Trug und Schein: Ein Briefwechsel

22. Mai 1939

Die Unterzeichnung des Stahlpakts zwischen Deutschland und Italien, 22.05.1939, Berlin, Istituto Luce Id:A00113852, http://en.wikipedia.org/wiki/File:Patto-acciaio.jpg, herunterladen 04.2014
Die Unter­zeich­nung des Stahl­pakts zwi­schen Deutsch­land und Ita­li­en, 22.05.1939, Ber­lin, Isti­tu­to Luce Id:A00113852, http://en.wikipedia.org/, her­un­ter­la­den 04.2014

[390522–2‑1]

O., am 22. Mai 1939.

Mein lie­ber [Roland]!

Vor einer hal­ben Stun­de kam ich zurück aus der Stadt, ich hat­te noch Ver­schie­de­nes zu besor­gen. Es dreht sich über­haupt alles nur noch um die Rei­se — und die Tage sind aus­ge­füllt bis in’s Letz­te. Ich will Dich aber trotz allem Drosch nicht stief­müt­ter­lich behan­deln, Du! Kannst nur kei­nen sehr lan­gen Brief bekom­men.

Am Sonn­tag­mor­gen erhielt ich Dei­ne lie­ben Zei­len, und ganz gegen mei­ne Erwar­tung so viel.

Du hast mich so froh gemacht, ich dan­ke Dir, mein lie­ber [Roland].

Weil Du mir gut heim­ge­kom­men bist und hast Dei­nen Dienst ohne Unan­nehm­lich­kei­ten ange­tre­ten; ich war nicht ganz ohne Sor­ge dar­um. Auch ich war zwei Tage lang noch müde und matt, die Arbeit schmeckt mir heu­te noch nicht recht — viel lie­ber möch­te ich erst mei­ne Sachen in Ord­nung brin­gen.

Die Him­mel­fahrts­wan­de­rung kann uns doch kaum sehr ange­strengt haben, ich glau­be fast — wir haben uns zu lieb gehabt? Du! Wird das ein­mal anders wer­den? In der Zeit zwi­schen unse­ren Begeg­nun­gen beschäf­tigt mich man­ches, wor­über ich mich dann mit Dir aus­tau­schen möch­te. Und dann ist es so, wie ich schon sag­te — Du stehst vor mir, ich höre Dei­ne Stim­me, alles ande­re tritt zurück und ich bin nur noch ganz erfüllt von Dei­ner Nähe. Wel­che uns die liebs­te Stun­de war? Ach Du! Bei­de füh­len wir das Glei­che.

Wie ein Wun­der erle­be ich die­se Stun­den, die nur ein­zig und allein uns gehö­ren. Mir ist, als schöp­fen wir sie aus zwei kla­ren, tie­fen Brun­nen, die wohl uner­schöpf­lich sind. Glück­se­lig­keit, das ist der rech­te Aus­druck für die­ses Emp­fin­den. Das konn­te ich lesen in Dei­nen Augen, Liebs­ter. Dich froh und glück­lich machen, ist mein größ­ter Wunsch. Was sich kei­nem vor­her erschloß, Dir will ich [es] schen­ken freu­dig und gern; denn ich lie­be Dich.

Zwei Tage sind rasch vor­bei, der Zug ent­führ­te Dich mir. Schmerz­lich emp­fand ich bei mei­ner Heim­kehr die Lee­re, und wenn ich abends im Käm­mer­chen lie­ge, über­mannt mich oft die Sehn­sucht nach Dir.

Es macht mich so froh von Dei­ner Hand bestä­tig, zu wis­sen, daß Du Dich in unser[e]m Hau­se wohl­ge­fühlt hast; nicht min­der erfreut sind dar­über die Eltern, Du sollst nichts ent­beh­ren und Dich füh­len, als seist Du zu Hau­se. Ob wir Dir ein wenig Dein Zuhau­se erset­zen kön­nen? Ich wer­de bald Ant­wort wis­sen auf die­se Fra­ge! Ich habe jetzt nur wenig Herz­klop­fen wenn ich dar­an den­ke — Du bist ja bei mir.

