14. Mai 1939

[390514–2‑1]

Flossenbürg by A. Kryszczak - Plan
Ste­fan Kry­sz­c­zak, ein Über­le­ben­der, Hand­ge­zeich­ne­ter Plan, KZ-Flos­sen­bürg, Mai 1938 gebaut
O., am 14. Mai 1939.

Mein lie­ber [Roland]!

Pünkt­lich, wie immer, erreich­te mich heu­te mor­gen [sic] Dein lie­ber Bote, und ich dan­ke Dir auch recht schön dafür. So vie­le Neu­ig­kei­ten kann ich ja auf ein­mal fast gar nicht ver­dau­en! Ich wün­sche mir so sehr, daß Dei­nem Besuch nichts Unvor­her­ge­se­he­nes ent­ge­gen­tritt — ich muß Dich recht bald bei mir haben, Du!

Auch ich hat­te heu­te Kir­chen­dienst: Ein­wei­sung des neu­en Hilfs­geist­li­chen. Sein klin­gen­der Name: Harald, Will­fried Porsch, aus Hal­le; gebo­ren in Erfurt, 27 Jah­re alt und lang ist er, wie der Johan­nis­tag. Sei­ne Stim­me gefällt mir nicht, er lis­pelt auch ein wenig. Ein umfas­sen­des Urteil über sei­ne Pre­digt, über sei­ne Art der Gemein­de gegen­über kann ich Dir nicht geben, ich war völ­lig unauf­merk­sam heu­te. Am Mitt­woch ist also der ver­häng­nis­vol­le Tag — womög­lich kommst Du dann mit dem Sträuß­chen am Hute zu mir? Ich besin­ne mich noch auf die Zeit Dei­nes Hier­seins; es war auf dem Heim­weg nach der Sing­stun­de, im Scherz ent­stand ein klei­nes Wort­ge­fecht und ich wünsch­te Dir bren­nend, daß man Dich zum Mili­tär hole. Und Du woll­test mir den Gefal­len nicht erwei­sen, mir mei­ne vor­zei­ti­ge Scha­den­freu­de noch zu ver­grö­ßern.

Und wie steht’s nun heu­te?

Ach Du! Ich erwar­te mir das Bes­te von der Zukunft. Ein klei­ner Trost ist: Mus­te­rung ist noch kei­ne Ein­be­ru­fung. Und ein­mal sag­test Du, so bestän­de gro­ßer Man­gel an Lehr­kräf­ten.

Bundesarchiv Bild 183-C0214-0007-013, Spanien, Flugzeug der Legion Condor
Flug­zeug der Legi­on Con­dor, Spa­ni­sche Bür­ger­krieg, 1939, BA Bild 183-C0214-0007–013
Wie­der­um — die poli­ti­sche Lage heu­te, sie erfor­dert, daß jeder deut­sche Mann eine mili­tä­ri­sche Aus­bil­dung genos­sen hat. In Dei­nem Fal­le käme ja gewiß nur die Zeit von einem Vier­tel­jahr in Fra­ge?

Wir wol­len abwar­ten und das Gute hof­fen!

Du glaubst ja nicht, wie ich den Kopf vol­ler Sor­gen hat­te in die­ser Woche. Sie sind wohl heu­te nicht völ­lig gebannt. Paps­dorf gab eine Ver­ord­nung her­aus, die betrifft nur den Kreis Chem­nitz, wie man sagt. Jeder Fabri­kant ist ver­pflich­tet, je nach Grö­ße sei­nes Betrie­bes, dem Land­wirt jun­ge Mädels bis zum 25. Lebens­jahr, zwecks Ver­rich­tung land­wirt­schaft­li­cher Arbeit aller Art, zur Ver­fü­gung zu stel­len. Die­je­ni­gen, wel­che Kennt­nis­se hier­in haben, sol­len sich frei­wil­lig mel­den. In unser[e]m Betrieb ist das nicht der Fall, auch sonst mel­de­te sich kei­ne frei­wil­lig. Unser Chef muß ein Mädel stel­len. Das Los muß­te ent­schei­den. Du! Wie ich in die­sen Minu­ten an Dich dach­te! Und es ent­schied — für ein Mädel in mei­nem Alter. Sie wei­ger­te sich, ging zu einem befreun­de­ten Arzt, damit er ihr viel­leicht ein Attest aus­stellt zu ihren Guns­ten. Recht klein­laut kam sie wie­der, sie wur­de nach dem Gesund­heits­amt Chem­nitz über­wie­sen. Das alles besagt aber noch lan­ge nicht uns[e]re Befrei­ung, wenn sich irgend­et­was her­aus­stellt, und ihren Abstand erfor­dert, steht uns übri­gen eine neue Wahl bevor.

