26. Dezember 1938

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O., am 2. Weih­nachts­fei­er­tag 1938.

Mein lie­ber [Roland]!

Am Hei­lig­abend war ich fest ent­schlos­sen, auch mit den Eltern einig, heu­te bei Ihnen in L. zu sein. Um den Weg hat­te ich kei­ne Angst, ich hät­te Sie auch bestimmt irgend­wo gefun­den, wären Sie nicht zu Hau­se gewe­sen. Am Abend woll­te ich zurück.

Sie dür­fen sich nicht ängs­ti­gen, krank bin ich nicht. Nur sehr erkäl­tet. Am ers­ten Fei­er­tag war mein Hals fast zu, ich trank Tee und gur­gel­te, hielt mich warm — umsonst. Heu­te brin­ge ich kei­nen kla­ren Ton her­aus, manch­mal schwin­delt mir ein wenig; doch sehr hoch ist die Tem­pe­ra­tur nicht. Ich hab[‘] am Hei­lig­abend in der Kir­che gefro­ren. Ich bin ein wenig trau­rig, daß es so kom­men muß­te. Die Eltern las­sen mich nicht hin­aus, Mut­ter ist ängst­lich weil in L. Diph­ter­i­tis aus­ge­bro­chen ist. Doch mir tut ja der Hals nicht weh, ich bin nur stark hei­ser .

Die Eltern hat­ten Mut­ters Schwes­ter in Chem­nitz unse­ren Besuch für heu­te ver­spro­chen; sie woll­ten aus Rück­sicht auf mich dablei­ben, doch ich hab[‘] alles ange­wen­det sie zum Gehen zu bewe­gen.

Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Gauleiter Berlin, Deutschland, mit Kindern, Helga und Hilde, bei Weihnachtsfeier im Saalbau, Friedrichshain, 23 December 1937, Deutsches Bundesarchiv, Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild 183-C17887, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-C17887,_Berlin,_Joseph_Goebbels_mit_Kindern_bei_Weihnachtsfeier.jpg, herunterladen Okt. 2013
Joseph Goeb­bels, Reichs­mi­nis­ter für Volks­auf­klä­rung und Pro­pa­gan­da, Gau­lei­ter Ber­lin, mit Kin­dern Hel­ga und Hil­de, bei einer Weih­nachts­fei­er im Saal­bau Fried­richs­hain, 23. Dezem­ber 1937, Deut­sches Bun­des­ar­chiv, All­ge­mei­ner Deut­scher Nach­rich­ten­dienst – Zen­tral­bild 183-C17887, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-C17887,_Berlin,_Joseph_Goebbels_mit_Kindern_bei_Weihnachtsfeier.jpg, her­un­ter­ge­la­den 10/2013.

Nun bin ich so froh — fast einen gan­zen Tag allein, mit mei­nen Gedan­ken bei Ihnen, lie­ber [Roland].

Sie ahnen ja nicht, wie glück­lich Sie mich gemacht haben, kein geschrie­be­nes Dan­kes­wort dünkt mich recht, Sie davon zu über­zeue­gen. Ich selbst woll­te zu Ihnen kom­men und Sie soll­ten es sehen, Sie soll­ten in mei­nen Augen lesen, wie sehr ich mich freue und Ihnen dan­ken möch­te.

Am Sonn­abend früh hol­te ich das Paket von der Post, voll heim­li­cher Erwar­tung trug ich[‘]s heim und stell­te es unter den Christ­baum.

Dann kam der Abend. In der Kir­che kam ich mir vor wie ein gro­ßes, unge­dul­di­ges Kind, das die Zeit nicht erwar­ten kann. Lui­se frag­te mich, ob ich Fie­ber hät­te, mei­ne Wan­gen wären so heiß und die Augen wür­den glän­zen.

Mei­ne Gedan­ken waren nur bei Ihnen.

Es war eine rech­te Wei­hen­acht [sic]. Laut­los, unauf­hör­lich fie­len die Schnee­flo­cken; eine fei­er­li­che Stil­le umfing uns, als wir das Got­tes­haus ver­lie­ßen. Gestärkt im Glau­ben und mit­ten hin­ein­ver­setzt in das Wun­der der Christ­nacht hat­te uns der Geist­li­che mit sei­nen Wor­ten.

Ach, ich bin so reich beschenkt wor­den.

