02. April 1939

[390402–2‑1]

O., am 2.4.1939.

O., am 29. März 1939.

Mein lie­ber [Roland]!

Nun hal­ten mich All­tag und Pflicht wie­der ganz umfan­gen. Auch die Pflicht Dir, Lie­ber, zu schrei­ben mahnt mich; wir haben es nach einem Bei­sam­men­sein immer so gehal­ten, daß uns[e]re Brie­fe sich kreu­zen.

Soll es dies­mal anders wer­den?

Heu­te ist Schul­schluß — Du wirst heim­fah­ren.

Ins neue Heim? Du wirst war­ten auf ein Zei­chen von mir. Ich habe noch nicht den rech­ten Drang zum Schrei­ben — und wenn ich mich zwin­ge, das ist nicht gut.

Ich muß oft, so oft an Dich den­ken, Du!

Shake-Speares Sonnets, Titelblatt, 1609, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sonnets-Titelblatt_1609.png, 03.2014
Shake-Speares Son­nets, Titel­blatt, 1609, http://commons. wikimedia.org/, 03.2014

Die Gedan­ken sind von man­cher­lei Art, viel­mals gehen sie wirr durch­ein­an­der — aber immer enden sie: Wie habe ich Dich lieb! Du! Hat uns viel­leicht gar das zau­ber­haf­te Thea­ter­stück ver­wan­delt? Shake­speare — ich ken­ne nur weni­ges von ihm. Ein Gedicht, vor min­des­tens 8 Jah­ren schon schrieb ich’s aus einem Heft des ‚Lese­zir­kels’ ab, — Du sollst es wis­sen [Son­net 116].

Sind ech­te See­len inner­lich ver­eint,

Trennt nichts sie. Der hat lie­ben nie gelernt,

Der Wech­sel fin­det [sic: fin­dend], wech­selt; sich ent­fernt,

Wenn sich der and­re zu ent­fer­nen scheint. —

Nein, Lie­be ist ein fest­ge­füg­tes Mal,

Vom Sturm und Wogen unver­sehrt;

Irren­dem Boot ein Richt­stern, des­sen Wert —

Erha­ben über Maß, Begriff und Zahl;

Der Lie­ben­de ist nicht der Narr der Zeit,

Wenn süßer Wan­gen Reiz auch wel­ken mag.

Er wan­delt sich nicht mit dem Stun­den­schlag,

Er lebt im Schick­sals­licht der Ewig­keit.

Ist Irr­tum dies, so fällt, was ich schrieb,

Und nie­mals sprach ein Mensch: „Ich hab dich lieb.“

Mein lie­ber [Roland]! Wenn ein­mal böse Zwei­fel Dich umfängt — was auch sonst alles kom­men mag, den­ke immer dar­an: Ich hab[e] Dich lieb, mehr als alles auf der Welt.

Albrecht Altdorfer 018
Albrecht Alt­dor­fer [Public Domain], via Wiki­me­dia Com­mons, 03.2014
Nun ist es an der Zeit zu gehen, heu­te Abend ist Pas­si­onsgot­tes­dienst und wir sin­gen. Ver­giß mich nicht, Du!

Gut Nacht, mein lie­ber [Roland]. Ich küs­se Dich.

Dei­ne [Hil­de].

Am Palm­sonn­tag.

Mein lie­ber [Roland]!

Womit habe ich Dein treu­es Geden­ken ver­gol­ten?

Nun mache ich mir Vor­wür­fe und schel­te mich, daß ich durch mei­ne Nach­lä­ßig­keit Dei­ne Hoff­nung — ein Brief von mir — zuschan­den wer­den ließ. Du hast trotz allem Zeit zum Schrei­ben für mich gefun­den.

Mei­ne Nach­lä­ßig­keit — das ist doch etwas zu hart aus­ge­drückt. Glau­be nicht, daß ich Dei­ner nicht gedacht hät­te die­se Tage, Du! Sag, ist es Dir auch schon so ergan­gen, daß Dich irgend etwas uner­klär­li­ches davon abhält, das Geschrie­be­ne fort­zu­schi­cken? Bit­te, sei mir nicht böse.

