25. Januar 1939

„Danzig ist Deutsch”, NSDAP Propagandaplakat, 1939. Quelle: Georg Hammrich. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nazi_World_War_II_poster_Danzig_is_German.jpg, herunterladen Dezember 2013.
„Dan­zig ist Deutsch”, NSDAP Pro­pa­gan­da­pla­kat, 1939. Quel­le: Georg Hamm­rich. http://commons.wikimedia.org/wiki/File: Nazi_World_War_II_poster_Danzig_is_German.jpg, her­un­ter­la­den Dezem­ber 2013.

[390125–2‑1]

O., am 25. Janu­ar 1939.

Mein lie­ber, guter [Roland]!

Unse­rer Ver­ein­ba­rung gemäß will ich Ihnen mei­ne gute Heim­kehr mit­tei­len und ein paar Zei­len schrei­ben.

Wenn sich die Brie­fe zwei­er Lie­ben­den kreu­zen, so sei das ein gutes Zei­chen, heißt ein altes Sprich­wort.

Ob wir nun in der einen Hin­sicht die­ses Wort auf uns bezie­hen [k]önnen, getraue ich mich nicht zu behaup­ten. Aber an das gute Zei­chen wol­len wir glau­ben, nicht wahr?

Zwei­mal schon schrie­ben Sie mir: „Ich muß die Schrei­be­rin die­ser Brie­fe lieb­ha­ben.“ — Ich will ganz ehr­lich sein.

Wenn ich an die bei­den ver­gan­ge­nen Tage, beson­ders an den Sonn­tag den­ke, über­strömt mich ein so tie­fes Glücks­ge­fühl. Ich bin nun ein­mal mehr gewiß, daß das, was Sie mir schrie­ben, die Wahr­heit ist. Gezwei­felt habe ich nie an Ihnen und [w]erde es auch nicht kön­nen. Ich konn­te nur nicht fas­sen, daß Ihre Wor­te Wahr­heit sind — ganz tief drin­nen im Her­zen bewahr­te ich sie auf. Ich hat­te Angst, Ihnen dar­über zu schrei­ben, Ihnen davon zu spre­chen; den ich mein­te, es müß­te dann alles zer­rin­nen wie ein schö­ner Traum.—

Auch Sie selbst kön­nen das Neue, das am Jah­res­an­fang auf uns ein­stürmt, noch nicht ruhig und gefaßt hin­neh­men.

Auch Ihnen kam das Gefühl eines lei­sen Zwei­fels — daß alles Hof­fen, Wün­schen und Pla­nen viel­leicht als etwas Unmög­li­ches dasteht.

Mir ist eine gro­ße Last von der See­le genom­men seit ich weiß, daß Sie der ers­te Besuch in mei­nem Eltern­hau­se nicht ent­täusch­te. Zuver­sicht und Gott­ver­trau­en mögen uns wei­ter­hel­fen.

Lie­ber [Roland], auf die Eltern mach­ten Sie einen sehr guten Ein­druck. Durch Ihren Besuch haben Sie das Ver­trau­en, das sie Ihnen ent­ge­gen­brin­gen, noch ver­stärkt. Das muß ich Ihnen sagen. Ich bin so froh. Ich mag an kei­ne trü­be Stun­de den­ken.

Ahnenpass, Darwinek, Familienarchiv, , http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ahnenpass.jpg, herunterladen Dezember 2013.
Ahnen­pass, Dar­wi­nek, Fami­li­en­ar­chiv, , http://commons.wikimedia.org/ wiki/File:Ahnenpass.jpg, her­un­ter­la­den Dezem­ber 2013.

Mor­gen, am Don­ners­tag glau­be ich, daß ein Zei­chen von Ihnen kom­men wird — es wird mir Kraft brin­gen für den Abend.— Am Sonn­tag­abend in O. ange­kom­men, eil­te ich f[roh]gemut heim in der Vor­freu­de, noch eini­ge Stun­den allein und unge­stört mit mei­nen Gedan­ken bei unser[e]m Zusam­men­sein wei­len zu kön­nen. Etwas Wei­ßes leuch­te­te im Brief­kas­ten. Ein Schrei­ben von der N S D A P.–Kreis­lei­tung Chem­nitz. Die Kreisfrau­en­schaftslei­te­rin schickt mir eine Auf­for­de­rung, mich betreffs Hilfs­dienst, Diens­tag am 24. Janu­ar 1939 16–18 Uhr in der Geschäfts­stel­le der Kreis­frau­en­schafts­lei­te­rin ein­zu­fin­den. Mit einem Paß­bild, Lebens­lauf und Stamm­buch. Ich glaub[e], mein Gesicht sah nicht gera­de geist­reich aus in dem Moment. Jetzt haben wir also glück­li­cher­wei­se bei­de die Par­tei auf den Fer­sen, so dach­te ich.

