27. Januar 1939

Rangabzeichnungen der NSDAP, ca. 1930, Quelle: National Archives & Records Administration, Aufgeladen von OberRanks, 3 January 2010, http://en.wikipedia.org/wiki/File:EarlyNaziPartyRanks-NARA.jpg, heruntergeladen Dez 2013
Rang­ab­zeich­nun­gen der NSDAP, ca. 1930, Quel­le: Natio­nal Archi­ves & Records Admi­nis­tra­ti­on, Auf­ge­la­den von Ober­Ranks, 3 Janu­a­ry 2010, http://en.wikipedia.org/wiki/File: EarlyNaziPartyRanks-NARA.jpg, her­un­ter­ge­la­den Dez 2013

[390127–1-1]

L. am 23. Jan. 1939

Am Mon­tag.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Eben kom­me ich von mei­nem Spa­zier­gang nach Hau­se. Einen Blick muß­te ich wer­fen nach dem Wes­ten. Ver­gan­ge­ne Woche war ich eini­ge­ma­le [sic] abends unter­wegs. Wenn Gedan­ken und Gefüh­le mich bestür­men, dann treibt es mich hin­aus. Es ist, als ob sie tief dann unter dem gleich­mä­ßi­gen Puls mei­ner Schrit­te bes­ser ord­nen lie­ßen. So war es am Mitt­woch, so am Don­ners­tag, als ich den Brief an Ihre Mut­ter zum Auto gebracht hat­te, so am Frei­tag, als ich Ihren Brief besorg­te. Es war eine böse Woche, ein wil­des Karus­sell der Gedan­ken und Gefüh­le.

Nicht ohne Ban­gig­keit fuhr ich aus, erfüllt von Dank­bar­keit und Freu­de kehr­te ich heim. Als ob das dazu­ge­hört hät­te: Ganz pünkt­lich fuh­ren die Züge. Hoff­manns waren noch mun­ter. Ich gin zu ihnen Ihnen [sic], muß­te noch ein paar fro­he Wor­te sagen, um jeman­dem mei­ne Freu­de mit­zu­tei­len. Ich mag die­se Freu­de mit mei­nen Gedan­ken nicht sezie­ren, sie muß ja so lan­ge vor­hal­ten. So wohl wie ges­tern war mir noch nie an Ihrer Sei­te.

Ich war ja so froh, Sie so mun­ter und froh zu fin­den, schon am Sonn­abend. Mit Ihrer Zuver­sicht haben Sie es mir ja so leicht gemacht. Je schö­ner der Sonn­tag ver­lief, des­to schwe­rer fällt einem der Mon­tag. Nun ist er bald zuran­de und wir sind der nächs­ten Begeg­nung einen Tag näher.

[Neue Sei­te]

Am Mit[tag?], [25. Jan. 1939,] Diens­tag.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Wenn wir es auch schon aus­spra­chen, so ver­dient es doch auch noch auf­ge­zeich­net zu wer­den: Es wird ein denk­wür­di­ger Tag blei­ben, die­ser 21. Janu­ar 1939. Hat­te nicht auch das Schick­sal sei­ne Hand im Spie­le? Ich ver­mei­ne sie kaum je so deut­lich ver­spürt zu haben wie vori­ge Woche.

1) Daß ich so rasch mich ent­schloß.

2) Was alles habe ich bedacht, um unser Geheim­nis zu hüten: Abends kam ich. Fuhr 2. Klas­se. Stieg in L. aus. Wir wähl­ten Umwe­ge zu Ihrem Eltern­haus — da begeg­net uns aus­ge­rech­net sie. Es gab mir einen Stich. Sie haben gese­hen, wie lang­sam und wenig ich aß, obwohl ich guten Hun­ger hat­te, nach jedem Bis­sen muß­te ich Mes­ser und Gabel hin­le­gen. Vor die­sem Schreck war alle ande­re Auf­re­gung ver­schwun­den. Ich fühl­te mich gar nicht fremd bei Ihnen und war auf­ge­schlos­sen, das kön­nen Sie bezeu­gen. Zufall das alles? Nicht ¼ Minu­te spä­ter durf­te sie kom­men. Nicht ¼ Minu­te frü­her oder spä­ter durf­ten wir uns zur Ein­kehr ent­schlie­ßen. Nun wird uns[e]re Ver­bin­dung bekannt — es soll so sein. Ich habe mich gefreut, daß Sie gar nicht ban­ge davor sind. Auch ich bin es nicht mehr nach mei­nem Besuch am Sonn­abend. Die­ser Besuch bedeu­te­te nicht viel — und er bedeu­te­te doch auch sehr viel. Ich wäre nicht leicht wie­der froh gewor­den, wäre ich ent­täuscht gewe­sen. Wel­cher Aus­blick öff­net sich jetzt? Will das Glück uns hold sein? O [Hil­de]! Wir wol­len nicht ver­ges­sen zu dan­ken. Schläft mein Kätz­chen schon? Noch nicht? Dann will ich ihm noch ein wenig über das Fell­chen strei­chen.

Gut Nacht, gut Nacht.

