13. Januar 1939

Hildes Photoalbum, Bilder aus November 1938
Hil­des Pho­to­al­bum, Bil­der aus Novem­ber 1938

[390113–1-1]

L. am 13. Janu­ar 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Am Sonn­tag­abend zwi­schen 7 u. 8 bin ich am Bahn­hof U. wie­der hin­auf­ge­stie­gen in mei­ne Welt und mei­ne Wirk­lich­keit. So kann man sagen; denn die Feri­en­zeit, zu Weih­nach­ten zumal, ist mit ihrer Ruhe und Sorg­lo­sig­keit wie eine ande­re Welt, ein Traum­land. Es fiel mir vor Jah­ren noch schwe­rer, mich davon zu tren­nen. Aus den Kin­der­ta­gen liegt ein Zau­ber über die­sem Traum­land. Ich dan­ke es den Eltern, daß sie mir das Tor zu die­sem Land offen­hal­ten. Doch nach den Fei­er­ta­gen, wenn Vater wie­der sei­ner Arbeit nach­ge­hen mußt, dann spürt man es: Die­ses Traum­land ist nicht die Wirk­lich­keit. Ich bin nicht trü­ben Sin­nes zurück­ge­kehrt. Zu mei­ner Welt und Wirk­lich­keit gehö­ren Sie, lie­be [Hil­de]. Jetzt hal­te ich mich an Sie, jetzt brau­che ich Sie, jetzt gehen mei­ne Gedan­ken viel öfter zu Ihnen. Ich habe ja sonst nie­man­den. Auf ein Mäd­chen zu hof­fen, auf dem bes­ten Freund und Kame­ra­den, das ist wohl eine irdi­sche, mensch­li­che Hoff­nung, aber es ist doch die schöns­te und wert­volls­te auf die­ser Erde. Und seit ich an die­ser Hoff­nung baue, füh­le ich mich fro­her und stär­ker, und die Tage schei­nen mir lebens­wer­ter. Zu den­ken, ich hät­te Sie nicht in die­sem ein­sa­men Ort. Das gut Engel­chen, das mir nach­flog, so weit! Ich dan­ke Ihnen so sehr. Hier ist ja kaum Gele­gen­heit, jeman­den ken­nen zu ler­nen, und — bei­na­he noch wich­ti­ger — mich bekannt zu machen. Sie ken­nen mich ja schon 2 ½ Jahr. Ich emp­fin­de es manch­mal: Wie allein steht der Leh­rer in sol­chem Dor­fe! Ein Zufall, wenn er unter den paar Kol­le­gen oder sonst unter den Bewoh­nern eine ver­wand­te See­le fin­det. Aber das wird erträg­lich, wenn man eine Zuflucht fin­det in einem Heim, das eine lie­be Frau ver­ständ­nis­voll berei­tet, das Geschmack und Kul­tur atmet und in dem sich dann auch Noten und Bücher wohl­füh­len, die­se Din­ge der Kul­tur, in das sich dann auch froh die Klän­ge einer guten Musik ergie­ßen. Ein Buch in einer lie­der­li­chen Bau­ern­stu­be, eine edle Musik aus dem Laut­spre­cher in einem unge­pfleg­ten Zim­mer, sim sie sind zu bedau­ern, die sind wie eine zier­li­che Por­zel­lant­as­se unter Blu­men­töp­fen. Vie­le Leh­rer ver­bau­ern auf dem Dor­fe. „Ja, wo klei­ne Kin­der sind–” hört man dann oft zur Ent­schul­di­gung stam­meln. Man stimmt höf­lich zu und denkt sich man­ches. Sicher ist es nicht leicht, es ist eine Auf­ga­be, die gemeis­tert sein will. Und auch die schöns­ten Maha­gonimö­bel kön­nen einen Man­gel hier nicht zude­cken. In die­sem Zusam­men­hang den­ke ich an die bei­den Revo­lu­tio­nen, die über Mut­ters Ein­rich­tung braus­ten. Die ers­te ging von mir aus. Ich war auf ein paar Tage zu einem Schul­ka­me­ra­den gela­den, des­sen Eltern in einem hoch­herr­schaft­li­chen Hau­se wohn­ten. Ganz unglück­lich kehr­te ich nach Hau­se zurück. Ich schil­der­te Mut­ter die Herr­lich­keit. Es dau­er­te nicht lan­ge, ließ Mut­ter Fens­ter und Türen weiß strei­chen und sonst man­che Ver­bes­se­rung anbrin­gen. Die zwei­te Revo­lu­ti­on ging vom Bru­der aus. Er moch­te in der Schu­le von Wohn­kul­tur und Stil gehört haben. Uns[e]re Mut­ter hat jeder­zeit ein Ohr für unse­re Wün­sche gehabt. Aber die Groß­mutter–.: „Ihr müßt doch ver­rückt sein” (die Möbel stamm­ten ja alle aus Groß­va­ters Werk­statt). Trotz­dem stürz­ten nun Säu­len und Auf­bau­ten am Ver­ti­ko, Paneel­bret­ter ver­schwan­den, die Ahnen­ga­le­rie wan­der­te in ein wür­di­ges Pho­to­al­bum, wohin sie gehört. Es blieb frei­lich Stück­werk; aber es waren gute Geis­ter, die die­sen Umsturz her­vor­rie­fen. Die Zeit unse­rer Eltern hat­te wenig Geschmack.

