Trug und Schein: Ein Briefwechsel

02. Mai 1939

Tarotkarte: der Stern, Vieville Blatt, Frankreich, etwa 1650, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tarot-Vieville1650-TheStar.jpg, herunterladen 04.2014
Tarot­kar­te: der Stern, Vie­vil­le Blatt, Frank­reich, etwa 1650, http://commons.wikimedia .org/, her­un­ter­la­den 04.2014

[390502–1‑1]

L. am 2. Mai 1939.

Am Diens­tag.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Und am Diens­tag, da ist alles gewe­sen. So sag­te ich vor­aus­schau­end in den Tagen mei­ner Unge­duld. Und nun ist es wie­der Diens­tag. Und es ist doch man­ches geblie­ben, mehr als sonst. Und Du hast man­ches mit­ge­nom­men und ich weiß, mei­ne Sehn­sucht wird bald wie­der mäch­tig wer­den. Lie­be [Hil­de]! Die­se Tage wur­den so reich an Bezie­hun­gen und Ver­bin­dun­gen inne­rer und äuße­rer Art. Uns[e]re Wan­de­rung und auch der Kin­der­be­such waren dazu wich­ti­ge Mitt­ler. Du fan­dest [sic] mich froh und auf­ge­schlos­sen. Immer hat­te ich das Gefühl, daß Du Lie­be mit folg­test, so äußer­lich wie inner­lich, alles sah und emp­fand ich mit Dir zusam­men. Nicht ein­mal emp­fand ich eine Lee­re, nicht ein­mal fühl­te ich mich gefes­selt, gefan­gen, ver­spielt oder unzu­frie­den. Aber eini­ge Male schien es mir, als wan­del­ten wir im Sonn­tags­land, im Mär­chen­land, oder als sei es eben fest­li­cher Besuchs­tag.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Und mit einem sel­ten schö­nen Erleb­nis und Bild fuhr ich am Sonn­tag froh zurück: Wie eine Köni­gin sahst Du her­un­ter zu mir vom Fens­ter des Wagens, so strah­lend und bezwin­gend, mehr als Dei­ne Wor­te mich bezwin­gend, Dir zu die­nen, Du!, mei­ne Köni­gin!

Lie­be [Hil­de]! Heu­te ist nun Frei­tag. Ganz unver­hofft erhielt ich heu­te Dei­nen lie­ben Brief mit den Bil­dern. Noch immer klin­gen die bei­den Tage in mir nach. Noch immer wird alle Erin­ne­rung über­strahlt von dem könig­li­chen Bild und von dem Gefühl des Glü­ckes, Dich zu besit­zen, das mich eini­ge­mal [sic] über­kam, Du Lie­be!

Du weißt mein Beneh­men beim Abschied recht zu deu­ten. Wenn ich es ver­mei­de, Dich oft anzu­se­hen und mit Dir zu spre­chen. Ich fuhr froh nach Hau­se, ich sah durch[‘]s Fens­ter in die Nacht, ich dach­te nichts Bestimm­tes, aber ich war voll inne­rer Freu­de. Die Trau­rig­keit war so schnell geschwun­den. Daß Du nur recht ver­stan­den hast. Ich war nicht trau­rig unse­ret­we­gen. In die blü­hen­de Freu­de dran­gest [sic] Du mit Dei­nem fros­ti­gen Ora­kel, mit Dei­nem Zwei­fel und Dei­ner Kla­ge. Ich glau­be nicht an Dein Ora­kel. Aber es stimm­te mich trau­rig, daß Du mir damit die Mög­lich­keit des Ver­lus­tes der kaum gewon­ne­nen Freu­de vor Augen hiel­test. Dein Zwei­fel, ich möch­te Dich gering ach­ten und ich müß­te an Dei­ner Sei­te auf man­ches Ver­zicht leis­ten, stimm­te mich nach­denk­lich. Und Dei­ne Kla­ge, lie­be [Hil­de], daß alles gut sei an mei­ner Sei­te, daß zu Hau­se Dich aber ein lee­rer All­tag umfan­ge, ich ver­ste­he sie so gut. Ich weiß Dir kei­nen geschei­ten Rat dage­gen. Ich weiß nur einen Trost: Daß Du die Lee­re emp­fin­dest, daß Du sie flie­hen möch­test, daß Du mei­nen Umgang liebst, das stimmt mich ja nur froh und zuver­sicht­lich. Halt aus! Denk an mich! Ich will es Dir Dank wis­sen.