Ach Du, mit dem ers­ten Gruß aus dei­ner neu­en Hei­mat hast Du mir ja so viel Freu­de gemacht. Ich dan­ke Dir recht sehr für die schö­nen Bil­der. Soviel ich danach urtei­len kann, so mein ich, daß Du Dich gewiß sehr bald mit die­ser reiz­vol­len Umge­bung befreun­den wirst — sie ist Dir ja übri­gens gar nicht völ­lig fremd. Die Gesamt­an­sicht von K. und die Stadt­kir­che gefal­len mir am aller­bes­ten. Die Kir­che, wie sie hoch über allem [sic] Ander[e]n steht — wie ein trut­zi­ger, eher­ner Wäch­ter schaut sie in[‘]s Land. Ein­mal wer­den wir sie uns mit­ein­an­der bese­hen und das vie­le Schö­ne, was noch übrig bleibt, auch. Und heu­te früh erhielt ich Dei­nen lie­ben Brief, ich dan­ke Dir herz­lich dafür, lie­ber [Roland]. Und ich freue mich mit Dir, daß auch Euer Umzug nun glück­lich been­det ist und, was wohl die Haupt­sa­che ist, daß es Euch allen recht gut [ge]fällt. Die Geräu­mig­keit die­ser Woh­nung wird Euch ange­nehm berüh­ren, beson­ders dann, wenn ein­mal alle ver­sam­melt sind. Und die Vor­zü­ge in Bezug auf das Bad, und die neu­zeit­li­che Koch- und Back­ge­le­gen­heit in der Küche, wird beson­ders Dei­ne Mut­ter erleich­tert und dank­bar emp­fin­den. —

Wo bin ich zu Hau­se?’ So schriebst Du mir — eigen­ar­tig berühr­te mich das — es klang wie der Ruf eines Ver­las­se­nen. Du! Mein [Roland]! Wie sehn­te ich mich in die­sem Augen­bli­cke, Dich bei mir zu haben — Dei­nen Kopf an mein Herz zu drü­cken, fest und innig — und Dich zu bit­ten: Bleib bei mir, sei hier zu Hau­se, Du!

Bin ich noch zu sehr Kind, um Dir Zuflucht, Hei­mat zu sein? Ich bin noch unfer­tig, ich muß noch rei­fer wer­den. Wir müs­sen uner­müd­lich wei­ter­ar­bei­ten und uns geis­tig noch viel näher kom­men, wenn wir unser Ziel errei­chen wol­len: die Har­mo­nie der See­len. Und nicht wahr, lie­ber [Roland], wir wol­len uns[e]re Unter­schie­de und Gegen­sät­ze, auch unser[e]n Alters­un­ter­schied mit unse­ren bes­ten Vor­sät­zen und mit Got­tes Hil­fe zu über­brü­cken suchen.

Ich ver­traue Dir ganz und ich habe Dich lieb. —

Der Sonn­tag bei Dir. Ich war nicht Herr mei­ner selbst, ich gab mich ganz die­ser Sinn­lich­keit hin; so, zum ers­ten Male. Ein­mal öff­ne­test Du die Tür zur Wirk­lich­keit einen Spalt — Du erwähn­test mei­ne Mut­ter — eine Minu­te lang schwank­te ich, Ein­halt zu tun; doch das and[e]re war stär­ker. Ich schä­me mich mei­ner Schwä­che.

Rat­los und bestürzt sah ich Dei­ne Trä­nen. In die­ser Nacht hab[e] ich gro­ße Angst um Dich gehabt, Du!

Noch im Spiel ist mir die Lie­be etwas so Erns­tes, daß mir ein erlö­sen­des Wei­nen näher ist, als ein befrei­en­des Lachen.’ So schriebst Du in einem Dei­ner Brie­fe, und das kam mir die­ser Tage in[‘]s Gedächt­nis.

Ich habe nie begrei­fen wol­len, daß man einen Men­schen auf die­se Art so lie­ben könn­te.

Du! Wie soll das enden?

