Trug und Schein: Ein Briefwechsel

13. Juli 1939

[390713–2‑1]

O., am 13. Juli 1939.

!!

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Nach zwei glück­li­chen Tagen lag am Sonn­tag­abend vor unse­ren Bli­cken wie­der unser Abschieds­ort, die gro­ße Dresd­ner Bahn­hofs­hal­le mit ihrem bun­ten Has­ten und Trei­ben. Wenn wir dann durch den drän­gen­den Strom der Rei­sen­den glück­lich durch die Sper­re hin­aus nach den Bahn­stei­gen gelan­gen, war­tend bei­ein­an­der ste­hen bis das Signal zum Ein­stei­gen ertönt, dann drängt sich alles Emp­fin­den, alles was so wich­tig scheint und noch gesagt sein muß, auf die Lip­pen — und was ist es am Ende, was wir uns noch sagen?

Ein paar belang­lo­se Wor­te, die uns gegen­sei­tig leich­ter über den Abschied hin­weg­täu­schen sol­len.

Dresdener Hauptbahnhof, Schelzel Kunstverlag Dresden, Public domain über Wikimedia Commons. 06.2014
Dres­de­ner Haupt­bahn­hof, Schel­zel Kunst­ver­lag Dres­den, Public domain über Wiki­me­dia Com­mons. 06.2014

Wir ste­hen unter Vie­len, unge­kannt — unbe­tei­ligt, könn­ten uns zu zwei­en allein wäh­nen — und doch lenkt das Trei­ben um uns her­um ab.

Suchen wir die­se Ablen­kung, um den Schmerz der Tren­nung zu erleich­tern? So ist es. Ich kann nach außen hin hart blei­ben, kann die Trä­nen zurück­däm­men; doch innen schmerzt es, als wäre die Brust zuge­schnürt. Wird man das Abschied­neh­men nicht gewöhnt?

Die­se Fra­ge stell­te ich mir schon oft, ich muß sie immer wie­der ver­nei­nen. Der Abschied wird mit jedem Male schwe­rer, Du! Als Du mir noch ein­mal mit lie­ber Hand über die Wan­gen strichst, war ich nahe dar­an, Dich ganz fest zu hal­ten — wir waren nicht allein Liebs­ter! Mir schlägt das Herz so schnell, wenn ich zurück­den­ke. Sel­ten war ich inner­lich so vol­ler Unru­he auf der Heim­fahrt, wie am Sonn­tag.

Ich hat­te ein unbe­stimm­tes Gefühl der Sor­ge um Dich. Du! Daß ich Dich allein las­sen muß­te!

Du warst so unru­hig die gan­ze Zeit.

Ich sah Dich wild, hung­rig, Du!

Liebs­ter! War es nicht an mir, unse­re Gefüh­le zu dämp[fen]? ich kann es nicht wen­den — wenn ich Dei­ne Nähe spü­re, dann kommt es über mich wie ein Feu­er, das mich ganz ver­zeh­ren will.

Ich habe schon seit län­ge­rer Zeit beob­ach­tet, daß mich irgend etwas [sic] ganz beherrscht. Es ist wie ein Atmen, wie ein Seh­nen nach etwas unwirk­lich schö­nem — ein selt­sa­mes Gefühl der Unrast und Unru­he, es ver­folgt mich oft bis in den Schlaf. In jedem mei­ner Träu­me nimmt die­ses Gefühl Gestalt an, immer auf eine ande­re Art.

Seit unse­rer Rei­se bin ich mir des­sen erst recht bewußt gewor­den. Ich habe mei­nen tie­fen, unbe­schwer­ten Schlaf ver­lo­ren. Ich kla­ge nicht dar­um.

Es ist ganz eigen­ar­tig zu spü­ren, wie mich die­ses schmerz­lich süße Gefühl beherrscht.

Liebs­ter, Du! Was soll nur aus uns wer­den?

Wir müs­sen stark blei­ben. Und doch wird die Sehn­sucht immer mäch­ti­ger in uns wach.

Ach, ich glau­be, daß Du mehr lei­den mußt, als ich.

Am Sonn­tag war der 9. Juli, auf dem Kalen­der stan­den die­se Zei­len:

[An Leu­kon]

Brich die Rosen, wann sie blüh’n. [Rosen pflü­cke, Rosen blühn,]

Mor­gen ist nicht heut’!

Kei­ne Stun­de laß entflieh’n;

Flüch­tig ist die Zeit!

Zu Genuß und Arbeit ist [Trin­ke, küs­se! Sieh’, es ist]

Heut Gele­gen­heit.

Weißt Du, wo Du mor­gen bist?

Flüch­tig ist die Zeit.

Auf­schub einer gro­ßen Tat [Auf­schub einer guten That]

Hat schon oft gereut.

Tätig leben ist mein Rat,

Auszug aus dem Brief: Handschrift
Aus­zug aus dem Brief: Hand­schrift

Flüch­tig ist die Zeit. [!]

[– Johann Wil­helm Lud­wig] Gleim.