Ihr Paket — mit zit­tern­den Hän­den öff­ne­te ich die Ver­schnü­rung, ich habe nichts auf­ge­schnit­ten. Am liebs­ten wäre ich ganz allein gewe­sen. Die Eltern waren dabei. Wie so lie­be­voll hat­ten Sie alles ver­packt. Das herr­li­che Buch, Ihr Engel der lie­be Gesell, die­ses ein­zig schö­ne Arm­band, Pfef­fer­ku­chen und auch noch mein heim­li­cher Wunsch — Sie selbst, mein lie­ber [Roland], auf dem gro­ßen, schö­nen Bild.

Weihnachtszauber, Gemälde von Robert Weise, Die Gartenlaube, Sammelband 1908, Kunstbeilage 34, http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Robert_Weise_Weihnachtszauber2.jpg&filetimestamp=20080413133040&, herunterladen Okt. 2013
Weih­nachts­zau­ber, Gemäl­de von Robert Wei­se, Die Gar­ten­lau­be, Sam­mel­band 1908, Kunst­bei­la­ge 34, http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Robert_Weise_Weihnachtszauber2.jpg&filetimestamp=20080413133040&, her­un­ter­ge­la­den 10/2013.

Es war zu viel. Ich habe mich über­freut — das ist, wenn ich wei­nen muß. Einen so wun­der­schö­nen Hei­lig­abend habe ich noch nicht erlebt. Ich hat­te Ihre bei­den lie­ben Brie­fe gele­sen, den einen den Eltern gege­ben — ich stand vor Ihren Geschen­ken und ich fühl­te etwas in mir, das war wie ein gro­ßes, hei­li­ges Feu­er. Ich muß­te wei­nen — halt­los. Daß die­ser Hei­li­ge Abend ein unge­wöhn­li­cher war, haben wohl auch die Eltern gefühlt. Mut­ter trat zu mir und umschlang mich mir ihren güti­gen Armen, auch sie wein­te — und Vater, sonst stets ver­schlos­sen, drück­te mei­nen Kopf an sich und strich dar­über hin mit den Wor­ten: „Mein Mädel, ich wünsch Euch ja alles Gute!” Wenn er sich auch gleich dar­auf in der Küche etwas zu schaf­fen mach­te, ich war doch über die­se sel­te­ne Lieb­ko­sung so dank­bar und froh — weil ich gewiß war, daß unter sei­ner äuße­ren Gleich­gül­tig­keit doch kein völ­lig lie­bar­mes Herz schlägt.

Es waren kei­ne Trä­nen des Schmer­zes und des Kum­mers — son­dern Trä­nen der Freu­de und der Rüh­rung. Ich bin des­halb nicht senti[men]ta[l.] Es kam über mich, plötz­lich — wie ein ande­res Emp­fin­den, dem ich Aus­druck geben muß und ich schäm­te mich nicht.

Es war wohl auch recht so, daß ich die Trä­nen nicht zurück­dräng­te; denn hät­te ich sonst die Lie­be der Eltern und die Zusam­men­ge­hö­rig­keit so sicht­bar gespürt?

Der Abend ver­lief in schöns­ter Ein­tracht. Der Baum brann­te und ich hat­te ‚Gesel­le’ (so tauf­te ich ihn!) in jede Hand ein Licht gedrückt, auf dem Tische ste­hen, neben ihm Sie, im sil­ber­nen Rah­men.

Mein Klein­od am Arm. Ich wage es kaum anzu­fas­sen, so fein und hauch­zart wie Spinn­ge­we­be ist die Arbeit. Ich sah noch nie so eins. Mir gefällt es ja so sehr, ich bin ganz selig und die Eltern haben gestaunt und sich mit mir gefreut. Dop­pelt wert­voll ist es mir durch sei­ne Her­kunft und Geschich­te gewor­den. Ich wer­de es sehr lieb­ha­ben. Wie nur, wie soll ich Ihnen erken­nen las­sen, wie unend­lich dank­bar ich Ihnen bin.

Fast bin ich erschro­cken, als ich die Schach­tel in der Hand hielt mit der Auf­schrift ‚Jagd­schrot­pa­tro­nen’ [sic]. Sie gefähr­li­cher Mann, wie kön­nen Sie das nur einer ‚Dame’ antun?

O, Sie sind wie­der um eini­ge Grad gestie­gen in mei­ner Ach­tung, wie Sie das Ver­pa­cken nach Ihrem Wun­sche arran­gier­ten. Die Anschrift des Schmuck­pa­ke­tes, schön aus­ge­schnit­ten, kommt in mei­ne Samm­lung, als ewi­ges Andenken an das ers­te Weih­nachts­fest.

