08. März 1939

[390308–1‑1]

L. am 8. März 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Pünkt­lich erhielt ich heu­te Dei­nen Brief. Vie­len Dank Dei­nen Plan. Ich neh­me ihn an. Den kom­men­den Sonn­tag hal­te ich mir frei. Ganz ohne Gewalt geht das meis­tens nicht. Fast jede uns[e]rer Begeg­nun­gen hat etwas Zwin­gen­des, will sagen, sie konn­te nur eben an die­sem und kei­nem ande­ren Tage sein. Im Prin­zip wol­len wir uns alle 4 Wochen tref­fen. Die­se Span­ne soll mög­lichst nicht um über eine Woche ver­kürzt oder ver­län­gert wer­de. Du weißt, wir haben eine Woche gut. Der kom­men­de Sonn­tag wur­de bedroht durch den Gesang­ver­ein und durch den Besuch, die Absicht eines Besu­ches, mei­ner Eltern. Nach­dem die­ser Brief abge­gan­gen ist, wäre nur höhe­re Gewalt ein Hin­de­rungs­grund.

Theaterzettel der Uraufführung von Ludwig van Beethovens Oper Fidelio am 24. Mai 1814 im Theater am Kärntnertor, Druckerei Wiener Hoftheater, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fidelio18140523.jpg, herunterladen Februar 2014
Thea­ter­zet­tel der Urauf­füh­rung von Lud­wig van Beet­ho­vens Oper Fide­lio am 24. Mai 1814 im Thea­ter am Kärnt­ner­tor, Dru­cke­rei Wie­ner Hof­thea­ter, http://commons. wikimedia.org/, her­un­ter­la­den Febru­ar 2014

Ich möch­te mit Dir die Oper Fide­lio (von Beet­ho­ven) besu­chen. Es ist eine von den Opern, die der Musi­ker ken­nen muß, eine der plas­ti­schen Opern. Ich ken­nen sie selbst noch nicht, und freue mich dar­auf, die­se Lücke zu schlie­ßen an Dei­ner Sei­te. Ich kom­me mit dem Eil­zug … in Chem­nitz an. Wenn Du … in O. abfährst, kannst Du … in Chem­nitz sein. Ich hof­fe Dich unten an der Sper­re im Tun­nel zu sehen, mei­ne lie­be [Hil­de]!

Daß ich Dei­ne Eltern nicht noch an die­sem Abend begrü­ßen soll, daß sie nicht teil­ha­ben sol­len an der ers­ten Freu­de, mich im neu­en Heim zu begrü­ßen, daß Du sie durch­aus in[’]s Bett kom­man­die­ren willst, und das gera­de dies­mal, wo ich die Gast­freund­schaft in so wei­tem Maße in Anspruch neh­men will: das geht mir gegen den Strich, auch wenn Du Dich gera­de dar­auf freust. Wie­der­um möch­te ich Dich eini­ge Stun­den für mich haben und kei­ne Gele­gen­heit ver­säu­men, gemein­sam etwas zu hören und zu sehen. Viel­leicht kannst Du Dei­ne Eltern doch bestim­men, bis um 11 auf­zu­blei­ben. Wir rich­ten es auf jeden Fall so ein, daß wir um 11 drau­ßen sind. Sie sol­len bei­lei­be nicht mit dem Essen war­ten, sie dür­fen dann mei­net­hal­ben auch etwas eher schla­fen gehen, aber begrü­ßen möch­te ich sie doch. Ver­stehst Du das, Lie­bes? Bit­te, sagen Dei­nen Eltern herz­li­chen Dank für die Ein­la­dung und für das Aner­bie­ten, mich zu beher­ber­gen. Bit­te besor­ge für mich ein paar schö­ne Blu­men für 2,50 M!

