5. Juni 1938

Chor beim Ausflug, vor dem Briefwechsel etwa 1937 oder 1938; Vollbild siehe: http://www.tonkuhle.de/news/21559-trug-und-schein-ein-briefwechsel.html
Chor beim Aus­flug, vor dem Brief­wech­sel etwa 1937 oder 1938; Voll­bild sie­he: http://www.tonkuhle.de/news/21559-trug-und-schein-ein-briefwechsel.html

[380605–2-1]

3.6.38

O., am 5. Juni 1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Son­nen­hell und klar brach heu­te der Pfingst­mor­gen an, ein Wet­ter, wie es wohl schö­ner nicht zu wün­schen ist. Ich freue mich ja so für Sie; denn nun kann ja Ihre kur­ze Urlaubs­zeit erst die rech­te Erho­lung sein.

In der Kir­che hat mir[‘]s heu­te wun­der­schön gefal­len — der Altar­platz und die Kan­zel waren geschmückt mit jun­gem Grün und die Son­ne schien her­ein auf all die Men­schen, die gekom­men waren, Got­tes Wort zu hören. Das eigen­ar­tig Schö­ne aber war, daß ich Sie heu­te zum ers­ten Male in der Kir­che so ganz nahe bei mir fühl­te — und beson­ders dann, wenn Herr Kan­tor die Orgel spiel­te. Erst lei­se, ver­hal­ten — dann immer jubeln­der und jauch­zen­der, daß man glaubt, die Töne fin­den schier kei­nen Raum mehr. Dann sah ich in Gedan­ken Sie an sei­ner Stel­le sit­zen. Und ich muß Ihnen anver­trau­en, was ich schon so lan­ge wünsch­te: Ich möch­te ein­mal still zuhö­ren dür­fen, w[en]n Sie so von gan­zer See­le spie­len — ich lie­be Orgel­mu­sik sehr. 

Es ist jetzt 17 Uhr, eben bin ich heim­ge­kom­men vom Bad. Die Eltern sind nach M. zu mei­nen Ver­wand­ten gegan­gen und so kann ich unge­stört mit Ihnen Zwie­spra­che hal­ten. Den gan­zen Nach­mit­tag beim Son­nen­bad dach­te ich an Sie, was Sie wohl tun — wo sie jetzt wei­len — ob Ihre Brü­der auch eb[en]so sind wie Sie? Ach wenn ich Geschwis­ter hät­te, so wür­de ich heut[‘] auch mit ihnen hin­aus­fah­ren in die Natur, aber so allein macht es mir nicht die rech­te Freu­de.

Am Him­mel­fahrts­ta­ge war ich mor­gens ganz allein im H.. An einer ein­sa­men Stel­le, wo sel­ten jemand vorüberge[h]t, habe ich im Gra­se gele­gen und geträumt — dann kam das Gewit­ter her­auf­ge­zo­gen und es reg­ne­te lan­ge. Am Abend habe ich mir den 1. Teil des Olym­pi­schen Fil­mes „Fest der Völ­ker”[,] ange­se­hen.—

Sie glau­ben ja nicht, wel­che gro­ße Freu­de Sie mir berei­te­ten mit Ihrem Bild. Sie haben mir den größ­ten Wunsch erfüllt, den ich ga[nz] im Gehei­men hat­te, ich wag­te aber nicht, Sie dar­um zu bit­ten. Um so grö­ßer war die Freu­de, als ich Sie so uner­war­tet vor mir sah und noch dazu eben­so, wie ich Sie am liebs­ten sehe. Ich dan­ke Ihnen so sehr. Ist es nicht son­der­bar, daß man über einer gro­ßen Freu­de, einem Glück, alles Leid so schnell ver­ges­sen kann? Die dunk­len Wän­de sind fort — alles ist licht und hell.—

Wie müs­sen Sie froh und dank­bar sein, daß Ihr jetz­ti­ger [sic] Wir­kungs­kreis mit­ten in einem so herr­li­chen Stück Erde liegt, die Auf­nah­me, die Sie mir schenk­ten, kann ich nicht genug bewun­dern. Ich seh­ne mich, die­se Land­schaft näher ken­nen zu ler­nen. Ich glau­be, das Schick­sal meint es gnä­dig mit mir. Den­ken Sie nur, am 18. Juni kom­me ich nach B.! Wir ver­an­stal­ten vom Geschäft aus eine Fahrt ins Blaue, und ges­tern hat mir mein Chef ver­ra­ten, wohin wir fah­ren. Ich kann es noch gar­nicht fas­sen, daß es Wahr­heit wer­den soll, in so kur­zer Zeit zwei­mal nach Ihrer neu­en Hei­mat zu kom­men.—

