14. April 1939

[390414–1‑1]

L. am 11. April 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Heu­te Diens­tag wie­der in L. ein­ge­trof­fen, benut­ze ich den letz­ten unbe­schwer­ten Abend vor der Arbeit, den Brief an Dich zu begin­nen. Wir hat­ten die Fei­er­ta­ge Besuch, da bin ich nicht dazu­ge­kom­men.

Zahnartz, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zahnbrecher-1568.png, 03.2014
Zahn­artz, http://commons. wikimedia.org/, 03.2014

Sonn­tag, den 2. April. Der Brief­trä­ger brach­te nichts. Und ich hat­te [s]o dar­auf gewar­tet. Mein Bru­der Hell­muth woll­te in den Feri­en nach Paris fah­ren. Es ist nichts d[a]raus gewor­den, eine Ein­rei­se­er­laub­nis fehl­te. Sei­ne Frau fuhr nach Hau­se (G. bei L.), er kam Sonn­tag­nach­mit­tag zu uns und blieb bis Don­ners­tag. In sei­ner Gesell­schaft wur­de mir das War­ten auf Dei­nen Brief ver­kürzt. Mon­tag wie­der nichts. Ich war in Sor­ge um Dich. Damit die Stun­den schnel­ler hin­gin­gen, ent­schloß ich mich zum Zahn­arzt zu gehen und ver­schob mei­ne Rei­se nach G. auf Grün­don­ners­tag. Der Zahn­dok­tor hat mich ganz schön geschun[d]en. Heu­te, vor mei­ner Abrei­se, war ich noch ein­mal bei ihm. Diens­tag. End­lich, lie­be [Hil­de], kam Dein Brief, Dein lan­ger Brief, Du! Nun konn­te ich wie­der froh sein. Mit dem Bru­der haben ich das Städt­chen unsi­cher gemacht. Wir besuch­ten am Mitt­woch das Stadt­mu­se­um und Les­sing­mu­se­um. ‚Les­sing­stadt K.’. Gott­hold Ephraim Les­sing (1729–1781), Dich­ter, Thea­ter­dich­ter, Schrift­stel­ler, Kri­ti­ker; Pfar­rers­sohn, sehr begabt, „Ein Pferd, das dop­pelt Fut­ter braucht“ sagen schon sei­ne Leh­rer.

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Mar­ti­no di Bar­to­lo­meo [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons, 03.2014
Am Mitt­woch­vor­mit­tag die gro­ße Über­ra­schung. Ich war spät auf­ge­stan­den und noch über der Mor­gen­toi­let­te, als mir die Mut­ter ein Paket brach­te: „der Oster­ha­se, der Oster­ha­se.“ Ja, lie­be [Hil­de], da war nichts zu ver­ber­gen. Du bist nun bei uns ein­ge­führt als Weih­nachts­mann und Oster­ha­se, und alle bren­nen dar­auf, die­ses Wun­der­tier (ich darf’s doch sagen: die­sen Wech­sel­balg) ein­mal zu sehen. Das all­ge­mei­ne Geschrei mach­te mich für[’]s ers­te selbst glau­ben, es sei der Oster­ha­se, und nun war’s doch gar nicht der rich­ti­ge. Das habe ich dann auch öffent­lich rich­tig­ge­stellt, daß Du die ers­te und ein­zi­ge warst, die an mein Jubi­lä­um gedacht hat. Du Lie­be!

