05. Juli 1939

[390705–2-1]

O., am 5. Juli 1939.

Mein lie­ber [Roland]!

Reynolds-Puck
Joshua Rey­nolds, Puck, 1789, Gemäl­de, Brid­ge­man Art Libra­ry, [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons
Wirst Du wohl heu­te das klei­ne nack­te Elfen­kind in emp­fang genom­men haben? Die­se paar Wor­te an Dich, das war am Mon­tag ziem­lich mei­ne gan­ze Arbeit zu Hau­se. Um sie­ben bin ich in[‘]s Bett. Ach Du! Ich war zum Umfal­len müde und matt. Damit ist aber nicht gesagt, daß ich nun ver­drieß­lich gewe­sen wäre — o nein — bei der Erin­ne­rung an Dich und an die gemein­sam ver­leb­ten Stun­den durch­ström­te mich ein so inni­ges Glücks­ge­fühl. Weißt Du, womit ich es ver­glei­chen könn­te?: Ein Kran­ker hat die Kri­sis über­wun­den und geht nun mit einem woh­li­gen Mat­tig­keits­ge­fühl sei­ner Gene­sung ent­ge­gen. Ich war vom lan­gen War­ten, vor Sehn­sucht nach Dir krank — end­lich kam der Tag an dem ich bei Dir sein konn­te, an dem wir uns recht lieb­ha­ben durf­ten. Wie glü­hend sehn­te ich die Stun­de her­bei in den Tagen vor­her — und dann, als wir uns gegen­über stan­den emp­fan­den wir bei­de: Wir waren vom War­ten schon so müde gewor­den und sahen es sich viel­leicht nicht so erfül­len, wie in unse­ren Träu­men vor­her.

Aber konn­ten wir uns denn noch lie­ber haben?

Wir waren so glück­lich und froh mit­ein­an­der.

Die­ses unbe­schreib­lich süße Gefühl des Sich­nahe­seins, des Sich­fin­dens, mach­te uns stumm, ließ uns kei­ne Wor­te fin­den. Aber gera­de das ist das Gro­ße und Wun­der­ba­re die­ser Stun­den, wenn zwei Men­schen stumm wer­den vor Glück — wenn ihre Her­zen in Lie­be sich fin­den.

Ach Liebs­ter, Du! Ich schied doch so froh und beru­higt von Dir, wenn auch in der Abschieds­stun­de Weh­mut und Trau­rig­keit uns über­mann­ten. Es muß sich ja doch immer wie­der­ho­len, Abschied und Wie­der­se­hen. Daß Du mich liebst, macht mich so glück­lich, froh­ge­mut und stark. Nun gehö­ren wir ein­an­der ganz. Liebs­ter! Ich bin Dein — Du bist mein.

Daß wir uns wie ver­gan­gen, so in Sehn­sucht nacheina[nd]er ver­zeh­ren müs­sen, wird so leicht nicht mehr vor­kom­men, glau­be ich — Du! Wenn nur noch drei Wochen dazwi­schen lie­gen! Ich bin so erfreut über die­sen, Dei­nen Vor­schlag. Noch zwei­und­zwan­zig Tage bis zum 27. Juli und die­ser Tag ist in mei­nem Kalen­der schon mit einem dicken, roten Kreuz ver­se­hen. In die­sen Tagen habe ich erwo­gen, daß es viel­leicht nicht ungüns­tig wäre, wür­de ich mei­nen Chef bestim­men kön­nen, daß er mir von dem Tag ab noch­mal Urlaub gibt, an dem Du Dich von uns zu Hau­se wie­der ver­ab­schie­den willst. Es ist ja jetzt der momen­tan ungüns­ti­gen Ver­hält­nis­se wegen nicht mög­lich, schon etwas Bestimm­tes in[‘]s Auge zu fas­sen. Ges­tern erst ent­schied sich, daß eine Arbeits­ka­me­ra­din einer Unter­leibs­er­kran­kung hal­ber 3 Wochen Feri­en erhal­ten muß, um bei einem See­auf­ent­hal­te Hei­lung zu suchen. Im glei­chen Fal­le ist zur Zeit mei­ne Nach­ba­rin beur­laubt, sie schrieb mir heu­te aus Hoflöß­nitz, wo sie zur Kur weilt. Am Mon­tag geht (mit einem heim­li­chen, tie­fen Auf­at­men mei­ner­seits!) nun end­gül­tig ein 18 jäh­ri­ges Mädel zum Bau­er nach Mar­kers­dorf bei Mitt­wei­da. Das sind schon 3 Feh­len­de, bis auf die, die ihren zustän­di­gen Urlaub noch gar­nicht [sic] weg­ha­ben. Na, wir wol­len die Hoff­nung nicht sin­ken las­sen. Zunächst liegt die Freu­de vor mir, daß Du zu uns kommst. —

