16. November 1938

[381116–2‑1]

O., am 16. Nov. 1938.

Lie­ber [Roland]!

Drau­ßen herrscht unfreund­li­ches Wet­ter, sehr trü­be ist es — ein wenig beherrscht es sogar mei­ne Stim­mung. Ich war heu­te nicht zum Got­tes­dienst, die Kan­to­rei hat auch nicht gesun­gen.

Jetzt hal­ten die Eltern noch Mit­tags­ru­he, mei­ne Gedan­ken sind bei Ihnen. Ich befürch­te, daß Sie mei­ne Kar­te nicht mehr erreich­te, das täte mir so leid.

Wie lan­ge doch die­se Unstim­mig­keit nach­wirkt in uns. Es ist rüh­rend, wie Sie sich sor­gen und mühen, um mir das Herz zu erleich­tern. Las­sen Sie mich noch­mals herz­lich dan­ken für Ihren letz­ten Brief. Er läßt mich wie­der hoff­nungs­vol­ler bli­cken in die Zukunft. Frei­lich wer­den noch vie­le Stei­ne auf unser[e]m Wege lie­gen, gro­ße und klei­ne. Doch wir wol­len sie mit Got­tes Hil­fe über­win­den, im Glau­ben an ein­an­der und im Glau­ben an die Stär­ke und das Gute in uns.

Las­sen wir nun das Trü­be hin­ter uns — freu­en wir uns des Kom­men­den. Sie haben mich mit Ihrer Hoff­nungs­freu­dig­keit ange­steckt: Es wird alles wie­der gut wer­den.

]George Romney, Emma Hart, later Lady Hamilton, in a Straw Hat, 1782-84, Huntington Library, http://en.wikipedia.org/wiki/File:George_Romney_-_Emma_Hart_in_a_Straw_Hat.jpg, herunterladen Okt. 1938
Geor­ge Rom­ney, Emma Hart, later Lady Hamil­ton, in a Straw Hat, 1782–84, Hun­ting­ton Libra­ry, http://en.wikipedia.org/wiki/File:George_Romney_-_Emma_Hart_in_a_Straw_Hat.jpg, her­un­ter­la­den Okt. 1938

Am Sonn­abend, nach­mit­tags wer­den wir uns wie­der­se­hen, uns die Hän­de drü­cken. Ich freue mich sehr dar­auf. Es wird für Sie ein wun­der­li­ches Gefühl sein, so nahe der alten Hei­mat. Wenn uns nur der Wet­ter­gott gnä­dig gesinnt ist.

Ich lege Ihnen den Spiel­plan vom Thea­ter bei. Die Wahl des Stü­ckes, das wir besu­chen wol­len, über­las­se ich gern Ihnen. Mir ist bei­des unbe­kannt. Etli­ches las ich in der Zei­tung über Edu­ard Kün­ne­kes Ope­ret­te: „Lady Hamil­ton”. Die Erst­auf­füh­rung fand am 12. Novem­ber in Gegen­wart des Kom­po­nis­ten und auch des Text­buch­dich­ters Richard Bars statt. Sie soll ein sehr gro­ßer Erfolg gewe­sen sein.

Viel­leicht ken­nen Sie eines von den bei­den Spie­len? Ich hät­te gern die Kar­ten sicher gehabt, doch ich konn­te mich nicht ent­schlie­ßen; ich möch­te auch nicht vor­ei­lig han­deln. Hof­fent­lich sind am Sonn­abend noch zwei übrig.

Es wäre schön, wenn wir ein Kir­chen­kon­zert besu­chen wür­den, ich inter­es­sie­re mich dafür. Gera­de ges­tern abend [sic] fand in der Kir­che zu R. eins statt; ich mach­te mei­nen Mädels den Vor­schlag, mal hin zu gehen. Die Ant­wort wer­den Sie sich den­ken kön­nen, ohne daß ich sie nie­der­schrei­ben muß. Dann schlug ich vor, in der Schu­le den Haus­mu­sik­abend zu besu­chen. Sie kamen ges­tern bei­de schon ½ 8 zu mir, und wir wären noch gut zurecht gekom­men; doch auch dafür war kein Inter­es­se da. Ich mein­te, ihnen damit einen Gefal­len zu erwei­sen, weil sie sonst meist mur­ren über die Kränzlaben­de ohne Musik.

Hil­des Gleich­gül­tig­keit für Kir­chen­mu­sik ist wohl ver­ständ­lich, aber Lui­se begrei­fe ich nicht. Es müß­te doch auch für sie reiz­voll sein, die Musik alter Meis­ter zu hören. Sie ist ihr ja schon so ver­traut gewor­den durch die Sing­stun­den. Nun, wenn die abend­li­chen Ves­pern begin­nen, mache ich mich eben allein auf, mögen sie sagen, was sie wol­len.

