Trug und Schein: Ein Briefwechsel

14. Juli 1939*

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L. am 14. Juli 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Die­se Woche ist mir schnell ver­gan­gen. Ich habe jeden Tag Dei­ner gedacht, aber nicht so unge­dul­dig wie vori­ge Woche. Ist es, weil wir am Sonn­tag uns so lieb hat­ten, oder ist es, weil wir hof­fen dür­fen, uns bald wie­der­zu­se­hen? Auf der Heim­fahrt — sie ver­lief ganz plan­mä­ßig — betrüb­te es mich, daß wir es dul­den müs­sen, wie uns der Zug Kilo­me­ter um Kilo­me­ter, Hal­te­stel­le um Hal­te­stel­le auseinanderfü[hrt], Dich weit nach Wes­ten, mich nach Süden, bedrück­te mich auch der Gedan­ke, wie Pflicht und Beruf die Glie­der einer Fami­lie, die zusam­men sich so gut hel­fen und stär­ken könn­ten, aus­ein­an­der­reißt in Fer­ne und Frem­de, wo nun jedes ein­zeln viel schwe­rer sei­nen Mann ste­hen muß.

Adolf Wissel, Kalenberger Bauernfamilie, 1939, auf der Großen Deutschen Kunstausstellung von Hitler für die Reichskanzlei angekauft; Eigentum der BRD. Herunterladen von der Ausstellung „Adolf Wissel - ein Maler aus Velber“ der Heimatmuseum Seelze, 29.04. - 30.09.2012, herunterladen 06.2014
Adolf Wis­sel, Kalen­ber­ger Bau­ern­fa­mi­lie, 1939, auf der Gro­ßen Deut­schen Kunst­aus­stel­lung von Adolf Hit­ler für die Reichs­kanz­lei ange­kauft; Eigen­tum der BRD. Aus der Aus­stel­lung „Adolf Wis­sel — ein Maler aus Vel­ber“ der Hei­mat­mu­se­um Seel­ze, 29.04. — 30.09.2012, her­un­ter­la­den 06.2014

Ich bin Dir von Her­zen dank­bar, daß Du gekom­men bist. Zu Hau­se emp­fin­de ich deut­li­cher, daß Du zu mir, zu uns gehörst. Ach Liebs­te, mir ist gar nicht ban­ge bei dem Gedan­ken, daß Du ein­mal immer bei mir bist, mir ist auch nicht ban­ge vor dem All­tag. Wenn ich dann vom Dienst in der Öffent­lich­keit flie­hen kann in die trau­te Heim­lich­keit des Hei­mes, an des­sen Schwel­le dann mein Herz­lieb mich erwar­tet — Du weißt dar­um. Und mei­ne gan­ze Kraft will ich dar­an­set­zen, Dir die Ban­gig­keit der Frem­de zu ver­trei­ben. Ach Liebs­te, ich fürch­te auch nicht die stil­len Tage, in denen sich die neue Lie­be ent­zün­det. Ich freue mich dar­auf, mit Dir zu bau­en und zu schaf­fen.

Ein bekannter deutscher Organist und Leiter des Thomanerchors Leipzig, aus dem Heft (Teil I) „Die Riesenorgel von Breslau“, P. Walcker, Frankfurt/Oder, 1914, über Wikimedia Commons. 06.2014
Ein bekann­ter deut­scher Orga­nist und Lei­ter des Tho­man­er­chors Leip­zig, aus dem Heft (Teil I) „Die Rie­sen­or­gel von Bres­lau“, P. Walcker, Frankfurt/Oder, 1914, über Wiki­me­dia Com­mons. 06.2014

Es war die­se Woche eine beweg­te Woche. Am Mon­tag­abend hat­te mich unser Pfar­rer zum Abend­brot gebe­ten. Dabei eröff­ne­te er mir, daß der Kir­chen­vor­stand mich zum Nach­fol­ger des Kan­tors aus­er­se­hen hat. Ich erklär­te ihm, daß ich grund­sätz­lich bereit sei, das Amt zu über­neh­men, berich­te­te ihm über die Lage der Din­ge und sag­te ihm, daß ich davon über­zeugt sein man wer­de mich hier nicht her­an­las­sen. Am Don­ners­tag habe ich wegen der­sel­ben Ange­le­gen­heit beim Schul­rat vor­ge­spro­chen, habe ihm ohne Umschwei­fe alles dar­ge­legt. Er hat nichts ein­ge­wandt, hat wenig dazu gesagt. Die Audi­enz war ziem­lich kurz und ende­te mit dem Bescheid, ich sol­le in einem Gesu­che um die Zutei­lung des Amtes bit­ten mit der nöti­gen Begrün­dung. Das ist der amt­li­che Weg; denn jede Neben­be­schäf­ti­gung bedarf der Geneh­mi­gung des Bezirks­schul­am­tes. Ob das Bezirks­schul­amt die­se Geneh­mi­gung erteilt, ist frag­lich. Haben Dir Mitt­woch­nach­mit­tag nicht die Ohren geklun­gen? 5 Mann hat­te ich zu Besuch. Vaters Bru­der Otto mit Frau (die uns ch im Okto­ber mit Schwes­ter Gre­te über­rasch­ten) und ihrem Jüngs­ten wei­len gegen­wär­tig in H. bei S., sie hat­ten sich ange­mel­det. Ganz über­ra­schend erschie­nen dazu Vaters Bru­der Paul (aus Thü­rin­gen) mit sei­nem Sohn. Von Mit­tag bis Abend waren sie mei­ne Gäs­te. Es gab einen recht gemüt­li­chen Fami­li­en­kaf­fee unten in Hoff­manns Stu­be. Es war geplant, den Kaf­fee auf dem Hoch­busch ein­zu­neh­men, aber gegen 4 reg­ne­te es ein. Nach dem Mit­tag­essen waren alle in mei­ner Stu­be ver­sam­melt, und man ver­lang­te danach, auch von Dir etwas zu hören und zu sehen. Die Tan­te spar­te nicht mit Schmei­che­lei­en, der Onkel beleg­te nahm sich die Auf­nah­me von damals mit. Ich habe mich mit Anstand aus der Affä­re gezo­gen, es war alles nicht bös gemeint und Onkel Paul sag­te ganz rich­tig: „S’is ock, daß mersch weeß” [sic]. Ich aber war voll heim­li­cher Freu­de dar­über, daß Du mein bist.

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