07. Juli 1939

[390707–1‑1]

L. am 3. Juli 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Heu­te mor­gen [sic] habe ich Dich zwar erst zie­hen las­sen; trotz­dem zäh­le ich die­sen Mon­tag schon als ers­ten ver­stri­che­nen Tag zum nächs­ten Wie­der­se­hen. Ach lie­be [Hil­de], uns[e]re Begeg­nun­gen wer­den immer kür­zer.

Parfümflasche mit Zerstäuber, von Angela Andriot, Vetiver Aromatics, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons. 06.2014
Par­füm­fla­sche mit Zer­stäu­ber, von Ange­la Andri­ot, Veti­ver Aro­ma­tics, CC BY-SA 3.0 via Wiki­me­dia Com­mons. 06.2014

Die ers­te Erre­gung hat kaum aus­ge­schwun­gen, müs­sen wir schon wie­der an den Abschied den­ken. Ich bin eben zurück von mei­nem Rund­gang um den P.. Ein wenig rechts vom L., aber weit, ach so weit, weiß ich Dich, Liebs­te. Wirst gut heim­ge­kom­men sein? Wirst nun schon Dein Köpf­chen in die Kis­sen drü­cken. Ich kom­me gleich nach. Ich bin sehr müde. Bis um 12 Uhr waren wir auf dem Fel­de. Im Nach­mit­tags­un­ter­richt muß­te ich Gewalt anwen­den, die Augen­de­ckel oben­zu­hal­ten [sic]. Dann habe ich geschla­fen. Als ich mich auf dem Sofa lang­streck­te, habe ich geschnup­pert, irgend­wo­her kam der Duft Dei­nes Par­füms, ich habe die Kis­sen unter­sucht, an mei­nen Klei­dern gero­chen — das Duft­wun­der blieb unge­klärt, bis ich vor­hin das Schub­fach öff­ne­te, um das Schreib­zeug zu holen. Du hast mich erfreut mit die­ser Über­ra­schung. Und nun den­ke ich an mei­ne Über­ra­schung, nicht, weil ich mich damit groß­tun möch­te, oder Dich in Dan­kes­schuld brin­gen will, nein, Liebs­te, weil ich mich so freue, daß ich Dich beschen­ken durf­te, weil ich glück­lich bin, ein Unter­pfand mei­ner Lie­be mehr in Dei­nen Hän­den zu wis­sen. Es war ja doch eine beson­de­re Begeg­nung, Du! Behüt Dich Gott, lie­be [Hil­de]! Möch­te er uns[e]re Lie­be seg­nen! Ich lie­be Dich!

Dein [Roland].

Am Don­ners­tag.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Vincent van Gogh „La Méridienne“ oder „La sieste“, nach Millet, Januar 1890, Public domain über Wikimedia Commons. 06.2014
Vin­cent van Gogh „La Méri­di­en­ne“ oder „La sies­te“, nach Mil­let, Janu­ar 1890, Public domain über Wiki­me­dia Com­mons. 06.2014

Eben bin ich vom Mit­tags­schläf­chen auf­ge­stan­den. Ich war so müde nach dem Unter­richt, es ist so schwül heu­te. Du wirst nicht weni­ger müde sein und mußt doch gleich nach dem Mit­tag wie­der unter das har­te Joch. Ich bin ein wenig unglück­lich dar­über, daß ich Dir nicht hel­fen kann davon los­zu­kom­men. Wenn es nach mei­nem Wil­len geht, Liebs­te, dann ist für Dich dem Datum nach jeder Tag der letz­te in die­ser har­ten Arbeit.

Ges­tern habe ich die Bil­der geholt in S.. Nun ist mei­ne Sehn­sucht nach Dir wie­der so groß!

Die Bil­der vom Pfingst­aus­flug erfül­len nicht ganz mei­ne Erwar­tun­gen. Ich weiß die Feh­ler. Es muß­te zu schnell gehen. Unter den Bil­dern vom Sonn­tag ein lehr­rei­ches Bei­spiel dafür: Wenn zwei das­sel­be tun so ist es nicht das­sel­be. Inter­es­sant, wie durch die gerin­ge Sen­kung der Kame­ra auch die Licht­wer­te sofort geän­dert wer­den. Was aber da hin­ten so wag­hal­sig her­um­turnt, das gro­ße, schlan­ke, das ist mein Schatz, mein Glück, o Du, o Du! Ach Liebs­te, ich mes­se immer­zu die Span­ne Zeit bis zu unse­rem Wie­der­se­hen. Am Sonn­tag will ich nun nach Hau­se. Willst Du nicht mit­kom­men, Liebs­te? Du!

Du sollst nicht soviel her­um­rei­ten; aber Du hast ja dann so lan­ge Pau­se. Hast Du Lust? Wird nichts im Wege ste­hen? Ich schi­cke den Brief schon heu­te ab.

Wenn Du darfst, und wenn Du Dich wohl­fühlst, und wenn es Dich freut, dann kom­me! Ich war­te auf Dich in Dres­den […] . Wenn Du nicht kommst, bin ich gar nicht böse. Wir wer­den dies­mal wohl der ein­zi­ge Besuch sein. Behüt Dich Gott! Grü­ße bit­te Dei­ne lie­ben Eltern! Ich hal­te Dich ganz fest, Liebs­te, ich küs­se Dich, Du! Ich lie­be Dich!

Dein [Roland].

