Trug und Schein: Ein Briefwechsel

21. August 1938

Auszug aus "Mermen and Capricorn," Miscellanea Astronomica, Rome, 15th century, Bibliotheca Apostolica, herunterladen von http://de.wikipedia.org/wiki/Steinbock_(Tierkreiszeichen) Juli 2013

[380821–2‑1]

21.8.1938

O., am 21.8.1938.

Lie­ber Herr [Nord­hof]!

Die Ein­rich­tung, daß mich Ihre lie­ben Zei­len Sonn­tags errei­chen, fin­de ich sehr lieb von Ihnen; es ist dann dop­pel­ter Fei­er­tag für mich. Es ist heu­te wie­der mal ein unver­bes­ser­li­cher Regen­tag und ich mache mich dar­an, Ihnen zu schrei­ben[,] ehe die Freun­din kommt. An sol­chen Tagen ist sie mein treus­ter Kame­rad.

Allem vor­an möch­te ich Ihnen die Mit­tei­lung machen, v[on] der Sie hof­fent­lich eben­so erfreut sind wie ich: Wir kom­men nicht, [sic] Sie besu­chen! Das wird für den, der die Zusam­men­hän­ge nicht kennt, abson­der­lich klin­gen. Viel­leicht muß ich mich auch ego­is­tisch schel­ten.

Doch wir sind uns klar dar­über, so nett die Wie­der­se­hens­fei­er auch hät­te wer­den kön­nen — wah­re Freu­de dar­an wür­den Sie und ich doch nicht gefun­den haben, weil unser Ver­hal­ten gegen­ein­an­der gezwun­ge­ne For­men hät­te anneh­men müs­sen und das ist für bei­de Tei­le nicht von Gewinn. Wir wür­den vor die Wahl gestellt: Das zur Ver­fü­gung ste­hen­de Geld ent­we­der für Fahr­geld anzu­wen­den und die Bekös­ti­gung selbst zu tra­gen — oder: Einen Aus­gang, irgend wohin und da das Geld für unser leib­li­ches Wohl umzu­set­zen. Der gro­ße Teil ent­schied sich für let­ze­res und man hat beschlos­sen, am 17. Sep­tem­ber nach­mit­tags nach dem „Berg­haus” H. zu wan­dern und dort ein Bei­sam­men­sein zu ver­an­stal­ten. Da nun etli­che von den Her­ren ihre wer­te Gemah­lin mit­neh­men müs­sen, hat man auch den Jün­ge­ren gestat­tet, mit Anhang zu erschei­nen, was bei man­chen gro­ße Begeis­te­rung her­vor­rief.—

Ich dan­ke es Ihnen, daß Sie mir einen tie­fe­ren Ein­blick ermög­li­chen in das Leben, in die Cha­rak­ter­ver­an­la­gung Ihrer Groß­mutter. Das letz­te Mal ver­stand ich Sie falsch. Ich konn­te nichts ande­res ent­neh­men aus Ihrem Brief. Es war Freu­de für mich, zu wis­sen, wie sie so für Sie gesorgt hat. Lei­se stieg in mir die Fra­ge hoch: Ist das auch recht und gut, den ander[e]n gegen­über? Ich zer­streu­te mei­ne Beden­ken aber dadurch, daß es oft der Fall ist, daß die Groß­mutter ein Enkel­kind beson­ders bevor­zugt. Aber nun bekom­me ich ein ganz and[e]res Bild von ihr. Ich habe Ach­tung vor die­ser Frau. Trotz ihrer mehr oder min­der ange­neh­men Sei­ten — sie wuß­te was sie woll­te. Im Leben muß man eben ver­su­chen, sich sol­chen Men­schen anzu­pas­sen, solan­ge man mit ihnen in Berüh­rung ist, oder in Ver­bin­dung steht. Nur dann ist es schwer sich zu behaup­ten, wenn sie bewußt einen Zwang auf uns aus­üben, auch wenn sie es damit nur gut mei­nen. Bevor­mun­dung ist etwas, was ich zum Bei­spiel schlecht ver­tra­ge. Ich höre mir gut­ge­mein­te Ein­wän­de an, nicht daß ich dage­gen dick­köp­fig bin — aber ein­re­den las­se ich mir nichts. Ich tue das, was ich aus inne­rer Über­zeu­gung her­aus für gut und rich­tig hal­te. Wir haben alle uns[e]re Feh­ler, auf ganz ver­schie­de­ne Art kom­men sie zum Aus­druck und es ist schwer, sich selbst rest­los ken­nen­zu­ler­nen.

Ihr Ver­gleich ist sehr gut und tref­fend, daß an jeder tie­fe­ren Freund­schaft der Gewinn der ist, daß man am ander[e]n sich selbst ken­nen­lernt.

Sie schrie­ben, etli­che weib­li­che Wesen fürch­ten sich vor Ihnen. Die­se Äuße­rung kann man im gewis­sen Sin­ne gel­ten las­sen. Es liegt etwas in Ihrem Wesen, in Ihrem Blick, was einem Furcht erwe­cken könn­te. Ich weiß nicht, wie ich[‘]s aus­drü­cken soll — ich emp­fin­de es mehr als Respekt.

Gern wür­de ich im Buche der Astro­lo­gie den Geburts­tag Ihrer Groß­mutter nach­schla­gen, doch ich sag­te Ihnen schon ein­mal, das Buch gehört nicht mir. Ich wer­de sehen, daß ich[‘]s noch­mal bekom­me. Es ist komisch, daß in jedem Kalen­dar die Gren­zen der Stern­bil­der anders gesetzt sind. Ich hab[‘] das selbst schon beob­ach­tet und ver­ste­he nicht[.] Wenn nun jemand sein Horo­skop genau berech­nen will und kommt mit dem Geburts­da­tum in Kon­flikt wegen so einer Grenz­schwie­rig­keit. Er stellt sich also bei­de Horo­sko­pe aus, weil er annimmt, er gehört zu einer Grup­pe di[es]er bei­den Stern­bil­der — und das Vor­teil­haf­te­re von bei­den macht er sich zum Vor­bild? Das ist ja dann alles Schwin­del und gleich­zei­tig ein Beweis, daß man sein Leben doch nicht genau nach dem Horo­skop ein­rich­ten kann, wel­cher Ansicht so vie­le sind. Ich muß Ihnen bei­pflich­ten und ein­se­hen, daß über aller mensch­li­cher B[ere]chnung und Weis­heit, sich alles gibt nach einem gött­li­chen Plan. Wir haben dies The­ma nun ange­schnit­ten, so wol­len wir[‘]s auch zu Ende füh­ren und damit kei­ne Miß­ver­ständ­nis­se mehr ents[t]ehen uns ein­mal münd­lich dar­über unter­hal­ten.

Ich lege Ihnen die ver­spro­che­nen Auf­nah­men bei, soll­te Ihnen eine gefal­len, so behal­ten Sie sie getrost zurück. Ich muß sowie­so für mei­ne Freun­din eini­ge nach­ma­chen las­sen. Sie, als Ken­ner wer­den die Feh­ler sehen, die zustan­de kamen. Die Fried­hofs­an­la­gen, mit dem Pfarr­hau­se im Hin­ter­grund sind bei völ­lig bedeck­tem Him­mel foto­gra­fiert.

Ich schlie­ße nun in der Hoff­nung auf ein fro­hes, gesun­des Wie­der­se­hen und grü­ße Sie auch im Namen der El[ter]n

recht herz­lich

Ihre [Hil­de Lau­be].

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21. August 1938

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