Unzäh­li­ge Male schwebt mir tags­über die­ses Bild vor mei­nen Augen. Schön kann ich es nicht nen­nen — manch­mal treibt es mir das Blut in[‘]s Gesicht — manch­mal steht es ver­lo­ckend vor mir, daß ich vor mei­nen eige­nen Gedan­ken erschre­cke; und wie­der emp­fin­de ich es so erschre­ckend deut­lich und quä­lend, daß es fast zum Ver­zwei­feln ist.

Ich darf nicht wie­der so schwach sein — ich hat­te Schuld — ich will hart, sehr hart mit mir wer­den.

Mein Leicht­sinn kam mir, in die Wirk­lich­keit zurück­ge­kehrt, [e]rst völ­lig zum Bewußt­sein. Mein [Roland], den­ke Dir in die­ser Stun­de statt Dei­ner einen Ande­ren. Ich glau­be nicht, daß ich ihm danach rein und gera­den Bli­ckes hät­te gegen­über­ste­hen kön­nen; es hät­te einen Kampf gekos­tet und ich hät­te mich ver­tei­di­gen müs­sen bis auf[‘]s Letz­te. Ich kann das so mit Bestimmt­heit sagen, weil ich erst in die­sen Tagen aus dem Gespräch zwei­er Mädels erfuhr, wie nied­rig und gering vie­le Män­ner unse­rer Zeit die Ehre eines Mäd­chens ach­ten.

Du bist anders. Du bist fest in Dei­nen Ent­schlüs­sen und stark, Du willst mei­ne Ehre schüt­zen. Und ich will Dir dabei hel­fen — das kann doch nur sein, wenn ich mich ände­re; jetzt hab[e] ich Dir ent­ge­gen­ge­ar­bei­tet, ich habe die Ver­su­chung her­auf­be­schwo­ren.

Wir wol­len unse­ren Vor­sät­zen treu blei­ben, Du! —

Heu­te bin ich ganz allein im Haus. Alle sind zum Paten­schmaus und vor­hin ½ 8 war das Paten­kind der Eltern unten vorm Tor und woll­te mich durch­aus mit fort­lot­sen zur Fei­er. Ich dach­te gar nicht dar­an, ich bin so froh allein zu sein mit Dir. Dein Bild steht vor mir auf dem Tisch. Wo wirst Du jetzt wei­len? Wirst Du Dir auch kei­ne Sor­gen und schlim­me Gedan­ken machen über mein Schwei­gen? Heu­te bin ich gleich nach dem Essen spa­zie­ren gegan­gen, reich­lich 2 Stun­den, ganz allein. Bei uns herrscht wun­der­schö­nes Wet­ter. Die H.straße hin­un­ter nach dem H. ging ich; in ‚Dei­nen Wald’, wäh­rend ich den G. ‚mei­nen Wald’ nen­ne. Wenn ich so in den Früh­ling hin­ein­spa­zie­re, wird mir ganz eigen­ar­tig zumu­te. Der Geruch der Erde, der Son­nen­schein, das Vogel­ge­zwit­scher und der laue Wind, all das weckt in mir ein Seh­nen, ein Ahnen auf irgend etwas ganz Sel­te­nes und Schö­nes, das nun kom­men muß. Ich sehn­te mich, Dich an der Hand zu fas­sen und hin­ein­zu­wan­dern mit Dir in den Son­nen­schein, bis weit an den Hori­zont hin, wo die wei­sen Wol­ken sich bal­len.

Wie wech­sel­voll, vor einer Woche stapf­te ich mit Dir durch knie­ho­hen Schnee — heu­te lief ich leicht über feuch­te, duf­ten­de Erde. Alles, was mir heu­te in den Weg kam, was ich ent­deck­te drau­ßen in der Natur, ich emp­fand es so froh und dank­bar. Du hast mir heu­te gefehlt.

