21. Juli 1939

[390721–1-1]

L. am 21. Juli 1939.

Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Mit Dei­nem Brief und Dei­ner Über­ra­schung hast Du mir eine recht gro­ße Freu­de berei­tet. Nun kommt mir erst die rech­te Feri­en­freu­de. Feri­en mit Dir, Liebs­te, die Hälf­te aller Tage, so Gott will, wer­de ich mit Dir ver­le­ben! Ich bin Dir so dank­bar für die Über­ra­schung, für Dein lie­bes Geschenk, Du! Bis heu­te war ich noch unent­schlos­sen, ohne rech­ten Plan.

Steilküste bei Ahrenshoop, CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons. 06.2014
Steil­küs­te bei Ahrens­hoop, CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons. 06.2014

Vor­ges­tern schrieb Ober­leh­rer Kai­ser. Er schil­dert in humor­vol­ler Wei­se sei­ne Heil­gym­nas­tik und lädt mich ein, mit ihm eini­ge Tage durch Böh­men zu wan­dern, Anfang oder Ende August. Ges­tern schrie­ben Elfrie­de und Hell­muth, daß sie sich zu einer Ost­seerei­se ent­schlos­sen haben. Heu­te Frei­tag sind sie abge­dampft. „Auf Wie­der­se­hen an der Ost­see“, so grü­ßen sie gar ver­lo­ckend. Ges­tern habe ich schon gerech­net und über­schla­gen. Aber die Rech­nung woll­te nicht auf­ge­hen, weil ich Dich noch nicht ein­set­zen konn­te, mein klei­nes, lie­bes Anhäng­sel. In Gesell­schaft der bei­den mit Dir am Ost­see­strand, die­ser Plan gefiel mir wohl am bes­ten. Nun muß der Nebel all die­ser Pläne[n] der Klar­heit der Ent­schlüs­se wei­chen. Daß Dein Urlaub am Ende liegt, ist eine Tat­sa­che, an der ist nicht zu rüt­teln, mit der müs­sen wir rech­nen und es ist mir nun bei­na­he lieb, als damit der kost­spie­li­ge Traum von der Ost­see­rei­se end­gül­tig ver­wor­fen ist. So wird es denn vor­aus­sicht­lich so: Am Don­ners­tag kom­me ich wie ver­ab­re­det zu Euch, zu Dir, auf Besuch, einen Tag zur Pro­be, und wenn es mir gefällt und Ihr mich nicht hin­aus­steckt, gebe ich einen Tag zu. Für die 3. Feri­en­wo­che (6.–12. August) wer­de ich mich bei Ober­leh­rer Kai­ser anmel­den. Die 4. und 5. Woche, Liebs­te! 14 lan­ge Tage und Näch­te, Du!, gehö­ren dann uns bei­den! Eine Woche, ich den­ke die letz­te, wirst Du bei uns sein in K.. Und die 4. Woche, Liebs­te, was begin­nen wir mit der? Eigent­lich ist das ja so gleich: Du wirst bei mir sein! Hier mußt Du mir mit Dei­nem Rat hilf­reich bei­sprin­gen. Nr. 1 bit­te ich Dich recht gründ­lich zu erwä­gen, womög­lich unauf­fäl­lig die Mei­nung Dei­ner Eltern zu erkun­den: Wer­den sie damit rech­nen, daß ich, zur Revan­che sozu­sa­gen, die­se Woche bei Euch ver­le­be, daß Du in die­ser Woche viel­leicht Dei­ne Mut­ter im Haus­halt ver­trittst und ent­las­test? Ich könn­te mir das so den­ken, und wür­de m[ich] ver­pflich­tet füh­len, dar­auf Rück­sicht zu neh­men, und wir br[ä]uchten des­halb nicht zu kurz zu kom­men. Nr. 2: Wir könn­ten uns eine hüb­sche Rei­se aus­den­ken, viel­leicht eine Rad­wan­de­rung von Euch aus, oder auch ganz anders.

C 5 - Gebot für Radfahrer, Verbot für alle anderen Verkehrsteilnehmer, StVO 1934, von Mediatus, CC0 über Wikimedia Commons. 06.2014
C 5 — Gebot für Rad­fah­rer, Ver­bot für alle ande­ren Ver­kehrs­teil­neh­mer, StVO 1934, von Media­tus, CC0 über Wiki­me­dia Com­mons. 06.2014

Ach Liebs­te, ist es nicht herr­lich, soviel Mög­lich­kei­ten vor Augen, weil Du nun den lan­gen Urlaub hast, wie beglü­ckend der Gedan­ke, daß ich so lan­ge mit Dir sein soll! Und nun freue ich mich auch heim­lich auf[‘]s Plä­ne­ma­chen, Du! Dür­fen wir es nicht, doch, doch, lei­se und heim­lich. Gebe Gott, daß uns meist alles nach Wunsch geht! Denkst Du dar­an? Genau vor Jah­res­frist muß­te ich umkeh­ren und Dich mit einer Ent­täu­schung betrü­ben. Ges­tern habe ich die­se Tage noch ein­mal an mir vor­über­zie­hen las­sen. Ein wenig Schuld an dem Miß­ge­schick waren auch die von Erwar­tung über­reiz­ten Ner­ven.

