Trug und Schein: Ein Briefwechsel

06. August 1938

Hilde, Ausflug nach Meissen, 31. Juli 1938

[380806–1‑1]

4.8.

B. am 6. Aug. 1938

Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

Es ist mir erst zu Hau­se recht deut­lich gewor­den, wie­viel Lau­fe­rei und Aus­la­gen ich Ihnen zuge­mu­tet habe, als ich Ihnen auf­trug, die Fil­me zu besor­gen. Sie haben mich aber recht ver­stan­den: Sie soll­ten die Bil­der zuerst sehen und über die Auf­nah­men ver­fü­gen. Mit Span­nung und Ent­de­cker­freu­de langt man nach neu­en Bil­dern. Ich betrach­te­te erst die Bil­der, eh[‘] ich Ihren Brief las. Ich war ent­zückt über die Auf­nah­me an der Brüs­tung. Wie Sie dort ent­rückt [*] nach [sic] zu den himm­li­schen Gefil­den auf­schau­en, das ist nicht ganz natür­lich, aber rei­zend. Ich bit­te um Gna­de für die­ses Bild. Sehr hübsch die Auf­nah­me am Fens­ter (ste­hend). Am wenigs­ten gefällt mir, die nun noch übrig ist. Sie sit­zen dort etwas gedrückt, das Gesicht etwas ver­knif­fen, die Nase ungüns­tig beleuch­tet — ich hät­te das sehen müs­sen. Die Auf­re­gung ist schuld, ich habe noch zu wenig Übung in Bil­dern mit weib­li­chem Vor­der­grund.

Und nun neh­men Sie es nicht krumm, wenn ich als ‚erfah­re­ner Foto­graf’ Kri­tik übe an Ihren Schnapp­schüs­sen. Beim nächs­ten Male müs­sen [Si]e ener­gisch mein dum­mes Gesicht zurech­trükken [sic]. Das gilt für bei­de Bil­der. Das Bild an der Brüs­tung zeigt schie­fe Wän­de, Sie haben auch zu tief gehal­ten und mich von unten ange­leuch­tet, hät­ten mich auch neben den Was­ser­spei­er stel­len müs­sen.

Roland, Ausflug in Meissen, 31. Juli 1938
Roland, Aus­flug in Meis­sen, 31. Juli 1938

Die ander[e]n Auf­nah­men haben auch klei­ne Män­gel. Das Dom­in­ne­re ist ver­wa­ckelt, eine Sekun­de kann man nicht still­hal­ten. Auf ein[i]gen Bil­dern hebt sich der Vor­der­grund vom Hin­ter­grun­de nicht genug ab, ich weiß den Feh­ler. Zu anspruchs­vol­len Auf­nah­men möch­te man immer auch das Sta­tiv mit­schlep­pen.

Die Harz­bil­der — 4 sind noch nicht ent­wi­ckelt — :

1. Die Dop­pel­tür­me gehö­ren zum Ost­teil des Naum­bur­ger Doms. 2. Eine Markt­an­sicht von Naum­burg (die Kir­che im Hin­ter­grun­de ist nicht der Dom). 3. Das Schach­brett der Gefil­de, die sich am Fuße des Kyff­häu­ser hin­brei­ten. 4. ein nichts­sa­gen­des Bild, ein Blind­gän­ger, wüß­te jetzt auch gar nicht, wie der Ort heißt.

Ich kann heu­te nur abschnitt­wei­se schrei­ben. Uns[e]re Groß­mutter liegt seit ges­tern ernst­lich krank, Herz­schwä­che und Was­ser. Da muß ich Mut­ter zur Hand sein, habe auch wenig Ruhe, viel­leicht kann ich den Brief gar nicht fer­tig schrei­ben.

Nach unser[e]m ers­ten Bei­sam­men­sein schrie­ben Sie, dem Sin­ne nach,:«Ich habe auch mit den Eltern schon sol­che Wan­de­run­gen unter­nom­men.… S sie wuß­ten wohl nicht so gut Bescheid, behiel­ten es für sich, erleb­ten es wohl mehr inner­lich.» Ich habe aus die­sen Wor­ten — sehr lieb von Ihnen — eine Ver­tei­di­gung Ihrer Eltern gele­sen. Ich hät­te (wohl­ge­merkt!) dar­aus auch einen lei­sen Vor­wurf lesen kön­nen: ich war geschwät­zig, trug mein Herz auf der Zun­ge. Mir fal­len dazu ein paar Gedan­ken ein, die ich nie­der­schrei­ben will, sie hän­gen, zwar lose, damit zusam­men.

