13. Juni 1939

[390613–2-1]

O., am 12. Juni 1939.

Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Ges­tern früh ging ich, Dei­nen Brief in den Hän­den voll ban­ger, zit­tern­der Erwar­tung in mein Käm­mer­chen. Nur mir allein sol­len die­se Minu­ten gehö­ren, in denen ich die Zei­chen von Dei­ner Hand auf­neh­me. Drei Blät­ter — mein Blick glei­tet über die Zei­len hin, immer schnel­ler mit klop­fen­dem Her­zen, mit hei­ßen Wan­gen lese ich — einer Ver­durs­ten­den gleich, die den Becher nicht eher absetzt, als bis er geleert ist.

Sudetští Němci děkují Vůdci AH
Sude­ten­deut­sche dan­ken Adolf Hit­ler, von Unbe­kannt (Rozu­mět dějinám) [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons
Du, mein [Roland]! Ist das noch der stil­le, erns­te, ver­schlos­se­ne Mensch von ehe­dem, der fast nicht an das Glück glau­ben woll­te? O nein — es ist ein fro­her, frei­er und glück­li­cher Mensch, der durch die­se Zei­len zu mir spricht. Wie dan­ke ich dem Herr­gott, daß er Dich lenk­te. Und was Dich so wan­del­te, es ist das gro­ße, tie­fe und fast über­mäch­ti­ge Gefühl:, die Lie­be. Scheu, fast andäch­tig sprach ich eini­ge­mal [sic] die Wor­te nach, die Du geschrie­ben hast: Ich lie­be Dich, Ach Du! Du! Ein Him­mel tut sich vor mir auf, Jauch­zen und Klin­gen ist in mir — wie hast Du mich beglückt, Liebs­ter! Das Herz ist mir so über­voll, ich möch­te weit hin­aus­lau­fen, möch­te mein Glück hin­aus­ru­fen in den Sturm; weh, könn­te ich jetzt bei Dir sein. Drei Wochen zäh­le ich noch, bis zu unser[e]m Wie­der­se­hen, dann sollst Du mir sagen, daß Du mich liebst. Mor­gens beim Erwa­chen ist unser Glück der ers­te, abends der letz­te Gedan­ke. Ich bin so erfüllt davon, die Arbeit und alles ande­re Gesche­hen ist mir fast gleich­gül­tig. Unse­re Gedan­ken kön­nen nicht fehl gehen in dem Seh­nen und Erin­nern nach dem Ver­gan­ge­nen. Wie ist die Welt so schön. Es ist sehr lieb von Dir, daß Du mir unse­re Rei­se­bil­der bei­leg­test, schön der Rei­he nach geord­net. Wenn ich sie betrach­te, dann steht alles wie­der so greif­bar nahe vor mir. Das Dubit­zer Kirch­lein schaue ich so gern an, mit ‚unser[e]m’ Berg im Hin­ter­grun­de. Schlie­ße ich dann die Augen, sehe ich einen düs­te­ren Wald, eine Wie­se feucht vom Tau, vom mil­den Mon­den­schein [sic] über­gos­sen; rings­um ragen schwarz die Ber­ge in den Him­mel, es ist als sei dort kein Leben. Doch weit unten, am Fuße der Anhö­he, liegt ein brei­tes, hel­les Band: Der Fluß — da ist Leben, Lich­ter bli[nke]n und bewe­gen sich fort. Oben hal­ten sich zwei Men­schen umschlun­gen, ste­hen an dem Ort, der sich als ihr Mär­chen­land erschloß — still, trin­ken sie den wun­der­sa­men, nächt­li­chen Anblick in sich hin­ein, zum letz­ten Male. Ach Du! Wir hat­ten uns so lieb.

Weißt Du, der spä­te Besuch in der Wald­müh­le drang stö­rend ein in unse­ren See­len­frie­den. Dort herrsch­te eine ganz ande­re Atmo­sphä­re und die­se Leu­te waren auch glück­lich auf ihre Art. Mir kamen die­se Gedan­ken schon, als ich zu Bett lag. Du wirst es auch emp­fun­den haben. Ich woll­te die­sen klei­nen Miß­klang ger­ne weg­lö­schen, woll­te Dir noch etwas recht Lie­bes sagen — ich fand die rech­ten Wor­te nicht, war so hilf­los und mir kamen die Trä­nen. Ich wein­te nicht, weil Du mich in’s Bett schick­test — ich bin Dir nicht böse, Du.