Anschluss sudetendeutscher Gebiete, Komotau, 9.10.1938 Komotau, Sudetenland, Heeres-Filmstelle. Bildabt.., Bundesarchiv Deutschland, Bild 146-2006-0019 / CC-BY-SA, herunterladen http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-2006-0019,_Anschluss_sudetendeutscher_Gebiete,_Komotau.jpg, Okt. 2013
Anschluss sude­ten­deut­scher Gebie­te, Komo­tau, 9.10.1938 Komo­tau, Sude­ten­land, Hee­res-Film­stel­le Bild­abt., Bun­des­ar­chiv Deutsch­land, Bild 146‑2006-0019 / CC-BY-SA, her­un­ter­la­den http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-2006–0019,_Anschluss_sudetendeutscher_Gebiete,_Komotau.jpg, Okt. 2013

Am Mon­tag in der Sing­stun­de haben wir mit dem Ler­nen des Lie­des begon­nen[,]: „Ach wie flüch­tig, ach wie nich­tig ist des Men­schen Leben.” Ich glau­be von Mel­chi­or (Micha­el) Franck. Am Don­ners­tag noch ein­mal Pro­be, dann muß es klap­pen. Herr Grün­der stand noch ganz im Ein­dru­cke von dem, was er ‚drü­ben’ gese­hen [sic]. Er war vori­gen Don­ners­tag mit sei­nen Leu­ten in der Gegend von Komo­tau [Sude­ten­land], sie besich­tig­ten dort Befes­ti­gun­gen. Früh, beim Durch­marsch durch Chem­nitz, hat er die Anschlä­ge bewun­dern kön­nen, die man auf die jüdi­schen Geschäf­te ver­üb­te. Alles ist wie­der mal auf­ge­regt und gespannt, wie sich die poli­ti­sche Lage wei­ter ent­wi­ckeln wird. Zu allen Städ­ten sol­len die­se Aktio­nen vor­ge­nom­men wor­den sein? So wer­den Sie auch Gele­gen­heit gehabt haben, auf Ihrer Rei­se die­se ‚Wer­ke’ zu sehen. In Chem­nitz brann­te der Juden­tem­pel, die Feu­er­wehr hat nicht ein­ge­grif­fen, nur die nächst­lie­gen­den Gebäu­de geschützt.

Ich betrach­te jetzt Dora P. mit ande­ren Augen.

Seit sie gesund ist, scheint mir, sie habe ihre alte Spann­kraft wie­der. Nach­dem ich am Sonn­tag Ihren Brief las, lenk­te ich tags dar­auf mei­ne Auf­merk­sam­keit dop­pelt auf sie. Man kann das am bes­ten, wenn man eine Per­son ganz unauf­fäl­lig beob­ach­tet; beim Gespräch mit ande­ren, oder wie sie sich gibt, wenn sie sich unbe­ob­ach­tet glaubt. Schwer­mut fin­de ich nicht mehr an ihr. Gewiß, ihr Inne­res bleibt mir ver­schlos­sen.

Sie plau­der­te auf dem Heim­weg so lus­tig von ihrer Tanz­stun­den­zeit, wir waren nur zu zwei­en. Und in der Sing­stun­de war sie paar­mal so lieb zu mir, daß ich mich schäm­te. Ich muß­te immer dar­an den­ken, wie weh es ihr tun wird, erfährt sie ein­mal um uns[e]re Freund­schaft. Das Schick­sal ist oft so hart.—

Beim Abschied abends unter der Lam­pe den­ke ich stets an Sie. Wie vie­les könn­ten die Häu­ser an die­ser Kreu­zung von uns erzäh­len. Viel Selt­sa­mes hat sich schon da ereig­net. Meist erin­ne­re ich mich nicht sehr gern dar­an — ich muß mich doch immer schä­men. Welch eine Ran­ge war ich.

Ich glau­be das war die Zeit mei­ner Fle­gel­jah­re. Jetzt füh­le ich mich ganz anstän­dig. Fin­den Sie auch?

Ich set­ze nun einen Punkt, wir haben uns doch sonst gar­nichts zu erzäh­len. Sie schrei­ben mir bit­te noch ein paar Zei­len über Ihre genaue Ankunft. Möch­ten die Stun­den recht eilen, bis ich Sie will­kom­men hei­ßen kann. Gott möge mir Sie gesund erhal­ten. Ich wün­sche Ihnen eine gute Rei­se und Glück auf dem Weg, lie­ber [Roland]!

Bis zum Wie­der­se­hen recht herz­li­che Grü­ße von

Ihrer [Hil­de].

Die Eltern dan­ken für Ihre Grü­ße und las­sen herz­lich grü­ßen.

Plea­se fol­low and like us:
error

Eine Antwort auf „16. November 1938“

  1. Bei der Erwäh­nung über die Novem­ber­po­gro­me 1938 hat uns das Wort “bewun­dern” irri­tiert. War Hil­de anti­se­mi­tisch ein­ge­stellt oder ist dies eine unre­flek­tier­te Äuße­rung?

    Auch ihre all­ge­mei­ne Fra­ge zu dem Gesche­hen, ob dies “in allen Städ­ten” gesche­hen sei, zeigt für uns eine Gleich­gül­tig­keit und eine gewis­se Distan­zie­rung zum Ereig­nis. Kei­ne Empa­thie mit den jüdi­schen Mit­bür­gern. Per­sön­li­che Din­ge schei­nen ihr wich­ti­ger zu sein, als das ein­schnei­den­de Ereig­nis der Pogrom­nacht.

    Bezüg­lich der Tran­skrip­ti­on und Kom­men­tie­rung:

    Uns fehlt eine Ein­ord­nung der genann­ten Per­so­nen: Wer ist wer und in wel­cher Bezie­hung ste­hen die­se zu den Brief­schrei­bern? (Z.B. Dora Pols­ter: Chor­mit­glied oder Ver­wandt­schaft?)

    Eini­ge Din­ge hät­ten unse­rer Mei­nung mehr Kom­men­tie­rung bedurft (wie die Ein­stel­lung Hil­des zur Pogrom­nacht). Auch die Ver­lin­kung fin­den wir schwie­rig, viel­leicht wäre ein eige­nes Glos­sar bes­ser.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.