02. Oktober 1938

381002-2-1ia[381002–2-1]

O., am 2. Okto­ber 1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Ein hei­ßer Schreck durch­fuhr mich heu­te in der Kir­che. Ich glaub­te[,] Sie unter der Gemein­de sit­zen zu sehen. Im sel­ben Moment als ich Sie ent­deckt glaub­te, wur­de es näm­lich neben mir laut: „Seht an, da ist Herr [Nord­hoff]!” Dann aber wen­de­te sich der Herr ein­mal um und wir sahen den Irr­tum.

Roland, mit Hil­de am Lili­en­stein, 25. Sep­tem­ber 1938

Vori­gen Sonn­tag, um die­se Zeit da ich schrei­be, waren wir schon unter­wegs nach den Schramm­stei­nen. Es ist mir gera­de, als spa­re der Wet­ter­gott die Son­nen­ta­ge nur für uns auf; denn bei uns hier herrscht seit 2 Tagen wie­der trü­bes, unbe­stän­di­ges Wet­ter. Wie ich mich über die­se herr­li­chen Auf­nah­men freue — darf ich die alle behal­ten? Wäh­rend ich schrei­be, habe ich sie vor mir auf dem Tisch lie­gen, ich kann sie immer­zu anse­hen. Scha­de, daß Sie auf dem gro­ßen Bild so ernst schau­en, das nächs­te Mal werd[e] ich aber bestimmt ener­gisch sein. Ich knip­se ein­fach nicht eher, bis Sie mal rich­tig lachen. Daß die Bil­der, die uns bei­de zei­gen, ein wenig dun­kel gera­ten sind, macht sie mir umso geheim­nis­vol­ler. „Zwei im Mär­chen­wald”, so den­ke ich mir die Über­schrift. Eigent­lich könn­te man über jedes Bild eine klei­ne Geschich­te erzäh­len, aber das wür­de dann doch zu weit füh­ren. Wenn wir uns das nächs­te Mal tref­fen, betrach­ten wir sie noch­mal gemein­sam. Die Land­schafts­auf­nah­men fin­de ich sämt­lich rei­zend, zur Ori­en­tie­rung trägt das klei­ne Büch­lein, das Sie mir schenk­ten viel bei; es ist eine Land­kar­te drin, die zeigt den Lage­plan vom Kuh­stall und die nähe­re Umge­bung. Auch die Auf­nah­me, wel­che die „Hohe Lie­be” zeigt, ist sehr gut gelun­gen, das Dorf im Hin­ter­grun­de ist doch L.? Und daß Sie mir die Wirts­leu­te als sie Besuch hat­ten und das lie­be klei­ne Mädel mit­schi­cken, freut mich sehr.

Etwas ist mir auf der Rück­rei­se durch den Kopf gegan­gen, wor­über ich mir Gedan­ken mache. Habe ich mich den Wirts­leu­ten gegen­über recht benom­men? Indem ich mich für alle Mühe und beson­de­re Sorg­falt, mit der Frau Hof­mann Ihrem Besu[ch] gerecht wur­de, nur ein­fach bedank­te, für die mir zuteil gewor­de­ne Gast­freund­schaft. Aber hät­te ich beim Abschied in Ihrer Gegen­wart gefragt, was ich ihnen schul­dig sei, hät­te ich Ihnen da nicht weh­ge­tan, Sie belei­digt? Ein Geld­ge­schenk, ein Trink­geld, wie man sagt — der Gedan­ke dar­an ist für mich demü­ti­gend. Ich weiß nicht, ob alle Men­schen so den­ken. Aber man muß doch in die­ser Hin­sicht einen Weg fin­den, sich auf kei­ne belei­di­gen­de, auf­dring­li­che Art, dank­bar u[nd] erkennt­lich zei­gen zu kön­nen. Viel­leicht hal­ten mich Ihre Wirts­leu­te für undank­bar, weil ich alles, was sie für mich taten als Selbst­ver­ständ­lich­keit hin­nahm. Ich weiß, daß Sie die Kos­ten getra­gen haben für Ihren Besuch, daß sie nichts ein­ge­büßt haben. Doch ich den­ke, daß ich auch mei­ner­seits dazu bei­tra­gen muß. Ich bin dar­in uner­fah­ren. Bit­te raten Sie mir doch, wie ich es recht mache. Ich hat­te an eine klei­ne Hand­ar­beit, irgend ein Geschenk gedacht, wenn ich wie­der mal hin­kom­me. Aber dies auf eine Art, ohne mich dabei her­vor­zu­tun, nur ein­zig und allein als Beweis mei­ner Ach­tung und Dank­bar­keit. Sie wer­den raten kön­nen, weil Sie sie bes­ser ken­nen als ich.

