18. Juni 1939

[390618–1-1]

L. am 16. Juni 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Son­ne des Glücks leuch­te­te mir aus Dei­nen lie­ben Zei­len ent­ge­gen und ver­scheuch­te die letz­te Amts­mie­ne und den Groll und Klein­kram des All­tags. Das habe ich erst mit Dir gelernt, Liebs­te: glück­lich sein, indem man ande­re beglückt. Ein and[e]rer Mensch bin ich inner­lich wohl nicht gewor­den, lie­be [Hil­de]. Oder doch?

Auszug aus dem Brief: durchaus gewellte Markierungen
Aus­zug aus dem Brief: durch­aus gewell­te Mar­kie­run­gen

Aber befreit hast Du mich von einem inne­ren Druck, ange­zapft hast Du den See mei­ner Lie­be, einen Men­schen habe ich gefun­den, dem ich mein Herz zei­gen kann, weil er mich liebt. Nie­man­den hat­te ich bis­her, dem ich sagen konn­te, wie mir ums Her­ze war. Uns[e]re Schu­le und Bil­dung wand­te sich fast aus­schließ­lich an den Ver­stand. Die Stim­me des Her­zens wur­de unter­drückt, denn Her­zens­wär­me ver­trug sich schlecht mit Ver­stan­des­käl­te. Ja, die Regun­gen des Her­zens schie­nen uns als unlau­ter und unsau­ber oder als Schwä­che ver­däch­tig. Man unter­drück­te sie und blieb kühl, um stark zu erschei­nen. Man schäm­te sich, das Herz zu zei­gen und spre­chen zu las­sen. Die Umstän­de brach­ten es auch mit sich, daß ich den Eltern und Geschwis­tern mein Herz und mei­ne Lie­be nicht mehr zei­gen konn­te. Und es brann­te doch oft so heiß und war so voll zum Über­lau­fen — [Hil­de], lie­be [Hil­de], Du hast es befreit, das gefan­ge­ne Herz. Du hast es schla­gen hören unter dem Schul­meis­ter­wams. Du hast sei­ne Wär­me gespürt hin­ter der Ver­stan­des­käl­te. Oder hast Du es klin­gen hören beim Musi­zie­ren? Ja, die Musik, sie war das Gefäß, in das sich das über­vol­le Herz manch­mal ergie­ßen konn­te, beim Sin­gen konn­te ich zuwei­len ver­ges­sen, daß ich es doch ver­ber­gen woll­te. Was dan­ke ich der Musik nicht alles, auch, daß wir uns fan­den, Liebs­te. Und der ich mein Herz öff­nen konn­te, sie durf­te nicht viel anders sein, als Du bist. Ja, manch­mal will mir schei­nen, daß es nur Dir sich erschlie­ßen konn­te: einem unver­bil­de­ten, unver­bo­ge­nen Men­schen­kind mit gesun­dem, star­kem und tie­fem Emp­fin­den; einem Mäd­chen, das sich das Wunsch­bild rei­ner, glück­vol­ler Lie­be unge­trübt bewahr­te. Aber ich hät­te Dich nicht gefun­den, wenn Du nicht mutig vor­ge­sto­ßen wärest durch Schul­meis­ter­wür­de und Eis des Ver­stan­des zu mei­nem Her­zen. Ich wäre scheu und gefan­gen für mich geblie­ben, wenn Du mich nicht mit Dei­nem gro­ßen Ver­trau­en aus mei­ner Zurück­hal­tung gelockt hät­test. Weil Du so ehr­lich und tap­fer warst, Dein Herz zu zei­gen und aus­zu­schüt­ten, hast Du mich gezwun­gen und ermu­tigt, gleich ehr­lich zu sein. In die­sen Wochen jährt sich so vie­les Ent­schei­den­de und ganz von selbst gehen die Gedan­ken zurück. Als ich bei mei­nem Weg­gang von O. Herrn Pes­ter die Sum­me von 1,50 M über­ant­wor­te­te, tat ich es in der unge­wis­sen, bei­na­he aber­gläu­bi­schen Hoff­nung, es könn­te der Faden, den wir fal­len lie­ßen, wie­der auf­ge­nom­men und wei­ter­ge­spon­nen wer­den. Ich rech­ne­te, daß Du doch die Über­ra­schung bemer­ken und viel­leicht auf einem Kar­ten­gruß aus A. ihrer Erwäh­nung tun wür­dest. Wie schon manch­mal frü­her, klam­mer­te sich die Hoff­nung an einen Stroh­halm. Und ihre Erfül­lung schien so unwahr­schein­lich wie ein gro­ßer Lot­te­rie­ge­winn oder wie die Tat­sa­che, daß ein dür­res Holz sich begrü­ne. Und nun? Rei­cher als ich erwar­ten durf­te, war die Erfül­lung: Es schlug mir ein Herz in Lie­be und Treue, [Hil­de], mei­ne lie­be [Hil­de]! Es hat mei­nen gan­zen Men­schen erschüt­tert und in Auf­ruhr ver­setzt — nun war es an mir zu han­deln. — Und heu­te vor einem Jah­re, lie­be [Hil­de], da fuhr ich aus zur Braut­schau. Als soll­te ich mir eine erwäh­len, so wich­tig und fei­er­lich war mir zumu­te. Gewiß­heit brach­te mir die­ses Wie­der­se­hen nicht. Wir sehen heu­te, daß es auch nicht mög­lich war. Aber so leicht ließ ich mir die Hoff­nung nicht ent­win­den, und über den ers­ten Schmerz der Ent­täu­schung sieg­te rasch der Ent­schluß: Ich will ihr wenigs­tens hel­fen. Über die ungüns­ti­ge Zufäl­lig­keit uns[e]rer Begeg­nung stell­te ich schon damals die güns­ti­ge Regel­mä­ßig­keit unse­res Brief­wech­sels. Dar­in bestand ja über­haupt die Ent­täu­schung, daß ich die Schrei­be­rin der Brie­fe nicht recht wie­der­erkann­te. Mit Span­nung sah ich Dei­nem nächs­ten Brief ent­ge­gen, ich erwar­te­te, daß Du dar­in Dei­ne Unzu­frie­den­heit zum Aus­druck bräch­test. „Soll ich Ihnen sagen, daß ich unzu­frie­den bin?” So begann er wirk­lich, und ich wur­de froh dar­über. Dür­fen wir nicht dank­bar zurück­schau­en, Liebs­te, und zuver­sicht­lich wei­ter­schmie­den an unse­rem Glück.