[Neue Sei­te]

Am Frei­tag. [27. Jan. 1939]

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Ich stel­le vor­an, was ich ges­tern auf einen Zet­tel schrieb.

Heu­te ist Don­ners­tag, Sin­ge­stun­de [sic]. Wir haben heu­te zur sel­ben Zeit Eltern­abend. Ich wer­de an Sie den­ken.

Mehr Zeit fand ich ges­tern nicht. Bis zum Abend­brot war ich mit Vor­be­rei­tun­gen für den Eltern­abend beschäf­tigt. Der Zei­chen­leh­rer wur­de plötz­lich zu einer Sit­zung nach S. abbe­ru­fen, sodaß ich die gan­ze Zei­chen­aus­stel­lung besor­gen muß­te.

Heu­te kam Ihr lie­ber Brief, 18 Pf. Straf­por­to, ich las­se noch­mal nach­wie­gen. Es hat sich also nicht gekreuzt, schul­dig bin ich, und dafür das Straf­por­to. Auch das Brief­kreu­zen will gelernt sein, und dies­mal scheint es mir rat­sam, das Ora­kel für ungül­tig zu erklä­ren. Ich hat­te mit Ihrem Brief mor­gen Sonn­abend gerech­net.

Die arbeits­rei­che Woche ist fast her­um. Der Stoß Hef­te ist kor­ri­giert. Am Diens­tag war ich ganz streng und unlei­dig. Aber die gan­ze Woche blieb ich ein fro­her Mensch. Ihr lie­ber Brief läßt mich auf[‘]s neue berauscht wer­den.

Die Brie­fe haben uns[e]re Freund­schaft geför­dert. Eine Zeit­lang waren wir uns — nach mei­nem Emp­fin­den — in den Brie­fen näher als bei uns[e]ren Begeg­nun­gen, eine Zeit­lang sah ich einen Unter­schied zwi­schen Ihrer Per­son und der Schrei­be­rin, der mich dar­an den­ken ließ (Bit­te genau lesen!), daß man­che sich ihre Brie­fe schrei­ben las­sen. Klug­heit, Ver­ständ­nis, Fein­ge­fühl, ich fand sie eher im Geschrie­be­nen als in Ihren Wor­ten. Ich mag das nicht näher unter­su­chen. Und so schrieb ich damals: „Die Schrei­be­rin die­ser Brie­fe muß ich lieb­ha­ben”. In die­sem Zusam­men­hang muß ich dar­an den­ken, daß ich bis­her immer lie­ber Jun­gen unter­rich­te­te, daß ich die Mäd­chen schwe­rer ver­stand. In den Tagen, da mich das Schrei­ben an den Kreis­lei­ter beweg­te, dach­te ich auch ein­mal: Sollst du das alles auch [Hil­de] erzäh­len, wich­tig ist es eigent­lich und auch auf­schluß­reich, und mei­ne Haupt­sor­ge ist es augen­blick­lich — ja, ich zwei­fel­te dar­an, daß Sie dafür Ver­ständ­nis auf­brin­gen wür­den. Bit­te, ver­zei­hen Sie mir. Seit Sonn­tag weiß ich es: Alles kann ich Ihnen sagen. Und alles will ich Ihnen sagen, mei­ne lie­be, gute [Hil­de]. Sie sel­ber lös­ten mir die Zun­ge mit dem Ver­trau­en, daß Ihr Wesen mir am Sonn­abend und Sonn­tag ein­flöß­te. Und nun bin ich froh bei dem Gedan­ken, daß ich Ihnen damit hel­fen konn­te. Wie ein geüb­ter Advo­kat haben Sie geschrie­ben. „Unvor­her­ge­se­he­ne Umstän­de pri­va­ter Art” (dabei kann man an man­cher­lei den­ken), gut, gut, wenn sie sich damit nicht zufrie­den gibt, müs­sen sie noch deut­li­cher wer­den. Ich wer­de nächs­tens in einer ähn­li­chen Lage sein, wenn ich beim Bezirksschul[rat] wegen mei­ner Beför­de­rung zum stän­di­gen Leh­rer vor­stel­lig wer­de.

Ich habe mich ja so gefreut, daß Sie mir den Kleid­wunsch erfüll­ten. Ich habe auch nicht ver­ges­sen, daß Sie mir am Sonn­abend zwei­mal hel­fend bei­spran­gen. Ich bin stolz auf mei­ne gro­ße, jun­ge, tap­fe­re, gute Freun­din. Ich habe Sie lieb um alles, was Sie mir schenk­ten. Ich will Sie ja noch viel lie­ber gewin­nen.

Bei­lie­gen­de Kar­te lie­fern Sie bit­te Ihren Eltern aus.

Und nun zum Schluß eine Süßig­keit? Lecker­mäul­chen!

Das macht mir Kopf­zer­bre­chen. Den­ken Sie noch dar­an, was ich von dem Kleid sag­te? Ich freue mich auf den Som­mer.

Behüt Sie Gott, mei­ne lie­be, gute [Hil­de],

Ihr [Roland].

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