Ja und nun möch­te ich mich (anstands­hal­ber!!) noch nach­träg­lich ent­schul­di­gen für mein unda­men­haf­tes Beneh­men am Mon­tag. Wir stan­den da und war­te­ten auf den Omni­bus, Herr Hoff­mann besorg­te sich dann noch etwas zum Rau­chen. Unter­des­sen sah ich mich um nach Dir, im Zim­mer vor­ne unter­rich­te­te ein and[e]rer Herr. Also ging ich am Zaun ent­lang und — hör­te Dei­ne Stim­me: „Du sollst nicht begeh­ren!“ So sag­test Du. Sehen konn­te ich Dich nicht, das woll­te ich so furcht­bar gern. Da lagen am Boden so schö­ne Stei­ne — selt­sam — mei­ne Hand zog es rich­tig hin, ich konn­te wirk­lich nicht anders und dann ist es eben pas­siert. Ein bis­sel erschro­cken bin ich schon, mir wur­de ganz heiß. Aber mein letz­ter Wunsch ging in Erfül­lung: Ich konn­te Dich noch ein­mal sehen. Du! mein Herz­al­ler­liebs­ter!

Ich weiß aber nun, daß Du auch ohne mei­ne Dumm­hei­ten gekom­men wärst, ehe das Auto weg­fuhr.

Die Gartenlaube (1872), S. 801, [Public domain], via Wikimedia Commons
Die Gar­ten­lau­be (1872), S. 801, [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons
Bis B. stie­gen immer mehr Leu­te zu; vie­le wan­der­lus­ti­ge Som­mer­frisch­ler. Ach Du! Ich hät­te mich viel­leicht in eine recht trau­ri­ge Stim­mung ver­lo­ren, wenn Herr Hoff­mann mich nicht so anre­gend unter­hal­ten hät­te! Auf dem Bahn­ho­fe tra­fen wir einen Berufs­kol­le­gen von ihm. Kannst Dir den­ken wie der Rede­fluß in Gang kam, es ging um alles Mög­li­che, gro­ße und klei­ne Sor­gen; haupt­säch­lich die Steu­ern hat­ten es ihnen ange­tan. Ich muß­te eif­rig die Inter­es­sier­te mimen. In P. dann noch ein herz­li­cher Abschied und: „Weg war der Hus­ten!“ Kennst Du ihn auch, sei­nen Lieb­lings­aus­druck? Na trotz alle­dem, ich mag ihn sonst gut lei­den. —

Ach Liebs­ter, erst zwei Tage sind ver­gan­gen, mir scheint es schon län­ger, daß wir uns küß­ten.

Der Mitt­woch ist Dein liebs­ter Tag, was hast Du wohl heu­te ange­fan­gen? Ob Du wohl mit dem neu­en Gast und deren Söhn­chen ein Stück gewan­dert bist? Sie ist so zart und blaß — bemit­lei­dens­wert kam sie mir vor. Auch Du fan­dest sie hilf­los. Mir scheint, sie hat schon Schwe­res durch­ge­macht im Leben und sie ver­dient es, daß man lieb zu ihr ist. Wenn es der Zufall will, daß sie sich Dir auf einem Weg anschlie­ßen möch­te, dann nimm das getrost an und hilf ihr ein wenig den All­tag ver­ges­sen, hilf ihr Freu­de fin­den, indem Du ihr die Schön­hei­ten der Natur und Eurer herr­li­chen Land­schaft erschließt. Man emp­fin­det und genießt das unter Füh­rung einer kun­di­gen Hand bes­ser als allein und wenn man wie sie, das ers­te Mal da ist. Ich wer­de gewiß kei­ne dum­men Gedan­ken dabei haben, Du! Ich ken­ne Dich.

Am Sonn­tag daheim wün­sche ich Dir recht fro­he Stun­den und grü­ße bit­te Dei­ne lie­ben Eltern! Für heu­te soll es genug sein, mein lie­ber [Roland]. Gut Nacht! Liebs­ter, Du! Behüt Dich Gott! Ich möch­te in Dei­ne lie­ben Augen sehen, möch­te ganz nahe bei Dir sein, Dich küs­sen Du! Ich lie­be Dich!

T&SavatarsmDei­ne [Hil­de].

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