Trug und Schein: Ein Briefwechsel

08. Juni 1939

[390608–2‑1]

O., am 7. Juni 1939.

Mein lie­ber [Roland]!

Nun ste­he ich wie­der mit­ten drin im gro­ßen Schaf­fen, und man soll­te mei­nen, nach dem ver­brach­ten Urlaub geht’s mit dop­pel­ter Lust und Lie­be an die Arbeit. Ich aber muß das Gegen­teil fest­stel­len. An die­ser Lust­lo­sig­keit hat sicher zu gro­ßem Teil die uner­träg­li­che Hit­ze schuld [sic], die schon seit Tagen hier herrscht. Es wird bes­ser wer­den. Aber sieh, das alles läßt sich ertra­gen, wenn ich zurück­den­ke an uns[e]re ein­zig schö­nen Feri­en­ta­ge — Du, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Karte der administrativen Gliederung des Großdeutschen Reiches durch die NSDAP 1944, Exec, 18 August 2010 http://en.wikipedia.org/, herunterladen 06.2014
Kar­te der admi­nis­tra­ti­ven Glie­de­rung des Groß­deut­schen Rei­ches durch die NSDAP 1944, Exec, 18 August 2010
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Die Erin­ne­rung dar­an kann alles Trü­be in eitel Gold ver­wan­deln, kann alles über­strah­len. Ges­tern kamen erst unse­re letz­ten Kar­ten­grü­ße aus dem Böh­mer­lan­de an. Ja Du, ich bin am Sonn­tag­abend mit einer regel­rech­ten, klei­nen Stand­pau­ke von den Eltern am Bahn­hof emp­fan­gen wor­den. Sie waren so in Sor­ge um uns, weil sie wäh­rend der gan­zen Zeit nur die Post­kar­te von K. erhiel­ten. Ich habe eif­rig beteu­ert, daß wir (viel mehr Du!) so flei­ßig geschrie­ben haben, daß an dem Säu­men nur die lang­sa­me­re, böh­mi­sche Post schul­dig sein kann. Dafür hat­ten sie auch Ver­ständ­nis; nur Mut­ter kam nicht so schnell über die Ent­täu­schung hin­weg, die ihr jeden Mor­gen berei­tet wur­de, wenn sie zum Früh­stück schnell mal heim­sprang, um zu sehen, ob Post da wäre. Na, alles ging vor­über — weil ich nur wie­der da war. Sie waren bei­de tüch­tig froh, das habe ich gefühlt. Und das darfst Du alter Schlin­gel ruhig glau­ben! Wenn Du viel­leicht auch im Stil­len denkst: wer soll­te sich wohl freu­en, wenn die­ser Wild­fang heim­kommt?! Die Eltern mein­ten, die Zeit ohne mich sei ziem­lich ein­sam gewe­sen. Es gab am Sonn­tag­abend noch eine Men­ge Neu­es zu erzäh­len, ich bin erst nach 1 Uhr in[‘]s Bett — ohne Gefahr zu lau­fen, daß die Bret­ter her­aus­fal­len — ohne Gute­nacht­kuß! Wie hast Du in Dei­nem schö­nen, brei­ten Bett geschla­fen? Mei­ne Rück­rei­se ging ohne Zwi­schen­fäl­le von­stat­ten. I[m] Abteil saßen eine älte­re Dame und zwei Her­ren mir gegen­über. Ich hät­te das Kleid doch nicht anzie­hen sol­len. Die Män­ner schau­en zuviel [sic] danach, ich hab[e] mich kurz ent­schlos­sen zur Sei­te gesetzt und mich schla­fend gestellt. Dann kam mir die neben mir sit­zen­de Kran­ken­schwes­ter zu Hil­fe, indem sie ein Gespräch begann; es ging um aller­lei Din­ge, um die rich­ti­ge Art zu Rei­sen, um Unfäl­le, Vor­beu­gung gegen Son­nen­brand; es war ein net­tes Fräu­lein und ich schätz­te sie min­des­tens 50 Jah­re alt, sie woll­te nach Been­di­gung einer Pri­vat­pfle­ge zurück nach Chem­nitz in das Küch­wald-Kran­ken­haus. Und weißt Du, wer mich in Chem­nitz beim Umstei­gen ein­hol­te und begrüß­te? Dora Pols­ter, sie war eine Woche bei ihren Ver­wand­ten in Dres­den. Wir unter­hiel­ten uns ganz unbe­fan­gen und ich erfuhr, daß der Kan­to­rei­aus­flug schon auf Sonn­tag, mei­nen Heim­rei­se­tag vor­ver­legt wor­den sei. Sie haben Herrn Blech­schmidt in L. besucht und daselbst zum Got­tes­dienst am Mor­gen 2 Lie­der gesun­gen.