Don­ners­tag­mor­gen bin ich also gereist. Nicht gern zunächst. Die Feri­en began­nen eben zu wir­ken, die neue Ord­nung und Behag­lich­keit. Meh­re­re Näch­te hat­te ich nicht schla­fen kön­nen, eine Haupt­stra­ße geht unter unse­ren Fens­tern vor­bei. Aber ich hat­te es nun ein­mal fest zuge­sagt. Die Rei­se zum Freund ist immer eine Anstren­gung. Wir wan­dern, füh­ren anstren­gen­de Gesprä­che. Es ist für mich immer auch eine Art Rech­nungs­le­gung für den ver­gan­ge­nen Zeit­ab­schnitt. Ich keh­re an den alten Wir­kungs­ort zurück, bin genö­tigt zu ver­glei­chen, das ist geblie­ben, das hat sich geän­dert, betrach­te dann mich selbst: und sehe, das ist geblie­ben, das hat sich geän­dert. Lie­be [Hil­de], Du weißt dar­um, was sich geän­dert hat bei mir. Du! Du bist schuld, daß ich weni­ger gern rei­se, weil ich mich dann von Dir ent­fer­ne und nicht so unge­stört zu Dir den­ken kann. Du bist mei­ne Unru­he. Lie­be [Hil­de], wann wird ^sie ein­mal auf­hö­ren? Du! Ob auch von Dir gespro­chen wor­den ist? Ent­schul­di­gend, daß ich ihn so lan­ge nicht Besucht habe, habe ich auch gestan­den, daß ich außer den sons­ti­gen Abhal­tun­gen aller 4 Wochen ein umständ­li­ches Stell­dich­ein habe. Die blan­ke Wahr­heit, nicht wahr? Von Frau­en und vom Hei­ra­ten haben wir auch schon immer, wenn auch nur wenig, und in beson­de­rer Art, erzählt. Wenn es auf der Rast beim Kaf­fee am gemüt­lichs­ten ist, dann führt das Gespräch dar­auf. Es ist dann meist eine Rück­schau und Beich­te des alten Herrn, ein Beweis sei­nes gro­ßen Ver­trau­ens zu mir, er ist doch nun etwa 67. Ich habe zu die­sem Gespräch wenig bei­zu­tra­gen. Es sind kei­ne Geheim­nis­se und Aben­teu­er, die er zu berich­ten hat. Er erzählt von sei­ner Frau, erzählt von ihr ach­tungs­voll und dank­bar. „Daß ich die­se Frau hei­ra­te­te, war das größ­te Glück mei­nes Lebens. Du hast sie gar nicht ver­dient, sagen mei­ne Bekann­ten.“ Ober­leh­rer Kai­ser ist unprak­tisch, nach­läs­sig und bequem in äuße­ren Din­gen, sei­ne Welt sind die Bücher. Sei­ne Frau ist klug, ist aber lite­ra­risch wenig inter­es­siert, ihr Sinn ist auf eine gute Häus­lich­keit und auf[’]s Prak­ti­sche gerich­tet. Damit ist sie für ihn eine glück­li­che Ergän­zung. Wir beleuch­te­ten dies­mal Vor­zü­ge und Nach­tei­le ver­schie­de­ner Frau­en­ty­pen, und Du wirst mir nach­füh­len, daß mich die­ses Gespräch inner­lich beweg­te. Es dräng­te mich, mei­nem väter­li­chen Freund als einem guten Eck­art mehr anzu­ver­trau­en, ihm Dein Bild zu zei­gen, ich hat­te es bei mir. Ich tat es aber doch nicht. Lie­be [Hil­de], die Aner­ken­nung und Zustim­mung guter Freun­de, der Eltern und der Geschwis­ter, bestärkt uns, macht uns sicher und gewis­ser. An einem Sonn­tag in den gro­ßen Feri­en, habe ich gedacht, Dich ein­zu­la­den, mei­ne Eltern zu besu­chen. Du! Ich ver­traue Dir!

Bundesarchiv Bild 183-1987-0210-504, Alois Elias
Alois Eli­as tsche­chi­scher Minis­ter­prä­si­dent und Innen­mi­nis­ter in der Zeit des faschis­ti­schen Pro­tek­to­rats Böh­men und Mäh­ren. Aufn.: April 1939, DBa Bild 183‑1987-0210–504 Wiki­pe­dia Com­mons, 03.2014
Der Grün­don­ners­tag war grau und schwül. Wir bestie­gen den P. (den­sel­ben Berg besuch­te ich am Neu­jahrs­tag). Der Kar­frei­tag war rauh, der Him­mel ver­han­gen. Wir flo­gen aus nach Böh­men zum Jüt­tel­berg, von da nach Schlu­cken­au. Damit näher­ten wir uns der Gegend, in die ich Dich beim letz­ten Besuch ver­führ­te. Von all den Punk­ten ver­lohn­te [sic: lohn­te] es sich nicht, eine Kar­te zu schrei­ben. Der Kar­frei­tag war in Böh­men Werk­tag, Fabri­ken gin­gen und Geschäf­te hiel­ten offen. In der Schlu­cken­au­er Kir­che war in einer Sei­ten­ni­sche Chris­ti Grab figür­lich dar­ge­stellt, auf dem Altar­tisch dar­über war stand die Mons­tranz (das hei­li­ge Behält­nis, in dem die Hos­ti­en auf­be­wahrt wer­den), von einem Kranz elek­tri­scher Bir­nen fei­er­lich umstrahlt, dazu brann­ten vie­le Ker­zen. Vor dem Gra­be knie­ten betend zwei Minis­tran­ten (so hei­ßen die Chor­kna­ben bei den Katho­li­ken), Men­schen kamen und gin­gen, stumm und selbst­ver­ständ­lich, Män­ner in ihren Arbeits­klei­dern, Frau­en mit der Ein­kaufs­ta­sche, sie ver­rich­te­ten ihr Gebet. Es war fromm und fei­er­lich.