Ich weiß Dich heu­te unter­wegs und den­ke Dei­ner oft.

Ba Bild 146II-732, Erholung am Flussufer
Erho­lung am Fluss­ufer, DBa, Bild 146II-732 / CC-BY-SA, via Wiki­me­dia Com­mons
Die­se Woche ist mir schnell ver­gan­gen. Dar­an sind die Som­mer­gäs­te mit­schuld [sic]. Wir haben etli­che Stun­den ver­ses­sen in lau­ni­ger Run­de, meist nach dem Abend­brot. Zu dem net­ten Ehe­paar — Er ist Auf­sichts­be­am­ter bei der Ber­li­ner U-Bahn, ein fei­ner Men­schen­ken­ner, hat viel erlebt in sei­nem Dienst — gesell­ten sich drei KdF-Gäs­te, dar­un­ter zwei Mäd­chen etwa in Dei­nem Alter. Es waren alle lie­be Leu­te, kei­ne schnodd­ri­gen Ber­li­ner, wie man sie sonst manch­mal ken­nen lernt. Wie ich mich in die­ser lau­ni­gen Run­de beneh­me, kannst Du Dir ja den­ken. Ich bewun­de­re, wie gewandt und geschickt die­se Leu­te erzäh­len, die Ber­li­ner sind schlag­fer­tig und haben einen guten Humor. Wie die Leut­chen alle unterko[m]men? Herr Hoff­mann schläft in der Kam­mer neben der Wohn­stu­be, Frau Hoff­mann auf dem Sofa, oben hau­sen die Frem­den. Für Dich wäre jetzt gar kein Platz, Du!

Am Diens­tag erreich­te mich ein Brief Dei­ner Mut­ter. Ich sah ihr fro­hes Gesicht und spür­te ihren herz­li­chen Hän­de­druck, als ich die Zei­len las.

Am vori­gen Sonn­tag, wäh­rend Du Dich in Dei­nem Käm­mer­lein ein­ge­schlos­sen hat­test, bin ich nach dem W. gegan­gen. Es war sehr schwül. Mei­ne Zech­schuld hat­te am Sonn­tag vorh[er] mein Kol­le­ge Voigt getilgt. Für mor­gen habe ich mir noch nichts Bestimm­tes vor­ge­nom­men. Heu­te schrie­ben mir mei­ne Eltern. Ich berich­te­te Ihnen [sic] aus­führ­lich von uns[e]rer Fahrt, auch von Dei­nen Ein­drü­cken in K.. Vater und Mut­ter las­sen Dich herz­lich grü­ßen.

An die­sem Brief habe ich eigent­lich lan­ge geses­sen. Er geht heu­te [wohl am Sonn­tag 18. Juni] erst ¾ 8 mit weg. Hof­fent­lich gelangt er pünkt­lich in Dei­ne Hän­de. Mei­ne roten Brief­mar­ken sind mir aus­ge­gan­gen.

Meine Bote wird Dich in wei­chen Pfüh­len sanft schlum­mernd antref­fen. O Liebs­te, den ich frü­her benei­de­te, er hat mir nichts mehr vor­aus, o Du, Du! Möch­te Eure Aus­fahrt glück­lich ver­lau­fen sein! Behü­te Dich Gott, Herz­lie­bes! Geräusch­los auf den Zehen­spit­zen tre­te ich an Dein Bett­chen, und set­ze mich auf den Rand, und neh­me das lie­be Köpf­chen in mei­ne Hän­de und küs­se Dich, Herz­al­ler­liebs­te.

T&SavatarsmIch lie­be Dich!

Dein [Roland].

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