In der Kir­che war es heu­te auch schön; aber denk nur, der Pfar­rer ver­gaß, ein Mädel ein­zu­seg­nen, ganz ohne Absicht. Ich hab[e] das beob­ach­tet, und glaubst Du, es war trotz aller Pein­lich­keit doch zu drol­lig. Ein unru­hi­ges Rücken in den Bank­rei­hen begann, lei­ses Flüs­tern und Rau­nen. Und als wir dann hin­aus­tra­ten vor die Kir­che, stan­den da schon Grup­pen bei­sam­men und tuschel­ten auf­ge­regt über den Fall. Man hat es dem Pfar­rer gesagt, er natür­lich töd­lich erschro­cken, schnell zu der betref­fen­den Fami­lie geeilt und sich ent­schul­digt. Er wird das am Don­ners­tag zur Abend­mahls­fei­er nach­ho­len. Die Leu­te stan­den, nach­dem sie ihre Toch­ter über­gan­gen sahen, mit­ten im Got­tes­dienst auf und gin­gen raus. Vie­len ist die­ser Vor­fall ent­gan­gen, es waren schreck­lich vie­le Men­schen in der Kir­che. Mor­gen Abend müs­sen wir im ‚Rau­ten­kran­ze’ sin­gen, anläß­lich des Eltern­abends. „Es muß uns doch gelin­gen, denn Gott ist unser Schutz.“ Kom­po­nist? Ver­ges­sen. (Ich schä­me mich schon!)

Du Böser, hast kei­nen Ton gesagt, daß Du so schö­ne Auf­nah­men gemacht hast, als Dei­ne Eltern zu Besuch waren. Du hast mich sehr erfreut, Du! Ich dan­ke Dir herz­lich. Fast bin ich erschro­cken über die Grö­ße Dei­ner Eltern, auf dem Ver­lo­bungs­bil­de sehen sie viel klei­ner aus, sie gefal­len mir sehr gut, die Mut­ter blickt so gütig und der Vater kommt mir vor, wie der Ober­förs­ter in höchsteig[e]ner Per­son. Wie klein sind Hoff­manns dage­gen. Kennst Du etwa den gro­ßen Ben­gel, der da steht, die Hän­de vor Käl­te in die Taschen ver­gra­ben? Der könn­te mir gefal­len. Auch den Eltern berei­te­ten die schö­nen Bil­der Freu­de, sie las­sen Dich auch herz­lichst grü­ßen und wün­schen Dir fro­he Stun­den der Erho­lung im neu­en Hei­me.

Wie vie­le Kin­der­bet­ten sind den im Kin­der­schlaf­zim­mer auf­ge­stellt?

Die ver­gan­ge­nen Tage habe ich tüch­tig gear­bei­tet, von früh 7 bis abends 6. Kom­men­de Woche bleibt die­ses Pro­gramm noch­mal bestehen und sogar am Oster­sonn­abend wird gear­bei­tet. Bei die­sem schö­nen Wet­ter kos­tet das Still­sit­zen schon ein bis­sel Mühe. Aber ich wer­de flei­ßig Dei­ner den­ken und Dich heim­lich beglei­ten auf Dei­nen Streif­zü­gen; dann wird mir die Zeit nicht gar so lang. Sag Dei­nem Freund, er soll Dich mir ja nicht ganz neh­men! Und fah­re nicht so viel mit dem Rad umher, ruhe Dich recht schön aus und erho­le Dich gut, lie­ber [Roland]!

Am Kar­frei­tag wer­de ich mir nicht viel vor­neh­men kön­nen, wir haben zwei­mal Dienst in der Kir­che. An den Fei­er­ta­gen wer­den wir ein­mal Besuch aus Glauchau bekom­men und ein­mal wer­de ich in[‘]s Thea­ter gehen „Par­si­fal”.

Nun erst mal Schluß für heu­te.

Bit­te, sei Du nicht böse, wenn ich Dich ent­täusch­te, daß ich so lang schwieg.

Ich wün­sche Dir an den kom­men­den Feri­en­ta­gen recht viel Ver­gnü­gen, recht gute Erho­lung und auch recht gutes Wet­ter. Ich blei­be bis zum Wie­der­se­hen ganz brav! Und nun mein lie­ber [Roland], schla­fe wohl! Behüt Dich Gott!

T&SavatarsmIch küs­se Dich, Du, und grü­ße Dich recht herz­lich

Dei­ne [Hil­de].

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