Ja, siehst Du, und was mich nun in Trä­nen aus­bre­chen ließ, das war mein ehr­li­ches, geschwis­ter­li­ches Mit­emp­fin­den, das[s] mir in dem Augen­blick sel­ten deut­lich und ein­dring­lich mein eige­nes holp­ri­ges Leben spie­gel­te. Ich bekla­ge mich nicht über mein Geschick. Ich lie­be es, und lie­be es jetzt erst recht. Ich möch­te die ver­gan­ge­ne Zeit nicht noch ein­mal leben, aber ich bin froh, daß ich sie so durch­leb­te. Ich mag nicht anders sein, als ich bin. Und nur in schwa­chen Stun­den wird mir die Tra­gik die­ses Lebens schmerz­lich bewußt. Ich sah Dich noch nicht ein­mal lau­nen­haft, und weiß das recht wohl zu schät­zen. Ich glau­be nicht, daß Dei­ne Schwer­mut und der Hang zum Ora­keln beson­ders beach­tens­wer­te Schwä­chen sind. Dann hilft auch ein wenig Selbst­zucht dar­über hin­weg.

Träu­me sind Rie­gel, nicht Schlüs­sel zum Leben!“

Es liegt in allem Ora­keln ein Miß­trau­en gegen Got­tes Füh­rung.

Lieb sind mir alle Zeu­gen und Erin­ne­run­gen, die mir die Wirk­lich­keit Dei­nes hier­seins [sic] bestä­ti­gen.

In den Kis­sen ist noch der Duft Dei­nes Haa­res. Im Schran­ke der Duft Dei­nes Par­füms. Am Diens­tag haben wir uns mit Dei­nen Prit­schen geschla­gen. Am Mitt­woch beim gemein­sa­men Kaf­fee Dei­nen Königs­ku­chen auf­ge­ges­sen. Er war nun jetzt erst recht mür­be. Und heu­te gelang­te ich nun in den Besitz der Bil­der. Vie­len herz­li­chen Dank. Alle gera­ten. Von unse­ren Bil­dern sind es die bes­ten bis­her. End­lich habe ich ein paar Groß­auf­nah­men von Dir. Sie sagen nicht alles. Ich sah Dich noch mit ande­ren Augen. Aber sie sagen doch man­ches. Freut mich, daß auch Du mich auf einem neu­en Bil­de hast, das mei­nen Bei­fall fin­det. In den Grup­pen schnei­de ich in dem Bemü­hen um eine recht natür­li­che Hal­tung schon wie­der Gesich­ter. Ich habe die Bil­der schon mei­nem Album ein­ver­leibt.

Die Woche ist um. Freie Stun­den lie­gen vor mir. Sie haben kei­nen Sinn ohne Dich. Rauh und unfreund­lich ist es drau­ßen. Ich habe eine war­me Stu­be. In einer Stun­de will ich noch ein­mal mit der Schau­fel antre­ten. Ich las­se mir Zeit und wer­de mich nicht über­neh­men. Mor­gen bin ich bis Mit­tag in der Kir­che beschäf­tigt. Ist das Wet­ter güns­tig, gehe ich nach dem W., um mei­ne Schul­den abzu­es­sen.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Zu uns[e]rer Begeg­nung am Him­mel­fahrts­ta­ge kann ich noch nichts wei­ter sagen. Die kom­men­de Woche wird uns dar­über gewis­ser machen. Mei­ne klei­ne Freun­din? Ach, sie ist mir doch eine lie­be Zer­streu­ung, manch­mal. Sie will mir nicht son­der­lich wohl die­se Woche. Ich emp­fin­de dank­bar, wie gut ich doch bei mei­nen Wirts­leu­ten auf­ge­ho­ben bin.

Und nun möch­te ich mei­nen Boten auf die Rei­se schi­cken. Möch­te er Dich froh und gesund antref­fen. Laß den Hus­ten sich nicht fest­set­zen. Bit­te grü­ße Dei­ne Eltern. Sie möch­ten viel­leicht Lust bekom­men, noch mehr Brie­fe zu lesen. Der Gedan­ke beun­ru­higt mich nicht. So sehr ich auch sel­ber dar­über wache, daß nie­mand über Dei­ne Brie­fe gerät.

Möch­test Du bei der Erin­ne­rung an Dei­nen Besuch recht inne wer­den, daß Du mir lieb und wert bist, und daß ich Dich recht lieb­ha­be, Du, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]! Behüt Dich Gott!

T&SavatarsmIch habe Dich lieb! Ich küs­se Dich, Du!

Dein [Roland].

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02. Mai 1939

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