Ein gut Teil [sic] der Bemü­hun­gen uns[e]rer Leh­rer, und nun heu­te auch mei­ner Bemü­hun­gen an den Kin­dern, ziel­te dar­auf ab, uns sehen zu leh­ren, zu beob­ach­ten, zu fra­gen, nach­zu­den­ken, einer Sache auf den Grund zu geh[e]n, mit einem Wort: uns geis­tig beweg­lich, reg­sam zu machen. Geis­ti­ge Beweg­lich­keit ist wie die kör­per­li­che ein Vor­zug, erstre­bens­wert, und wir sind dar­auf bedacht, bei­de mög­lichst lan­ge zu erhal­ten; wer sie ver­liert, altert. Geis­ti­ge B[e]weglichkeit ist nötig, wenn wir uns die Güter der Bil­dung aneig­nen wol­len, wenn wir das Erbe uns[e]rer Väter in Bau­kunst, Dich­tung, Musik antre­ten wol­len. Alle Bil­dung ist in gewis­sem Sin­ne auch Herr­schaft.

Ein Bei­spiel: Wir stie­gen auf den Turm des Meiß­ner Doms und hiel­ten Umschau. Ich konn­te nun in die­se Men­ge von Ber­gen und Tälern und Ort­schaf­ten eini­ge Ord­nung brin­gen, konn­te Oschatz, Rie­sa, Dres­den, den Collm, den Keu­len­berg zei­gen, und übte damit in gewis­sem Sin­ne eine Herr­schaft aus über die­ses Land. Geis­ti­ge Reg­sam­keit äußer­te sich vor allem im gespro­che­nen und geschrie­be­nen Wort.

Ein klei­nes Bei­spiel dafür, daß ich manch­mal schon mit dem rich­ti­gen Wort Mach­te gewin­ne über ein Wesen: Sie kom­men des Wegs daher. Da taucht vor Ihnen ein Hund auf, der tut, als wol­le er Sie fres­sen. Sie suchen nach Hun­de­na­men, sagen einen, zufäl­lig den pas­sen­den, der Hund wird stut­zen und von Ihnen las­sen. Mit dem Namen beka­men Sie Macht über ihn.

Und wenn ich Sie scherz­haft schul­meis­ternd nach dem Wor­te Lett­ner frag­te — es hängt kei­ne Selig­keit an die­sem Wort, aber mit sei­nem Besitz ver­bin­det sich ja auch ein tie­fe­res Ver­ständ­nis und eine Anschau­ung. Die klei­nen Kin­der haben eine Zeit, wo sie nach allem fra­gen, was ihnen neu erscheint. Die­se Neu­gier und Wiß­be­gier muß man sich erhal­ten, wenn man geis­tig rege blei­ben will. Das ist nicht leicht und es gibt[,] eine Men­ge Träg­heit zu über­win­den. Eine gute Bil­dung läßt sich nur errei­chen, wo gesun­des, fri­sches, fro­hes Emp­fin­den ist. Die­ses gesun­de Emp­fin­den läßt uns beim Anblick eines gro­ßen Domes zunächst stau­nend ver­stum­men. Wo wir über­wäl­tigt wer­den, schwei­gen wir. Nur Men­schen ohne Emp­fin­den wer­den dann schwät­zen, kön­nen jedes Gefühl und jede Stim­mung zer­re­den.

Nach die­sem Stau­nen ist es aber auch recht, sich umzu­se­hen, zu beob­ach­ten, zu fra­gen — dazu wer­den ja die Füh­run­gen ver­an­stal­tet. Wenn ich geschwät­zig war, ich war’s nur Ihnen zulie­be — ich kann sehr schweig­sam sein. Es ist scha­de und ich bedau­re, daß Ihnen Ihr täg­li­cher Umgang nicht die Anre­gun­gen bie­tet, die ein reg­sa­mes Men­schen­kind, wie Sie es sind, braucht — und ich ver­ste­he nun erst recht Ihre dank­ba­re Freu­de über uns[e]re Begeg­nun­gen — und bin nur zuwei­len dar­um besorgt, daß ich Ihnen zuviel zumu­te. Ich habe mir auch schon Vor­wür­fe gemacht, daß ich Ihr Gemüt mit mei­nen Küm­mer­nis­sen zu sehr belas­te. Gewöh­nen Sie sich nur dar­an, daß Sie an ganz lee­ren Tagen eine hal­be Stun­de lesen, das ist dann noch die bes­te Anre­gung.

Ich bin gut nach Hau­se gekom­men, war sehr müde auf die Bei­ne [sic]. Das gemüt­li­che Schlen­dern bin ich nicht gewöhnt, ist mir aber ganz heil­sam.

Nächs­te Woche beginnt uns[e]re Arbeit wie­der. Guten Anfang wün­sche ich Ihnen. Vor­aus­sicht­lich Mon­tag fah­re ich nach L. (Anschrift!). Das Ereig­nis, das über den die All­ta­gen freu­dig vor­wärts wei­sen soll, ist uns[e]re nächs­te Begeg­nung. Nun las­sen Sie mich heu­te schlie­ßen, grü­ßen Sie bit­te Ihre Eltern,

sei­en Sie selbst recht herz­lich gegrüßt von

Ihrem [Roland Nord­hoff].

[* rot unter­stri­chen]

Plea­se fol­low and like us:
06. August 1938

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben scrollen