12. September 1938

[380912–2‑1]

11.9.38.

O., am 12. Sep­tem­ber 1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Schon ges­tern woll­te ich Ihnen schrei­ben, doch der Besuch mei­ner Freun­din hielt mich davon ab. Ich war ein wenig ärger­lich dar­über, gera­de ges­tern waren die Eltern bei der Groß­mutter — ich wäre so schön allein und unge­stört gewe­sen. Manch­mal benei­de ich Sie um Ihre Ein­sam­keit. Ich habe ges­tern viel an Sie den­ken müs­sen, mor­gens — nach­mit­tags. Wir waren auch spa­zie­ren, doch nicht drau­ßen im Frei­en. Lui­se inter­es­sier­te sich mehr für die neu­en Herbst­mo­den in der Stadt. Ein wun­der­ba­rer Film wur­de gespielt, wir haben ihn ange­se­hen. „Hei­mat”, mit Zarah Lean­der, eine ganz ein­zig­ar­ti­ge Stim­me besitzt die­se Schau­spie­le­rin; wenn Sie Gele­gen­heit haben, die­sen Film müs­sen Sie anse­hen. Im Jahn­haus war Kampf­bahn­wei­he, ich bin nicht hin­ge­gan­gen.

Ich glau­be, daß Sie doch manch­mal Sehn­sucht nach O[.] haben. Die Gegend rund­um büßt doch, trotz­dem sie indus­trie­reich ist, land­schaft­lich nicht ein, und sie

Zarah Leander, Heimat, 1938, Quelle: F. W. Murnau-Stiftung, http://www.murnau-stiftung.de/, herunterladen von http://www.filmportal.de/node/10721/gallery, August 2013
Zarah Lean­der, Hei­mat, 1938, Quel­le: F. W. Murnau-Stif­tung, http://www.murnau-stiftung.de/, her­un­ter­la­den von http://www.filmportal.de/node/10721/gallery, August 2013

hat ihre eige­nen Rei­ze, die ein man­cher viel­leicht gar­nicht wahr­nimmt. Man muß eben auch etwas emp­fäng­lich für die Natur sein. Wenn man sich ein Stück Erde selbst erschließt, ohne daß man erst von ander[e]n dar­auf auf­merk­sam gemacht wird, dann ist es uns dop­pelt lieb und wert. Wenn[‘]s bei uns auch kei­ne bedeu­ten­den Sehens­wür­dig­kei­ten gibt wie anders­wo, ich ach­te die­ses Stück Erde, ist es doch das Land mei­ner Kind­heit und Jugend. Ich freue mich, daß Sie in der Zeit, die Sie hier weil­ten, mei­ne Hei­mat lieb­ge­wan­nen. Auch ich gehe gern in mei­ner frei­en Zeit da hin­aus, wo man recht weit ins Land bli­cken kann — am liebs­ten allein.

Sie haben in Ihrem Brief so schön zum Aus­druck gebracht, wel­che Emp­fin­dun­gen man hat, steht man allein dem gro­ßen Wun­der der Natur gegen­über. Jetzt im Herbst, wenn die Son­ne unter­geht, das hab[‘] ich so gern. Ganz still und demü­tig bin ich dann, und ich schä­me mich der nich­ti­gen Din­ge, um die ich mich oft sor­ge im All­tag, als hin­ge eine Selig­keit davon ab. Muß man nicht froh und dank­bar sein, daß man all die Pracht erle­ben darf mit gesun­den Sin­nen?

Bei der Wit­te­rung, wie sie jetzt bei uns ist, bin ich nicht gern drau­ßen. End­lo­ser Regen. Wenn ich durch den Wald gehe, fürch­te ich mich. Die Bäu­me seuf­zen im Wind, im Tal ist es neb­lig und der Geruch der fau­len­den Blät­ter am Boden erin­nert an Ver­ge­hen. Ich muß dann immer­fort ans Ster­ben den­ken. Ich atme auf, lan­ge ich zu Hau­se im war­men, hel­len Zimm[er a]n.