Vor mir glänzt die Poli­tur des Schatz­käst­chens. Es steht auf dem Spie­gel­tisch­chen. Am Sonn­tag­abend habe ich ihm eini­ges anver­traut: die ers­ten drei Brie­fe und die zuletzt ein­ge­gan­ge­nen. Sie pas­sen ja längst nicht alle hin­ein. Es ist ein gan­zes Buch, ein klei­nes Buch von Ihrer Hand, Tau­send­künst­ler. Sie wis­sen, wie lieb mir die Blät­ter sind.

Was ist Ihnen lie­ber? Wenn Sie mei­nen Brief am Sonn­abend oder am Sonn­tag erhal­ten? Nun kommt ja der Puls unse­res Brief­wech­sels wie­der zur Ruhe, nach­dem er über die Fei­er­ta­ge ein wenig in Unord­nung gera­ten war.

Ich freue mich mit Ihnen über den guten Bescheid, den der Arzt Ihrer lie­ben Mut­ter geben konn­te. Gott erhal­te sie Ihnen noch lan­ge rüs­tig und gesund und las­se sie noch man­che Freu­de erle­ben. Ich freue mich, daß Sie fast wie­der gesund sind und darf hof­fen, Sie ganz mobil wie­der­zu­se­hen. Ich wünsch­te mir eini­ge­mal [sic], dem armen, kran­ken Mädel ein wenig begü­ti­gend über das Köpf­chen strei­chen zu dür­fen. Aber nun höre ich von einer wil­den, wider­spens­ti­gen Kran­ken, die mei­ne zar­te Hand­rei­chung wohl kaum hät­te bän­di­gen kön­nen.

Vor­ges­tern mor­gen hat­te ich einen selt­sa­men Traum mit vie­len Zim­mern und Türen. Zuletzt saß die gan­ze Fami­lie in unse­rem Wohn­zim­mer um den Tisch ver­sam­melt, auch Groß­mutter war anwe­send. Da tra­ten Sie her­ein aus Groß­mutters Stu­be. In auf­ge­lös­tem lan­gen Haar, im Nacht­ge­wand gin­gen Sie durchs Zim­mer, und mit den Hän­den abweh­rend sag­ten Sie: Jetzt kön­nen Sie mich noch nicht vor­stel­len. — Sie erfüll­ten mei­nen Wunsch und schrie­ben mir von Ihrem unfrei­wil­li­gen Urlaub. Ich habe alles mit Inter­es­se gele­sen. Und nun kom­me ich schon mit einem neu­en Wunsch. Schrei­ben Sie mir bit­te ein­mal von Ihrer Freun­din. Die­sen Wunsch hege ich schon eine gan­ze Wei­le. Das muß nicht im nächs­ten Brie­fe sein, ganz gele­gent­lich. Sie haben mir ja schon manch[es] erzählt, aber wenn man dar­über schreibt, gewinnt man­ches fes­te­re Gestalt. Sie dür­fen mir ihn auch abschla­gen, ich fän­de das begreif­lich.

Theodor Fontane, Der Stechlin, Titelblatt, erste Buchausgabe, Sammlung Dr. Haack Leipzig, © Foto H.-P.Haack, 13 August 2010, http://en.wikipedia.org/wiki/File:Fontane_der_stechlin_titel.jpg, herunterladen Dezember 2013.
Theo­dor Fon­ta­ne, Der Stech­lin, Titel­blatt, ers­te Buch­aus­ga­be, Samm­lung Dr. Haack Leip­zig, © Foto H.-P.Haack, 13 August 2010, http://en.wikipedia.org/wiki/File: Fontane_der_stechlin_titel.jpg, her­un­ter­la­den Dezem­ber 2013.

Sie hol­ten sich [Theo­do­re] Fon­ta­ne Roman ‚Der Stech­lin’. Stech­lin ist der Name eines der herr­li­chen Mark­se­en. Die Mark Bran­den­burg, der Land­adel und die bes­se­ren Krei­se der Stadt Ber­lin sind der Schau­platz sei­ner Roma­ne. Fon­ta­nes Kunst zeigt sich in den geist­rei­chen, cha­rak­te­ri­sie­ren­den Gesprä­chen sei­ner Per­so­nen. Die Atmo­sphä­re der 2. Hälf­te des vori­gen Jahr­hun­derts hat er meis­ter­haft ein­ge­fan­gen. Fon­ta­ne leb­te 1819–1898. Der Stech­lin ist eines sei­ner letz­ten Wer­ke.

Es ist gut, daß wir unse­re Begeg­nung auf­ge­scho­ben haben. Für Sonn­tag­nach­mit­tag ist die Haupt­pro­be ange­setzt. Da hät­ten wir wenig vom Sonn­tag gehabt.

Auch ich freue mich auf das Wie­der­se­hen mit Ihnen, auf das Wie­der­se­hen mit dem Mäd­chen, dem ich mei­ne Brie­fe schrei­ben und mei­ne Gedan­ken anver­trau­en darf, von dem ich weiß, daß die­se Gedan­ken in ihm einen ers­ten Wider­hall fin­den.

Gott behü­te Sie mir! Er behü­te Ihre Eltern und die kran­ke Groß­mutter! Ich drü­cke Ihre lie­be Hand ganz fest voll Hoff­nung und Ver­trau­en, mei­ne lie­be [Hil­de], und grü­ße Sie recht herz­lich,

Ihr [Roland].

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