Wir tuen kei­nen Schritt ver­ge­bens. Von dem wich­tigs­ten Erleb­nis die­ser Rei­se berich­te­te ich schon. Sonn­abend kehr­te ich mit einem klei­nen Abste­cher nach Dres­den von mei­ner Rei­se zurück, hof­fend, nun noch zwei Tage häus­li­cher Ruhe und Gebor­gen­heit zu genie­ßen. Wir besuch­ten den Got­tes­dienst am Oster­sonn­tag. (Als wir heim) Am Nach­mit­tag fuh­ren wir zum Oster­rei­ten nach Klos­ter Mari­en­st­ern. Das Oster­rei­ten ist ein alter Brauch viel­leicht aus heid­ni­scher Vor­zeit. Bau­ern und Bau­ern­söh­ne schmü­cken die Pfer­de — gekräu­sel­te Mäh­nen, ver­zier­tes Zaum­zeug, fei­ne Sat­tel­de­cken — und rei­ten im Bra­ten­rock und Zylin­der um die Flu­ren. Ein­tö­ni­ge from­me Wei­sen sin­gend erfle­hen sie Wachs­tum und Gedei­hen für ihre Fel­der. Die Bau­ern meh­re­rer Dör­fer tun sich zusam­men und bil­den so einen statt­li­chen Zug (dies­mal 76 Paa­re). Die ers­ten Rei­ter tra­gen Pro­zes­si­ons­fah­nen, ein Cru­ci­fix, Hei­li­gen­bil­der. Gegen 3 Uhr trifft der gan­ze Zug im Klos­ter ein und unter Glo­cken­ge­läut wird der mäch­ti­ge Klos­ter­hof drei­mal umrit­ten. Das ist das Oster­rei­ten. Ein schö­ner Brauch, all­jähr­lich der Anzie­hungs­punkt von Frem­den aus allen Gegen­den. Ich bin etwa das fünf­te Mal dage­we­sen. Die Klos­ter­ge­gend ist eine rich­ti­ge Oster­ge­gend. Als wir heim­ka­men, hat­ten wir Besuch, einen bedau­erns­wer­ten, hei­mat­lo­sen Freund und Kol­le­gen mei­nes Bru­ders. Er lebt getrennt von sei­ner Frau. Kopf­hän­ge­risch und aus­ge­hun­gert sprach er bei uns vor, weil er den Bru­der in B. nicht ange­trof­fen hat­te. O, es gibt Schick­sa­le! Wir haben ihn gern auf­ge­nom­men und behal­ten. Am 2. Fei­er­tag kam noch mehr Besuch. Vor­bei war es mit der Ruhe, und am Abend war ich ganz erschöpft, nach­dem [sic] wir den Besuch zur Bahn gebracht hat­ten. Nun ließ es auch schon wie­der an die Abrei­se den­ken. Es ist wenig gewor­den die­se Feri­en.

[So] habe ich Dir das Wich­tigs­te berich­tet. Ich bin wie­der in mei­nen gewohn­ten vier Pfäh­len. Es ist noch wenig Lust zum neu­en Anfang. 16, 15, 14 Tage bis zum 30. April, das ist mein Kalen­der, Du! Ich weiß schon nim­mer wie Du aus­siehst, wie groß Du bist und vie­les ande­re. Ich dan­ke Dir noch recht sehr für Dei­nen letz­ten Besuch, den ich Dir so kurz vor­her vor­schlug.

Jeden Tag habe ich ein Stück an die­sem Brie­fe geschrie­ben. Mor­gen ist Sonn­abend. Von 3 bis 6 Uhr wer­de ich mich am frei­wil­li­gen Hilfs­dienst am Schul­bau (Grund­gra­ben) betei­li­gen. Da muß der Brief heu­te noch fer­tig wer­den. Am Sonn­tag wer­de ich flei­ßig Dei­ner den­ken.

Mein gan­zes Hof­fen und Seh­nen und Den­ken geht um Dich, Du! In zwei Wochen, will’s Gott, habe ich Dich bei mir, und in sechs Wochen, Du!, wol­len wir rei­sen! Bleib froh und gesund. Bit­te grü­ße Dei­ne Eltern.

Ich möch­te Dich küs­sen, ich hab’s schon wie­der ver­lernt,

ich möch­te Dich fest­hal­ten, es ist nur mein Kis­sen das neben mir liegt.

T&SavatarsmMei­ne lie­be [Hil­de], es grüßt Dich recht herz­lich

Dein [Roland].

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