15. November 1939

[391115–1-1]

S. am 15. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

John Henry Fuseli - The Nightmare
John Hen­ri Fuse­li, der Nacht­mahr, 1781, Insti­tu­te of Fine Arts Detroit, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Wie ein Traum, oder wie ein Spuk oder wie sonst irgend­ei­ne unwirk­li­che Geschich­te, so kommt mir unser Leben jetzt manch­mal vor. Nichts steht fest, alles schwankt; nichts ist von Bestand, alles flüch­tig; nichts ist abso­lut gül­tig, alles ist frag­wür­dig; nir­gends Gebor­gen­heit, über­all Unru­he, Unrast, Unsi­cher­heit, Unge­wiß­heit. Wei­ter­le­sen!

11. November 1939

[391111–2-1]

O., am 9. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Buergerbraeukeller
Das Bür­ger­bräu­kel­ler im Rosen­hei­mer Stra­ße 29, Mün­chen, 8./9. Novem­ber 1933, Foto­ar­chiv Hoff­man, über His­to­ri­sches Lexi­kon Bay­erns und Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
Für Dei­nen lie­ben Brief mei­nen herz­lichs­ten Dank. Ich wuß­te, daß Du mir heu­te schrei­ben wirst. Es ist etwas so Eigen­ar­ti­ges um die Gedan­ken und um die Sehn­sucht. Bei­de gehen so unend­lich weit, wie unsicht­ba­re Fäden ver­bin­den sie uns. Sie drin­gen durch den letz­ten Wider­stand hin­durch, der sich bie­tet und gelan­gen doch zu der See­le, die sie suchen.

Wei­ter­le­sen!

10. November 1939

Bundesarchiv Bild 183-E12329, München, Bürgerbräukeller, Sprengstoffanschlag
Die Trüm­mer­stät­te nach den ers­ten Auf­räum­ar­bei­ten am 9.11 im Fol­ge von dem Spreng­stoff­an­schlag am 8.11.1939 im Bür­ger­bräu­kel­ler in Mün­chen, ADN-ZB/­Ar­chiv Faschis­ti­sches Deutsch­land 1933–45, Bild: Wag­ner, DBa Bild 183-E12329 / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
[391110–1-1]

S. am 10. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Das ist wohl eine Erfah­rung, die alle die­je­ni­gen machen, wel­che sich für Sonn­abend und Sonn­tag etwas Beson­de­res vor­neh­men: Mon­tag und Diens­tag sind die längs­ten Wochen­ta­ge, aber von Mitt­woch an zer­rin­nen die Stun­den nur so unter den Fin­gern. Ich bin schon wie­der start­be­reit. In acht Tagen, wills Gott, bin ich es für Dich, Lie­bes. Wei­ter­le­sen!

06. November 1939

Bibel in Bildern 1860 001
Juli­us Schnorr von Carols­feld, Holz­schnitt aus “Die Bibel in Bil­dern”, 1860, Ers­ter Tag, Gott schei­det das Licht von der Fins­ter­nis, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
[391106–1-1]

S. am 6. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Es freut mich, daß Dich mein Zwei­fel nicht irre gemacht hat, und daß Du mir nicht grollst des­halb. Ach Liebs­te, es war nur ein ganz lei­ser Zwei­fel, und unter den Gedan­ken, die mich heu­te abend bewe­gen, bricht er ganz zusam­men. Liebs­te, wenn ich alles beden­ke, unse­ren gemein­sa­men Weg bis­her, dann kann ich nur glau­ben, daß Gott ihn uns führ­te. Von dem Tage an, da ich ihn bat, er möch­te mich klar sehen las­sen — über den Tag, da Du mich riefst — durch die man­cher­lei Fähr­nis­se und Zwei­fel uns[e]rer Begeg­nun­gen — bis auf den heu­ti­gen Tag. So wahr ich zuwei­len das Gefühl habe, daß Glück sei mir in den Schoß gefal­len, unver­dient, so steht außer Zwei­fel, daß wir nicht ohne Fügung einer höhe­ren Macht zuein­an­der fan­den. Wei­ter­le­sen!

05. November 1939

Hegewald Adam und Eva detail
Zacha­ri­as Hege­wald, Adam und Eva als Lie­bes­paar, um 1530, Elfen­bein, Kunst­kam­mer Würth, Foto­gra­fiert im Bode-Muse­um Ber­lin, Bild: Andre­as Pra­ef­cke, 2007, über Wiki­pe­dia Com­mons, 10.2014
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O., am 5. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Wie­der geht ein Sonn­tag sei­nem Ende zu; er war wie so vie­le Tage in die­sem Monat sind, reg­ne­risch und kalt. Ich bin heu­te noch nicht ein­mal bis vor die Tür gekom­men, schon wenn ich durch’s Fens­ter schaue, über­kommt mich ein Frös­teln und weil mir sowie­so nicht ganz gut ist, so habe ich den heu­ti­gen Sonn­tag aus­ge­füllt so, daß ich mir ein wenig Ruhe gön­nen kann, wäh­rend doch dabei die Stun­den nicht nutz­los ver­ge­hen. Ja, der Weih­nachts­mann pocht auf sein Recht. Wei­ter­le­sen!