Die Sprü­che auf dem Kalen­der­blätt­chen kann man öfter als sei­nen täg­li­chen Leit­spruch betrach­ten.

War unser Zusam­men­tref­fen nicht auch ein Teil im Sin­ne die­ser Zei­len?

Kei­ne Stun­de laß entflieh’n, flüch­tig ist die Zeit!

Du! Auch wir bei­de sind von die­sem Gedan­ken beseelt. Eine Freu­de, unver­hofft berei­tet — ist doch wie immer — am aller­größ­ten. Und gera­de jetzt ist doch für uns die Zeit am schöns­ten — unse­re Lie­be erblüht wie die herr­lichs­te Blü­te — und jede Stun­de, die wir aus dem All­tag, aus dem Pflich­ten­kreis ent­flie­hen, um ein­an­der nahe und glück­lich zu sein, dünkt uns wie ein köst­li­ches Geschenk. Ich bin Dir ja so dank­bar, daß Du mich riefst, Du hast mich so erfreut mit Dei­ner über­ra­schen­den Ein­la­dung, und Du stan­dest mit einer Selbst­ver­ständ­lich­keit, die Fahr­kar­ten schon in der Hand, auf dem Bahn­hof, mich zu emp­fan­gen. Ich bin glück­lich dar­über, daß Du mir so ver­traust; Du weißt wenn Du mich rufst — ich mache Unmög­li­ches mög­lich.

Dei­ne Eltern nah­men mich wie­der so lieb auf und mir hat es wie­der so gut gefal­len in Eurer Mit­te. Ich den­ke sehr ger­ne an Dein Zuhau­se. Trotz­dem wir nun wie­der alle bei­sam­men waren, fand sich doch auch Zeit, d[ie] nur uns bei­den gehört, Du! Ob sich wohl Dein Bru­der und Elfrie­de auch so lieb­ha­ben?

Unser Den­ken und Füh­len, es läßt sich manch­mal so schwer in Wor­te klei­den — und wie wun­der­bar, durch die Musik wird uns so vie­les offen­bar. Oft ist es ein klei­nes Lied­chen nur und es birgt doch all unser Emp­fin­den. Musik ist die Spra­che der Her­zen.

Wenn Du spielst und singst, dann ist das für mich wie ein klei­nes Fest — uner­müd­lich kann ich zuhö­ren. Ich bin so dank­bar für den Sonn­tag, Du!

Man­ches läßt sich bes­ser sagen, and[e]res wie­der kann man nur schrei­ben. Man­ches ist schon gesagt — vie­les noch unaus­ge­spro­chen.

Wir hat­ten am Sonn­tag kurz vor dem Abschied ein The­ma ange­schnit­te, was wohl bei zwei Men­schen, so wie wir es sind, das wich­tigs­te ist.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Eigent­lich ist ja alles ganz klar: Wir bei­de lie­ben uns, und wir seh­nen uns, eins zu wer­den, wir ste­hen aber jetzt noch in der Prü­fungs­zeit, ich weiß nicht, wann sie zu Ende sein wird. Und was ich jetzt nie­der­schrei­be, das ist die nack­te Wirk­lich­keit und das tue ich, damit wir uns dar­an gewöh­nen und hin­ter­drein nicht erschre­cken, Du! Wir sind bei­de arm. Dafür kön­nen wir nichts, das brin­gen die Umstän­de mit sich. Das Leben des Man­nes ist grund­sätz­lich anders ein­ge­rich­tet als das des Wei­bes. Wer einen Beruf wie Du erwähl­te, benö­tigt Mit­tel dazu. Du bist begabt für Musik, und sag doch selbst, es wäre Sün­de gewe­sen, hät­test Du Dir das Musik­stu­di­um ver­sagt. Es kos­te­te Dich zwar ein klei­nes Ver­mö­gen, doch bereu­en könn­te ich das nicht. Den­ke ein­mal zurück, was Du Dei­ner Musik dan­ken mußt! Wer kann es wis­sen? Viel­leicht spielt die Musik in Dei­nem Leben gar noch eine grö­ße­re Rol­le?

William-Adolphe Bouguereau, The Proposal, 1872, Metropolitan Museum of Art, Public domain über Wikimedia Commons. 06.2014
Wil­liam-Adol­phe Bou­gue­reau, The Pro­po­sal, 1872, Metro­po­li­tan Muse­um of Art, Public domain über Wiki­me­dia Com­mons. 06.2014

