11. Oktober 1938

Briefmark, Eröffnung des Theaters Saarpfalz in Saarbrücken, Erstausgabetag: 9. Oktober 1938, DR 1938 673, herunterladen von http://commons.wikimedia.org/wiki/File:DR_1938_673_Theater_Saarpfalz.jpg, August 2013
Brief­mark, Eröff­nung des Thea­ters Saar­pfalz in Saar­brü­cken, Erst­aus­ga­be­tag: 9. Okto­ber 1938, DR 1938 673, her­un­ter­la­den von http://commons.wikimedia.org/wiki/File: DR_1938_673_Theater_Saarpfalz.jpg, August 2013

[381011–2-1]

O., am 9. Okto­ber 1938.

am 11. Okto­ber 1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Vie­len Dank für den lie­ben, lan­gen Brief. Bevor ich nun wei­ter­schrei­be, müs­sen wir aber min­des­tens eine Minu­te Geden­ken opfern für ein klei­nes und doch für mich so gro­ßes Ereig­nis: Ich habe am letz­ten Male den 25. Brief von Ihnen erhal­ten! Auch müs­sen wir der Post, unser[e]m zuver­läs­si­gen Freun­de dan­kend geden­ken — für die Zuver­läs­sig­keit mit der sie uns erfreu­te, trotz­dem unser Brief­wech­sel immer ohne Absen­der statt­fand.

Rech­nen Sie ein­mal zurück — am 4. Mai wag­te ich das ers­te Mal, Ihnen zu schrei­ben.

Auszug aus dem Brief vom 4. Mai 1938
Aus­zug aus dem Brief vom 4. Mai 1938

Fast ein hal­bes Jahr ist seit­dem ver­gan­gen, reich an Erleb­nis­sen aller Art. Nach­dem wir nahe­zu 2 Jah­re lang neben­ein­an­der und doch wie­der anein­an­der vor­bei­leb­ten, füg­te es sich auf so eige­ne Art, daß wir uns näher kamen. Eine Freund­schaft ver­bin­det uns jetzt und ich füh­le mich in die­ser Freund­schaft so froh und glück­lich. Und ich möch­te Ihnen, der so lan­ge abseits stand, recht viel Son­nen­schein brin­gen, Sie auch glück­lich machen.

Sie schrie­ben von einem gehei­men Schmerz, den Sie schon so lan­ge in sich tra­gen. Ver­mag ich es, Sie zu trös­ten? Dann bit­te ver­trau­en Sie sich mir an, ich möch­te Ihnen tra­gen hel­fen. Sie sol­len nie mehr allein ste­hen im Leid.

Wenn Sie sich nicht brief­lich mit­tei­len kön­nen, dann tun Sie es, wenn ich wie­der bei Ihnen bin, es wird Ihnen leich­ter wer­den.

Roland, Besuch von Hilde in L., 25. September 1938
Roland, Besuch von Hil­de in L., 25. Sep­tem­ber 1938

Wäre es mög­lich, daß die­ses Leid im Zusam­men­han­ge steht mit dem, was Sie mir an dem Sonn­tag­abend erzähl­ten in L.? Als Sie ein­mal als Kind über das Beneh­men Ihres Vaters, daß er viel­leicht im Scherz der Mut­ter gegen­über an den Tag leg­te, so erschra­ken und Ihre kind­li­che Ver­eh­rung dadurch erschüt­tert wur­de?

Ich schrieb Ihnen schon am Anfang ein­mal, daß ich mei­ne, Sie tra­gen etwas mit sich her­um; wenn man Sie genau beob­ach­tet, fühlt man das, es beschat­tet manch­mal Ihr Wesen.

Sie dür­fen nicht den­ken, daß ich aus Neu­gier in Sie drin­gen will. Es ist die Sor­ge um Sie — ich möch­te, daß Sie wahr­haft froh und unbe­schwert sein kön­nen.

An die­sem Brie­fe schrei­be ich ein paar Tage. Ges­tern bin ich ein Stück spa­zie­ren gegan­gen mit den Eltern. Nach­mit­tags hat­te ich mich hin­ge­setzt, um Ihnen zu ant­wor­ten. Natür­lich fopp­ten sie mich aus Unsinn, es müß­te ja aller­hand in dem gro­ßen Brief drin­ge­stan­den haben, weil ich[‘]s so eilig hät­te mit dem Schrei­ben. Wenn sie mir aber von die­ser Sei­te kom­men, raucht es und ich hab[‘]s ihnen bewie­sen, daß — daß eben [nic]ht aller­hand drin­ge­stan­den hat, was gleich beant­wor­tet wer­den muß. Ich weiß, daß es auch in Ihrem Sin­ne ist, wenn ich Sonn­tags mal ins Freie gehe, statt im Zim­mer zu sit­zen. Aber wenn das Wet­ter nicht beson­ders viel wert ist, seh­ne ich mich nicht hin­aus. Außer­dem weiß ich aus eige­ner Erfah­rung, daß man sich, sobald man einen Brief weg­schickt, mit der Fra­ge beschäf­tigt: [“]Wann wirst du den nächs­ten in den Hän­den hal­ten?”

