08. April 1939

[390408–1‑1]

Erzgebirgischer Osterhase
Erz­ge­bir­gi­scher Oster­ha­se, von Dr. Bernd Gross [CC-BY-SA‑3.0], via Wiki­me­dia Com­mons, 03.2014
K. am 8. April 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Es ist doch so not­wen­dig, und es ist ein Glück, daß es in den Feri­en mög­lich ist, ein­mal Abstand zu neh­men vom Tun und Schaf­fen, und es von ande­ren Stand­punk­ten aus zu betrach­ten und zu über­bli­cken. Bei die­sen Aus­bli­cken bist Du mir stets gegen­wär­tig. Die Sor­ge um Dich, um uns, um unse­ren Weg, lie­be [Hil­de], folgt mir dabei wie mein Schat­ten.

[W]as ich vom Eltern­haus aus sah?

Wir haben gesäumt, lie­be [Hil­de], wir haben Zeit ver­säumt. Wir konn­ten schon wei­ter sein. Das emp­fand ich schon, als ich den letz­ten Brief schrieb und die Gele­gen­heit sich dar­bot, Dich ein­zu­la­den. Das emp­fand ich noch stär­ker, als am Mitt­woch­abend mei­ne Mut­ter mich auf­for­der­te, Dich ein­zu­la­den. Ich sag­te dazu bestimmt und ohne Zögern: „Es ist noch nicht so weit.“ Das hat mich dann einen gan­zen [T]ag bewegt und beun­ru­higt, und ich kam zu dem Schluß: Die Eltern haben ein Recht, die­se Erwar­tung aus­zu­spre­chen. Wir dür­fen nicht mehr säu­men, lie­be [Hil­de], die Zeit ist kurz, ein Jahr ist schnell her­um.

Was ich vom Freun­des­haus aus sah?

Es weil­ten hier zu Besuch zwei Enkel­kin­der des Herrn Kai­ser, die Kin­der sei­nes Soh­nes, des Bür­ger­meis­ters von B.. Du hät­test sie sehen müs­sen, die­se her­zi­gen Klei­nen, Jun­ge und Mädel im Alter von 4 und 3 Jah­ren. Lie­be [Hil­de], die­se Kin­der waren mir eine ein­dring­li­che Pre­digt, deren Ernst ich nicht ver­ges­sen will.

Sol­che Kin­der, das ist das Schöns­te und Bes­te, womit Lie­ben­de sich beschen­ken kön­nen. Auf die­ses Geschenk zu rüs­ten, ist es nicht auch unse­re Pflicht jetzt schon, wo wir uns doch noch nicht ver­spro­chen haben? Die Zeit ist kurz. Und das ist gewiß: Nicht Lau­ne, Zufall, eine schwa­che Stun­de, Sin­nen­rausch kön­nen die Geburts­stun­de sol­cher Kin­der sein, son­dern ein star­ker, erns­ter Wil­le aus gesam­mel­ter Kraft, fro­he und freie Hin­ga­be, das glück­haf­te Bewußt­sein gan­zen, ein­zig­ar­ti­gen Besit­zes und Eins­seins.

Es war ein geseg­ne­ter Tag heu­te. Dei­ne Bil­der und Brief[e] beglei­ten mich, lie­be [Hil­de]. End­lich ist Schla­fens­zeit. Ich kann mich mit Anstand ver­ab­schie­den und allein sein, mit mei­nen Gedan­ken und mit Dir. Im gro­ßen Schul­haus, oben in der Boden­kam­mer, ganz allein, weit weg von Dir. Ich habe Dei­ne Bil­der her­vor­ge­holt, Dei­nen Glück­wunsch­brief. Nun bin ich gar nicht mehr müde. Dank­bar­keit bewegt mich für den heu­ti­gen Tag. Froh wie seit lan­gem nicht, bin ich, daß ich Dich habe. Und nun wer­de ich nicht eher Ruhe fin­den, als bis ich ein paar Wor­te dar­über auf­ge­schrie­ben habe für Dich. Und nun wer­de ich Dich fest umfan­gen, heu­te nicht nur aus Lie­be von Sor Sin­nen son­dern auch von Her­zen. Du, mei­ne lie­be [Hil­de]!

Lie­be [Hil­de]! Die­se Zei­len leg­te ich mir auf mei­ner Rei­se zum väter­li­chen Freund zurecht. Heu­te, am Sonn­abend zu Mit­tag kam ich nach Hau­se, jetzt, am Nach­mit­tag, schrei­be ich die­sen Brief. Er wird nur kurz, weil er mor­gen in Dei­nen Hän­den sein soll. Ich ver­sprach Dir, gewis­sen­haft zu berich­ten. Das Wich­ti­ge muß­te vor­an­ge­stellt wer­den, es hat die zeit­li­che Rei­se­fol­ge durch­bro­chen. Wenn dich die­se Zei­len ein wenig beglü­cken, denn sei­en sie mein Dank für dei­nen lan­gen Brief und dei­ne Über­ra­schun­gen. Über­ra­schend kam das Päck­chen am Mitt­woch, und noch über­ra­schen­der war sei­ne Bestim­mung. Mein ers­ter Gedan­ke war, den Besuch der O.er Oster­ha­sen mit dem der K. zu erwi­dern. Aus dem Schrei­ben aber ging her­vor, dass es ja gar nicht der Oster­ha­se war. Du Schlim­me hast es so ein­ge­rich­tet, daß ich die­ses Geschenk neh­men muß, ohne es erwi­dern zu kön­nen. Kein Mensch sonst hat dar­an gedacht. Du! Du hast mich so über­rascht und erfreut. Ich dan­ke Dir aus vol­lem Her­zen.

Ich will die­sen Brief jetzt anschlie­ßen. Mor­gen und Über­mor­gen Dich die­se Zei­len bei guter Gesund­heit fin­den und recht froh machen. Viel Freu­de auch im Thea­ter.

Wir haben für die Fei­er­ta­ge kei­ne fes­ten Plä­ne. Am Diens­tag muß ich zurück nach L. In drei Wochen, will’s Gott, sehen wir uns wie­der.

Bit­te bestel­le dei­nen Eltern herz­li­che Grü­ße und Wün­sche für ein paar fro­he, geseg­ne­te Fei­er­ta­ge.

Lie­be [Hil­de]! Die­ser Brief ver­läßt mich bei gro­ßer Zuver­sicht und Dank­bar­keit.

T&SavatarsmIch drü­cke Dich fest an mich, ich küs­se Dich und grü­ße Dich recht herz­lich, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de!]

Dein [Roland].

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