Ich bin Ihnen dank­bar, daß Sie mir anver­trau­en, was Ihr Inne­res bewegt; den­ken Sie nicht, ich fän­de dies abson­der­lich, selt­sam. Nein, ich lie­be das Gera­de, Offe­ne an einem Men­schen und has­se die Schmeich­ler, an denen alles Lüge und Falsch­heit ist; sie ver­ber­gen hin­ter ihren süß­li­chen Redens­ar­ten ihr wah­res Gesicht. Sie haben ja alle nur den einen Punkt im Auge, alle das glei­che, nie­de­re Ziel. Wohl denen, die sich selbst treu sein kön­nen. Ich bereue nicht, daß ich auch die­se Art von Men­schen ken­nen l[ern]te. Anfangs, wenn man jung und uner­fah­ren ist, klingt es einem wohl wie Musik in den Ohren — tut sich eine neue Welt auf. Doch wer nur ein wenig auf­merk­sam ist, merkt bald, daß alles nur Schein ist; doch dadurch lernt man Unter­schie­de ken­nen und das Edle schät­zen. Glau­ben Sie mir, wenn ich jetzt irgend­wo­hin kom­me, sei es mit den Eltern; oder gezwun­ge­ner­ma­ßen mit mei­nen Freun­din­nen und ich kom­me mit Män­nern zusam­men — sie gehen an mir vor­über, wie Sche­men. Ich habe mir vor­ge­nom­men, so stark zu wer­den, so fest wie Sie. Unan­ge­foch­ten hin­durch — durch alle Wider­lich­keit und Ver­su­chung, dem Wil­len gehor­chend: Rein zu blei­ben.—

Sie spre­chen nicht ganz ohne Bit­ter­nis von Ihrem Beruf, das dür­fen Sie nicht. Ich wür­de mich schon glück­lich schät­zen, einen klei­nen Teil Ihrer Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Was bin ich denn in mei­nem Beruf, tue ich nicht mei­ne Pflicht nur wie ein Auto­mat? Sie haben eine gro­ße, hei­li­ge Auf­ga­be: Kin­der zu erzie­hen, zu füh­ren, ihnen ein Beschüt­zer und Freund zu sein. Sie sehen mit Stolz auf den Erfolg Ihrer mühe­vol­len Arbeit. Mein Wunsch, den ich in mei­ner frü­hen Jugend hat­te, blieb mir ver­sagt; doch ich wer­de ein­mal alle Lie­be und alles Inter­es­se auf die Kin­der über­tra­gen, die, so Gott will, ein­mal aus mei­ner Ehe her­vor­ge­hen wer­den. Sie dür­fen sich nicht klei­ner machen, als Sie in Wirk­lich­keit sind. Gewiß, es ist schön, wenn ein Mann den Ehr­geiz besitzt, um einem gelieb­ten Wei­be ein­mal alles bie­ten zu kön­nen, ih[r] den Him­mel auf Erden berei­ten zu wol­len. Doch macht denn Geld immer glück­lich? Kann man das Leben nicht auch im beschei­de­nen Maße glück­voll gestal­ten? Ein Leben nach die­sem Sin­ne ist gewiß gehalt­vol­ler; denn man schätzt höher, was man mit Mühe erringt. Ich glau­be an kein dau­ern­des Glück, wenn man auf gro­ßem Fuße lebt und aus dem Vol­len schöp­fen kann; die Unzu­frie­den­heit steht nahe dabei.—

Ich fra­ge Sie nun: Kön­nen Sie sich noch eine Woche gedul­den, mit dem Bild von mir? Ich habe außer den Bil­dern von mei­nem Appa­rat kei­ne ande­ren und die sind eben­so klein als die Ihri­gen. Um noch­mal zu der Post­kar­te zu kom­men. Ich ha[b]e die Kar­te nur mal zuletzt in die Hän­de bekom­men, ich konn­te das auch nicht alles lesen. Mei­ne Unter­schrift hat Frl. Wag­ner besorgt, sie mein­te, da ich doch den glei­chen Vor­na­men habe. Sie sind ja ein ganz Schlim­mer, ich dul­de ganz und gar nicht, daß Sie sich bei dem Gedan­ken beru­hi­gen, ich sei es gewe­sen, die die bei­den Wör­ter ange­fügt hat. Wenn ich auch sehr in Stim­mung war, so hab[‘] ich aber immer noch gewußt, was ich tue, ich hät­te mir auch nicht gewagt, irgend sowas auf eine offe­ne Kar­te zu schrei­ben. Nein, das hat einen ander[e]n Haken; Frl. Stein­bach schrieb es mit Berech­nung hin, um eine Dame zu fop­pen, ist ihr auch gelun­gen. Die Ansichts­kar­ten waren aus­ver­kauft; denn seit dem 1. Juni ist ne[ue] Bewir­tung in der „Ger­ma­nia”.

Ich bit­te Sie, mir einen recht gro­ßen Brief zu schrei­ben und mir alles mit­tei­len, wohin Sie Ihre Wan­de­run­gen füh­ren. Im Geschäft hab[‘] ich immer so viel Zeit nachzud[e]nken und ich freue mich so, wenn ich Sie im Geis­te auf all Ihren Wegen beglei­ten darf. Ich wün­sche Ihnen noch recht ange­neh­me Stun­den und gute Erho­lung.

Mor­gen und über­mor­gen gehe ich wie­der schwim­men und dann sehe ich mir noch den 2. Teil des Olym­pia-Films an, wel­cher jetzt bei uns läuft.

Nun sei­en Sie recht herz­lich gegrüßt

von Ihrer [Hil­de] Lau­be.

Ob wohl alle Leu­te die Brief­mar­ken­spra­che ken­nen?

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