Trug und Schein: Ein Briefwechsel

18. August 1938

Auszug aus "Mermen and Capricorn," Miscellanea Astronomica, Rome, 15th century, Bibliotheca Apostolica, herunterladen von http://de.wikipedia.org/wiki/Steinbock_(Tierkreiszeichen) Juli 2013

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16.8.38

18.8.38

Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

Vie­len Dank für Ihre lie­ben Zei­len. Ich muß rich­tig­stel­len: Ganz ein­sam bin ich nicht mehr. Es ist jemand, der sich um mich küm­mert. Sie ken­nen die­sen Jemand. Der Gedan­ke an die­se lie­be Per­son, daß ich ihr alles schrei­ben und mit­tei­len könn­te, daß sie mir bleibt nach dem Ver­lust, sie [sic] haben mich leich­ter tra­gen las­sen, das dür­fen Sie glau­ben, sie [sic] haben mir auch die Ver­pflich­tung auf­er­legt, über dem gegen­wär­ti­gen Schmerz nicht die Sor­ge um die Zukunft und die eige­ne Gesund­heit zu ver­ges­sen.

Es wäre auch gar nicht im Sin­ne uns[e]rer Groß­mutter, woll­ten wir nun untä­tig den Kopf hän­gen las­sen; es ist auch nicht mei­ne Art. Das haben Sie nicht ganz rich­tig auf­ge­nom­men. Ich schrieb wohl, „Es ist mir in letz­ter Zeit recht deut­lich gewor­den, daß ich von uns Enkeln der Groß­mutter am nächs­ten stand.” Damit soll­te nicht gesagt sein, daß sie mich den ander[e]n vor­ge­zo­gen hät­te, Ihre grö­ße­re Für­sor­ge war jeweils bei dem Bedürf­ti­ge­ren, zuletzt bei dem Sol­da­ten. Ich mein­te, daß ich ihr im Wesen am meis­ten ver­wandt bin.

Ein Haupt­zug im Cha­rak­ter uns[e]rer Groß­mutter: Sie war ein Tat- und Wil­lens­mensch (wenn Sie in Ihrem astr. Buch ein­mal nach­le­sen wol­len, Geburts­tag 20. Juli), kei­ne betrach­ten­de und beschau­li­che Natur. Hin­ter all ihren Gedan­ken und Wor­ten lau­er­ten Ent­schlüs­se und Befeh­le.

Groß­mutter war dazu eine Her­ren­na­tur, sie war eigen­sin­nig, recht­ha­be­risch, her­risch. Ich deu­te­te schon ein­mal an, wel­che Rol­le sie als „Mee­stern” spiel­te. Mei­ne Mut­ter ist bis zuletzt von ihr bevor­mun­det wor­den. Wir Jun­gen ha[ben] unter ihrer Fuch­tel gestan­den, und es ist manch lau­tes Wort gefal­len. Groß­mutter woll­te ihren Wil­len durch­set­zen. Es kam manch­mal zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen; dabei war sie oft unge­recht, mit guten Grün­den ließ sie sich von ihren Vor­sät­zen nicht abbrin­gen. Aber soviel sich sie auch stritt und an uns mäkel­te — gelobt hat Sie uns kaum — sie woll­te unser Bes­tes, frei­lich nach ihrem Kop­fe. Wir den­ken noch mit eini­gem Schre­cken dar­an, was Groß­mutter an Bru­ders Hei­rat und Braut alles aus­zu­set­zen fand, ohne rech­ten Grund, [u]nd daß wir immer in Sor­ge waren, wenn sie zu Besuch dawar [sic], Groß­mutter möch­te los­pol­tern und schlim­mes Zer­würf­nis stif­ten; meist ließ sie sich an sol­chen Tagen aus Unmut gar nicht sehen. In letz­ter Zeit war sie lieb und nett zur Schwä­ge­rin.

