06. Dezember 1938

[381206–2-1]

O., am 5.12.1938.

am 6.12.1938.

Lieber [Roland]!

Der end­lose Son­ntag ist vorüber. Mit grauen, undurch­dringlichen Wolken war der Him­mel ver­hangen; tief und regen­schw­er jagte sie der Wind vor sich her. Am späten Nach­mit­tag, als ich das Paket fer­tig gemacht hat­te, litt es mich nicht mehr daheim. Ich lief über die Feld­wege dem Walde zu — dies­mal gab er mir nicht die Ruhe und [de]n Frieden. Das Wet­ter war schuld daran. Der Sturm zer­rte an den kahlen Ästen der Bäume, ich meine dann immer, daß sie seufzen. Meine Schritte gin­gen fast unter in diesem Toben. Trost­losigkeit rings um mich her — war so das Ende? Allein, in diesem Ster­ben. Ein Grauen über­fiel mich. Ich lief zurück — mußte wieder Men­schen begeg­nen, fühlen, daß ich nicht allein war.

Wie leicht und fro­hge­mut war mir zu Sinn am vorigen Son­ntag. Ihre lieben Zeilen hat­ten mich unser­er Fre­und­schaft wieder ein­mal so r[ec]ht froh bewußt gemacht. Und aus diesem Gefühl her­aus schrieb ich den let­zten Brief. Schrieb ich Ihnen das alles, weil ich kein Geheim­nis vor Ihnen haben will. Ja warum schrieb ich es eigentlich nieder? Weit­er­lesen!

03. Dezember 1938

[381203–1-1]

L. am 3. Dezem­ber 1938.

Liebe [Hilde]!

Vielle­icht sind Sie aus meinem Brief gar nicht recht klug gewor­den. Er ist voll dun­kler Stim­mungen, es sind wenig klare Gedanken darin. Und eines tut mir heute aufrichtig leid, liebe, liebe [Hilde], daß ich den Brief­schluß ein [sic] Grad weniger her­zlich hielt. Ich schrieb den Brief unter einem bösen Druck, der nun zwei Tage auf mir lastete, seit­dem ich Ihren Brief empf­ing. Heute, am Sonnabend­nach­mit­tag ist er von mir gewichen, ich sehe wieder klar und set­ze mich hin, meine Gedanken niederzuschreiben. Weit­er­lesen!

01. Dezember 1938

[381201–1-1]

L. am 1.12.1938

Liebe [Hilde]!

14 Tage sind fast darüber ver­gan­gen, daß wir uns sahen. Die Ein­drücke verblassen. 14 Tage sind noch hin, ehe wir uns wieder­se­hen. Da treten die Briefe wieder in ihre Rechte. Es ist etwas Eigenes um so einen Brief. Da halte ich die Bogen in Hän­den, die vorher in Ihrer Hand waren. Da lese ich die Zeichen von Ihrer Hand. Meine Augen gleit­en darüber, wie Ihre Augen darübergeglit­ten sind, prüfend, wie sie sich aus­nehmen und ob sie auch aus­richt­en, was sie sollen. Und nun entz­if­fere ich den Sinn, lese Ihre Gedanken, lese in Ihren Gedanken, und zwis­chen den Worten und Zeilen schwin­gen — beina­he das Wichtig­ste — die mancher­lei Empfind­un­gen, die im Leser die näm­lichen und entsprechen­den Empfind­un­gen weck­en.

Heute erhielt ich Ihren lan­gen Brief, 3 Bogen, was hat Sie soviel zu schreiben?

Er weck­te selt­same Gedanken. Ich wäre unehrlich, würde ich sie ver­schweigen. Weit­er­lesen!