07. Dezember 1938

[381207–1-1]

L. am 7. Dez. 1938

Lie­be [Hil­de]!

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Es war am Diens­tag­nach­mit­tag. In der Lese­stun­de zwi­schen 3 u. 4 faß­te ich den Ent­schluß, 1/2 5 zur Post zu gehen. Es muß etwas dasein [sic], dach­te ich. Es war, als hät­te es mich hin­ge­zo­gen.— Alle Brief­sa­chen waren durch­ge­blät­tert — nichts. Halt! Doch, ein Paket. Ich stut­ze, lese den Absen­der, Ihre Schrift. Ein Schreck durch­fuhr mich zuerst. Auf dem hal­ben Wege war ich im Unge­wis­sen, was ich da noch heu­te traug [sic]. So leicht? Schickt Sie mir die Brie­fe zurück? — Doch dann wur­de es mir zur Gewiß­heit: Sie schickt mir einen Kranz, einen Kranz! Und nun schnell hin­auf und aus­ge­packt! Nicht auf­schnei­den, schön die Kno­ten auf­lö­sen, die Ihre Hän­de geknüpft haben.

Adventskranz in seinem ursprünglichen Design von Johann Hinrich Wichern, 1839, Rauhes Haus, Hamburg, Germany, Urheberrecht: Stiftung des Rauhen Hauses, Hamburg, Germany, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wichern_Adventskranz_originated_from_Germany.jpg, herunterladen Okt. 2013
Advents­kranz in sei­nem ursprüng­li­chen Design von Johann Hin­rich Wichern, 1839, Rau­hes Haus, Ham­burg, Ger­ma­ny, Urhe­ber­recht: Stif­tung des Rau­hen Hau­ses, Ham­burg, her­un­ter­ge­la­den 10/2013.

Eine lie­be­re Ant­wort konn­ten Sie mir nicht schi­cken. Ich dan­ke Ihnen, lie­be [Hil­de].

Heu­te Mitt­woch kam nun auch Ihr Brief.

Das war mein Zwei­fel:

Nach Ihren Wor­ten mal­te ich mir das aus: Der jun­ge Mensch hat Ihnen mit bered­ten Wor­ten sei­ne Zukunf­st­plä­ne ent­rollt, er hat Ihnen Lob gezollt für Ihr Ver­ständ­nis und Ihre lie­be Art — und Sie hät­ten, von der jun­gend­li­chen Schwung, Kraft und Wert­schät­zung beein­druckt, an der Kraft aber, mich zu gewin­nen, zwei­felnd, ihm ein ganz klein wenig Hoff­nung gemacht. Wäre es so gewe­sen, ich hät­te es ver­stan­den und Ihren ver­zie­hen, lie­be [Hil­de]. Ich mache es Ihnen so schwer, ich lobe nicht so leicht; wir haben uns über das Loben schon ein­mal unter­hal­ten.

Und dar­um bang­te ich:

Sie sind beschei­den. Ihre Vor­zü­ge fal­len nicht so leicht in die Augen. Ich habe sie lan­ge­zeit über­se­hen und Sie ver­kannt. Viel­leicht wür­de ich leicht ein ande­res Mäd­chen fin­den von ähn­li­chem äuße­rem Lieb­reiz. Aber wo ich lie­ben soll, muß ich auch wert schät­zen. Das kann nicht auf den ers­ten Blick sein. Kommt hin­zu, daß Umstän­de äuße­rer Art unser Ken­nen­ler­nen erschwe­ren.

Dar­um bang­te ich: Daß Sie mir die Mög­lich­keit und den Weg, Sie recht ken­nen­zu­ler­nen, ver­sper­ren könn­ten dadurch, daß Sie Ihr Ver­trau­en teil­ten.
Es wäre mir sehr schmerz­lich gewe­sen.

Ich wer­de kein Mäd­chen wie­der­fin­den das so mir ver­traut und mich liebt. Ich lern­te manch ande­ren Vor­zug an Ihnen schät­zen.

Ihre Ant­wort aber, lie­be [Hil­de], Geschenk und Brief, in ihrem fei­nen Ver­ständ­nis, in ihrer Hoch­her­zig­keit, Güte und Lie­be, hat mei­ne Hoff­nung stei­gen[,] stei­gen las­sen. Ich drü­cke Sie voll Dank­bar­keit fest an mich, lie­be [Hil­de]!

Ich las­se Sie so leicht nicht los.

Es bleibt nichts zu ver­zei­hen.

Möch­te Ihnen mei­ne Sor­ge um unse­re Freund­schaft — ich schel­te mich, daß sie über­trie­ben war, und daß ich Sie so damit ängs­tig­te — ein klei­ner Beweis mei­ner Wert­schät­zung sein. Gera­de am Mon­tag emp­fand ich es dank­bar: Ich bin gewach­sen, seit Freund­schaft uns ver­bin­det. Sie nötig­ten mich, mir Rechen­schaft zu geben, streng und ehr­lich zu mir selbst zu sein[,] mehr als vor­her. Weil ich mich nun um mei­nen und Ihren Weg sor­ge, sehe ich kla­rer und schär­fer.