Die­sen Brief möch­te ich heu­te fer­tigschrei­be, denn mor­gen nach­mit­tag soll noch ein­mal Lehm geschau­felt wer­den. Am Sonn­tag­nach­mit­tag wer­de ich zum Gegen­be­such in H. wei­len. Dann geht es an die letz­te vol­le Schul­wo­che. Voll wird sie gar nicht sein, am Mitt­woch soll nach H. zu den Pup­pen­spie­lern gewan­dert wer­den. In die­ser Woche hat der Frem­den­ver­kehr in unse­rem Orte einen Höhe­punkt erreicht. Es wim­melt von Frem­den. Frau Hoff­mann hat wenigs­tens 5 Per­so­nen abwei­sen müs­sen, die auf gut Glück hier­her­ge­fah­ren waren und nun Unter­kunft such­ten. Opa und Micke schla­fen jetzt auf dem Boden auf einer Bucht Stroh. Mor­gen reist die stil­le Frau ab mit ihrem Jun­gen. Ohne viel Wor­te hält sie den Jun­gen streng, es gefällt mir. Mit Micke habe ich täg­lich mei­nen Hän­del, bald um den neu­en, roten Ball, bald um den Lie­ge­stuhl; abends zie­hen wir den die Bilanz aus dem Tage und eini­gen uns dar­über, wer den Streit ange­fan­gen hat. Nun ich den Boten fer­tig­ma­che und den Sonn­tag vor mir sehe, über­kommt mich wie­der die Sehn­sucht nach Dir, ich mag nicht mehr fei­ern ohne Dich. Am Diens­tag schrieb Ober­leh­rer Kai­ser. Er ist in der Stu­be unglück­lich gefal­len und hat den rech­ten Arm zwei­mal gebro­chen. 12 Wochen braucht es zur Hei­lung. Vor Ende August kann er an Ver­rei­sen nicht den­ken.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Heu­te gelang­te (mein) Dein Brief in mei­ne Hän­de. Ich dan­ke Dir recht sehr. Ich kann ihn jetzt nicht ganz beant­wor­ten, aber auf eines muß ich doch noch ein­ge­hen, das ich viel­leicht sonst ver­ges­sen hät­te. (Ich ver­traue dar­auf, daß Du die Erkäl­tung bekämpfst, und Dich gut hältst.)

Wie mir am Sonn­tag zumu­te war, das kann ich mir selbst nicht ganz erklä­ren: Ener­gi­en, die sich ent­la­den woll­ten wie das Gewit­ter drau­ßen. Aber eines ist mir deut­lich: Gro­ße Freu­de emp­fand ich dar­über, daß Du kamst, und recht froh war ich Dei­nes Besit­zes, Liebs­te! Und so magst Du auch ent­schul­di­gen, daß ich Dich mit dum­men Fra­gen so bedräng­te, wie Du es von mir doch sonst nicht gewöhnt bist. Was an mei­nem Beneh­men auf­dring­lich war, das reut mich, und ich bit­te Dich, es zu ver­ges­sen und mir zu ver­zei­hen. Ich will nichts über­ei­len, ich will Dich nicht drän­gen. Wenn ich schon im letz­ten Brie­fe auf das Ende Dei­ner har­ten Arbeit anspiel­te und es am Sonn­tag wie­der­tat [sic], dann aus dem Wunsch, Dich davon erlöst zu sehen. Es bedrückt mich schon lan­ge, daß ich es aus mei­ner Kraft ni[cht] ver­mag. Was aber die Fra­ge nach Dei­nen Erspar­nis­sen betrifft, lie­be [Hil­de], so bin ich weit davon, Dich einer Lüge zu ver­däch­ti­gen. Daß ich sie wie­der­holt stell­te, es war mir der Anmut einer klei­nen Ent­täu­schung. Ach Liebs­te, daß die­se Fra­gen in die­ser Wei­se über­haupt ange­schnit­ten wur­den, ich woll­te es nicht. Ich woll­te Dich bis zur letz­ten Minu­te doch nur recht lieb haben, aber wir waren nicht mehr allein. Viel­leicht ist es doch auch gut gewe­sen; denn die­se Fra­gen, so wich­tig sie sind, sind doch auch lei­di­ge Fra­gen, die mir in ruhi­gen Stun­den nicht so leicht über die Lip­pen kom­men. Nun ist der Bann gebro­chen. Wir wol­len bei Gelege[n]heit in einer ruhi­gen Stun­de wie­der dar­auf­kom­men [sic], und erst ein­mal bei­de uns einig wer­den und einen Plan ent­wer­fen, den wir dann den Eltern unter­brei­ten. Ich bit­te Dich, bis dahin bedeut­sa­me Schrit­te nicht zu unter­neh­men. Und eine, lie­be [Hil­de]: Auch die lei­digs­te Fra­ge soll nicht das gerings­te Miß­ver­ständ­nis auf­kom­men las­sen, und was da zu bespre­chen sein wird, daß das ist schon ein Stück gemein­sa­men Schaf­fens, das uns froh und glück­lich Sei­te an Sei­te fin­den soll, das uns in kei­ner Wei­se ver­drie­ßen soll.

Ich weiß mich dar­an mit Dir auch ganz einig.

Ich bin glück­lich dar­über, daß wir so ver­wandt emp­fin­den.

Behü­te Dich Gott! Ich küs­se Dich! Ich möch­te Dich recht lieb­ha­ben, Du! mei­ne lie­be [Hil­de]! Ich lie­be Dich!

T&SavatarsmDein [Roland].

Bit­te grü­ße Dei­ne Eltern. Und für mor­gen glück­li­che Rei­se!

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