Hilde, mit Roland am Lilienstein, 25. September 1938
Hil­de, mit Roland am Lili­en­stein, 25. Sep­tem­ber 1938

Die Gedan­ken in Ihrem Brief, die Sie ver­bin­den mit unser[e]m Gespräch am Sonn­tag­abend, machen mich froh. Sie las­sen mich wie­der erken­nen, wie edel Sie sind in Ihrem Den­ken und Han­deln. Ich sage das nicht ohne Stolz — es hat noch nie, seit ich Sie ken­ne, einen Moment gege­ben, da ich ein­mal nicht zu Ihnen auf­bli­cken konn­te.

Ein hohes Ziel ist uns gesetzt: Das Glück der rei­nen Lie­be. Es macht mich froh, daß wir bei­de den glei­chen Gedan­ken im Her­zen tra­gen, den Wil­len uns zu mühen, dies Ziel zu errei­chen, dazu bei­tra­gen, was in unse­ren Kräf­ten steht.

Manch­mal bin ich recht ver­zagt, wenn ich mein gan­zes Sein im Gegen­satz zu Ihnen betrach­te. Ich habe so gro­ße Angst, daß ich Sie ein­mal ver­lie­ren könn­te.

Mit sei­ner gan­zen Wucht kam die­ses Gefühl am vori­gen Mon­tag über mich. Ich konn­te nicht anders — bit­te, ver­zei­hen Sie mir.

Frie­den ist im Land, wie wert um die­ses Wort ist.

Ich freue mich mit Ihnen, mit allen Men­schen. Wie vie­les Unheil ist nun abge­wen­det. Seit uns die Gewiß­heit wur­de, herrscht eine ganz and[e]re Stim­mung unter den Leu­ten — Sie wer­den das auch erle­ben. Wol­len wir Gott dan­ken dafür und hof­fen, daß die­ser Frie­den von Dau­er ist.

Nun wer­den die Flücht­lin­ge bald L. ver­las­sen. Bei uns im Lager befin­den sich etwa 70 st[?] tsche­chi­sche Gefan­ge­ne. Sol­da­ten, Zivi­lis­ten, auch eini­ge weib­li­che Ange­stell­te der Post. 20 Poli­zis­ten aus Chem­nitz hal­ten Tag und Nacht Wache.

Jetzt ist es schon so weit gekom­men, daß alle Neu­gie­ri­gen, die unnütz rum­ste­hen 1 RM Stra­fe zah­len müs­sen. Nachts wird das Lager von Schein­wer­fern bestrahlt, da einer ver­such­te, aus­zu­bre­chen. Wir sind gespannt was wei­ter mit ihnen geschieht.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Die Eltern waren froh[,] als ich unver­sehrt zurück­kam, Mut­ter hol­te mich von der Bahn ab. War das ein Erzäh­len, sie woll­ten kaum glau­ben, daß so nahe der Gren­ze alles fried­lich war. Wie schön es da bei Ihnen ist, konn­ten sie nun erst recht an den Bil­dern sehen und die gefal­len ihnen sehr gut. Sie hat­ten gewar­tet auf eine Nach­richt von uns, doch ich hab[‘] ihnen gesagt, daß ich der schuld[ige] Teil war. Trotz­dem sind sie aber nicht bös[‘].

Sind Sie denn auch gut ange­kom­men zu Haus[‘]? Ich fand vori­gen Mon­tag lan­ge kei­ne Ruhe, als ich schon zu Bett lag. Den­ken Sie nur was ich für ein Kerl bin, bis zum Mitt­woch dar­auf taten mir die Bei­ne weh vom Lau­fen. Sonst kann ich eigent­lich nicht kla­gen nach einem Marsch; ich den­ke das liegt am unge­wohn­ten Gelän­de.

Die Schall­plat­te vom „Trou­ba­dour” [viel­leicht: der Oper von Gui­sep­pi Ver­di] läuft fast jeden Abend ein­mal [ab], Vater meint, ich soll sie unters Kopf­kis­sen legen, bis ich[‘]s aus­wen­dig ken­ne. Eine Woche ist nun ver­gan­gen, viel län­ger kommt mir[‘]s vor. Ich wün­sche mir sehr, daß die nächs­ten 4 Wochen recht schnell ver­ge­hen. Ihnen für Ihre Feri­en­ta­ge schö­nes Wet­ter und recht gute Erho­lung, damit Sie frisch und mun­ter das letz­te Vier­tel des alten Jah­res antre­ten kön­nen.

Sei­en Sie noch­mals bes­tens bedankt und recht herz­lich

gegrüßt von

Ihrer [Hil­de Lau­be].

T&SavatarsmDie Eltern las­sen viel­mals grü­ßen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.