Ach ich wer­de ja nicht fer­tig, an unser gemein­sa­mes Erle­ben zurück­zu­den­ken. Welch[e] fro­he Zeit ist für uns ange­bro­chen. 8 Tage sind für Zwei eine lan­ge Zeit, uns schien sie so kurz, wie vie­le neue Wege öff­ne­ten sich. Wir wur­den ein­an­der nicht über­drüs­sig. Du hast so recht: Hät­te uns nur sinn­li­che Lie­be ver­bun­den, wären wir in die­ser Zeit fer­tig gewor­den mit­ein­an­der.

Wir konn­ten uns nicht lie­ber haben und ich wünsch­te, es möch­te so blei­ben. Du! Wir müs­sen und wir wol­len fest und treu zu unser[e]m Gelüb­de ste­hen. Unser Weg wird oft nicht leicht sein, das soll uns jedoch nicht Ban­ge machen, und aus die­sem Grun­de wol­len wir jetzt ver­nünf­tig sein und uns nicht bewußt Not und Bedräng­nis in den Weg stel­len; denn das tun wir, sobald wir uns[e]re Freu­de über­schäu­men las­sen.

Ich blei­be bei Dir, ich behal­te Dich lieb Du, Liebs­ter!

Diens­tag­abend ½ 11 Uhr.

Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Nun sind mei­ne Gäs­te wie­der fort. Heu­te war Kränzl bei mir und ich hat­te außer mei­nen Mädels eine frü­he­re Schul­freun­din mit ein­ge­la­den. Es gab dies­mal so viel zu erzäh­len — sie ist jung ver­hei­ra­tet und Mut­ter eines aller­liebs­ten, klei­nen Mädel­chens.

Liebs­ter, heu­te mit­tag [sic] nahm ich Dei­nen Kar­ten­gruß in Emp­fang, ich war so freu­dig über­rascht. Das hast Du ja wie­der mal groß­ar­tig auf­ge­zo­gen, die­sen Text ver­ste­hen nur wir bei­de! Aber weißt Du, schlim­me 13, ganz so grün wie Dei­ne ange­ge­be­ne 5 füh­le ich mich nun doch nicht! Dein Bru­der und Du, Ihr bei­den ver­steht Euch auf’s Kar­ten­schrei­ben. Wie ich den Sonn­tag ver­brach­te? Weil Mut­ter und ich am Sonn­abend gewa­schen hat­ten, hab[e] ich mir geleis­tet ein­mal gründ­lich aus­zu­schla­fen, bis um acht. Dann kam ja Dein lie­ber Bote! Du, wenn Du wüß­test, wie oft ich ihn schon in mei­nen Hän­den hielt. Beim Kochen war ich am Sonn­tag ver­hält­nis­mä­ßig schlecht bei der Sache, der Bra­ten war ein bis­sel ver­sal­zen. Nach­mit­tags hat­te ich mich mit Lui­se zum Spa­zie­ren­ge­hen ver­ab­re­det. Doch ich woll­te so ger­ne noch eine Wei­le ganz mit den Gedan­ken bei Dir sein. So rie­gel­te ich mich nach Tisch in mei­ne Kam­mer ein, leg­te mich mit Dei­nem Brief auf’s Sofa und — schlief vor lau­ter Glück und Träu­me­rei ein. Genau um 4 wach­te ich auf und sie­he da, neben­an hat­ten die Eltern auch Mit­tags­ru­he gehal­ten und die Zeit ver­schla­fen. Ich ging dann rasch zu Lui­se und wir bum­mel­ten mit­ein­an­der hin­aus nach den Fel­dern, der Land­stra­ße nach Kau­fun­gen zu; zurück über O.-Rußdorf und L. — um 8 war ich daheim. Das Wet­ter hielt sich noch bis zum Abend, seit ges­tern hat’s noch nicht wie­der auf­ge­hört zu reg­nen (Reg­nen?) [sic] — Und heu­te nun war Dein Wan­der­tag. Ich frag’ mich, ob ihr bei dem Wet­ter aus­ge­flo­gen seid? Du mußt recht oft an mich den­ken, glaub ich. Mei­ne Gedan­ken kom­men nicht los von Dir, die gan­ze Zeit schon — ich will sie ja gar nicht auf and[e]re Bah­nen zwin­gen!