Wir saßen alle drei auf dem Sofa und blät­ter­ten in Ihrem Buche. Ich wuß­te noch nichts von den Blau­en Büchern, daß Sie mir damit eine sehr gro­ße Freu­de und Über­ra­schung berei­te­ten, haben Sie sicher schon geahnt. Es fehl­te nur noch ein Radio, am Heli­ga­bend lä[r]men ja die Glo­cken aller deut­schen Dome die Christ­nacht ein; dann hät­ten wir außer dem Betrach­ten die­ser herr­li­chen Bau­wer­ke auch noch ihr Geläut gehört.

Den­ken Sie nur lie­ber [Roland], Mut­ter hat mir alles feh­len­de Sil­ber geschenkt: 1 Dut­zend Bestecks [sic], 1 Dut­zend Kuchen­ga­beln und die letz­ten 6 Spei­se­l­öf­fel. Dann schenk­ten mir die Eltern noch Bet­tü­cher [sic], Para­de­kis­sen, Unter­wä­sche, Frot­tier­hand­tü­cher. 2 Stück schenk­te mi[r] Groß­mutter, nun hab[‘] ich zusam­men 15 Stück, ob die rei­chen?

Sei­fe und all die Lecke­rei­en, die zum Fest gehö­ren.

Mei­ne Che­fin schenk­te mir ein schö­nes Bade­tuch, Scho­ko­la­de und Leb­ku­chen. Vom Chef bekam ich einen Brief­um­schlag mit 10 RM Inhalt. (Für die Rei­se­kas­se!)

Auch Vater und Mut­ter sind sehr zufrie­den mit ihren Geschen­ken. Ich las den Brief[,] den Sie an die Eltern rich­te­ten und ich sage Ihnen mein Lob und mei­nen Dank.

Mut­ter wird Ihnen schrei­ben.

Die Auf­füh­rung ist im Gan­ge, wird alles gut gehen?

Ich glü­he wie­der sehr im Gesicht — wer­den Sie an mich den­ken, oder ist es das Fie­ber?

Waren Sie trau­rig, weil kein so schö­ner Weih­nachts­brief bei­lag? Ich kann das nicht so schön wie Sie. Aber ich schrieb die weni­gen Zei­len mit viel Lie­be.

Ich wäre froh, wenn Ihnen die Tru­he gefällt. So schön und eigen­ar­tig wie das Arm­band ist sie nun frei­lich nicht. Doch es war die Schöns­te, die ich in Chem­nitz fand; es sind nur wenig Geschäf­te, in denen es Tru­hen aus Holz gibt. Ger­ne hät­te ich sie ohne die­sen Schmuck­ein­satz gehabt, mir sag­te ihre Form zu und ich lie­be das Maha­go­ni­holz. Und wie­der spiel­te das Schick­sal selt­sam. Sie kauf­ten den Schmuck und ich die Schmuck­tru­he.

Sind die Blu­men wohl­be­hal­ten ange­kom­men? Das ist mei­ne Sor­ge gewe­sen. Ich bin jetzt doch ein wenig matt. Ich trin­ke flei­ßig Sal­bei und dann mache ich ein hei­ßes Fuß­bad und gehe schla­fen. Ich stel­le Ihr lie­bes Bild aufs Nacht­tisch­chen; es wird schon wie­der gut wer­den. Bis wir uns wie­der­se­hen bin ich ganz gesund und mun­ter.

In 6 Tagen beginnt das neue Jahr. Was wird es uns brin­gen? Las­sen Sie es uns bei­de mit Hoff­nung und Ver­trau­en begin­nen und in Gemein­schaft mit dem, der uns lei­tet. Wir wol­len den Glau­ben anein­an­der nicht ver­lie­ren und ich will Gott bit­ten um Kraft, Sie zu ver­ste­hen — Ihnen alles zu sein. Die Lie­be zu Ihnen wird mir hel­fen, alles Schwe­re zu über­win­den.— Nun wün­sche ich Ihnen noch recht fro­he Tage der Erho­lung im Eltern­hau­se, mein lie­ber [Roland]. Behüt[‘] Sie Gott! Ich drü­cke Sie[,] aus tiefs­tem Her­zen dan­kend[,] ganz fest an mich und grü­ße Sie recht herz­lich als

Ihr lie­bes Frie­sen­kind [Hil­de].

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