Ange­le­gen­heit des Mäd­chens ist es, für die Aus­stat­tung Sor­ge zu tra­gen und das wäre auch bei mei­nen Ver­hält­nis­sen ohne Ein­schrän­kun­gen mög­lich, wenn mir genug Zeit dazu blie­be. Sieh, ich war nun 19 Jah­re alt und ich bin stolz auf das, was ich mir bis jetzt geschafft habe. Ich will mich nicht auf­spie­len damit. Ich habe mei­ne Freu­de dar­über — und die Freu­de ist umso grö­ßer, wenn ich ver­glei­che, wie and[e]re Mädels mei­nes Alters ihr Geld anleg­ten. Ich bin eben noch ein bis­sel sehr jung — und die Eltern müß­ten mate­ri­ell bes­ser daste­hen. Ja, mein lie­ber [Roland], das sind nun Tat­sa­chen, wir kön­nen sie nicht zum Vor­wurf machen. Liebs­ter, ich hab[e] trotz­dem Mut, das alles hin­dert unse­re Lie­be nicht. Die Lie­be fin­det Rat und Mit­tel und Wege. Die Eltern spra­chen schon ein­mal davon, wenn ich mal recht rasch hei­ra­ten will, müß­ten sie sich bei den Ver­wand­ten Geld lei­hen. Sie sagen, wenn sie bei­de arbei­ten, ist das schnell wie­der zusam­men­ge­spart. Bei ihrer Ein­zi­gen tun sie ja sowie­so ihr Mög­lichs­tes und wir dür­fen das dank­bar anneh­men, brau­chen uns nicht gede­mü­tigt zu füh­len. Es ist ja kein and[e]rer Weg mög­lich, wenn es so rasch geht — es kann ja kei­ner vor­aus­wis­sen, wie es im Leben zu geht. Und nun kom­me ich noch­mal zurück auf das, was mir schon paar­mal Kopf­zer­bre­chen berei­te­te: Bist Du ganz sicher, daß ich Dir von die­ser Sum­me sprach? Ich kann mich beim bes­ten Wil­len nicht ent­sin­nen. Glaubst Du denn, daß ich Dich anlü­ge? Du!

Ich kann mir nicht anders erklä­ren, als daß es ein Miß­ver­ständ­nis war.

Nach jeder Begeg­nung haben wir einen beson­de­ren Ein­druck. Ich weiß nicht, mir ist, als stün­den wir bald wie­der vor einer Ent­schei­dung. Wenn Du uns besu­chen kommst, wirst Du mit den Eltern über das The­ma spre­chen?

Ich bin Dir noch eine Ant­wort schul­dig, Du!

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Nicht, daß ich nur in der Gegen­wart lebe, ich den­ke sogar sehr viel an die Zukunft; doch Dei­ne Fra­ge am Sonn­tag kam so unver­mu­tet, daß ich ver­wirrt war. Die gan­zen Tage daher beschäf­tig­te mich Dei­ne Fra­ge, ich ließ mir alles so durch den Kopf gehen und ich bin zu einem Ent­schluß gekom­men. Ich will Dir nun ant­wor­ten: So Gott will, Liebs­ter! Nächs­tes Jahr zu Pfings­ten ist das Jahr zu Ende.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Viel­leicht nimmt es Dich wun­der, daß ich heu­te, am Don­ners­tag schrei­be und nicht in der Sing­stun­de bin. Übri­gens sin­gen sie heu­te das letz­te Mal vor den Feri­en. Ich muß beich­ten. Bit­te, kein böses Gesicht, soll nicht wie­der vor­kom­men! Ich bin auf der Bahn in den Zug gekom­men. Das kann aber nur zwi­schen Chem­nitz und Dres­den gesche­hen sein, bei Dir war ich doch folg­sam. Ich konn­te am Mon­tag wie­der nicht reden, genau wie zu Weih­nach­ten. Diens­tag bin ich zum Arzt gegan­gen: Kehl­kopf­kat­arrh, leich­te Ent­zün­dung im Hal­se. Er hat mir ‚Emser Salz’ ver­schrie­ben, zum Trin­ken und Gur­geln. Es geht schon etwas bes­ser, bit­te mein lie­ber [Roland], mach Dir kei­ne Sor­gen, wenn Du kommst bin ich bestimmt gesund. Ich bin sonst nicht so emp­find­lich, doch Gegen­zug ist eben gefähr­lich.

Heu­te abend kamen Onkel und Tan­te aus G., um uns für Sonn­tag zur Geburts­tags­fei­er ihres 3 jäh­ri­gen Töch­ter­chens ein­zu­la­den. Wir wer­den am Sonn­tag früh 10 Uhr abge­holt. Bei der Sup­pe will ich ganz fest an Dich den­ken, Du .……! Von mei­nen Eltern soll ich Dich bes­tens grü­ßen! Du sollst mir noch Elfrie­des Anschrift sagen, ich habe ihr Geburts­tags­wün­sche gesandt: B., [Stra­ße der Orga­ni­sa­ti­on], rich­tig? Nun will ich Schluß machen heu­te, es geht schon auf ¾ 12 und um 5 jagen mich die erbar­mungs­lo­sen Men­schen schon wie­der aus den Federn. Mei­nen Urlaub konn­te ich noch nicht ein­ho­len, der ‚Gnä­di­ge’ befin­det sich auf Rei­sen.

Möch­ten Dich mei­ne Zei­len froh und gesund antref­fen. Mein lie­ber, lie­ber [Roland]! Gut Nacht! Behüt Dich Gott! Liebs­ter, ich küs­se Dich, Du! Du!

T&SavatarsmIch lie­be Dich!

Dei­ne [Hil­de].

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13. Juli 1939

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