Lie­be [Hil­de], ich möch­te in Ihren Augen nicht als ein eifer­süch­ti­ger und eng­her­zi­ger Mensch steh[e]n. Ich mag über den jun­gen Men­schen nicht tri­um­phie­ren. Sie sol­len ihn vor sich selbst und vor mir nicht her­ab­set­zen. Ich gön­ne ihm alles Gute. Es spricht für ihn, daß er an Ihnen Tugen­den lob­te, die nicht all­täg­lich sind und gleich in die Augen sprin­gen. Ja, daß die Sor­ge so dun­kel vor mir auf­stieg, war nur mög­lich, weil ich ihn für so ernst hal­te wie mich selbst. Ich ver­setz­te mich in sei­ne Lage: Er ver­ehrt eine Dame. Sie sieht ihn gern. Er weiht sie in sei­ne Plä­ne ein, sie zeigt Teil­nah­me und Ver­ständ­nis, eine Hoff­nung steht auf in ihm. Ist er ernst­haft und treu, wird er die Hoff­nung fest­hal­ten — die Hoff­nung wird greif­bar mit den Erfol­gen in sei­ner Lauf­bahn — — — — da erfährt er, daß die Dame schon gebun­den ist. In dem Augen­blick muß­ten Sie uns[e]re Freund­schaft erwäh­nen, als Sie merk­ten, daß er sich Hoff­nun­gen macht. Sie durf­ten ihm auch im Ver­trau­en mei­nen Namen nen­nen, wenn er an der Güte die­ser Freund­schaft zwei­fel­te.

Ich will nicht Rechen­schaft über jedes Wort, das Sie gewe­schelt haben, ich ver­traue Ihnen ganz. Sie dürf­ten ihn täg­lich beglei­ten und sich lan­ge mit ihm unter­hal­ten, Sie dürf­ten ihm schrei­ben, ich woll­te nicht arg­wöh­nisch sein, wenn Sie mir Ihr Ver­trau­en nicht tei­len, bis wir uns ken­nen. An dem Tage, das wir uns erklä­ren, sol­len Sie frei ent­schei­den, ohne Rück­sich­ten — Dank­bar­keit und Mit­leid wären fal­sche Rück­sich­ten — Sie sol­len um Auf­schub bit­ten, wenn Sie noch schwan­ken, und wenn Sie dann erst noch die Bekannt­schaft des Ande­ren zu machen wün­schen, ich will es Ihnen nicht ver­ar­gen — der Liebs­te muß ich Ihnen sein, wenn Sie Ihr Jawort geben.

Mein Dienst am Sonn­tag dau­er­te bis gegen 5. Ich war froh, als ich wie­der allein sein konn­te. An der Elbe ent­lang bin ich gegan­gen bis nach R.. Sie ken­nen ein Stück die­ses Weges (Sie ken­nen schon eine gan­ze Anzahl mei­ner Wege). Lie­be [Hil­de], wenn ich dar­an den­ke. [sic] “Hel­fen will ich ihr wenigs­tens”, das war die Sum­me die­ses Tages. Ein wenig bang war mir zumu­te. Sehn­te ich mich doch danach, sel­ber mich anzu­leh­nen. Sie sind gewach­sen seit­dem, und ich habe erfah­ren, daß Sie stark sind; ein­mal habe ich mich schon anleh­nen dür­fen.

Ihr schö­ner, grü­ner Kranz mit den 3 Ker­zen steht neben dem Sofa auf einem Korb­tisch­chen. Frau Hoff­mann hat es ganz aus frei­en Stü­cken auf­ge­stellt. Ges­tern stell­te sie eine Vase mit den letz­ten Rosen­knos­pen dane­ben. Noch am Diens­tag­abend habe ich die Ker­zen ange­zün­det. Da stand der Kranz noch auf dem Spie­gel­tisch­schen. Vom Sofa aus sah ich vier Lich­ter. Die vier­te Ker­ze, lie­be [Hil­de], gebs Gott, daß ich sie übers Jahr dazu­brin­gen kann. Wie sie hei­ßen müß­te? —

Ich schi­cke den Brief so ab, daß Sie ihn schon Sonn­abend in Hän­den haben. Sie sol­len am Sonn­tag­mor­gen Ihr Köpf­chen recht froh ins Kis­sen drü­cken, so froh wie am 1. Advent und noch ein biß­chen mehr, lie­be [Hil­de]!

Sind wir so lau­nisch? Heu­te froh und mor­gen betrübt?
Ich glau­be, es sind die Fes­seln, die wir uns frei­wil­lig auf­er­leg­ten, sie sind noch unge­wohnt, Heu­te spü­ren wir sie froh, mor­gen schmer­zend, und eben hat­ten Sie sich ein wenig ver­fitzt. Es wird bes­ser wer­den. Uns[e]re Freund­schaft aber wol­len wir davon nicht erschüt­tern las­sen.

Bit­te, sagen Sie Ihrer Mut­ter Dank für ihren Dienst und grü­ßen Sie Ihre Eltern. Soll­ten Sie um einen Büche­rei­wunsch ver­le­gen sein[.] Las­sen Sie sich ein­mal etwas von Theo­dor Fon­ta­ne geben.

Mor­gen Sonn­abend will ich ein­mal nach dem Weih­nachts­mann aus­chau­en in Dres­den. Am Sonn­tag­nach­mit­tag um 4 ist Kir­chen­kon­zert. Hof­fent­lich bleibt mein Hals frei. Ich will mir recht viel Mühe geben, Gott zur Ehre, dem Werk zulie­be. Und was am Lob dabei abfal­len mag, das möch­te ich gern Ihnen schen­ken.

Ver­le­ben Sie den drit­ten Advent recht froh. Ich will flei­ßig Ihrer den­ken. Gott behü­te Sie mir.

In Dank­bar­keit, in Hoff­nung und Ver­trau­en drü­cke ich Ihre Hand ganz fest, lie­be [Hil­de], und grü­ße Sie recht herz­lich

Ihr [Roland].

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