Das her­ri­sche Wesen in sei­ner guten Sei­te zeig­te sich in der gro­ßen Umsicht und Für­sor­ge, mit der Groß­mutter schal­te­te und wal­te­te. Es präg­te sich [a]uch in ihrem Gesicht aus und mach­te auf Frem­de gro­ßen Ein­druck. Es waren etli­che Gäs­te uns[e]res Hau­ses, Män­ner, die sich vor uns[e]rer Groß­mutter fürch­te­ten.

Die­sem Wesen, sag­te ich, füh­le ich mich ver­wandt. Um gleich beim letz­ten anzu­knüp­fen, es ist mir von etli­chen weib­li­chen Wesen zu Ohren gekom­men, daß sie sich vor mir fürch­te­ten.

Daß ich eine Her­ren­na­tur habe, äußert sich bei mir in dem Stre­ben nach Frei­heit, Unab­hän­gig­keit, ein wenig Eigen­tum und dar­in, daß ich mir selbst ein Urteil bil­den will.

Es kann mir pas­sie­ren, daß ich 14 Tage lang nicht nach Hau­se den­ke. Wo ich eben bin, bin ich ganz mit allen Sin­nen. Ich bin auch weni­ger eine betrach­ten­de Natur, wenig phan­ta­sie­be­gabt, ich rech­ne mit der Wirk­lich­keit: das mögen Züge sein, an denen man auch bei mir den Wil­lens­men­schen erken­nen kann[.] Mit mir zank­te Groß­mutter kaum, sie respek­tier­te mei­ne Selb­stän­dig­keit und mei­nen Eigen­sinn, hat­te Ver­trau­en zu mei­nen Unter­neh­mun­gen. Ausse[t]zungen und Tadel erfuhr ich meist nur von drit­ter Per­son. Das scheint mir ein Beweis für die Ver­wandt­schaft uns[e]rer Natu­ren.

Ferdinand Piloty d.J. (1828-1895), „Der Taucher,“ Gemälde, in Schillers Gedichte, Jubiläums-Ausgabe, Stuttgart: Cotta, 1859-1862. Herunterladen: Lippische Landesbibliothek Detmold/Landesverband Lippe, „Schiller in Detmold<br />Eine Ausstellung zum 200. Todestag des Klassikers,” Nr. 85, D 176.4°, <a href="http://www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus-unserer-arbeit/ausstellungen/ausstellung-2005-1/3-teil.html">http://www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus-unserer-arbeit/ausstellungen/ausstellung-2005-1/3-teil.html</a>, Juli 2013
Fer­di­nand Pilo­ty d.J. (1828–1895), „Der Tau­cher,“ Gemäl­de, in Schil­lers Gedich­te, Jubi­lä­ums-Aus­ga­be, Stutt­gart: Cot­ta, 1859–1862. Her­un­ter­la­den: Lip­pi­sche Lan­des­bi­blio­thek Detmold/Landesverband Lip­pe, „Schil­ler in Det­mold
Eine Aus­stel­lung zum 200. Todes­tag des Klas­si­kers,” Nr. 85, D 176.4°, 07.2013

Da bin ich auch schon bei Ihrem Horo­skop. Nach dem Taschen­ka­len­der 1938 der Giro­kas­se O. zäh­le ich zu den Stein­bock­men­schen (22. Dez. — 19. Jan.), das wür­de all Ihre Berech­nun­gen über den Hau­fen wer­den. Auch Sie sind nach die­sem Kalen­der an der Gren­ze gebo­ren (21. März — 19. April Wid­der). Die­se Grenz­schwie­rig­kei­ten geben natür­lich schon zu den­ken. Ich sag­te Ihnen schon, was ich von [a]ll dem hal­te: Ohne Zwei­fel unter­lie­gen wir Men­schen auch dem Ein­fluß der Gestir­ne  (wie ja uns[e]rer gan­zen Umwelt), (inwei­we) [sic] inwie­weit, das wird nie ganz erforscht wer­den. Ich wer­de nicht ver­ges­sen, daß Groß­mutters Able­ben im Zei­chen der Kul­mi­na­ti­on (= Höhe­punkt) des größ­ten Pla­ne­ten, Jupi­ter, stand. Ich erzähl­te Ihnen von dem gro­ßen Stern. Nachts um 12 stand er genau im Süden, ich habe meh­re­re Näch­te [n]ach ihm aus­ge­schaut.

