22. April 1939

[390422–1‑1]

L. am 22. April 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Soviel Fei­er­ta­ge, die ich ohne Dich ver­brin­gen muß! Dar­über kann nur trös­ten, mei­nen Boten bei Dir zu wis­sen und die Freu­de, Dei­nen Boten zu emp­fan­gen. Ich habe mich sehr gefreut über Dei­nen Bericht, den ich am vori­gen Sonn­tag erhielt. Wenn ich Dei­ne Brie­fe die ers­ten Male lese, dann ist mir der Inhalt wich­tig. Wenn ich sie aber dann wie­der­le­se, das vier­te und fünf­te Mal, dann wird mir auch deut­lich, wie sie geschrie­ben sind: flüs­sig, klar, anschau­lich, und wenn ich beden­ke, was mei­ne Kin­der so zusam­men­schrei­ben, Du hast rich­tig eine Bega­bung dazu. Doch ich will auf­hö­ren mit dem Loben, sonst kriegst Du viel­leicht noch mehr Ver­wand­te auf den Hals von­we­gen Auf­satz­bau­en, und Dei­ne freie Zeit wird Dir noch mehr ver­kürzt. Über­nimm Dich nur nicht! Geh auch nicht so allein spa­zie­ren in den Wald!

Der Schritt vom Wege, http://www.filmreporter.de/kino/26929-Der-Schritt-vom-Wege, 03.2014
Der Schritt vom Wege, http://www.film reporter.de/, 03.2014

Lie­be [Hil­de]! Heu­te erhielt ich Dei­nen Brief, der mir bestä­tig­te, daß mein Geburts­tags­gruß Dich pünkt­lich erreicht hat. Am Diens­tag­nach­mit­tag brach­te ich das Paket nach S. zur Post. Auf dem Heim­weg fiel mir ein, daß ich das Bestell­geld nicht bezahl­te. Und ein ande­res Beden­ken kam mir: Der Paket­bo­te möch­te nie­man­den antref­fen, da Ihr doch alle auf Arbeit seid. Umso­mehr [sic] freut mich nun Dei­ne Nach­richt. Am Mitt­woch­vor­mit­tag, ich bin schon um 10 fer­tig, war ich ganz bei Dir, bei Dei­ner Erwar­tung. Und was Du mir nun schreibst dar­über, wie Du es auf­ge­nom­men hast, und wie Du mir nun ant­wor­test –– –– –– lie­be [Hil­de], wenn ich Dich nun bald wie­der in mei­ne Arme schlie­ßen darf, und wenn es dann Dich ver­langt, mich fest­zu­hal­ten, so dür­fen wir es auch ein wenig froh in der Gewiß­heit, daß wir uns wie­der ein Stück näher­ge­kom­men sind. Wirst Du denn bald kom­men? Du! Wird Euer Klas­sen­tag nicht im Wege sein? Mor­gen wer­de ich wie­der allein durch die Natur bum­meln müs­sen. Es ist jetzt so viel zu sehen. Ver­gan­ge­nen Sonn­tag sah ich in S. den Film „Der Schritt vom Wege“. Am Mitt­woch­nach­mit­tag — ich freu­te mich so dar­auf, mit mei­nen Gedan­ken ganz bei Dir zu sein — beka­men Hoff­mans Besuch, eine Leh­re­rin, die frü­her hier wohn­te, Frln. Kurz. Es war ja so eigen­ar­tig, daß ich gera­de an Dei­nem Geburts­tag genö­tigt wur­de, Dich und Dein Wesen vor mir selbst zu ver­tei­di­gen. Das Fräu­lein mag 30, 31 sein. Es ist fast so lang wie ich, in der Gestalt etwas grob, nicht ganz eben­mä­ßig, von lie­bens­wür­di­gem, leb­haf­tem Wesen, intel­li­gent, soweit ich erken­nen konn­te von guten Eigen­schaf­ten, stammt aus Nord­deutsch­land, auch begabt mit man­cher­lei Tugen­den, die Hoff­mans gar nicht genug loben konn­ten, Fleiß, Unver­dros­sen­heit. Es gab sich, daß wir zusam­men einen Spa­zier­gang um den P.berg unter­nah­men. Das Fräu­lein blieb über Nacht und fuhr am ander[e]n Mor­gen weg. Zwi­schen 8 u. 9 Uhr abends wur­de illu­mi­niert. Ich zog mich zurück, und im fest­li­chen Schein der Lämp­chen saß ich auf mei­nem Sofa, vor mir lagen Dei­ne Bil­der, ich las ein paar Dei­ner Brie­fe, und da emp­fand ich beglü­ckend, was ich an Dir besit­ze. Am (Mitt­wo) [sic] Don­ners­tag­vor­mit­tag muß­te ich an einer Mor­gen­fei­er teil­neh­men, die sich mit ver­län­ger­tem Früh­schop­pen bis gegen Mit­tag aus­dehn­te. Am Nach­mit­tag ent­deck­te ich einen schö­nen Spa­zier­gang für uns bei­de, für einen war­men Tag, mit schö­nen Aus­bli­cken, ganz ein­sam und ver­schwie­gen, mit einem grü­nen Ruhe­plätz­chen. Du!

Ach lie­be [Hil­de], möch­te die Woche recht schnell ver­ge­hen! Mei­nen Stun­den­plan schi­cke ich Dir im ar nächs­ten Brie­fe mit. Arbeit habe ich genug, aber kei­ne rech­te Lust und kei­ne Gedan­ken zur Arbeit.

Es ist jetzt um 5. ½ 6 geht die Post. Das wich­tigs­te habe ich Dir [a]ufgeschrieben. Du wirst mir im Lau­fe der Woche noch mit­tei­len, wann Du kom­men kannst. Ich hole Dich in Dres­den ab.

Blei­be gesund, Lie­bes! Ver­le­be den Sonn­tag recht froh und ruhe Dich aus! Ich wer­de immer bei Dir sein mit mei­nen Gedan­ken. Bit­te grü­ße Dei­ne Eltern.

Du weißt es ja, ich habe das Küs­sen schon ganz ver­lernt, und wenn Du nicht bald kommst, wer­den wir wohl lan­ge brau­chen, eh ich es wie­der ler­ne.

T&SavatarsmDu, lie­be, lie­be [Hil­de]!

Dein [Roland].

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