20. Dezember 1938

[381220–2-1]

O., am 20. Dezem­ber 1938.

Mein lie­ber [Roland]!

Weil es doch dies­mal Ihr Geburts­tag­brief ist, darf ich die­se Anre­de gewiß gel­ten las­sen. Viel­leicht bleibt sie bestehen, im neu­en Jah­re?

Ist es Unrecht, wenn ich zuerst wage, den Anfang ein Grad herz­li­cher zu gestal­ten?

Beim Brief­schluß tru­gen Sie sich als Ers­ter mit dem Gedan­ken, ein wenig mehr Herz­lich­keit hin­ein­zu­le­gen. Wir arbei­te­ten dann bei­de dar­an. Obgleich ich den Schluß Ihrer Brie­fe nie­mals ohne Nach­druck las, so ist doch eine gro­ße, heim­lich Freu­de dabei, wenn ich die Unter­schrif­ten der Brie­fe vom Anfang bis jetzt durch­ge­he und sehen kann, daß die Freund­schaft und das Ver­trau­en zwi­schen uns nun schon so groß sind, daß wir nie­der­schrei­ben, was wir für­ein­an­der emp­fin­den. Und ich kann nicht glau­ben, daß Sie mich jetzt ver­ur­tei­len wür­den, nach­dem ich doch am Sonn­tag etwas weit­aus Schlim­me­res tat — Sie waren nicht böse, oder ent­setzt, wie ich das wagen konn­te — ich muss­te, ich konn­te ein­fach nicht anders. Ich habe Sie lie­ber als mei­ne Mut­ter; denn sie küß­te ich noch nicht auf den Mund.

Hin­ter­her hab[‘] ich mich sehr geschämt. Was muß­ten Sie in dem Augen­blick von mir hal­ten? Wei­ter­le­sen!

16. Dezember 1938

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L. am 16.12.38

Lie­be [Hil­de]!

Mor­gen kann ich wie­der schon um […] Uhr weg­fah­ren und also schon um […] Uhr in Chem­nitz sein. Sehen wir uns dann also schon wie­der kurz nach […] Uhr?

Recht herz­li­chen Gruß, lie­be [Hil­de],

Ihr [Roland].

14. Dezember 1938

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L. am 14. Dez. 1938

Lie­be [Hil­de]!

Nun muss ich schon selbst kom­men, damit Sie es glau­ben, dass ich recht froh bin, und daß Sie es sind, die mich so froh macht. Die kom­men­den Tage wer­den in dem Glan­ze der Vor­freu­de auf unser Wie­der­se­hen steh[e]n. Der heu­ti­ge Mitt­woch — er brach­te mir Ihren lie­ben Brief — stand schon im Zei­chen der Vor­be­rei­tun­gen für den Sonn­abend. Ich bin nach S. gegan­gen, habe den ver­wes­li­chen Leib ein­mal gründ­lich gewäs­sert und ein wenig getankt von dem lei­di­gen Unent­behr­li­chen. Über das Pro­gramm für Sonn­abend — Sonn­tag bin ich mir selbst noch nicht ganz einig. Was spie­len die Thea­ter? Atsch [sic], ver­ges­sen. Wird sich fin­den. Ich wer­de in Chem­nitz ankom­men […] [Uhr]. Ihr Zug: O. ab […] [Uhr], Chem­nitz an […] [Uhr]. Dies­mal will ich Sie suchen im War­te­saal II. Klas­se.

Am Sonn­abend­nach­mit­tag war ich also in Dres­den. Wenn ich so vor­sätz­lich ein­kau­fe, ist mir meist nicht ganz wohl. Man­chen Tag hat man nicht die nöti­ge Ruhe zu suchen und zu wäh­len. Leicht ver­kauft man sich dann und ärgert sich hin­ter­her. Ich war mit dem Sonn­abend ganz zufrie­den. Die Weih­nachts­ge­schen­ke ver­ur­sa­chen mir jedes­mal Kopf­zer­bre­chen. Im Rah­men des Mög­li­chen möch­te man gern einen rich­ti­gen Wunsch erfül­len. Das ist der wun­de Punkt. Man soll­te sol­chen Wunsch immer gleich auf­zeich­nen, damit man ihn nicht ver­gißt. Das Geschenk möch­te nicht rein nütz­lich und prak­tisch sein. Es gehört zum Wesen des Geschen­kes, daß der Gegen­stand nicht etwas unbe­dingt Nöti­ges ist, es muß etwas an sich haben, was wir Luxus nen­nen. Wei­ter­le­sen!

