10. Juni 1939

[390610–1-1]

L. am 5. Juni 1939.

Am Mon­tag.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Der ers­te Schul­tag ist vor­bei. Beihnahe gleich­gül­tig, im gewohn­ten Glei­se gehend, tat ich mei­ne Arbeit. Sie erscheint mir so unbe­deu­tend und glanz­los gegen das, was wir erleb­ten. Nun scheint doch wie­der die Son­ne — und Du bist nicht bei mir, bist so weit weg von mir! Fast bin ich erschro­cken über mei­ne Augen, als ich vor­hin in den Spie­gel sah. Sie glän­zen unheim­lich und dun­kel und abwe­send und suchend. Du! Was sie alles schau­ten und tran­ken, und womit sie sich füll­ten in die­sen Tagen! Und sie wer­den ja nicht ruhen, bis sie all das Süße und Schö­ne wie­der­schau­en.

Hänsel und Gretel, von Alexander Zick [Public domain], via Wikimedia Commons
Hän­sel und Gre­tel, von Alex­an­der Zick [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons
Dank­bar den­ke ich dara[i]n, daß wir uns[e]re ers­te Aus­fahrt glück­lich beschlos­sen, wie uns so alles nach Wunsch und Plan ging, erst in K., und dann in den ver­gan­ge­nen Tagen. Fast ein wenig unheim­lich, wie zuletzt uns die Umstän­de ent­ge­gen­ge­kom­men, mehr als wir wün­schen durf­ten. Du, ich bin doch auch froh, daß wir die Freu­de nicht über­schäu­men lie­ßen. Es war doch wie im Mär­chen. Ich hät­te ja nie geglaubt, daß ich ein­mal so den Glücks­hans [sic] spie­len dürf­te. Und die Erin­ne­rung an die­se schö­nen Tage, sie brennt nur in unse­ren Augen­paa­ren, das macht sie mir köst­li­cher, und wenn ich sie auf­fri­schen will, dann brau­che ich Dich, Du, die Glücks­gre­te. Und der Gedan­ke will mich am ehes­ten trös­ten über die Weh­mut, daß nun alles der Ver­gan­gen­heit ange­hört. Auch Dei­ne Augen leuch­ten und suchen und wer­den nicht Ruhe geben, uns[e]re Gedan­ken müs­sen sich begeg­nen in dem Erin­nern und in der Sehn­sucht nach dem ver­gan­ge­nen Glück.

Blei­be bei mir, Liebs­te!

Am Diens­tag.

Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Frei bin ich für heu­te. Ach Liebs­te, was taugt mir die Frei­heit, wenn ich Dich nicht bei mir habe! Ich war heu­te recht müde im Dienst. Der Brief­trä­ger brach­te eine Kar­te aus O., Grü­ße der Kan­to­rei­gesell­schaft. Ich emp­fand ein wenig Freu­de dar­über. Sie sind ohne Dich aus­ge­flo­gen. Es ist gewiß viel über uns gere­det wor­den. Liebs­te, es wer­den immer mehr Zeu­gen uns[e]rer Freund­schaft, und die Freund­schaft selbst eine Tat­sa­che, mit der man rech­net — und heu­te macht mich das froh, Du!

Ich sit­ze dem Spie­gel gegen­über, und nun muß ich an unser Lied [von Hugo Wolf nach einem Gedicht von Gott­fried Kel­ler] den­ken:

Du milch­jun­ger Kna­be, was siehst Du [sic] mich an?

Was haben dei­ne Augen für eine Fra­ge getan?

Alle Rats­herrn der Stadt und alle Wei­sen der Welt

blei­ben stumm auf die Fra­ge, die dei­ne Augen gestellt.

Eine Meer­mu­schel liegt auf dem Schrank mei­ner Bas’,

da hal­te dein Ohr dran, dann hörst du etwas.

Hugo Wolf radiert von Schmutzer
Hugo Wolf, radiert von Fer­di­nand Schmut­zer (1870–1928) [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons

[vgl. Ein lee­res Schneck­häu­sel, Schau, liegt dort im Gras:

Da hal­te dein Ohr dran, Drin brüm­melt dir was!]

Ach Liebs­te, waren wir nicht recht glück­lich mit­ein­an­der?

Denk an die Men­schen, denen wir begeg­ne­ten, unter denen wir weil­ten, waren wir nicht die glück­lichs­ten, Du und ich? Wir dach­ten kaum nach Hau­se, wir waren uns selbst genug, wir emp­fan­den, daß wir zusam­men wohl froh und mutig wer­den die­se Erden­rei­se antre­ten können.[sic] Ges­tern fand ich in mei­nem brau­nen Heft die­ses Wort:

Zum Ver­gnü­gen gehört der Flirt, das viel­fäl­ti­ge, abstän­di­ge Spie­len mit­ein­an­der.

