Trug und Schein: Ein Briefwechsel

09. Mai 1939

T&Savatarsm[390509–2‑1]

O., am 7. Mai 1939.

Mein lie­ber [Roland]!

Mich drängt es, noch etwas für Dich zu schrei­ben, wenn’s auch schon längst Schla­fens­zeit ist. Ich kann kei­ne Ruhe fin­den. Bald wird die Uhr Mit­ter­nacht schla­gen. Bist Du es, Lie­ber, der mich in Gedan­ken sucht?

Kan­ta­te, Sin­ge­sonn­tag war heu­te. Zwar ließ das Wet­ter zu wün­schen übrig, aber der Tag ver­lief doch froh und reich an schö­nem Erle­ben. Oft, oft wünsch­te ich Dich an mei­ner Sei­te. Nach­mit­tags zwi­schen 4 und 5, — wir nah­men am Got­tes­dienst teil — habe ich noch ganz fest Dei­ner gedacht. Der Pfar­rer zu W. hat­te den lit­ur­gi­schen Teil eigens zusam­men­ge­stellt, und das hat er meis­ter­haft ver­stan­den. Über­haupt sei­ne Rede­wei­se, sei­ne Art sich uns mit­zu­tei­len, mach­te mir ihn so sym­pa­thisch; er flocht in die­sen lit­ur­gi­schen Got­tes­dienst ein kur­zes, frei­es Wort mit ein. Und gera­de das tut so not in der kri­ti­schen Zeit, in der wir Chris­ten uns befin­den. Recht gut wuß­te er die Stel­lung­nah­me uns[e]rer Kir­che dem Staat gegen­über zu schil­dern, und er ver­stand wei­ter, uns Mut und Kraft und Glau­ben neu zu wecken, und zu schen­ken. Ach ich wünsch[te], Du selbst hät­test mit mir aus sei­nen Wor­ten Ver­trau­en und Zuver­sicht schöp­fen kön­nen.

Die Wit­te­rung erlaub­te, daß wir die Pflicht­chö­re im Frei­en, vor der Kir­che vor­tru­gen. und spä­ter, im Gast­haus K., boten die ein­zel­nen Chö­re noch sehr hüb­sche Lie­der. Ja, wir waren eini­ge­ma­le [sic] über­rascht über die beacht­li­chen Leis­tun­gen, die zu Gehör gebracht wur­den. Unser Lied ging gut und fand sogar rei­chen Bei­fall. Die W.er hat­ten alles auf­ge­bo­ten für einen fest­li­chen Emp­fang. Ich mei­ne, das alles wird auch Dich inter­es­sie­ren, dar­um habe ich Dir eine Fest­fol­ge mit­ge­bracht. An Ansichts­kar­ten bot sich nur eine Sor­te feil. Mit dem 8 Uhr Zug fuh­ren wir wie­der zurück. Auch ich hat­te heu­te früh Dienst in der Kir­che — mei­ne Gedan­ken waren bei Dir, Du!

Anschlie­ßend fand noch eine Ehrung statt für 4 Mitglie[der] der Kan­to­rei, die für 10 jäh­ri­ge Treue mit der sil­ber­nen Ehren­na­del aus­ge­zeich­net wur­den. Ich war heu­te so wenig daheim, ¾ 1 ging’s schon wie­der in’s Pfarr­haus zur Pro­be, anschlie­ßend zur Bahn. Und nun den­ke ich 2 Jah­re zurück — S. — weißt Du noch? Dort spiel­te im unte­ren Saa­le die Kapel­le H. zum Tan­ze — und Du schenk­test mir, von uns Mäd­chen, den ers­ten Tanz. Du! Wenn ich dar­an den­ke!

Nun schla­fe wohl, Liebs­ter! Ich küs­se Dich, Du!

Mein lie­ber [Roland]!

Allem vor­an will ich Dir recht herz­lich dan­ken, für Dei­nen so lie­ben Brief. Er hat mich ges­tern über­all hin beglei­tet, bestimmt war ich dar­um auch so froh.

Du weißt zu trös­ten, Du! Trü­be Stun­den gehen vor­über — ich will aus­hal­ten; ja, ich will und ich kann viel ertra­gen, wenn ich nur Dich habe.

Ich dan­ke Dir für Dei­ne Wor­te, Du!

Glück­lich und befreit sehe ich aus Dei­nen Zei­len die Gewiß­heit, daß Du froh und nicht trau­rig heim­kehr­test. Und auch Du denkst gern und froh an die Tage zurück, die wir zusam­men ver­leb­ten.

Ich will mich mühen, dazu bei­tra­gen, daß ich uns[e]re kla­re, rei­ne Freu­de nicht wie­der durch einen Miß­ton trü­be. Manch­mal läßt sich eine trü­be Stim­mung schwer rasch bei­sei­te schie­ben. Durch­schnitt­lich lie­gen zwi­schen jeder unse­rer Begeg­nun­gen 4 Wochen Zeit. Muß man dann die Wie­der­se­hens­freud ver­gäl­len?

