich in den alten Räu­men für[‘]s ers­te gebor­gen. Hoff­manns hat­ten schon eine Ahnung, sie waren betrübt. Aber wir haben alle ver­mie­den, mit Wor­ten viel dar­an zu rüh­ren. Ich war wie­der wie zu Hau­se.

Den Schul­be­ginn hat­te ich auf ½ 9 fest­ge­setzt. ¾ 6 bin ich auf­ge­stan­den, wie­der hin­un­ter­ge­pil­gert zur ers­ten Stra­ßen­bahn, von B. dann rüs­tig durch den fri­schen Mor­gen gestapft, der neu­en Arbeit ent­ge­gen. Von 8 — 11 die Gro­ßen, von 1 — 3 die Klei­nen. ½ 4 Uhr habe ich mich wie­der auf den Damp­fer gesetzt und die Heim­rei­se ange­tre­ten, dies­mal deut­lich mit dem Gefühl, daß ich Hei­mat­los sei. Um die neue Woh­nung ging mei­ne Sor­ge. Der Bür­ger­meis­ter nann­te mir ein paar Leu­te, von denen er dach­te, daß sie 2 Zim­mer ver­mie­ten wür­den. Es klapp­te nicht. Oben war unter­des­sen mein Nach­fol­ger ein­ge­zo­gen. Ein wenig schmerz­lich und befrem­dend, weil ich doch bis 31. August gemie­tet hat­te: Frau Hoff­mann hat­te mich umquar­tiert in Dein Zim­mer vorn her­aus, der Rei­se­korb war vom Boden geholt und stand vor der Tür mit der stum­men Wei­sung: „Nun pack ein!“ So zöger­te ich denn auch nicht län­ger, obwohl ich so müde war. Am Vor­tag hat­te ich nicht dran­ge­hen wol­len. So war es ein Abschied­neh­men ohne Besin­nen, in Hast und Schweiß, von den gelieb­ten Räu­men. Über alle Trau­rig­keit die­ses Tages aber sieg­te der Gedan­ke an Dich, Gelieb­te. In Dei­nem Bett­lein, in Dei­nem Käm­mer­lein habe ich gut geschla­fen. So ward aus Abend und Mor­gen der drit­te Tag. An ihm muß­te sich die Woh­nungs­fra­ge ent­schei­den. Wie­der der­sel­be Schul­weg. Vor dem Mit­tag­essen ging ich auf Emp­feh­lung mei­nes Nach­fol­gers, eines net­ten, lie­ben Men­schen vom ers­ten Ein­druck, zum Hau­se der Wit­we Schei­be, Nr. 31 p. Sie war im Dorf. Ich muß­te war­ten. Sie kam. Sie gefiel mir. Sie woll­te mich neh­men. Aber 2 Zim­mer. Es wür­de mög­lich sein. Die Lage gefiel mir. Die Räu­me gefie­len mir. Ich war bereit, um jeden Preis anzu­bei­ßen. Und nun dreh­te es sich nur noch um den Preis. „Ich habe schon an Zoll­be­am­te ver­mie­tet, und habe für das Zim­mer 20 M bekom­men ohne Licht und Hei­zung”“ (!!). Dar­auf ich: Ich habe für 2 Zim­mer mit Licht und Hei­zung 21 M bezahlt. Dar­ob [sic] leb­haf­tes Abweh­ren. Zwei unver­ein­ba­re Stand­punk­te. Aber wir sind doch einig gewor­den: Ich zah­le 28 M ohne Licht und Hei­zung. Frei­lich ist es teu­rer. Aber ich woh­ne wie­der ent­zü­ckend, Du, es wird Dir gefal­len. Hof­fent­lich kannst Du mich bald ein­mal besu­chen. Mein Schlaf­zim­mer, ein Bal­kon­zim­mer im ers­ten Stock, ist noch bis Sonn­tag besetzt von einem Som­mer­gast. Erleich­tert trat ich den Heim­weg an, nun wie­der ganz mit dem Schlach­ten­plan mei­nes Umzu­ges beschäf­tigt. Für Mitt­woch­mor­gen ¾ 7 bestell­te ich mir einen gro­ßen Miet­wa­gen. Ich stell­te alles Gepäck bereit und leg­te mich müde zu Bett. So ward aus Mor­gen und Abend der vier­te Tag. Pünkt­lich fuhr mein Wagen vor. War ich frü­her froh dar­über und stolz dar­auf Hab­chen­bab­chen [sic] im gro­ßen Rei­se­korb abschlep­pen zu kön­nen, so sah ich mich jetzt erschreckt einer gan­zen Aus­stat­tung gegen­über: Rei­se­korb, 2 Rea­le [sic], ein Kof­fer, die Gei­ge, 2 Pake­te, und alles gerap­pelt voll und dabei das Bett noch zurück­ge­las­sen. Nach­dem alles kunst­voll ver­staut war, ein kur­zer Abschied (Wir bei­de sol­len bald ein­mal zu Besuch kom­men), und fort ging’s. Nun weiß ich doch zunächst wie­der, wohin ich gehö­re. Mein Zim­mer trägt noch die Spu­ren des Umzugs, Kis­te und Kof­fer ste­hen her­um, aber es bedeu­tet noch nicht Aus­zug. Kurz nach Mit­tag habe ich mich wie­der auf den Zug gesetzt, um nach S. zu fah­ren, Geld zu holen, mein Kon­to zu löschen. Auf dem Rück­weg bin ich wie­der durch L. , habe Ummel­dun­gen und Abmel­dun­gen besorgt und mei­ne Auto­fuh­re bezahlt. Wie ein Geist bin ich 3 Tage in L. umge­gan­gen, nach­dem ich doch nun nicht mehr dahin­ge­hör­te, Kin­der und Erwach­se­ne sahen mir nach wie einer Erschei­nung. Mitt­woch­abend 9 Uhr lang­te ich in mei­ner Behau­sung an, müde, die wich­tigs­ten Arbei­ten waren getan.