Eine mäch­ti­ge Wut hab[e] ich, das kann ich sagen. Ich glau­be, auch ich wür­de alles ver­su­chen, frei­zu­kom­men. Stel­le Dir vor, ich müß­te ein gan­zes, lan­ges Jahr zu den Bau­ern!! Ein hal­bes Jahr wür­de doch voll­kom­men genü­gen. Und dazu kön­nen sie ja die jun­gen Mäd­chen neh­men, die die Volks­schu­le ver­lie­ßen und sowie­so ihr Land­jahr abdie­nen müs­sen. Es ist über­haupt eine gro­ße Lum­pen­wirt­schaft (ent­schul­di­ge!), die Söh­ne und Töch­ter der Bau­ern gehen in die Fabrik, um Geld zu ver­die­nen; oder stu­die­ren, ler­nen irgend etwas und wir haben das zwei­fel­haf­te Ver­gnü­gen und dür­fen ihre Arbeit ver­rich­ten. Sie sol­len ruhig erst ein­mal alle die Bürsch­chen her­an­ho­len — dann mögen sie wei­ter­se­hen. Ich habe gar­nichts [sic] dage­gen, wenn wir in den arbeits­rei­chen Ern­te­wo­chen abwech­selnd mit­hel­fen; das ist sogar ganz gesund für uns.

Ich leh­ne mich nur so auf, weil sie ein­fach eine her­aus­grei­fen und dazu zwin­gen. Fra­gen nicht, wie die Ver­hält­nis­se lie­gen, ob die Eltern mate­ri­ell auf ihre Kin­der ange­wie­sen sind, ob sie im eige­nen Haus­hal­te unent­behr­lich sind, ob sie gebun­den sind und aus die­sem Grun­de wirt­schaft­lich nicht in der Lage sind ein Jahr Arbeits­zeit, Ver­dienst­mög­lich­keit ein­zu­bü­ßen. Maß­ge­bend ist im höchs­ten Fal­le noch die Gesund­heits­fra­ge, das and[e]re tritt zurück.

Der Bau­er ver­pflich­tet sich, außer der frei­en Bekös­ti­gung, einen wöchent­li­chen Lohn von 8.- RM zu zah­len, das übri­ge soll der Chef tra­gen. Es heißt, wir müß­ten unse­ren übli­chen Lohn wei­ter­ge­zahlt bekom­men. Das ist nicht wahr. Eine die sich frei­wil­lig mel­det, bekommt wöchent­lich etwa 18.- RM und das kann sie ja unmög­lich spa­ren, sie braucht ja auch Klei­dung. Nun, wir wol­len uns bei­de nichts so sehr sor­gen, wir wol­len in Ruhe abwar­ten, was geschieht.

Viel­leicht wären wir bei­de gar­nicht [sic] so schlecht auf­ge­ho­ben, was meinst Du? Du beim Mili­tär als stram­mer Sol­dat, ich beim Bau­er, als stäm­mi­ge Magd?

Siehst Du, jetzt kann ich schon wie­der Unsinn trei­ben mit die­sen erns­ten Din­gen. Ich freu mich ja so sehr, daß Du kommst, Du! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Sieh nur, daß Du so bald wie mög­lich abkom­men kannst am Mitt­woch. Wenn Du die Zeit nicht ein­hal­ten kann[st], dann kommst Du ein­fach zu uns, ohne daß ich Dich abho­len kann, ja? Der Weg ist Dir ja bekannt, dann klin­gelst Du ein­mal ‚Sturm’, Mut­ter nimmt Dich in Emp­fang, sie ist daheim und erwar­tet Dich zu jeder Tages­zeit. Ich soll Dich über­haupt herz­lich ein­la­den und grü­ßen von den Eltern!

Übri­gens, gib ein wenig acht, lie­ber [Roland]! Ab 15. Mai tre­ten neue Fahr­plä­ne in Kraft, viel­leicht kom­men wir dadurch ein bis­sel aus der Rei­he. Zu schrei­ben brauchst Du mir nun nicht noch mal, weil Du ja selbst noch nichts Gewis­ses weißt. Alles übri­ge [sic] wol­len wir münd­lich aus­ma­chen. Am Mitt­woch will ich beson­ders flei­ßig Dei­ner den­ken.

Wie uns das Schick­sal lenkt, wird es recht sein, wir wol­len Gott ver­trau­en — Liebs­ter.

Ich freue mich auf Dein Kom­men! Ich bin in Gedan­ken immer bei Dir, Du! Ich habe Dich lieb! Ich grü­ße und küs­se Dich herz­lichst,

Dei­ne [Hil­de].T&Savatarsm

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