Dei­ne Sor­ge, Du könn­test mir ein wenig stumpf und lust­los erschie­nen sein, ist unbe­grün­det. Die Span­nung vor­her und der ziem­lich anstren­gen­de Mus­te­rungs­tag, mach­te sich in Dei­ner Mat­tig­keit spür­bar, Du kamst mir am Mitt­woch­abend ein wenig über­an­strengt, blaß vor. Aber die­se Anzei­chen wirk­ten nicht stö­rend auf Dei­ne Umge­bung ein. Und auf uns[e]rer Wan­de­rung warst Du so auf­merk­sam und auf­ge­schlos­sen. Kurz — Du konn­test gar kein lie­be­rer Wan­der­ge­fähr­te sein.

In den Stun­den des gemein­sa­men Wan­derns und Schau­ens emp­fin­de ich froh und dank­bar, was Du mir bist. Alles Wis­sen teilst Du mit mir, auf wel­chem Gebie­te es auch sei, Du för­derst mich mit Geduld. Du Lie­ber! Guter!

Nun noch 5, 6 Tage und wir sind wie­der bei­ein­an­der. Ich will mich gar nicht sehr freu­en, dann wird’s immer am schöns­ten. Eine gan­ze Woche darf ich bei Dir sein, Du! Ob wir uns wohl so lan­ge ver­tra­gen? Na, ver­hau­en laß ich mich nicht von Dir. Dein klei­ner Kampf­ge­nos­se hat Dich ver­las­sen? Hof­fent­lich gewöhnst Du Dir in die­ser einen Woche die Kei­le­rei ab!! Die KdF-Gäs­te wur­den abge­sagt, nun beschlag­nah­me ich Dir wenigs­tens nicht Dein Bett. Mein Kleid liegt auf der Näh­ma­schi­ne und harrt sei­ner Voll­endung[.] Ich habe Dei­ne Wün­sche auch mit berück­sich­tigt, weil Du mich damit auf eine gute Idee brach­test. Ein neu­es Vor­der­teil ist ent­stan­den. Du ahnst ja nicht wie ich geschwitzt habe am Sonn­tag. Kunst­voll habe ich alles ein­ge­rie­hen [sic] und bei der ers­ten Anpro­be — o Him­mel — da hat­te ich so viel Figur, daß mir Angst und Ban­ge wur­de, wohin damit. Mut­ter hat sich über mein Gesicht schön lus­tig gemacht. Jetzt hab[e] ich das geän­dert und ich glau­be, es wird Dir gefal­len.

Seit Du fort bist, hat es fast unun­ter­bro­chen gereg­net, bis Pfings­ten muß sich das Wet­ter in’s Gegen­teil wan­deln. Ich glau­be die­ser Wit­te­rungs­wech­sel hat Mut­ter ange­han­gen, sie hat seit Don­ners­tag kei­ne Beschwer­den mehr gehabt. Seit heu­te arbei­tet sie wie­der. Die Eltern freu­ten sich über Dei­ne Kar­te. Sie schla­fen zwar schon lan­ge, doch ich soll Dir ihren Dank und herz­li­che Grü­ße sagen.

In den nächs­ten Tagen wer­de ich mich um mei­ne Kar­te nach K. küm­mern. Ich weiß jetzt nichts Schrei­bens­wer­tes mehr.  Ich war­te auf Dei­ne Befeh­le, hoher Herr!

T&SavatarsmBehüt Dich Gott! Bleib gesund, mein lie­ber [Roland]! Ich lie­be Dich, ich drü­cke Dich ganz fest an mich und Küs­se Dich, Du!

Dei­ne [Hil­de].

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22. Mai 1939

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