05. August 1939

[390805–1‑1]

K. am 5. August 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Briefmark, DR 1939 687 Automobilausstellung Auto-Union und Mercedes-Benz, Public domain über Wikimedia Commons, eingebettet 07.2014
Brief­mark, DR 1939 687 Auto­mo­bil­aus­stel­lung Auto-Uni­on und Mer­ce­des-Benz, Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, ein­ge­bet­tet 07.2014

Nun sit­ze ich tat­säch­lich wie­der in K.. Sprung­haft wie im Kino wech­seln wir mit Auto und Eisen­bahn die Schau­plät­ze. Wenn ich hät­te heim­wan­dern müs­sen, wäre der Abschied län­ger gewor­den. Du hät­test mich bis zur E. beglei­tet. Und dann hät­te ich ja noch oft zurück­bli­cken müs­sen, bis auch der letz­te Schorn­stein­kopf und die Kirch­turm­spit­ze ver­schwun­den wären. Und so lang­sa­mer und all­mäh­lich hät­ten sich auch die Gedan­ken gelöst von dem Ver­gan­ge­nen. Und so wird deut­lich, wie die alte Zeit ohne Auto und Eisen­bahn bes­ser ver­ar­bei­te­te und ver­dau­te.

Der Abschied ist mir nicht schwer gewor­den. Will[‘]s Gott, wirst Du bald wie­der bei mir sein. Ich konn­te auch zufrie­den heim­keh­ren, zufrie­den mit dem Ergeb­nis mei­ner Rei­se. Wenn wir ein­an­der in unse­ren Hei­matorten und Eltern­häu­sern besu­chen, ist es ja ganz anders als wenn wir uns an einem drit­ten Ort begeg­nen. Hier sind wir frei und unge­bun­den. Dort sehen wir uns in allen Schran­ken, Bin­dun­gen und Befan­gen­hei­ten die­ses Lebens. Die bei­den Bil­der, die wir so von­ein­an­der gewin­nen, wer­den aller­meist klei­ne Unter­schie­de zei­gen, sie ergän­zen und kor­ri­gie­ren ein­an­der. Wel­ches der bei­den Bil­der ist wert­vol­ler, wich­ti­ger, auf­schluß­rei­cher, ech­ter? Wohl das Bild, das uns in den Bin­dun­gen die­ses Lebens zeigt, unter Eltern und Groß­el­tern, unter Freun­den und Bekann­ten, in Haus und Beruf; denn dort haben wir uns bis­her bewäh­ren müs­sen, Stel­lung und Leu­mund, dort sind das Ergeb­nis von Jah­ren. Das ist die Ban­gig­keit in der Erwar­tung des ers­ten Besuchs im Eltern­haus: Wer­de ich die guten Ein­drü­cke, die ich von ihr gewann, bestä­tigt fin­den? Die­se Fra­ge hat in unse­rem beson­de­ren Ver­hält­nis ein beson­de­res Gewicht. Wir bei­de allein, Liebs­te, sind uns ja fast einig, und ich habe mir schon manch­mal gewünscht, wir dürf­ten nun allein und unge­stört, allein allen arg­wöh­ni­schen und miß­güns­ti­gen und zudring­li­chen Bli­cken ent­zo­gen, schaf­fen und bau­en. Aber das ist ja unmög­lich in die­ser Welt. Nie­mand kann allein ste­hen. Wir müs­sen der Mit­welt die Ach­tung und Berech­ti­gung unse­res Bun­des abrin­gen. Und wenn wir kei­ne Ent­täu­schun­gen erle­ben wol­len, müs­sen wir ein­an­der auch ken­nen ler­nen in allen Bin­dun­gen und müs­sen mit unse­rem Ja zuletzt auch die­se Bin­dun­gen beja­hen; denn kein Mensch lebt ohne Vor­aus­set­zun­gen und alle sind wir ver­floch­ten und ver­wur­zelt in Sip­pe und Geschlecht. Aus ver­schie­de­nen Grün­den viel mir hier die schwe­re­re Auf­ga­be zu. Du weißt und ver­stehst, daß mir davor bang[t.] Ich den­ke an den ers­ten, zag­haf­ten Schritt, und den­ke dar­an, wie­viel muti­ger ich nun dies­mal an die Lösung der Auf­ga­be her­an­ging. Weil ich Dich lie­be und Dir ver­traue, und weil Dein Wesen mir Ver­trau­en ein­flößt, kam mir die Kraft dazu; und weil ich nicht ent­täuscht wur­de, ließ die­se Kraft nicht nach.

So war mein Besuch eine rich­ti­ge Auf­ga­be, und kei­ne unwich­ti­ge. Ich kam nicht, um zu spio­nie­ren. Aber wenn ich Dich nun sah, neben Eltern und Groß­el­tern, dann begann ein heim­li­ches Mes­sen und Wägen und Lau­schen, und wo über­all wir uns zeig­ten und gese­hen wur­den, da gab es einen klei­nen Kampf zu bestehen in uns, und vor­ein­an­der und mit den ande­ren, Du hast es auch gespürt. Und ich kann von mir sagen, daß ich nicht ohne Lust gekämpft habe.

