20. März 1939

[390320–1‑1]

L. am 20. März 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Schul­frei ist heu­te Mon­tag. Um 11 Uhr habe ich die Eltern zur Bahn gebracht. Sie kamen am Sonn­abend­nach­mit­tag. Sonn­abend war Gesangvereins,ball’. Ich muß­te mich sehen las­sen und bis 2 Uhr blei­ben. Es war weder dörf­lich trau­lich und gemüt­lich noch städ­tisch fest­lich und vor­nehm, und ich ver­weil­te dort mit gro­ßem Unbe­ha­gen. Sonn­tag­vor­mit­tag um 10 Uhr war uns[e]re Schul­ent­las­sung, rich­tig par­tei­amt­lich auf­ge­zo­gen. Erst dann konn­te ich mich den Eltern wid­men. Mei­nem Vater gefiel es sehr gut hier, er hat­te sich bald mit Herrn Hoff­mann ange­freun­det. Am Nach­mit­tag sind wir mit Hoff­manns nach dem Tanz­plan aus­ge­flo­gen. ‚Die Alten’ fan­den viel Ver­gnü­gen dar­an. Ich war nicht recht auf­ge­legt, fand aber dann doch auch Freu­de an der pracht­vol­len Win­ter­land­schaft. Viel lie­ber wäre ich ganz allein gegan­gen. Ach lie­be, lie­be [Hil­de]! Mein Sinn ist trü­be die­se Tage, sie gehen auch wie­der vor­über.

Bundesarchiv Bild 183-2004-1202-505, Prag, Burg, Besuch Adolf Hitler
Besuch Adolph Hit­ler, Burg, Prag, März 1939. DBa, Bild 183‑2004-1202–505 / CC-BY-SA. 03.2014
Uns[e]re Poli­tik gefällt mir nicht[.]

Am liebs­ten möch­te ich immer nur an Dich den­ken und an uns[e]re Freund­schaft — aber es ist dazu jetzt so wenig Zeit, ich wer­de dar­in so oft gestört.

Hast Du mich noch lieb?“ Kannst Du mich noch lieb­ha­ben? So woll­te auch ich fra­gen im letz­ten Brief. Ich ließ es dann doch weg.

Wen soll­te ich sonst lieb haben? Du!

Es ist gut, daß Du heu­te nicht bei mir bist. Du! —

Ach Du! Noch im Spiel ist mir die Lie­be etwas so erns­tes, daß mir ein erlö­sen­des Wei­nen näher ist als ein befrei­en­des Lachen.

Anders bin ich dar­in als mein Vater, das habe ich die­se Tage wie­der gemerkt. Und ver­wandt bist Du mir in dem erns­ten, gesun­den Emp­fin­den.

Ich suche noch immer nach Ant­wort und Erklä­rung dafür, wie es sein kann, daß die sinn­li­che Lie­be so Macht über uns gewin­nen kann. Es bleibt gül­tig, was ich schon schrieb:

Wir sehen uns nur alle 4 Wochen, und da bal­len sich alle Emp­fin­dun­gen und drän­gen nach Befrei­ung.

Albrecht Dürer, Eva, Auszug aus dem Ölmalerei, Adam und Eva, 1507, Museo del Prado, Albrecht Dürer [Public domain], via Wikimedia Commons, 03.2014
Albrecht Dürer, Eva von Adam und Eva, 1507, Museo del Pra­do, via Wiki­me­dia Com­mons, 03.2014
Zum ander[e]n erle­ben wir nun bei­de das gro­ße Wel­ten­rät­sel des Lie­bens. Der wei­se Erzäh­ler der Schöp­fungs­ge­schich­te faßt es in die­sen ^knap­pen Wor­ten zusam­men: Und Adam erkann­te das Weib.

Im alten Volks­lied heißt es so bedeut­sam: zum Has­sen oder Lie­ben ist alle Welt getrie­ben. Alles Den­ken und Dich­ten des Men­schen kreist um die­ses Geheim­nis. Wären wir nicht fla­che Men­schen und von schwa­chem Emp­fin­den, wenn es uns nicht pack­te? Es ist mir kein Genie­ßen, es ist mir ein Erleb­nis, Du merkst es an mei­nem Atem. Ich mag es nicht hei­lig nen­nen die­ses Wort paßt dafür nicht. Has­sen — Lie­ben, Anti­pa­thie —Sympat[hie] sind wirk­sa­me Kräf­te des Wel­ten­rau­mes und damit von Gott gesetz­te Ord­nung. Aber es haf­tet auch ihnen der Fluch aller Schöp­fung an: unvoll­kom­men, ver­gäng­lich, ver­derb­lich. Des­halb ist es wohl schief zu sagen: Lie­be ist Sün­de.

Auf allem Irdi­schen las­tet der Fluch, die Sün­de: unvoll­kom­men, ver­wes­lich, ver­gäng­lich. Treue, Gerech­tig­keit, Wahr­haf­tig­keit: Wo tre­ten sie uns rein ent­ge­gen? Wo ist voll­kom­me­nes Glück? Das alte Gleich­nis, die alte Erzäh­lung der Bibel deu­tet es so?: Unge­hor­sam gegen Gott waren die Men­schen. Sie lehn­ten sich gegen ihn auf, sie son­der­ten (Sün­de) sich von ihm ab. Und nun ent­stand eine gro­ße Kluft zwi­schen Gott und Mensch. Gott stieß die Men­schen, die vor­her in glück­li­chem Ein­klang mit sei­nem Wil­len leb­ten, in die Tie­fe des Zwei­fels, des Zwie­spalts, des Has­sens und Lie­bens, des Kämp­fens und Rin­gens. Alles Irdi­sche son­der­te sich von Gott, also auch die Lie­be. und daß sie unvoll­kom­men ist und daß auch sie, die viel­be­sun­ge­ne, den Keim des Ver­der­bens in sich trägt, das brach­test Du selbst zum Aus­druck, als Du schriebst: Die Lie­be ist wie ein Gift. Tau­send Erschei­nun­gen könn­ten das bestä­ti­gen. Die rech­te Hal­tung und das rech­te Maß, in erns­tem Bemü­hen und mit Got­tes Hil­fe woll­ten wir sie schon fin­den. Ach Du, der Wunsch wird stär­ker in mir: mein Haus zu bau­en, anders als die ander[e]n, nach mei­nem Wil­len. Wenn ich dar­an den­ke, daß Du mit mir bau­en willst, wenn ich mir Dei­nen Mut, Dei­ne Güte, Dei­nen Idea­lis­mus und Dein Ver­trau­en vor­hal­te, dann will es mir leicht wer­den zu sagen: Ich wag’s mit Dir.

Ach lie­be [Hil­de]! Dei­ne Bil­der und Brie­fe kön­nen mir heu­te nicht hel­fen. Wenn ich die­se Zei­len unter­wegs weiß, wird mir ein wenig leich­ter sein.

Gute Nacht, Lie­bes! Behüt Dich Gott!

Ich küs­se Dich und grü­ße Dich recht herz­lich

Dein [Roland].

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