9 Uhr ist es, die Eltern schla­fen schon, auf mei­nen Wunsch hin. Es ist so schön, sich allein wach zu wis­sen. Ihren Brief neh­me ich mor­gen früh auf den Weg ins Geschäft mit.

Heu­te abend [sic] fürch­te ich mich, nach der Post zu geh[‘]n, es ist mir zu grus­lig drau­ßen. Sie wer­den lachen. Die Stra­ßen­lam­pe in der Kreu­zung brennt nicht, wahr­schein­lich durch den Sturm. Wenn das Wet­ter am Sonn­abend noch so ist, wird es ja kein genuß­rei­cher Aus­gang wer­den.

Ich dan­ke Ihnen für Ihr Ver­trau­en. Doch der Herr, der ein­zi­ge, wel­cher für eine Ein­la­dung in Fra­ge käme, wird nicht kom­men. Einen ander[e]n will ich nicht.

Fritz Beyer, Deutsches Mädel. Dein Beruf: Führerin im Reichsarbeitsdienst. Bewerberinnin im Alter von 17-35 können sofort eingestellt warden. Bezirk XIII: München, Schackstraße 4. Anwerbungsplakat, o.Dat., BArch, Plak 003-013-001, herunterladen http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/02227/index-20.html.de, August 2013
Fritz Bey­er, Deut­sches Mädel. Dein Beruf: Füh­re­rin im Reichs­ar­beits­dienst. Bewer­be­rin­nin im Alter von 17–35 kön­nen sofort ein­ge­stellt wer­den. Bezirk XIII: Mün­chen, Schack­stra­ße 4. Anwer­bungs­pla­kat, o.Dat., BArch, Plak 003–013-001, her­un­ter­la­den http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/02227/index-20.html.de, August 2013

Über die Arbeits­mai­den habe ich auch gele­sen. Ich war ein­mal nahe dar­an, mich frei­wil­lig zu mel­den. Den­ken Sie nur, erst am Sonn­abend nach­mit­tag [sic] hat­te ich eine sol­che Uni­form an, sie saß wie ange­gos­sen! Eine Bekann­te von mir besuch­te mich im Vor­bei­ge­hen kurz, sie ist in einem Lager bei Bran­den­burg. Es gefällt ihr sehr gut, bis auf den Außen­dienst, der bei Bau­ern, oder kin­der­rei­chen Fami­li­en ver­rich­tet wer­den muß. Na, ich wer­de schon dar­an vor­bei­kom­men.

Sagen Sie, wer­den in Ihrer Gegend auch die Schu­len geräumt? Über­all wer­den Sol­da­ten unter­ge­bracht. Zu L., K., H. und so fort. Zu O. ist noch nichts bekannt. Was das wohl bedeu­tet?

Ich zäh­le schon die Tage bis zu unser[e]m Kirch­weih­fest. Ich darf kom­men, kei­ne Sor­ge. Ob Besuch ein­trifft, weiß ich noch nicht. Etwas beich­ten muß ich! Mei­ne Freun­din weiß jetzt, wer di[e] geheim­nis­vol­le Per­son ist, zu der ich immer fah­re. Es ließ sich nicht mehr ver­heim­li­chen. Ich muß­te es schon sagen, nach­dem ich das letz­te Mal in Dres­den war; da mich doch ihre Eltern für nach­mit­tags ein­ge­la­den hat­ten. Sie war platt (wie wir sagen), ich hab ihr das Ver­spre­chen abge­nom­men, dar­über kei­nem Men­schen etwas zu sagen — und ich bin auch nicht ban­ge, sie hat mich bis jetzt dar­in noch nicht ent­täuscht.— Nun schlie­ße ich in der Hoff­nung, daß auch Sie gesund, wohl­auf sind und grü­ße Sie auch im Namen der Eltern recht herz­lich

Ihre [Hil­de Lau­be].

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