Ich konn­te mir nicht anders erklä­ren, als daß ein Ver­se­hen, eine Nach­läs­sig­keit von sei­ten der Orts­ab­tei­lungs­lei­te­rin Nie­der­lein L. vor­liegt. In mei­nem Schrei­ben vom 30.12.1938 an sie, stand klar zu lesen, daß ich eine Wei­ter­mel­dung dan­kend ableh­ne. Sie wird unter­las­sen haben, die Kreis­frau­en­schafts­lei­tung in Chem­nitz davon in Kennt­nis zu set­zen.

Bei mir stand fest, daß ich die­ser Auf­for­de­rung nicht fol­gen wür­de. Mon­tag, nach Geschäfts­schluß mach­te ich mich auf zur Orts­ab­tei­lungs­lei­te­rin (sie ist übri­gens die Gemah­lin des Stadt­ra­tes Nie­der­lein L.), um die Ange­le­gen­heit zu klä­ren. Sie wohnt fast in P., und ich traf sie noch nicht mal zu Hau­se an.

Nun war ich gezwun­gen, nach Chem­nitz zu schrei­ben. Ich bin mir im Kla­ren, daß ich mich jetzt nicht ver­pflich­ten wer­de in die­ser [A]ngelegenheit. Aber wie das am bes­ten die­sen Leu­ten ver­ständ­lich machen? Ich lege Ihnen eine Abschrift bei über den Inhalt mei­nes Schrei­bens. Ich weiß nicht, ob ich’s so rich­tig mach­te; doch ich hof­fe, daß sie mich nun in Frie­den las­sen wer­den.

Ges­tern soll­te ich noch­mal zum Arzt kom­men. Er wur­de plötz­lich drin­gend abge­ru­fen, und die Pati­en­ten im War­te­zim­mer durf­ten wie­der gehen!

Plakat, The Firefly, MGM, 1937, mit dem Lied “Donkey Serenade” , http://en.wikipedia.org/wiki/File:Poster_-_Firefly,_The_01.jpg, herunterladen Dezember 2013
Pla­kat, The Fire­fly, MGM, 1937, mit dem Lied “Don­key Sere­na­de” , http://en.wikipedia.org/wiki/File: Poster_-_Firefly,_The_01.jpg, her­un­ter­la­den Dezem­ber 2013

Am Abend im Kränzl war­te­ten wir ver­geb­lich auf unse­re Mel­dung [b]eim Wunsch­kon­zert. Wenn ich nicht irre, wur­den kurz nach Beginn die Schü­ler und Leh­rer­schaft der Schu­le L. ver­mel­det? (Baden­wei­ler — Marsch.) Ich dach­te an Sie, wäh­rend Sie flei­ßig arbei­te­ten. Hör­ten Sie um 22 Uhr die Don­kay [sic] Sere­na­de? Ich war eigent­lich sehr ärger­lich, daß das dum­me Schrei­ben mir am Sonn­tag mei­ne schö­ne Stim­mung zer­riß.

Doch weit­aus wich­ti­ger ist ja, daß nichts unse­re Stim­mung ver­darb. Ich bin so froh und dank­bar, weil wir im bes­ten Ein­ver­neh­men von­ein­an­der Abschied nah­men.

An die Arbeit kann ich mich in die­ser Woche ganz schlecht gewöh­nen, mei­ne Gedan­ken schwei­fen immer und immer wie­der ab. Ich glau­be, für heu­te hab[e] ich genug geschrie­ben.

Ihre schö­nen Tul­pen sind noch so frisch wie am ers­ten Tage. Vor[‘]m Schla­fen­ge­hen muß ich Ihnen noch schnell schrei­ben, daß ich so glück­lich bin, weil ich Sie recht lieb­ha­ben darf, mein lie­ber, guter [Roland].

Gute Nacht! Behüt Sie Gott!

Ihre [Hil­de].

Recht herz­li­che Grü­ße von den Eltern.

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