Es ist sehr wahr: Alle Emp­fin­dun­gen bal­len sich zu die­ser Zeit zusam­men und wol­len sich ent­la­den, wie beim Gewit­ter. Und Du hast recht, ein wenig Selbst­zucht hilft über so vie­les hin­weg. —

In die­ser Woche bin ich wie­der ein­mal voll­auf beschäf­tigt. Es geht um die Ent­schei­dung des Klas­sen­ta­ges. Kei­ne and[e]re Mög­lich­keit einer Ver­stän­di­gung unter­ein­an­der besteht, als die: Eine kur­ze Zusam­men­kunft bei ‚besag­ter’ Klas­sen­schwes­ter. Sie ist gesund aus der Kli­nik zurück mit einem Buben. Das Leben geht wei­ter. Scham­ge­fühl ist nun, nach­dem wohl nicht mehr am Plat­ze; das erfor­dert schon ihre Umge­bung, der Geschwis­ter­schafts­be­trieb. Bis um 9 war ich bei Frl. Wag­ner, wir schrie­ben 35 Brief­um­schlä­ge für die gedruck­ten Ein­la­dun­gen, die müs­sen nun mor­gen alle, je nach­dem, aus­ge­tra­gen oder ver­schickt wer­den. Dazu könn­ten wir Dei­ne Jun­gen brau­chen! Nun ist noch Streit, wer am Mitt­woch­abend die ‚Rede redet’. Dann wie­der zu Herrn Hart­lich und den offi­zi­el­len Tag fest­le­gen. Ich den­ke es wird der Sonn­abend nach Him­mel­fahrt gewählt wer­den.

Ach Du, in 9–10 Tagen, so Gott will, bist Du bei mir! Ich hab[e] schon gerech­net, wenn Du mit dem Eil­zu­ge um … am Mitt­woch in Dres­den weg­fährst, wür­dest Du … in O. sein. Ich wür­de Dich von der Bahn abho­len, der Chef wird mir schon die hal­be Stun­de schen­ken. Wird es denn Sonn­tags­kar­ten geben? Sonst ist das zu teu­er! Denk an Pfings­ten, Du! Am Mitt­woch­abend gin­gen wir zusam­men durch ‚mei­nen’ oder ‚Dei­nen’ Wald; nicht zu spät schla­fen, und am ander[e]n Mor­gen wan­der­ten wir nach dem M. Am ver­gan­ge­nen Sonn­abend war ich mit Mut­ter in Chem­nitz ein­kau­fen. Ich bin neu­gie­rig, ob mei­ne Wan­der­schu­he Dei­nen Geschmack fin­den wer­den. Auch Stoff für’s Son­nen­kleid hab[e] ich erstan­den, nun kann die Arbeit wie­der begin­nen.

Denk nur, im Geschäft begin­nen wir schon um 6 Uhr früh, ist das ein lan­ger Vor­mit­tag. Die Chan­cen nut­zen, galt es hier. Ich geste­he ein, daß ich es war, die die gan­zen jun­gen Mädels auf­wie­gel­te, daß wir jetzt oder nie auf die Früh­stückspau­se bestehen müs­sen. Die Ver­hei­ra­te­ten waren dage­gen, natür­lich weil sie schon um 11 nach Hau­se geh[e]n. Und damit mir kei­ne von denen zuvor käme, bin ich run­ter zum Chef und hab[e] ihn in aller Höf­lich­keit, im Namen aller Jugend­li­chen um sein Ein­ver­ständ­nis zu die­ser Bit­te ange­hal­ten. Vor­her hab ich alles genau durch­dacht und so vor­ge­bracht, daß er gar­nicht [sic] ‚nein’ sagen kann. Hät­te er sich gesträubt, so wären wir eben auch schlecht gewor­den und hät­ten uns an eine höhe­re Stel­le gewandt. Er kann sich aber in die­sem Fal­le nicht wei­gern, er wür­de sich straf­bar machen. Du hät­test mir mal sein Gesicht sehen sol­len, als er bewil­lig­te: „Die Ban­de oben weiß wohl, wes­halb sie mir Sie schickt,“ mein­te er und dabei bin ich ja von selbst gegan­gen weil ich’s für not­wen­dig hielt. Ver­gan­ge­ne Woche hab[e] ich schon einen Kampf wegen mei­nen Feri­en mit ihm durch. Vie­le wol­len ihren Urlaub auf spä­ter ver­le­gen und weil viel zu tun ist, gab er her­aus: Wer den Urlaub ver­legt, muß Pfings­ten arbei­ten. Das ging doch wie­der gegen unser[e]n Plan. So ging ich und bat außer mei­nen zustän­di­gen Urlaub um wei­te­re 8 Tage, ent­we­der im Hoch­som­mer oder Herbst. Mein Herz klopf­te ja ganz gehö­rig in die­sen Minu­ten, aber nur nicht ein­schüch­tern las­sen! Eine gan­ze Wei­le guck­te er mich sprach­los an, mein­te dann, ich hät­te viel Mut und dar­über wür­den wir noch­mal spre­chen. Abge­wie­sen hat er mich nicht. Ich will’s schon schaf­fen. Du glaubst ja nicht, wie wir uns alle über die bewil­lig­te Pau­se freu­en. Ich glau­be, ich wäre ver­zwei­felt über einen end­lo­sen Vor­mit­tag mit 6 stün­di­ger, durch­ge­hen­der Arbeits­zeit. Nun, wenn die Son­ne scheint, set­zen wir uns her­aus in den Gar­ten.

Für heu­te mag es genug sein lie­ber [Roland], ich bin so müde. Mor­gens um 5 kannst Du mal an Dein armes Mädel den­ken, denn da klin­gelt unbarm­her­zig der ver­wünsch­te Wecker.

Ich wün­sche Dir recht viel Freu­de und schö­nes Wet­ter an Dei­nem Wan­der­tag.

Behüt Dich Gott!

Ich hab Dich so lieb! Ich küs­se Dich, mein [Roland] Du!

Dei­ne [Hil­de].

Die Eltern las­sen Dich herz­lich grü­ßen.

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09. Mai 1939

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