Zum Glück gehört, sich ab und zu völ­lig der Urge­walt der Wol­lust hin­zu­ge­ben.

Erleb­ten wir nicht auch viel rei­ne Freu­de? Und hast Du nicht froh bemerkt, wel­che Reser­ven der Freu­de in der Musik noch fast unbe­rührt lie­gen? Ach Liebs­te, ich freue mich so dar­auf, mit Dir viel schö­ne Lie­der zu ler­nen und zu sin­gen. Ach Du, wir sind nicht fer­tig gewor­den mit­ein­an­der in die­sen acht Tagen — wir wären es, wenn nur sinn­li­che Lie­be uns ver­bän­de —, son­dern wir sehen neue Auf­ga­ben, und ich sehe unse­res Weges kein Ende, Du, Herz­al­ler­liebs­te!

Am Mitt­woch.

Es ist ½ 11 Uhr am Abend. End­lich ist die­ser Mitt­woch um.

Was soll er mir? Wo bist Du? Was treibst Du? Ach, wenn ich Dich wenigs­tens sehen könn­te, nur klein, von fer­ne. Ich möch­te laut heu­len, wenn es nur etwas nütz­te. Viel­leicht wird es bes­ser, wenn ich ein Zei­chen von Dir erhal­te. Ein wenig Ablen­kung bringt mir der Ber­li­ner Besuch, ein älte­res Ehe­paar, net­te, ein­fa­che Leu­te. Wir waren am Nach­mit­tag zum Plin­sen­schmaus auf dem H.. Den Weg hin­auf ging ich allein. Mei­ne Gedan­ken waren bei Dir. Ich unter­hielt mich mit Dir. Und jetzt will ich schla­fen gehen. Wel­ches Bild ich sehe, wenn ich mei­ne Kam­mer betre­te? Du! Vor acht Tagen um die­se Zeit, denkst auch Du dar­an? Gut Nacht, Liebs­te. Mor­gen, will’s Gott, sind wir dem Wie­der­se­hen einen Tag näher. Mit Dir will ich auf­ste­hen um fünf. Gut Nacht, mei­ne lie­be [Hil­de]!

Am Don­ners­tag.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Vor 8 Tagen um die­se Stun­de setz­ten wir den Fuß an Land, auf unser Mär­chen­land. Wie wer­den wir unter­kom­men? Wir stie­gen zur W. — Wal­pur­gis — Nr. 149 — Nr. 148, Josef Teng­ler. Mir ahn­te etwas. Woh­nungs­su­che hat etwas Schick­sal­haf­tes, lie­be [Hil­de], ich weiß das gut. Und ich traf es noch nir­gend schlecht. Das dan­ke ich dem güti­gen Geschick, und viel­leicht liegt es auch dar­an, daß ich es recht auf­nahm. Und nun dies­mal? Äußer­lich war ich Herr der Lage, aber inner­lich war ich voll Unru­he, Du! Du!

Hem­mun­gen und Wider­stän­de schal­te­ten sich dop­pelt stark ein, als Du und die Wirts­leu­te mir ihr Ver­trau­en schenk­ten. Ver­ant­wor­tung, Pflicht­be­wußt­sein, die guten Vor­sät­ze waren stär­ker als Nei­gung und Ver­su­chung. Ich muß­te Dich betrü­ben, lie­be [Hil­de]. Bist Du mir böse des­we­gen, Du? Ich kann mein Han­deln nicht bereu­en und müß­te wie­der so han­deln. Heu­te brach­te ich mei­ne Fil­me nach S.. Ich bin ja gespannt, was wir zusam­men zustan­de gebracht haben. Du hast die Dei­nen gewiß schon in Hän­den.

Am Diens­tag nächs­ter Woche soll Wan­der­tag sein. Am Sonn­tag, den [sic] 25. Juni soll das Schul­fest abge­hal­ten wer­den. Das sind nun 2 Sta­tio­nen auf dem Wege bis zu uns[e]rer nächs­ten Begeg­nung. Wir müs­sen tap­fer aus­hal­ten.

Gott behü­te Dich, Herz­lie­bes! Behal­te mich lieb!

Am Frei­tag.