12. Dezember 1938

 

Friedrich der Große, Holzschnitt, von Adolph Menzel, 1839-42, in Franz Theodor Kugler, Geschichte Friedrichs des Großen, Leipzig: Hermann Mendelssohn, 1856, http://friedrich.uni-trier.de/de/kugler/uc_p1/, herunterladen Okt. 2013
Fried­rich der Gro­ße, Holz­schnitt von Adolph Men­zel, 1839–42, in Franz Theo­dor Kug­ler, Geschich­te Fried­richs des Gro­ßen, Leip­zig: Her­mann Men­dels­sohn, 1856, http://friedrich.uni-trier.de/de/kugler/uc_p1/, her­un­ter­ge­la­den 10/2013.

[381212–2-1]

O., am 11.12.1938.

am 12.12.1938.

Lie­ber [Roland]!

Es ist jetzt 1/2 5. Seit einer hal­ben Stun­de bin ich wie­der zurück aus der Stadt (L.). Ich erle­dig­te mit Mut­ter Weih­nachts­ein­käu­fe, heu­te am sil­ber­nen Sonn­tag sind die Geschäf­te offen. So viel Betrieb und Kin­der­ju­bel sah ich sel­ten bei­sam­men. Die Hele­nen­stra­ße ist ins [r]einste Mär­chen­land ver­wan­delt wor­den. An fest­li­chen Gir­lan­den hän­gen die ver­schie­dens­ten Mär­chen­bil­der, mit unzäh­li­gen elek­tri­schen Lämp­chen umrahmt; abends muß das ein wun­der­ba­res Bild abge­ben.

Um 4 begann das Kon­zert. Ich den­ke jetzt ganz fest an Sie und ich wün­sche mir, daß ich dabei sein könn­te, Ihnen zuhö­ren.

Ob recht vie­le Leu­te gekom­men sind? Die Zuhö­rer wer­den Ihnen alle dank­bar sein, dar­an zweif­le ich nicht.

Lie­ber [Roland]! Am Sonn­abend erhielt ich Ihren lie­ben Brief — ich öff­ne­te nicht ohne Herz­klop­fen. Wei­ter­le­sen!

07. Dezember 1938

[381207–1-1]

L. am 7. Dez. 1938

Lie­be [Hil­de]!

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Es war am Diens­tag­nach­mit­tag. In der Lese­stun­de zwi­schen 3 u. 4 faß­te ich den Ent­schluß, 1/2 5 zur Post zu gehen. Es muß etwas dasein [sic], dach­te ich. Es war, als hät­te es mich hin­ge­zo­gen.— Alle Brief­sa­chen waren durch­ge­blät­tert — nichts. Halt! Doch, ein Paket. Ich stut­ze, lese den Absen­der, Ihre Schrift. Ein Schreck durch­fuhr mich zuerst. Auf dem hal­ben Wege war ich im Unge­wis­sen, was ich da noch heu­te traug [sic]. So leicht? Schickt Sie mir die Brie­fe zurück? — Doch dann wur­de es mir zur Gewiß­heit: Sie schickt mir einen Kranz, einen Kranz! Und nun schnell hin­auf und aus­ge­packt! Nicht auf­schnei­den, schön die Kno­ten auf­lö­sen, die Ihre Hän­de geknüpft haben.

Adventskranz in seinem ursprünglichen Design von Johann Hinrich Wichern, 1839, Rauhes Haus, Hamburg, Germany, Urheberrecht: Stiftung des Rauhen Hauses, Hamburg, Germany, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wichern_Adventskranz_originated_from_Germany.jpg, herunterladen Okt. 2013
Advents­kranz in sei­nem ursprüng­li­chen Design von Johann Hin­rich Wichern, 1839, Rau­hes Haus, Ham­burg, Ger­ma­ny, Urhe­ber­recht: Stif­tung des Rau­hen Hau­ses, Ham­burg, her­un­ter­ge­la­den 10/2013.

Eine lie­be­re Ant­wort konn­ten Sie mir nicht schi­cken. Ich dan­ke Ihnen, lie­be [Hil­de].

Heu­te Mitt­woch kam nun auch Ihr Brief.

Das war mein Zwei­fel: Wei­ter­le­sen!