24. Mai 1939

Auszug aus dem Brief: mit Antiqua-Handschrift für westliche Örte.
Aus­zug aus dem Brief: mit Anti­qua-Hand­schrift für west­li­che Örte.

[390524–1‑1]

L. am 24. Mai 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Hoch­be­trieb in der Wil­helm­stra­ße, am Quai d’Or­say und in der Dow­nings­treet (das sind die Zen­tren der deut­schen, fran­zö­si­schen und eng­li­schen Poli­tik), Hoch­be­trieb in der Poli­tik, Noten­wech­sel, Pak­te…  Heu­te kam Dein Brief, dem man das eif­ri­ge Rüs­ten zur Rei­se ansieht, heu­te erhielt ich auch Ant­wort von Hau­se. Die Eltern freu­en sich auf Dei­nen Besuch. „Es bleibt dabei, Pfings­ten seid Ihr hier!“ so schreibt Mut­ter. Du! Das ist ein Befehl. Da ist kein Ent­rin­nen. Ich freue mich.

Nun packe Dein Köf­fer­chen, es geht auf die Rei­se, Sonn­abend!

Hier noch ein­mal der Fahr­plan.

O. ab …

Chem­nitz an …

Chem­nitz ab …(wenn Du den … noch erwischst, ist’s auch kein Feh­ler)

Dres­den an …

Dres­den ab … Bahn­steig 19! Du steigst in Dres­den aus, gehst vor, da liegt die­ser Bahn­steig links oben!

Auszug aus dem Brief: Fahrkommentar
Aus­zug aus dem Brief: Fahr­kom­men­tar

A. an … (Durch die Unter­füh­rung, Trep­pe links hin­auf, weit den Bahn­steig ent­lang, um das Bahn­hofs­ge­bäu­de her­um­ge­schlän­gelt, immer den Men­schen nach, Du hast Zeit, der Zug muß war­ten, Du darfst auch mal fra­gen. Wenn Du falsch fährst, lach ich Dich aus, wenn Du rich­tig fährst .… mal sehen. // Das pfif­fi­ge Mäd­chen möch­te ich sehen !!!! Ich fürch­te Dei­ne Rache!

A. ab …

K. an …

Aus mei­nem Fahr­plan erse­he ich, daß die ein­zi­ge Ermä­ßi­gung, das wäre die Sonn­tags­kar­te, nicht in Betracht kommt, sie gilt nur bis zum 1. Juni, und wir wol­len doch 8 Tage zusam­men sein, Du! Du besorgst Dir also eine ein­fa­che Fahr­kar­te nach K..

Und nun will ich sehen, ob Du rich­tig fährst. Meis­tens links hal­ten, Du, das ist die Herz­sei­te. Glück­li­chen Rutsch! Ich wer­de am Tage vor­her immer Bah­ne machen. Das Richt­fest ist näm­lich auf den 3. Fei­er­tag ver­scho­ben.

Lie­be [Hil­de]! Nun sind wir über den man­cher­lei Ereig­nis­sen so rasch an unse­ren gemein­sa­men Urlaub her­an­ge­kom­men. Wir haben ihn schon lan­ge her­bei­ge­wünscht. Gott gebe, daß er glück­lich und nach unse­rem Wun­sche ver­läuft. Wir wer­den nicht so ängst­lich nach der Zeit sehen müs­sen. Wir wer­den uns doch auch ein­mal gut aus­ge­schla­fen zu sehen bekom­men? Ach, 8 Tage ist ja nicht viel, aber doch mehr als 2 Tage.

Ich muß an unse­re Ver­ab­re­dung im ver­gan­ge­nen Jah­re den­ken. Daß sie so rasch zustan­de kam, dür­fen wir heu­te als ein gutes Zei­chen wer­ten. Aber das wird mir heu­te auch recht deut­lich: ein wenig aben­teu­er­lich und gewagt war der Plan doch in Anbe­tracht uns[e]rer jun­gen Bekannt­schaft. Ich ver­ste­he rückblick[en]d kaum, wie ich es wagen konn­te. Die­se Zumu­tung an Dei­ne Eltern! Und wenn ich beden­ke, was alles noch dazwi­schen liegt bis zu unse­rem Du. Es ist gut so, wie es gekom­men ist.

Wenn wir heu­te dar­an den­ken, 8 Tage gemein­sam zu ver­le­ben, so ist dar­an kaum etwas Aben­teu­er­li­ches. Es ver­bin­det uns größ­tes Ver­trau­en. Miß­ver­ständ­nis­se, fal­sche Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen sind aus­ge­schlos­sen, uns[e]re Freund­schaft hat Boden unter den Füßen. Aus dem Zustand des Trau­mes, des Spie­lens mit dem Mög­li­chen, ist sie in die Wirk­lich­keit gerückt. Ich glau­be, daß sie damit nichts ver­lo­ren, son­dern gewon­nen hat. Ein Schritt wei­ter auf die­sem Wege ist Dein Besuch bei uns zu Hau­se. Es wer­den damit wie­der mehr Zeu­gen uns[e]rer Freund­schaft. Das muß Dich froh und sicher machen. Ich gewin­ne damit ver­trau­te Bun­des­ge­nos­sen und Bera­ter und wer­de nun siche­rer in mei­nen Ent­schlüs­sen. Gern den­ke ich auch dar­an, daß wir für uns[e]re Begeg­nun­gen einen neu­en, guten Unter­schlupf fin­den. Wenn Du die rech­te bist, dann wirst Du in mei­ner Mut­ter eine unver­dros­se­ne, güti­ge und opfer­wil­li­ge Hel­fe­rin fin­den. Lie­be [Hil­de], ich wün­sche es von gan­zem Her­zen. Und wenn ich Dich nun selbst noch herz­lich will­kom­men hei­ße in mei­nem Eltern­hau­se, so geschieht es fro­hen Her­zens, und dank­bar, in gutem Ver­trau­en. Ich glau­be, daß ich ein gutes und tüch­ti­ges Mäd­chen heim­füh­re, auf das ich stolz sein kann. Du, mei­ne lie­be [Hil­de]! Vor­aus­sicht­lich am Diens­tag wer­den wir nach L. abrei­sen.

Ich glau­be, Du hast in einer Dei­ner Taschen mei­ne Sucherlu­pe zum Pho­to. Die ver­gißt nicht mit­zu­brin­gen.

Sag Dei­nen Eltern Grü­ße und Dank und gute Wün­sche zum Fes­te.

Und nun komm, Liebs­te, zu fro­hem Wan­dern, zum Kosen, Küs­sen und Her­zen, Du!

Aus mei­nem Besuch bei Dir zu Hau­se konn­test Du erken­nen, daß ich es ernst mei­ne. Daß Du nun bei uns zu Hau­se ein­keh­ren willst, daß Du nicht kneifst und Dich nicht sträubst, dar­an erken­ne ich froh Dei­nen Wil­len, mit mir zu gehen durch Dick und Dünn, dar­in erbli­cke ich ein Zeug­nis Dei­ner Kraft und Dei­nes Mutes, Du Lie­be. Dem Muti­gen hilft Gott.

Gott behü­te Dich, mei­ne lie­be [Hil­de]!

Dank­bar hal­te ich Dein Herz umschlos­sen, ich habe Dich recht lieb, Du, ich küs­se Dich und grü­ße Dich herz­lich

Dein [Roland].

T&Savatarsm___

Der hohe Herr mit dem Aus­ru­fe­zei­chen wird Dir wohl einen der­ben Klaps ein­tra­gen.

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