Ach Liebs­te! Nun hat mich die Pflicht wie­der. Hart sein muß ich wie­der, und das kann ich nur, wenn ich hart bin zu mir selbst. Und nun erschei­nen uns[e]re Feri­en­ta­ge in einem ver­klär­ten, unwirk­li­chen Schim­mer. Wenn wir die Sum­me zie­hen aus die­sen Tagen —

Es sträubt sich etwas in mir, so kauf­män­nisch aufzurechn[en], mit har­ten, schar­fen Wor­ten ein Ergeb­nis zu for­mu­lie­ren. Konn­ten wir ein­an­der noch lie­ber haben? Hast Du nicht wie ich den Wunsch, daß es so blei­ben möch­te? Und wis­sen wir nicht bei­de, daß zwi­schen den Gip­feln und Höhen die­ses Lebens Tage stram­men, anstren­gen­den Mar­sches lie­gen, vor denen mir aber gar nicht bangt, wenn ich an Dich den­ke? Ach lie­be [Hil­de], noch ein­mal kamen alle Zwei­fel, am Frei­tag und Sonn­abend. Sie ver­schwan­den, als Du nun end­lich dawarst [sic]. Ich glau­be, sie kom­men so arg nicht wie­der. Und ich sehe es kom­men, ich wer­de noch Grund haben, sie Dir alle abzu­bit­ten, Du Lie­be, Du Gute. Froh schie­den wir von Hau­se. [sic] Mut­ter wein­te beim Abschied, wohl aus über­vol­lem Her­zen, voll von guten Wün­schen, Sor­gen und Hoff­nun­gen. Viel­leicht ist ihre größ­te Sor­ge, daß wir uns lieb­ge­win­nen und ver­ste­hen ler­nen. Wenn sie hät­te sehen kön­nen, wie wir das schon kön­nen, und wie­viel [sic] Kraft es uns kos­te­te, es zu ver­ber­gen, Du! Du! Heu­te, nach dem Unter­richt um ½ 6, bin ich noch ein­mal nach S. gepil­gert, uns[e]re Bil­der zu holen, ich konn­te es nicht län­ger erwar­ten und mor­gen will ich sie ja Dir schi­cken. [sic] Alle gut gera­ten. Ich bin zufrie­den und freue mich mit Dir. Wie ich Dich, zum S. bli­ckend, an der Bord­wand leh­nen sehe, möch­te ich zu Dir tre­ten und Dich umfas­sen, Liebs­te. Und die­se Bil­der, so willst Du es, sol­len unser ers­ter gemein­sa­mer Besitz sein, Du! Ich mag nicht dage­gen spre­chen und bin so froh dar­über.

Am Sonn­abend.

Herz­lie­bes!

Heu­te kam Dein Brief.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Alle Emp­fin­dun­gen ruft er wach in mir, unser Glück, die Dank­bar­keit gegen Gott und Eltern und gegen Dich, Du, [Hil­de], [Hil­de], ich lie­be Dich.

Daß wir Dei­ne lie­be Mut­ter so auf die Fol­ter spann­ten, tut mir auf­rich­tig lied [sic]. Bit­te, ent­schul­di­ge uns doch auch noch ein­mal in mei­nem Namen und stel­le ihr vor, daß der Mitt­woch und Don­ners­tag doch rich­ti­ge Rei­se­ta­ge waren und ver­sprich ihr, daß wir am [sic] nächs­ten Male flei­ßi­ger schrei­ben wol­len. Uns[e]re Bil­der? Ich freue mich ja so mit Dir. Daß Du nun wie­der so schwer dran mußt, tut mir ja so leid. Ich schi­cke alle Rei­se­bil­der zurück, damit Du Dich dar­an freu­en magst. Ich habe sie auf der Rück­sei­te nach ihrer Ent­ste­hung num[m]eriert. Eines habe ich behal­ten. Vier ste­cken noch im Appa­rat. Hast Du Dei­nem Vater den Bun­ker gezeigt auf Nr. 9?

Mit Dei­nem Brief kam ein Kar­ten­gruß von mei­nen Eltern aus St. Wolf­gang am Wolf­gang­see. Eine Post­kar­te mei­nes Bru­ders lege ich bei ihrer Ori­gi­na­li­tät wegen.

Bit­te, grü­ße Dei­ne Eltern.

Wappen von St. Wolfgang, Salzkamergut, damals Ostmark (Öesterreich)
Wap­pen von St. Wolf­gang, Salz­ka­mer­gut, damals Ost­mark (Öes­ter­reich)

Ich muß nun zum Schluß kom­men.

Ich freue mich, Dir solch dicken Brief schi­cken zu kön­nen. Lie­be [Hil­de], welch fro­he Zeit ist für uns ange­bro­chen!

Nun soll mich nichts so leicht betrü­ben.

Möge Gott wachen über unse­rem Glück und unse­ren Her­zen! Im Auf­blick zu ihm wie­der­ho­le ich es froh und dank­bar, daß es Dich recht beglü­cken möge: Ich lie­be Dich, Du, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

T&SavatarsmIch möch­te Dir ganz nahe sein, ich küs­se Dich und grü­ße Dich, Herz­al­ler­liebs­te,

Dein [Roland].

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