Hamburger Brand Zollenbruecke, Hamburger Staatsarchivs / German Wikipedia, original upload 8. Sept. 2004, Public domain über Wikimedia Commons. 06.2014
Ham­bur­ger Brand Zol­len­bru­ecke, Ham­bur­ger Staats­ar­chivs / Ger­man Wiki­pe­dia, ori­gi­nal upload 8. Sept. 2004, Public domain über Wiki­me­dia Com­mons. 06.2014

Vor dem ver­gan­ge­nen Sonn­tag war mir ein wenig ban­ge. Er sah von wei­tem so leer aus. Er begann mit einem hei­ßen, präch­ti­gen Som­mer­vor­mit­tag. Wir hat­ten eine unwahr­schein­lich gute Sicht, die auf Wet­ter­um­schlag hin­deu­tet. 2 Stun­den habe ich wohl zur Mor­gen­toi­let­te gebraucht, dann bin ich mit dem Pho­to­ap­pa­rat los gezo­gen. Es war so rich­ti­ges Pho­to­wet­ter. Die bes­ten Stü­cke der Beu­te lege ich bei, alles Auf­nah­men von der H.seite, dazu noch drei von unse­rem Aus­flug zum V. und den A.. Für den Nach­mit­tag hat­te ich mich also nach H. ver­spro­chen. Froh und berei­chert kehr­te ich zurück, war gegen 8 Uhr zu Hau­se, bevor das Abend­ge­wit­ter begann. Sel­ma verw. Hof­mann geb. S., eine rich­ti­ge Tan­te, ihre Mut­ter Ernes­ti­ne S. geb. [Nord­hoff] war die ein­zi­ge Schwes­ter mei­nes Groß­va­ters. Mein Groß­va­ter wirk­te etwa 10 Jah­re als Leh­rer und Kan­tor in S., beim gro­ßen Stadt­bran­de 18… brann­te er mit ab. Er fand dann Unter­schlupf im Pfarr­haus. Bis zu sei­ner Ver­hei­ra­tung mit der Pfar­rers­toch­ter U. führ­te ihm sei­ne Schwes­ter Ernes­ti­ne die Wirt­schaft. Frau Hof­mann hat den Groß­va­ter gut gekannt, sieht ihm selbst ziem­lich ähn­lich. Sie hält alle Hän­de auf die [Nordhoff]sche Ver­wandt­schaft, kennt alle und inter­es­siert sich für uns. Sie zeig­te sich sehr erfreut dar­über, daß sie mich nun in ihre Bekannt­schaf­ten ein­wei­hen konn­te. Sie hat­te geglaubt, ich sei zu stolz, sie auf­zu­su­chen. Frau Hof­mann hat über 35 Jah­re den Hand­ar­beits­un­ter­richt in H. erteilt und bezieht davon noch eine Pen­si­on. Ihre Toch­ter sieht einer ande­ren Ver­wand­ten sehr ähn­lich. Wenn Du wie­der ein­mal bei mir bist, suchen wir ‚die neue Tan­te’ ein­mal auf.

Da fällt mir eben ein: Wäh­rend mei­nes Besuchs in O. rich­ten wir es ein, daß wir Dei­ne Groß­el­tern ein­mal mit auf­su­chen.

Am Mitt­woch sind wir nach H. zum K. gewan­dert. Mit­tags um 12 zogen wir los. Der Weg dahin ist wenig schat­tig, ich war kle­cken­aß. Abends ½ 9 lang­ten wir zu Hau­se an. Die gan­ze Nacht hat es gedon­nert, nicht böse, aber ver­nehm­lich, der von Dir erwähn­te Wind­stoß war bei uns gegen Mit­ter­nacht, die Fens­ter krach­ten, mei­ne Tür sprang auf, ich war nicht gleich ein­ge­schla­fen und erwach­te aus dem ers­ten Träu­men. Am Don­ners­tag waren alle dar­ob [sic] recht ver­schla­fen, die Kin­der zum Glück mehr als der Leh­rer.

Heu­te und mor­gen Sonn­tag bin ich schon wie­der ein­ge­spannt, Begrü­ßungs­abend und Kir­chen­dienst. Mon­tag­mit­tag sol­len sich die Pfor­ten uns[e]res Unter­neh­mens schlie­ßen. Noch am Abend hof­fe ich zu Hau­se ein­zu­tref­fen. Bis zum Don­ners­tag will ich mich ein wenig instand­set­zen [sic] und dann — ich will am Vor­mit­tag rei­sen, es ein­mal mit dem Zug ver­su­chen, den Du letzt­hin benutzt und der nach dem Fahr­plan […] in O. ein­trifft. Die bei­lie­gen­den Zei­len hän­di­ge bit­te Dei­nen Eltern aus. Daß Du mei­nen Eltern einen Brief zukom­men lie­ßest, freut mich recht sehr, auch dar­um, weil sie Dich dabei mit einer star­ken Sei­te ken­nen ler­nen. Das darf ich doch sagen? Du!

Ach Liebs­te, nun steht uns, will’s Gott, wie­der so viel bevor! Und wir dür­fen hof­fen, daß wir dar­auf zurück­bli­ckend es emp­fin­den: es waren schö­ne, unver­lier­ba­re Tage, sie haben uns[e]re Her­zen noch enger ver­bun­den.

Ich erwar­te bis Mitt­woch noch ein paar Zei­len nach K..

Und nun, lie­be [Hil­de]? Daß Du Dich sehnst und mich liebst, macht mich glück­lich. Gott behü­te Dich!

Nun darf ich bald zu Dir kom­men, Dir zei­gen, daß ich Dich lie­be. Ich seh­ne mich nach Dir, ich küs­se Dich, ich lie­be Dich!

T&SavatarsmDein [Roland].

Die Zei­len an Dei­ne lie­ben Eltern sind nicht ganz fer­tig gewor­den. Sie fol­gen bald nach. Bit­te bestel­le Dei­nen Eltern herz­li­che Grü­ße.

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