Nach allem, was ich nun bei Dei­nen Ver­wand­ten sah und hör­te, könn­te ich längst kei­ne gül­ti­gen Urtei­le fäl­len, aber alle Ein­drü­cke zusam­men gaben ein gutes Bild, und ich konn­te froh sein bei dem Gedan­ken, daß die guten Gaben, die ich an Dir ken­ne und schät­ze, nicht zufäl­lig sind und Aus­nah­me, son­dern daß sie in Eurer Fami­lie lie­gen, bis­her viel­leicht unbe­ach­tet und unent­wi­ckelt. In Dei­nem Eltern­haus emp­fing ich mir gute Ein­drü­cke. Ich erhielt Ein­blick in Euren har­ten Werk­tag. Ich sah, wie so kame­rad­schaft­lich Ihr die Mühen teilt und so Euer Haus­we­sen auf der Höhe hal­tet. Ich sehe, wie Dei­ne Eltern schaf­fen, damit du es ein­mal leich­ter haben sollst, lie­be [Hil­de]! Viel­leicht ist das der ein­zi­ge und bes­te Sinn, den ihre har­te, böse Arbeit haben kann.

Was bleibt von uns bei­den zu sagen? Du sel­ber hast so tap­fer durch­ge­hal­ten, Liebs­te, und mir jeden Tag noch so vie­le Stun­den Gesell­schaft geleis­tet. Hast Du sie in guter Erin­ne­rung und hast Du auch kei­ner­lei Scha­den genom­men? War es nicht schön wie schnell wir immer unser Ver­traut­sein wie­der­fan­den? Haben wir nicht schon unse­ren eige­nen Ton und unse­re eige­ne Spra­che, in der nur wir uns ver­ste­hen und die wir abschal­ten, wenn ande­re zuge­gen sind? Ach Liebs­te, ich bin so glück­lich, daß Dei­ne Nähe mich so auf­ge­schlos­sen macht! Möch­te es doch immer so blei­ben!

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Ribes rubrum, von Jer­zy Opioła, CC-BY-SA‑3.0, Wiki­me­dia Com­mons, ein­ge­bet­tet 07.2014

Herz­lie­bes! Sei mir nicht böse. Dein Brief ist nicht fer­tig gewor­den. Ich bin so schreib­faul und muß erst alle ver­nünf­ti­gen Gedan­ken wie­der her­zu­kra­men [sic]. Am Don­ners­tag kam ich erst ½ um 1 Uhr nach Hau­se. Der D‑Zug hat­te ½ Std. Ver­spä­tung. Das kann Dir also auch blü­hen. Der nächs­te Zug nach K. fährt dann … Uhr (ohne Umstei­gen in A.). Am Frei­tag­vor­mit­tag habe ich bei Fren­zels auf dem T. Johan­nis­bee­ren gepflückt für uns, ges­tern, Sonn­abend­nach­mit­tag als noch ein­mal als Ern­te­hil­fe für den Opa in L. zum Johan­nis­beer­wein. Heu­te, Sonn­tag, erhielt ich auf mei­ne Anfra­ge Ant­wort von Ober­leh­rer Kai­ser. Ich soll mor­gen zu ihm kom­men. Ab Diens­tag soll es dann 3 oder 4 Tage nach Böh­men gehen. Am Wochen­en­de soll ich zurück­keh­ren. Ich den­ke dar­an, daß nun alle Brie­fe, die Du noch schreibst, nicht mehr in mei­ne Hand gelan­gen. Wir rech­nen mit Dei­ner Ankunft am nächs­ten Sonn­tag, so wie es ver­ab­re­det war. Du bist uns allen recht herz­lich will­kom­men und sollst Dich in die­sen 14 Tagen unter ande­rem auch recht erho­len! Mit Dei­nem Auf­ent­halt bei uns sol­len mei­ne Feri­en ihre Krö­nung erhal­ten. Soll­test Du noch etwas Wich­ti­ges, Dei­ne Ankunft und Rei­se betref­fen­des, zu ver­mel­den haben, müß­test Du es an mei­ne Eltern rich­ten, damit es über­haupt geöff­net wird. Von mir wirst Du noch hören.

Hast nun allen Schlaf nach­ge­holt, Liebs­te? Kannst Dich nun in der eige­nen Floh­kis­te, die­sem Wun­der­werk, was die Abmes­sun­gen betrifft, lang­stre­cken [sic]. Schlaf Dich mun­ter und gesund, laß Dir süßes träu­men. Behü­te Dich Gott. Nun darf ich Dir schon wie­der glück­li­che Rei­se wün­schen. Komm zu mir, Liebs­te!

T&SavatarsmIch küs­se Dich, ich lie­be Dich!

Dein [Roland].

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