Ich bin nicht trau­rig, daß ich die­sen Aus­flug ver­säum­te. —

Mein lie­ber [Roland]! Heu­te, vor einer Woche ver­ab­schie­de­ten wir uns von den Dei­nen, um wei­ter zu rei­sen, in’s schö­ne, son­ni­ge Elb­tal.

Elbetal nähe Teschen (Děčín), Che, 25 August 2005, http://en.wikipedia.org/, herunterladen 06.2014
Elbetal nähe Teschen (Děčín), Che, 25 August 2005, http://en.wikipedia.org/, her­un­ter­la­den 06.2014

Der Besuch Dei­nes Eltern­hau­ses war für mich ein gro­ßes Ereig­nis und wie­der ein wich­ti­ger, bedeu­ten­der Schritt wei­ter auf unse­rem Weg. Das Gefühl mit dem ich — mit dem wir bei­de Dein Eltern­haus ver­las­sen, wür­de von Bedeu­tung sein — so dach­te ich lan­ge vor­her.

Und nun, nach­dem ich Dei­ne Eltern ken­nen­lern­te[,] ist die gro­ße Angst gewi­chen. Ich wur­de so lieb und herz­lich emp­fan­gen, alle waren so unge­zwun­gen und nett zu mir, die Eltern, die Brü­der und die Schwä­ge­rin[.] Ich fühl­te mich nicht ein­mal fremd in Eurer Mit­te. Mein lie­ber [Roland]! In der Zeit, in der ich unter Euch wei­len durf­te, ist mir eines recht klar gewor­den: Du hast in Dei­nem Zuhau­se einen unwie­der­bring­li­chen Schatz. Wenn man aus einer Welt voll geis­ti­ger Armut, vol­ler Ein­tö­nig­keit und Gleich­gül­tig­keit hin­ein­tritt in Euren Kreis, so weht es einem wie ein fri­scher Atem ent­ge­gen. Man spürt: Hier ist Einig­keit und Wahr­heit, Lebens­be­ja­hung und Har­mo­nie. Und ich füh­le, [sic] die­se Ein­tracht, die­se inni­ge Fami­li­en­zu­sam­men­ge­hö­rig­keit hat sei­ne Wur­zel im Eins­sein des Glau­bens; denn er allein gibt uns Kraft, macht uns stark gegen alle ver­derb­li­chen Ein­flüs­se. Ich muß­te eini­ge Male an mein Zuhau­se den­ken: um wie viel ärmer bin ich. Ich mache den Eltern kei­nen Vor­wurf. Vater ist von zu Hau­se aus nicht sehr christ­lich erzo­gen und sei­ne Umge­bung in sei­nem Arbeits­ge­biet nährt eher das Gegen­teil. Von Mut­ter läßt er sich schwer len­ken; es fehlt ihm Her­zens­bil­dung — ich muß ihn bit­ten, daß er mal mit zur Kir­che geht. Doch ich will die Eltern nicht ankla­gen. Einen Grund zur Ent­schul­di­gung sehe ich: Sie müs­sen bei­de kör­per­lich zu viel arbei­ten, das erstickt mit der Zeit im Men­schen den Sinn für das Gute, Erbau­li­che und Schö­ne; es fehlt geis­ti­ge Anre­gung und die­se Men­schen stump­fen ab. Sie haben wohl die Erkennt­nis, daß die­se Lebens­art nicht gut und rich­tig ist; es fehlt aber ein­fach an der Ener­gie, sich auf­zu­raf­fen. Ich will nicht kla­gen, es gibt noch ärme­re Men­schen­kin­der als ich.

Als ich am Mitt­woch­früh allein in Eurem Schlaf­zim­mer pack­te, trat Dein Vater zu mir und bedeu­te­te, daß ich nun in die­sen Tagen einen klei­nen Ein­blick in Euer Fami­li­en­le­ben gewon­nen hät­te und daß er nichts mehr wünsch­te, als daß auch wir bei­de die gewohn­te Ver­traut­heit und Zusam­men­ge­hö­rig­keit erhal­ten möch­ten. Ich konn­te ihm nur stumm die Hand geben, ein so gro­ßes Glücks­ge­fühl über­ström­te mich, so dank­bar war ich gegen Gott, daß er mich Dich fin­den ließ, daß er auch den ers­ten Schritt in Dein Eltern­haus seg­ne­te, von dem ich einen so tie­fen Ein­druck gewann. Haben wir nicht schon bei­de gespürt, daß Gott mit uns ist, auf unser[e]m Wege? Und wir wol­len zu ihm ste­hen, mag kom­men was auch will. Wir wol­len aber nicht ver­ges­sen, ihm zu dan­ken für unser Glück und ihn zu bit­ten um sei­nen Schutz und Segen.

