23. Juni 1939

[390623–1-1] L. am 22. Juni 1939. Mei­ne lie­be [Hil­de]! Du lie­bes, her­zi­ges Weib­chen, hast Dich so um mich gesorgt! Dei­nen Brief erhielt ich erst am Diens­tag, sodaß ich (ich) [sic] nicht dar­über erschrak. Lie­be [Hil­de], Du sollst Dich Dir um mich kei­ne über­trie­be­nen Sor­gen machen.

Kasperlthaeater, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:N%C3%BCrnberger_Musterbuch_Kasperltheater.jpg, herunterladen 06/2014
Kas­perl­thaea­ter, http://commons.wikimedia. org/, her­un­ter­la­den 06/2014

Wenn mir etwas zustößt, bist Du die ers­te, die es erfährt. Und wenn ich nicht schrei­ben könn­te, wür­de ich jeman­den damit beauf­tra­gen. Und, lie­be [Hil­de], wenn ich vor Sor­gen mir kei­nen Rat wüß­te, dann flüch­te­te ich zu Dir, und wenn ich nachts auf­bre­chen müß­te, an Dei­ner Sei­te woll­te ich mei­ne Ruhe und Zuver­sicht fin­den, ich kann auf die­ser Erde nichts Bes­se­res hof­fen und fin­den als Dich, Liebs­te, und wenn ich nur Dich und Dei­ne Lie­be behal­te, jeden ande­ren Ver­lust will ich ertra­gen. Ach Liebs­te, ich habe mich schon so nach Dir gesehnt. Wann wer­den wir uns wie­der recht lieb­ha­ben dür­fen? Für uns[e]re nächs­te Begeg­nung bestehen drei Mög­lich­kei­ten, hilf mir wäh­len! 1)    Ich kom­me nach O.. Ich bin eigent­lich dran, möch­te Dir das lan­ge Fah­ren gern erspa­ren. Dei­ne Eltern zäh­len viel­leicht dar­auf. 2)    Du fährst mit mir nach Hau­se, nach K.. 3)    Du kommst nach L.. Das wür­de pas­sen. Frau Hoff­mann hat vom 25. Juni bis 2. Juli kei­ne Gäs­te. Wenn Du Dich dafür ent­schei­den soll­test, wür­de ich es gern sehen, wenn Du Mon­tag­vor­mit­tag heim­fährst, damit Du nicht in den Sonn­tag­abend­tru­bel kommst. Jetzt ste­hen noch drei Wege offen, wenn dann die Tage vor­über sind, sehen wir rück­bli­ckend, daß nur einer mög­lich war. Die Som­mer­fe­ri­en sind vom 25. Juli bis zum 26. August. Davon möch­te ich ein paar Tage bei Dir und Dei­nen Eltern ver­brin­gen. Soweit sich über­haupt soweit rech­nen läßt, habe ich an die Tage vom 27. Juli (Don­ners­tag) bis 31. Juli (Mon­tag) gedacht. Wenn nur mit dem Über­nach­ten noch ein and[e]rer Rat wür­de, ich darf Euch Euer Nacht­la­ger nicht meh­re­re Male neh­men. Daß wir uns bald wie­der­se­hen möch­ten, dar­auf geht heu­te mein gan­zes Den­ken, lie­be, lie­be [Hil­de]! Gut Nacht, Liebs­te, ich küs­se Dich und habe Dich lieb! Herz­al­ler­liebs­te! Du hast mei­ner so lieb und reich gedacht auf Dei­ner Fahrt. Das Thü­rin­ger Land kön­nen wir gern noch ein­mal mit­ein­an­der berei­sen. Nun haben wir ja mit dem Ord­nen und Ein­kle­ben uns[e]rer Bil­der ein gut Teil Arbeit. Es wird Dir eben­so gehen, Liebs­te, über­all, wo ich Neu­es höre und sehe, da sehe und höre ich es mit für Dich, und ver­neh­me es dann mit dop­pel­ter Auf­merk­sam­keit.