Heu­te hab[‘] ich den gan­zen Tag an Sie gedacht. Ob wohl der Anfang gut war? Ob auch Ihr Zim­mer geheizt wird, damit Sie nicht frie­ren müs­sen? Es wird ziem­lich kalt sein im Win­ter, Sie kön­nen ja kei­ne Dop­pel­fens­ter ein­hän­gen. Ich möch­te Ihnen das beson­ders ans Herz legen: Wenn Sie nun an den lan­gen Aben­den bei der Arbeit sit­zen, nicht das Warm­hal­ten ver­ges­sen! Wis­sen Sie noch, daß Sie im vori­gen Herbst schon ein­mal über Rei­ßen klag­ten, als Sie noch in O. waren? Man wird das schwer wie­der los, ich sehe es bei mei­nem Vater.

Am liebs­ten möch­te ich selbst mal nach­se­hen, ob man Sie auch gut ver­sorgt. Soviel ich wahr­neh­men konn­te, weiß ich Sie ja bei Ihrer Frau Wir­tin in guten Hän­den.

Es ist wie ver­hext, heu­te ist Diens­tag und ich schrei­be immer noch. Ges­tern war es die Groß­mutter, die zu Besuch kam und ich muß­te schnell die Schrei­be­rei weg­pa­cken, damit sie nichts merk­te. Es war nur gut, daß ich auf mei­nem Schreib­block mit der Auf­stel­lung der Ahnen ange­fan­gen hat­te, das war mei­ne Aus­re­de, auf ihr Fra­gen. Ich hab sie gleich mal in Beschlag genom­men und eini­ges in Erfah­rung gebracht. Das genügt mir aber noch nicht, in nächs­ter Zeit gehe ich zu ihr und fra­ge sie tüch­tig aus. Ges­tern war sie nicht rich­tig bei der Sache; man hat sei­ne lie­be Not mit den Groß­müt­tern. Bei Vaters Mut­ter war ich ges­tern auf einen Sprung, die hat mich an mei­ne Tan­te gewie­sen, deren Sohn benö­tig­te eine Ahnen­ta­fel wegen der Mili­tär­pflicht, davon brau­che ich nur mein [sic] Teil abzu­schrei­ben. Ich will alles dar­an­set­zen[,] um so weit wie mög­lich zurück­zu­grei­fen, ich fin­de das sehr inter­es­sant. Man glaubt gar­nicht, wie viel Zeit es erfor­dert und oft­mals noch ohne Erfolg. Wer weiß, wo die Geburts­ur­kun­de Ihres Urur­groß­va­ters hin­ge­ra­ten ist. Ein­ge­tra­gen sein muß ja alles. Es kann höchs­tens durch Umzug oder der­glei­chen mal etwas ver­lo­ren gehen. Viel­leicht ist gar ein Brand aus­ge­bro­chen und Ver­schie­de­nes mit umge­kom­men. Mein Urur­groß­va­ter in H. gebo­ren, war auch ein Schnei­der, nur hieß er Gott­lieb.—

Ich bin nicht eifer­süch­tig auf Ihren väter­li­chen Freund. Im Gegen­teil, ich freue mich, daß Ihnen die­ser Mann etwas sein kann, daß sich die­se wert­vol­le Freund­schaft all die Jah­re hin­durch auf­recht erhielt. Sie haben ja mei­ne Beden­ken so lieb zer­streut. Ich möch­te, wenn Sie bei­de so dahin­ge­hen, auch mal den stil­len Beob­ach­ter machen.

Sie haben mir einen schö­nen Schreck ein­ge­jagt, indem Sie schrie­ben: Nach­dem Sie mich bös­lich ver­las­sen hat­ten.…! Was dem Geset­ze nach folgt, auf solch eine Tat? Die Schei­dung. Ich ste­he nun als armer Sün­der vor Ihnen: Las­sen Sie dies­mal noch Gna­de vor Recht ergeh[e]n!

Nun muß ich schlie­ßen um 8 Uhr beginnt mein Dienst und Ihr Brief muß end­gül­tig mit auf den Weg.

Die­ser Tage erhielt ich die Ein­be­ru­fung zur Aus­bil­dung im Luft­schutz. Heu­te das ers­te Mal Unter­richt in der Hindenburgsc[hu]le. Mein lie­bes, altes Klas­sen­zim­mer besu­che ich mit, ich freue mich dar­auf.

Ich hof­fe, daß auch Sie gesund und wohl­auf sind. Leben Sie wohl und sei­en Sie recht herz­lichst gegrüßt von

Ihrer [Hil­de Lau­be]

Bes­te Grü­ße von den Eltern.

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