Es war so vie­ler­lei in die­sen Tagen. Die Schu­le war nur Neben­sa­che. Und hin­ter mei­nen klei­nen Auf­re­gun­gen immer die gro­ße Unru­he der Welt­ge­schich­te. Ich bli­cke dank­bar zurück auf die­se Tage: Es ist ohne Unfall, es ist wie im Traum von selbst gegan­gen. Und ich weiß, woher mir ein Teil der Kraft dazu kam.

WIZARD OF OZ ORIGINAL POSTER 1939.jpg
Wizard of OZ Film­pla­kat, MGM, 1939, Quel­le: http://daw.dyndns.org/images/ movies/posters/wizard%20 of%20oz.jpg, via Wiki­pe­dia Com­mons, gemein­frei, ein­ge­bet­tet 07.2014

Eben ist ein Schlepp­zug vor­bei­ge­fah­ren. Die schmu­cken Elb­damp­fer, die Boten der Sonn­tags- und Feri­en­freu­den, zie­hen an mei­nem Fens­ter vor­bei. Und unter mei­nen Augen glei­ten die Was­ser der Elbe stumm vor­über und brin­gen Grü­ße aus unse­rem Mär­chen­land, Liebs­te! Ist das nicht herr­lich?

Weil ich Dich habe und weil Du mir bleibst, wer­de ich bald ver­schmer­zen. Beim nächs­ten Umzug darfst Du mir hel­fen. Ich bin nicht mehr allein, lie­be, lie­be [Hil­de]!

Das mag für heu­te genug sein. Die Eltern sol­len auch noch ein paar Zei­len haben.

Möch­te Gott das Unglück eines Krie­ges gnä­dig abwen­den. Er behü­te Dich und die Dei­nen.

Sei recht herz­lich gegrüßt von Dei­nem [Roland].

Ich küs­se Dich, ich lie­be Dich, Du mei­ne lie­be [Hil­de].

T&SavatarsmDein [Roland].

Ver­giß nicht, Dei­ne lie­ben Eltern herz­lich zu grü­ßen. Erstat­te Ihnen [sic] bit­te Bericht

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