Ernst Oppler Abend an der Ostsee
Ernst Opp­ler, Abend an der Ost­see, Öl auf Lein­wand. 50 x 65 cm. [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons
Daß ich mich schon vier­mal ver­schrie­ben habe, dar­an magst Du die Vor­be­rei­tun­gen für das Schul­fest erken­nen. Ich bin mit Arbeit bis­her ziem­lich ver­schont gewe­sen, weil ich nichts davon ver­ste­he, die ande­ren schon ein­ge­ar­bei­tet sind. Aber die Pflich­ten, die am Fest­tag mei­ner war­ten, neben der lau­fen­den Arbeit und der Hit­ze haben das Gehirn doch schon ein wenig ange­grif­fen. So wenig Inter­es­se ich ver­spü­re an die­sem Fest, so rührt mich nun doch ein wenig der Ernst, die Lie­be und freu­di­ge Erwar­tung der Kin­der, der Ein­satz und die Opfer­wil­lig­keit der Erwach­se­nen. Über 600 M sind an Spen­den bis­her gesam­melt wor­den. Die Fest­fol­ge sieht vor einen Fest­zug von der alten Schu­le durch das gan­ze Dorf bis zur Fest­wie­se, das ist Bau­er Herr­manns Wie­se, dicht bei uns; Vogel­schie­ßen, Kas­per­le­thea­ter (viel­leicht, daß ich dort auf die Kos­ten kom­me), Spei­sung der Men­ge selbst­re­dend, Lam­pion­ein­zug [sic]. Mei­ne Auf­ga­be dabei: Die grö­ße­ren Jun­gen beschäf­ti­gen und betreu­en: Barr­lauf [sic], Ball über die Lei­ne, Staf­fet­ten­läu­fe usw. Schon im Inter­es­se einer rei­bungs­lo­sen Abwick­lung, und damit ich sel­ber tro­cken aus die­ser Volks­be­lus­ti­gung her­vor­ge­he, wün­sche ich mir nun auch schö­nes Wet­ter für die­sen Tag. Mein Schul­lei­ter legt einen unge­heu­ren Eifer an den Tag, den ich nicht ver­ste­he. Eif­rig sein kann ich nur in einer Sache, die ich als loh­nend und des Eifers wert erkannt habe. Eines könn­te ich aber durch­aus nicht: Pro­pa­gan­da dafür machen. Das tut er aus­dau­ernd und ohne Hem­mun­gen. Ich wag­te, ver­wun­dert dar­über, den Ein­wurf, daß man dann doch auch den Gäs­ten, die man in gro­ßer Zahl von über­all ein­lädt, mit etwas Beson­de­rem auf­war­ten müs­se. — Na, die Men­schen sind glück­li­cher­wei­se ver­schie­den, und schließ­lich ist er ja auch Schul­lei­ter. Ich lege Dir eine Ein­la­dung als his­to­ri­sches Doku­ment bei. Wenn es Dich lockt: Würs­tel und Sem­mel, Eis und Fischel­sem­mel, Jahr­markts­tru­bel und Kin­der­lärm — ich kann es Dir nicht ver­weh­ren, nur haben wir an dem Tage wenig von­ein­an­der. E Manch and[e]rer an mei­ner Stel­le hät­te sei­ne Liebs­te an die­sem Tage viel­leicht gleich zu etli­chen Hilfs­diens­ten mit ange­stellt und damit gleich­sam in sei­nen Wir­kungs­be­reich und Wir­kungs­ort ein­ge­führt. Ob Du es gern gehabt hät­test? Du, ich mag das nicht. Ers­tens bist Du mir dazu zu gut, zwei­tens ver­wöhnt man damit die Leu­te, in der Leh­rers­frau den Bur­schen des Leh­rers zu sehen; und dabei ist sie doch das Weib, dem Man­ne bei­gestellt, der von Beruf Leh­rer ist. Wenn die Leh­rers­frau ein­mal hel­fend ein­springt, dann ist das eben­so eine Gefäl­lig­keit, als wäre es die Mut­ter eines Schul­kin­des. Das Schul­fest ist für mich jetzt die Bret­ter­wand, die mich von uns[e]rer nächs­ten Begeg­nung trennt, und die ich des­halb so mühe­los als mög­lich über­klet­tern will.
Fahrrad am grünen Wand, Alexander Shustov, 4. August 2013, http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Wooden_walls?,uselang=de#mediaviewer/File:GreenBike@woodenWall.jpg, herunterladen 06.2014
Fahr­rad am grü­nen Wand, Alex­an­der Shustov, 4. August 2013, http://commons.wikimedia .org/, her­un­ter­la­den 06.2014

Es ist jetzt 11 Uhr am Frei­tag­abend. Ich bin vor einer hal­ben Stun­de heim vom Begrü­ßungs­abend der neu­en Kdf.-Gäste [sic], habe den Kame­ra­den Voigt zu 2 Lie­dern beglei­tet. Von 4–6 Uhr war ich mit im Wal­de Rei­sig­fah­ren [sic]. Mor­gen Sonn­abend wer­de ich kaum Zeit und Muße haben, Dir zu schrei­ben. Ich wer­de etwas Eifer mimen, mir eine Arbeit zutei­len las­sen, bei der ich mir selbst über­las­sen bin und mei­ne Gedan­ken zu Dir gehen kön­nen. Das tun sie oft und gern, Du, Süßes, Herz­lie­bes. Am Sonn­tag­vor­mit­tag wer­de ich — den Gedan­ken zur Ruhe und Samm­lung vor dem Sturm — die Orgel schla­gen. Ich habe mich dazu erbo­ten, um den Schul­lei­ter zu ent­las­ten. Ich freue mich dar­auf. Auf dem Post­amt gibt es die bei­den Ansichts­kar­ten zu kau­fen. Die eine gibt von unse­rem Orte ein recht gutes Bild. Dein Brief, das heißt mein Brief an Dich, liegt wohl­ver­wahrt im Schatz­käst­lein. Mei­ne Eltern woll­ten am Diens­tag abrei­sen und mit Auf­ent­hal­ten in Pas­sau, Salz­burg und Regens­burg die Heim­rei­se antre­ten, dabei die Roch­litzer Ver­wand­ten mit umsto­ßen. Mei­nem Vater wür­de ich es zutrau­en, daß er dabei Euch in O. mal auf­sucht. Das ist nur eben mein Gedan­ke, ich habe dafür kei­ner­lei Anzei­chen, und will damit kei­nes­falls Alarm geschla­gen haben. Bit­te grü­ße mir Dei­ne Eltern! Und nun? Im Geis­te ste­he ich Dir gegen­über, mei­nem gro­ßen, lie­ben Mäd­chen, Du!, wir zwei, die sich seh­nen, eins zu wer­den, und wir dür­fen hof­fen, daß die­se Sehn­sucht sich bald erfüllt, und dür­fen uns jetzt schon uns[e]rer fro­hen Zuver­sicht freu­en, Liebs­te, Du mei­ne lie­be [Hil­de]! T&SavatarsmGott behü­te Dich mir! Ich küs­se Dich — Du! — ich lie­be Dich, Dein [Roland].

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