19. Juni 1939

[390619–2-1]

O., am 19. Juni 1939.

Mein lieber [Roland]!

Wie kon­nte ich nur so schnell fas­sungs­los sein? Immer wieder stelle ich mir diese Frage. Nun betra­chte ich das Gestern als einen bösen, schw­eren Druck, der jet­zt von mir gewichen ist. Draußen ist Son­nen­schein — in meinem Herzen ist Son­nen­schein! Du, Lieb­ster! Heute kam der heißersehnte Brief von Dir. Ich danke Dir so sehr. Ich bin so froh, daß Dir nichts geschehen ist. Nun ist es mir leid, daß ich Dich vielle­icht betrüben mußte, indem ich den Nieder­schlag mein­er Stim­mung gestern nieder­schrieb und Dir schick­te. Aber jet­zt ist ja alles gut, und ich will Dir heute noch ein paar Zeilen schreiben, damit Du nicht trau­rig sein sollst.

Hrad­schin Prag, von Ste­fan Bauer, http://www.ferras.at (Own work) [CC-BY-SA-2.5], via Wiki­me­dia Com­mons
Die Sorge und die Unruhe mußte [sic] doch begrün­det sein:
    1. Ich fand zur gewohn­ten Zeit Deinen Boten nicht vor, das ließ mich erschreck­en und weck­te die unsin­nig­sten Gedanken in mir. Kurz zuvor laß ich in der Zeitung von dem Eisen­bah­nunglück auf der Strecke Dres­den – Prag.
    2. Von unser­er Aus­fahrt kamen wir erst nachts um 2 heim, die vie­len Ein­drücke, die an dem Tag so rasch aufeinan­der fol­gten; das viele, unge­wohnte Tanzen ließen mich keinen Schlaf find­en. Am Mor­gen war ich abges­pan­nt und matt. Dazu kamen dann die Vor­würfe, die ich mir machte: Während ich mich bei Spiel und Tanz fröh­lich vergnüge, bist Du vielle­icht in Not und Gefahr, bist Du allein.
    3. Und eins an dem gestri­gen Tage gab mir vielle­icht erst den Anstoß, mich Dir in mein­er Sorge anzu­ver­trauen. Ich war mit unser[e]m Betrieb zu ein­er Beerdi­gung. Unser Werk­führer ver­schied nach 48 jähriger Tätigkeit ganz plöt­zlich. Du kennst ihn vielle­icht? Her­rn Pester, den Vater uns[e]res Singstun­denkam­er­adens Kurt Pester? Es war das erste Mal, daß ich an ein­er Trauer­feier teil­nahm. Ich kan­nte alle Ange­höri­gen — das alles wühlte mich so auf. Zuhause die Eltern durften nicht merken, wie mir zumute war, und allein kon­nte ich die Ungewißheit nicht mehr länger ertra­gen. Du wirst mich ver­ste­hen, Lieb­ster? Wirst nicht glauben, daß ich schwach bin?

Heute nun wurde mir durch Deinen lieben Brief Klarheit. Du ahn­test schon, daß er durch die kleine Ver­spä­tung nicht rechtzeit­ig in meine Hände gelan­gen kön­nte. Gestern abend [sic] las ich in eini­gen Briefen, die wir um die Zeit unseres ersten Stelldicheins tauscht­en. Ein Jahr ist nun darüber ver­gan­gen, ein bewegtes Jahr. Segen­sre­ich und fördernd war es uns[e]rer Fre­und­schaft, das erken­nen wir bei­de dankbar. Nichts hat mein großes Ver­trauen und meine Liebe zu Dir wank­end gemacht in dieser Zeit — nur tiefer und inniger füh­le ich mich mit Dir ver­bun­den. Und wir wollen zuver­sichtlich weit­er­bauen an unser[e]m Glück.

Ach Lieb­ster, wenn ich zurück­denke an die Zeit, wo Du mich noch mit ganz anderen Augen sahst. Reich­lich 16 Jahre war ich alt, als meine Fre­undin mich drängte[,] mit zur Singstunde zu kom­men. Zwei- oder dreimal begleit­ete ich sie nur bis zur Tür — jedes­mal [sic] sah ich Dich. Es zog mich immer wieder dahin und ich meldete mich im Vere­in an. Wie es dann kam, wie es sich fügte, Du weißt es. Die Musik — Lieb­ster, vieles danken wir ihr, und oft war sie der geheimnisvolle Mit­tler für mich, um Dein Herz zu erken­nen — Du! Allezeit soll sie uns zur Seite ste­hen. Wie lange habe ich gerun­gen mit dem, was in mir bran­nte. Was habe ich ver­sucht, um vergessen zu kön­nen. Das Herz gab nicht Ruhe, es war gle­ich ein­er Stimme, die alles übertönte. Hat­te das Schick­sal ein Ein­se­hen? Ein Umschwung zer­riß das ungewisse, quälende Gle­ich­maß der Zeit: Dein Weg­gang. Die Stimme in mir wurde stärk­er, beun­ruhigte mich bis in den Schlaf hinein und es kam der Tag, an dem ich allen Mut, alle Entschlossen­heit zusam­men­raffte und Dich rief.