Hilf mit!, Schülerzeitung, Titelseite, April 1936
Hilf mit!, Schü­ler­zei­tung, Titel­sei­te, April 1936
Am Tage des Richt­festes hat­test Du die erns­te Unter­re­dung mit den hohen Herr­schaf­ten. Du Lie­ber, Guter, alle Sor­gen hast Du mit­ge­nom­men auf die Rei­se, hast sie so allein getra­gen[,] um zu ver­hü­ten, daß dadurch viel­leicht ein Schat­ten fällt auf unse­re fro­he Erwar­tung. Ich muß Dir so dank­bar sein, Du!

Die Tage zu zwei­en, sie brach­ten uns um so vie­les näher, Liebs­ter! Kein Mensch sonst weiß um unser Geheim­nis und dar­um ist es dop­pelt süß. Wir waren ganz allein mit uns[e]rer Lie­be. Ich kann es nicht in Wor­te fas­sen, wie ich die­se Zeit erleb­te. Sag, kön­nen wir noch von­ein­an­der las­sen? Das sehn­süch­ti­ge Ver­lan­gen, Dir kör­per­lich ganz nahe zu sein, über­kommt mich immer wie­der. Ach, so quä­lend emp­fin­de ich es, wenn ich wie­der allein bin. Ich habe Dich unsag­bar lieb, Du! Ein­mal schriebst Du mir, daß wir bei­de dar­über wachen wol­len, die­se Freu­de der Sin­ne rein zu erhal­ten, sie darf die edle­ren Gefüh­le uns[e]rer Ach­tung und Zunei­gung nicht ersti­cken. Und ich will dazu bei­tra­gen, so gut ich nur kann. Du bist so stark und fest. Ich fühl­te mich eini­ge Male schwach wer­den unter Dei­nen Lieb­ko­sun­gen — ich fürch­te­te nichts, Du warst bei mir. Ich den­ke dar­an ohne Reue, Liebs­ter! Du bist der ein­zi­ge, der ers­te, dem ich alles schen­ken möch­te. In man­chen Augen­bli­cken kann ich kaum fas­sen, daß alles Wirk­lich­keit war.

Heu­te, end­lich gelang­te ich in Besitz der Zeu­gen, die mir die Wirk­lich­keit bestä­ti­gen kön­nen. Die Bil­der, lie­ber [Roland], wie hab[e] ich mich dar­über gefreut, und alle so gut­ge­lun­gen [sic], sogar die böse 13! Wie bin ich so schreck­lich neu­gie­rig auf die ande­ren. Die Eltern fin­den ja gro­ßen Gefal­len an die­ser reiz­vol­len Gegend, viel­leicht kom­men sie in die­sem Jah­re noch­mal dahin [sic]. Ein wenig leid ist mir’s, daß ich die Bil­der nun weg­schi­cke, doch ich ver­lie­re sie ja nicht für immer. Am Sonn­tag erwar­te ich Ent­schä­di­gung! Ges­tern konn­te ich mein Schrei­ben nicht been­den, die Müdigk[eit] über­mann­te mich. Die schlim­me Hit­ze setzt mir arg zu, die lan­ge Zeit im duns­ti­gen, hei­ßen Saal hin­brin­gen ist jetzt fast eine Leis­tung. Ich bin zur Pau­se aus der Sing­stun­de heim­ge­gan­gen, als hät­te ich’s geahnt, denn jetzt nach 10 kracht der Don­ner und die Blit­ze leuch­ten, der lang­ersehn­te Regen plät­schert mun­ter an den Fens­ter­schei­ben her­un­ter. Nanu — ich hof­fe, daß mein Licht nicht noch­mal 5 Minu­ten weg­bleibt. Sag, bist Du auch immer so müde und matt? Nun schnell noch paar Neu­ig­kei­ten — dann Schluß für heu­te! Die L. er haben jetzt Grün­ders von uns bei­den geschrie­ben, eine frü­he­re Kan­tor­fa­mi­lie war auch zu Besuch da und erkun­dig­ten sich nach uns. Tru­di ver­trau­te mir an, daß ihr Vater sein Amt im Sep­tem­ber nie­der­le­gen wird, mir scheint, ein ähn­li­cher Fall wie bei Dir. Was wird nun mit uns wer­den? Es weiß von den ande­ren noch nie­mand davon. Der Gedan­ke, daß Du wie­der­kom­men müß­test, läßt sich ein­fach nicht abwei­sen. — Wenn Du Dei­nen Eltern schreibst, grü­ße sie bit­te.

Gott schüt­ze und behü­te Dich, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

T&SavatarsmIch lie­be Dich, ich drü­cke Dich fest und innig an mein Herz und küs­se Dich! Du, Liebs­ter! Behal­te recht lieb

Dei­ne [Hil­de].

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08. Juni 1939

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