Daß unser Geheim­nis nun kei­nes mehr ist, die­se Nach­richt hat mich kaum mehr in Erstau­nen gesetzt. Ich wer­de Ein­zel­hei­ten von Dir hören. Lie­be [Hil­de], Du besinnst Dich, daß ich die­sen Fall in einem Brief schon in Erwä­gung zog. Du tap­fe­re stehst nun im ers­ten Feu­er. Manch mes­sen­der, manch zwei­feln­der Blick wird Dich tref­fen. Man wird sich in Ver­mu­tun­gen und Weis­sa­gun­gen erge­hen im Gespräch über uns. Lie­be [Hil­de], wir brau­chen uns uns[e]rer sau­be­ren und herz­li­chen Nei­gung nicht zu schä­men. So inner­lich frei, wie wir uns gegen­über­ste­hen, so dür­fen wir uns[e]re Ver­bin­dung auch nach außen ver­tre­ten. Sie wis­sen alle so gut wie nichts. Der tie­fe­re Sinn uns[e]rer Ver­bin­dung bleibt ihnen Geheim­nis, er bleibt unser Besitz, unser Eigen­tum, uns[e]re Zuflucht. Der schwers­te Gang ist für Dich der in die Sing­stun­de. Dort sind die Kame­ra­din­nen, die aus die­ser Kame­rad­schaft viel­leicht ein gewis­ses Recht auf Mit­tei­lung uns Auf­klä­rung ablei­ten. Ich kann Dir hier auch wenig[e] Rat­schlä­ge ertei­len. Du mußt Dei­nem Wesen treu blei­ben. Du kannst nicht ein­fach böse und gereizt um Dich schla­gen, Du wirst aber jede unge­bühr­li­che Zudring­lich­keit zurück­wei­sen müs­sen. Aber da ertei­le ich schon Rat­schlä­ge. Ich an Dei­ner Stel­le hät­te es nicht schwer, weil ich von Natur zurück­hal­tend und ver­schlos­sen bin, zumal in per­sön­li­chen Din­gen. Wenn Du meinst, daß die­se Zurück­hal­tung auch zu Dei­nem Wesen paßt, dann emp­feh­le ich Dir, sie in Zukunft zu üben. Sie macht den Men­schen frei. Eine Ein­sicht scheint mir noch wich­tig: So häß­li­che Züge und For­men der Klatsch, das Gere­de und die öffent­li­che Mei­nung oft anneh­men: sich ihnen nur schimp­fend, bit­ter und gekränkt ent­zie­hen, bleibt ein Zei­chen der Schwä­che. „Selig, wer sich vor der Welt ohne Haß ver­schließt“, die­ses Wort [von J. W. Goe­thes „An den Mond“] ent­hält eine tie­fe Wahr­heit.

Du sollst am Sonn­tag getrost Dei­nen Dienst tun. In die Kir­che wer­de ich nicht mit­ge­hen. Lie­be [Hil­de], wir wer­den künf­tig die­se und jene Vor­sicht außer Acht las­sen dür­fen. Aber in die Kir­che gehen, und womög­lich noch mit auf den Chor, das wäre jetzt eine Her­aus­for­de­rung aller Neu­gier, Zudring­lich­keit und Emp­find­lich­keit (D.P.). Den­ke Dir aus, wir tref­fen nun auf dem Nach­hau­se­weg der Rei­he nach Herrn Bonitz, Dre­schers Leu­te, Fami­lie Graul, alles Bekann­te, an denen ich nicht ein­fach vor­bei gehen kann, deren Bli­cke alle Bericht und Rechen­schaft hei­schen. [Hil­de], das ist mir ein­fach unmög­lich. Das muß diplo­ma­ti­scher ein­ge­fä­delt wer­den, hier las­sen wir die Zeit und den Klatsch ruhig erst ein wenig vor­ar­bei­ten und uns Arbeit abneh­men. Ver­stehst Du mich noch? Lie­bes!

Lie­be [Hil­de]! Ich kann mir nicht den­ken, daß unse­re Freund­schaft ein­mal ernst­lich durch ein Miß­ver­ständ­nis gefähr­det wer­den könn­te. Zögernd wohl, aber doch mit die­ser Gewiß­heit, schrieb ich im vori­gen Brie­fe mei­ne Gedan­ken zu Dei­ner Sor­ge nie­der. Das ist mir heut deut­li­cher als noch vor 8 Tagen: Alle 4 Grün­de, die ich anführ­te, lie­be [Hil­de], sind gleich­star­ke Siche­run­gen Ich ver­ste­he Dei­ne Sor­ge und bin erfreut über Dei­ne Ansich­ten. Ich fra­ge mich, wie Du zu die­ser Sor­ge kommst. Sind mei­ne Wer­te schuld? Gedan­ken und Vor­stel­lun­gen umspan­nen auch die­ses Letz­te, ich wäre unehr­lich, wenn ich das ver­hehl­te. Und die Ver­su­chung war groß genug, Du! Aber Du darfst mir glau­ben: ich dach­te an nichts Böses. Wenn ich schrei­be: „Ich will Dich noch viel lie­ber gewin­nen“, dann soll das ja doch hei­ßen, wir müs­sen uns noch viel näher kom­men, geis­tig näm­lich. Erst dann wären die Vor­aus­set­zun­gen erfüllt für die Fei­er des Lebens, bei der es ni[cht] einen Dieb und einen Bestoh­le­nen geben darf, son­dern an der bei­de mit vol­ler Zustim­mung bei vol­lem Bewußt­sein teil­neh­men müs­sen, wenn ein Segen dar­auf ruhen soll.

Möch­test Du mich noch anse­hen, wenn ich dem ers­ten Kuß nicht noch ein paar (!) hät­te fol­gen las­sen? Du!

Du! [Hil­de]! Ich freu mich auf das Küs­sen! Ich freue mich auf das Wie­der­se­hen. Ich bin auch immer wie­der voll Unru­he, Erwar­tung und Span­nung, wie ich Dich antref­fe, wel­chen Ein­druck das Mäd­chen auf mich macht, das ich mir dar­auf anse­hen will, ob es ganz und für immer zu mir gehö­ren kann.

Mei­ne lie­be [Hil­de]! Behüt Dich Gott!

Ich küs­se Dich und grü­ße Dich recht herz­lich

Dein [Roland].

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