Gott war mit uns — so ent­stand unsere Fre­und­schaft. Sie kann so leicht nicht wanken, sie grün­det sich auf Wahrheit und Ver­trauen; frei und offen, ohne Hehl standen wir uns immer gegenüber und so soll es immer bleiben.

Und heute, Lieb­ster? Heute dankst Du mir, daß es mir durch meine Liebe gelun­gen ist, Dein Herz zu befreien, das trotz des Eis­panz­ers, den es um sich liegen hat­te, so heiß bren­nen kon­nte. Ich bin so dankbar und glück­lich darüber. —

Mit Deinem Brief kam ein Karten­gruß Dein­er lieben Eltern aus St. Wolf­gang, ich hab[e] mich sehr gefreut darüber. Wenn sie wieder daheim sind, will ich ihnen ein paar Zeilen schreiben. Sag, hast Du auch meinen Brief gut auf­be­wahrt, den ich bei Dir in L. liegen ließ?

Ich freue mich, daß Du durch die Gäste ein wenig A[b]wechs[e]lung hast in Dein­er ‚Ein­samkeit’. Aber bitte, gewöhne Dir die Schlagfer­tigkeit der Berlin­er nicht gar so sehr an, ich komme ja son­st über­haupt nicht mehr auf!

Ein Plätzchen für mich ist also schw­er zu haben? Müssen wir unser Wieder­se­hen zurück­stellen, bis die Sai­son vorü[ber] ist? Ich fürchte, das hält keines [sic] von uns bei­den aus!

Postkarte, Gera, Heinrichstrasse mit Stadtmuseum und dem 1906 abgerissenen Kollegienhof, nach 1900 aber vor 1906 http://en.wikipedia.org/wiki/File:Gera_-_Heinrichstrasse_mit_Stadtmuseum.jpg, herunterladen 06.2014
Postkarte, Gera, Hein­rich­strasse mit Stadt­mu­se­um und dem 1906 abgeris­se­nen Kol­legien­hof, nach 1900 aber vor 1906
http://en.wikipedia.org/, herun­ter­laden 06.2014

Von uns[e]rer Aus­fahrt will ich Dir einiges bericht­en, über das übrige wollen wir uns mal unter­hal­ten. Sonnabend früh […] begann die Fahrt über L., Wüsten­brand (Auf­fahrt auf die Auto­bahn) etwa so: Glauchau, Crim­mitschau, Ron­neb­urg, Gera, Saalfeld; daselb­st das Ereig­nis des Tages, die Feen­grot­ten. Schwarzburg im „Thüringer Hof” Mit­tag. Von da mit Pfer­deges­pann durch’s Schwarzatal nach Rudol­stadt — Kaf­feep­ause. Gegen 6 Uhr abends zurück mit den Omnibussen nach Hohen­stein in die Hüt­ten­müh­le, zum Kam­er­ad­schaftsabend. Die Gegend[,] die wir besucht­en, ist äußerst reizvoll; doch mit dieser Menge und der dauern­den Eile, dies Gebun­den­sein an ein paar Stun­den, ver­liert die ganze Sache den eigentlichen Reiz. Viel lieber möcht[e] ich das allein mit Dir erleben. Doch die Bemühun­gen des Betrieb­s­führers in Ehren: Das Reiseziel fand all­ge­mein Befriedi­gung u. auch son­st ver­lief der Tag froh und in kam­er­ad­schaftlich­er Weise. Die Bilder hab[e] ich Dir mit­ge­bracht. Unsere behalte ich noch, Du! Viele Grüße von den Eltern. Nun Schluß für heute, ich bin ja so froh! Was muß nur der Briefträger denken?

Behüt Dich Gott, mein lieber[,] lieber [Roland]! Ich küsse Dich, Du!

T&SavatarsmIch liebe Dich!

Deine [Hilde].

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