Notiz: 13. Juni 1944 schlug das erste Fi 103 in London ein.   Zum Bild: Marschflugkörper Fieseler Fi 103 ("Vergeltungswaffe V 1") wird von Soldaten auf Schlitten zum Start gezogen, Foto von Lysiak, 1944, Ba Bild 146-1975-117-26 / Lysiak / CC-BY-SA, Wikimedia Commons, herunterladen 06.2014.
Zur Kennt­nis: 13. Juni 1944 schlug das ers­te Fi 103 in Lon­don ein. Zum Bild: Marsch­flug­kör­per Fie­se­ler Fi 103 (“Ver­gel­tungs­waf­fe V 1”) wird von Sol­da­ten auf Schlit­ten zum Start gezo­gen, Foto von Lys­i­ak, 1944, Ba Bild 146‑1975-117–26 / Lys­i­ak / CC-BY-SA, Wiki­me­dia Com­mons, her­un­ter­la­den 06.2014.

Ver­gan­ge­nen Frei­tag fand nun end­lich unser Klas­sen­tag statt. Er ver­lief sehr har­mo­nisch — bis auf eini­ge dreis­te Über­fäl­le auf unser[e]n Herrn Ober­leh­rer, von sei­ten [sic] einer unver­bes­ser­li­chen Klas­sen­schwes­ter. Um Mit­ter­nacht erschien noch eine Run­de Likör, Eine fei­er­te ihren 19. Geburts­tag. ½ 1 trenn­ten wir uns end­lich in geho­be­ner Stim­mung; Erin­ne­run­gen wur­den aus­ge­tauscht, böse Strei­che auf­ge­frischt und so man­che heim­li­che Schlech­tig­keit kam zuta­ge, die unser[e]m ‚Alter­chen’ bis dahin vor­ent­hal­ten wor­den war. Herr Hart­lich sprach ein paar lie­be Wor­te zu uns und freu­te sich, daß nach Jah­ren so vie­le unser[e]m Ver­spre­chen treu blie­ben. 1944, will’s Gott, sehen wir uns am Palm­sonn­tag alle wie­der. Wäh­rend mei­ner Abwe­sen­heit hat­ten sich die ander[e]n auch geei­nigt, in der Fra­ge des Geschen­kes: Eine gro­ße Kis­te Zigar­ren und einen gro­ßen Strauß Rosen! Wir hat­ten bestimmt das Rech­te getrof­fen, denn er strahl­te über’s gan­ze Gesicht. —

Am kom­men­den Sonn­abend früh um […] fah­re ich mit unser[e]m Betrieb, so viel ich weiß, nach Thü­rin­gen. Ach, ich freu[e] mich kein Bis­sel d[a]rauf, viel lie­ber käm’ ich zu Dir. Hof­fent­lich ist schö­nes Wet­ter, damit ich nicht den gan­zen Tag drin­nen, unter der Men­ge ver­sit­zen muß. Bei uns im Geschäft steht das Baro­me­ter auf Sturm. Unser Juni­or hat sich mit sei­nem Onkel (unser[e]m Geschäfts­füh­rer) ent­zweit und fängt mit­te [sic] Juli ein eige­nes Unter­neh­men an in O.. Die bren­nen­de Fra­ge: Wird er sei­nen Anteil for­dern an Maschi­nen, an Arbeits­kräf­ten? Gesetz­lich steht ihm das zu. Wer wird nun her­aus­ge­ris­sen wer­den? Wei­ter: Unser Land­jahr­mä­del hat es auf irgend eine [sic] Wei­se fer­tig bekom­men, sich davor zu drü­cken. Das Arbeits­amt for­dert eine Neue. Wir aber den­ken nicht dar­an, in eine zwei­te Ver­lo­sung ein­zu­wil­li­gen. Es ist unser gutes Recht, den wah­ren Sach­ver­halt ihrer Befrei­ung zu wis­sen ehe wir in neue Ver­pflich­tun­gen ein­wil­li­gen. Kurz — wir befin­den uns wie­der mal in einer kri­ti­schen Lage. Die Zukunft wird Klar­heit schaf­fen und mir ist jetzt vor nichts mehr ban­ge, Du. Als Bei­spiel hal­te ich mir die Lage Dei­nes Bru­ders vor. Um wie viel mehr geht es bei ihm und er hat Pflich­ten, grö­ße­re als ich. Es steht ernst um ihn — er faßt die Sache herz­haft und mutig an und ver­liert oben­drein noch nicht ein­mal sei­nen gol­de­nen Humor.

Mein [Roland], seit ich weiß, daß Du mich liebst, will mir vor nichts so schnell angst wer­den. Stark und getrost macht mich die­ses fro­he Gefühl. Im Auf­blick zu dem, der über uns ist mit sei­nem Schutz, sag[e] ich Dir: Ich bin so ruhig, so voll von Zuver­sicht und Ver­trau­en und ich weiß, Du bist es auch.

T&SavatarsmGut Nacht, Liebs­ter! Behüt Dich Gott! Ich lie­be Dich!

Dei­ne [Hil­de].

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