01. April 1939

[390401–1‑1]

K. am 31. März 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Was soll ich Dir schrei­ben? Es drängt mich nicht zu schrei­ben heu­te, ich sage es ehr­lich. War­um? Ich weiß es nicht. Ich den­ke oft an dich: Du Daß Du jetzt flei­ßig sein mußt, die­weil ich aus­ru­he. Daß ich mit Dir jeden Tag nach der Arbeit 2 Stun­den gehen möch­te. Ich den­ke dar­an, daß ich Dich [e]inige Tage bei mir haben könn­te, wenn ich Dich ein­lü­de. Aber die­sen Plan muß ich noch bei­sei­te legen. Jetzt ver­ste­he mich recht, Lie­bes: Es kann noch nicht sein. Wenn ich Dich mei­nen Eltern vor­stel­le, möch­te ich mit Dir ganz sicher vor sie hin­tre­ten und mit die­ser Sicher­heit jedes Beden­ken und jeden Zwei­fel aus­schal­ten.

Lie­be [Hil­de], wir ver­trau­en ein­an­der bis in[‘]s Letz­te. Aber wir sind gegen­wär­tig unsi­cher, unklar, es hat uns gepackt, wir ver­mö­gen es uns selbst nicht ganz zu deu­ten, geschwei­ge denn ander[e]n. Durch die­se Kri­se, die­se Unsi­cher­heit müs­sen wir erst hin­durch. Ich möch­te Dir bei­ste­hen in Dei­ner Ver­wir­rung. Behal­te mich nur recht lieb, ich will den rech­ten Weg schon fin­den. Gute Nacht, lie­be [Hil­de]!

Sonn­abend, den 1. April.

Nun will ich Dir gewi­ßen­haft berich­ten über jede Regung und Bewe­gung in mei­nen Feri­en.

Kobold_artlibre_jnl.jpg, CopyLeft Free Art License, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kobold_artlibre_jnl.jpg#filelinks, 03.2014
Kobold_artlibre_jnl.jpg, Copy­Left Free Art Licen­se, http://commons. wikimedia.org/, 03.2014

Mitt­woch­abend ½ 8 Uhr kam ich hier an. Beim Tages­licht am Don­ners­tag konn­te ich nun erst recht erken­nen wie und wo. Aber alle, meist ange­neh­men, Ein­drü­cke wur­den getrübt durch das Gefühl der Frem­de. Vie­le gute Haus­geis­ter, Groß­mutters Geist vor allem, viel Gebor­gen­heit lie­ßen wir zurück. Aber die­ses Gefühl wird wei­chen, wenn Ver­wand­te und Bekann­te uns hier auf­su­chen, die Geschwis­ter uns besu­chen, wenn mor­gen Dein Brief mich auch am frem­den Ort fin­den wird, lie­be [Hil­de], ¼ 9 kommt der Post­bo­te schon, fast wie bei Euch.

Nein, ich kann sonst nur zufrie­den sein mit der neu­en Behau­sung, 3 Minu­ten vom Bahn­hof, 5 Minu­ten zum Markt, 5 Minu­ten in Wie­sen und Fel­der, ¼ Std. zum …berg, und wich­tig, Wege auf denen man besinn­lich gehen kann, gibt es auch. Und nun die Woh­nung se[lbst:] Älte­ren Leu­ten gehört das Haus. Wir sind die ein­zi­gen Mie­ter und herr­schen ganz allein im 1. Stock. Eine so gro­ße Woh­nung hat­ten wir noch nie. Lan­ger Kor­ri­dor, Wohn­stu­be 4,5 x 5,5; Gute­stu­be 5,5 x 5,5; ‚Kin­der­schlaf­zim­mer’ 4,5 x 5,5; Eltern­schlaf­zim­mer 5 x 2,5; Küche, Schrank­raum, Bade­stu­be. Wir über­nah­men die Woh­nung ganz neu vor­ge­rich­tet, mit einem Gas­ba­de­ofen und zwei Gas­öfen. Das war nur mög­lich, weil die Bahn für alles auf­kam und die­se Woh­nung als Dienst­woh­nung in beschlag nahm. Wenn Vater also mal in Ruhe geht, müs­sen wir wie­der raus. Was wir alle ange­nehm emp­fin­den: daß wir so reich­lich Platz haben, nach­dem wir jah­re­lang so eng haus­ten. Du wirst das ja alles selbst noch begut­ach­ten kön­nen. Ja, Du! Denkst Du noch dar­an, daß ich sag­te, ich wer­de dich ein­mal mei­ner Mut­ter 8 oder 14 Tage auf Gedeih oder Ver­derb aus­lie­fern? Wenn ich durch die neu­en Räu­me gehe, dann pro­bie­re ich Dich auch immer mit hin­ein.

Don­ners­tag am Vor­mit­tag habe ich holz geschich­tet auf dem Boden. Ges­tern am Vor­mit­tag haben wir zu dritt, Vater hat noch Urlaub, die Boden­kam­mer ein­ge­räumt.

An den Nach­mit­ta­gen habe ich ers­te Bekannt­schaf­ten mit dem Städt­chen und sei­ner nächs­ten Umge­bung gemacht. Ges­tern haben wir das neue Bad pro­biert. Zum Duschen ist die Hil­fe einer zwei­ten Per­son von­nö­ten, sonst wer­den Wän­de und Die­len voll­ge­spritzt. Bücher und Noten aus­pa­cken und ord­nen, das ist die Arbeit, die nun noch mei­ner wer­tet. Sonst hat mein Feri­en­pro­gramm nur [z]wei deut­li­che Punk­te: Die Fahrt zum väter­li­chen Freund und eine Fahrt nach R., mei­ner Hei­mat, um noch Ahnen zu for­schen. R. errei­che ich h in etwa 1 ½ Stun­de mit Rad. Ich berich­te Dir von mei­nen Fahr­ten.

Was wirst Du ange­ben die vie­len Feri­en­tag? Wird am Oster­sonn­abend gear­bei­tet? Nimm Dir nur auch etwas vor, damit Du Dich freu­en kannst. Besu­che eine Auf­füh­rung am Kar­frei­tag, ein Thea­ter an den Feri­en­ta­gen. Nicht ganz plan­los müßig­ge­hen, das bringt auf dum­me und trü­be Gedan­ken. Ich bin nichtganz ohne Sor­ge um Dich. Hüte Dich vor Dei­ner Freun­din, hüte Dich auch von bösen Män­nern. Die­se War­nung ist kein Miß­trau­en, Lie­bes! Bis zum nächs­ten Wie­der­se­hen soll noch eine lan­ge Zeit ver­ge­hen. Wir wol­len uns brav hal­ten inzwi­schen. Unse­re Brie­fe wer­den sich kreu­zen.

Bit­te, grü­ße Dei­ne Eltern.

Und nun, Lie­bes? Gott behü­te Dich.

Ver­traue mir nur und Behal­te mich lieb.

Mei­ne Gedan­ken wer­den meist bei Dir sein.

Ich küs­se Dich, Du, und grü­ße Dich recht herz­lich,

T&Savatarsmmei­ne lie­be [Hil­de],

Dein [Roland]

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