Im übri­gen paßt auf all das Ora­keln in die Zukunft Schil­lers Wort [Der Tau­cher]:

Und der Mensch ver­su­che die Göt­ter nicht und begeh­re nim­mer und nim­mer zu schau­en, was sie gnä­dig bede­cken mit Nacht und Grau­en.

Wer immer­zu ins Dunk­le und Unge­wis­se grü­belt, des­sen Tat­kraft wird gelähmt. Wir sol­len unser Leben beob­ach­ten und wer­den fin­den, daß es über alle mensch­li­chen Berech­nun­gen wun­der­bar und wei­se sich fügt nach einem gött­li­chen Plan.

Es ist ein alter Hang der Men­schen, sich zu mes­sen und zu bespie­geln. Es ist so schwer, sich se[lbs]t ken­nen zu ler­nen. Und das ist ein Gewinn jeder tie­fe­ren Freund­schaft, daß man am ander[e]n sich selbst ken­nen lernt.

Mein Horo­skop brin­ge ich mit, wir kön­nen uns ein­mal davon unter­hal­ten, brin­gen Sie nur auch Ihres mit.

Sie schrie­ben, daß Ihnen eine Art Lexi­kon (‚All­buch’ liest man jetzt manch­mal ver­deutscht) in die Hän­de gefal­len ist. Gebrau­chen Sie es nur rich­tig: Schla­gen Sie nach, wenn Ihnen etwas auf­stößt, nicht Kraut und Rüben durch­ein­an­der­le­sen!

Ansichtskarte, Naumburger Dom, Verlag Ernst Schölers Buchhandlung, Naumburg, Um 1910/20, herunterladen http://www.sachsen-anhalt-wiki.de/index.php/Datei:Naumburger_Dom2.jpg, Juli 2014
Ansichts­kar­te, Naum­bur­ger Dom, Ver­lag Ernst Schölers Buch­hand­lung, Naum­burg,
Um 1910/20, her­un­ter­la­den Sach­sen Anhalt Wiki, http://www.sachsen-anhalt-wiki.de/index.php/Datei:Naumburger_Dom2.jpg, Juli 2014

 

Lett­ner gibt es auch anders­wo. Ein hoch­be­rühm­ter, [sic] Holz­schnit­ze­rei aus dem 13. Jahr­hun­dert, befin­det sich in der Schloß­kir­che zu Wech­sel­burg, ein welt­be­rühm­ter im Naum­bur­ger Dom. Im nächs­ten Brief hof­fe ich Ihnen den Tag uns[e]rer nächs­ten Begeg­nung bestimmt sagen zu kön­nen. Sie kön­nen mit dem 28. Aug. rech­nen.

Zum Schlus­se mag eine Gedan­ke ste­hen, den ich in [d]er letz­ten Reli­gi­ons­stun­de den Kin­dern nahe­zu­brin­gen ver­such­te:

Son­nen­schein und Regen müs­sen über das Land gehen, wenn etwas wach­sen soll.

Gott schickt Freud und Leid, damit die Men­schen wach­sen, damit gött­li­ches Wesen unter ihnen woh­nen blei­be; denn aus dem Leid wächt die Sehn­sucht, die Sehn­sucht aber ist die Mut­ter aller gro­ßen Gedan­ken und Wer­ke. Grü­ße Ihren Eltern.

Sei­en Sie selbst recht herz­lich gegrüßt

von Ihrem [Roland Nord­hoff].

Plea­se fol­low and like us:
18. August 1938

Ein Gedanke zu „18. August 1938

  1. Hier wäre der Moment, an dem ich an Hil­des Stel­le über­le­gen wür­de, was ich eigent­lich von Roland will!!!! Dies er etwas zwang­haf­te, eher ver­klemmt schei­nen­de Mann, der soviel dar­auf gibt sich gesell­schafts­kon­form zu ver­hal­ten, will auf ein­mal “der Chef” sein, und zwar begrün­det durch sei­ne “Her­ren­na­tur”. Very cree­py!

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